Die Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung (ADHS) gehört zu den am häufigsten diagnostizierten Störungen im Kindesalter. Betroffene sind unaufmerksam und zeigen hyperaktives Verhalten. Seit über 30 Jahren werden die Zusammenhänge zwischen ADHS und Ernährung kontrovers diskutiert. Anhand einer Literaturanalyse wird in dieser Arbeit erörtert, welche Zusammenhänge zwischen ADHS und der Ernährung bestehen, ob diätetische Interventionen die Symptome verbessern können, ob diese eine mögliche Alternative zur medikamentösen Behandlung darstellen sowie welche Empfehlungen sich aus den Ergebnissen ableiten lassen.
Bei ADHS handelt es sich um ein komplexes, multifaktorielles Geschehen, bei dem sowohl genetische Ursachen als auch Umwelteinflüsse eine Rolle spielen. Unter den Umweltfaktoren sind neben exogenen Risikofaktoren und psychosozialen Einflussfaktoren die ernährungsbedingten Einflussfaktoren von Bedeutung, die wiederum Wechselwirkungen mit den anderen Faktoren bedingen.
Die medikamentöse Behandlung mit Stimulanzien hat sich in einer Langzeitstudie im Vergleich mit anderen Therapien als weniger erfolgreich erwiesen. Häufige Nebenwirkungen sind Appetitminderung, Gewichtsverluste und Wachstumsdefizite; diese können möglicherweise zu Nährstoffdefiziten führen. Andererseits ist die Prävalenz von Übergewicht und Adipositas unter von ADHS betroffenen erhöht, was auf eine allgemeine Reizüberflutung zurückgeführt wird. Ergebnisse von Langzeitstudien, die ADHS mit einer erhöhten Manganexposition über Säuglingsnahrung auf Sojaba-sis in Zusammenhang bringen, stehen derzeit noch aus.
Nährstoffe können Funktion und Leistung des Gehirns, und damit auch das Verhalten, spezifisch beeinflussen. So wird von den zwei Grundüberlegungen ausgegangen, dass bei ADHS entweder eine Nahrungsmittelunverträglichkeit oder ein Mangel an einem oder mehreren Nährstoffen vorliegt. Daraus ergeben sich zwei Grundprin-zipien einer entsprechenden Ernährungstherapie: die Elimination bestimmter Lebensmittel und Lebensmittelinhaltsstoffe oder eine Supplementierung von Nährstoffen.
Ein wichtiges Ziel für künftige Studien besteht darin, gezielt und individuell nutritive Risikofaktoren zu identifizieren und Effekte einer darauf aufbauenden gemischten Supplementierung von Nährstoffen zu messen. Auch die Differenzierung zwischen Subtypen der ADHS und nach Geschlecht, wie sie bereits in vielen Studien vorgenommen wurde, kann bedeutsam sein, um Gemeinsamkeiten und Unterschiede zu identifizieren.
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung
1.1 Problemstellung und Zielsetzung
1.2 Vorgehensweise
2 Grundlagen
2.1 Die Aufmerksamkeits-Defizit-/Hyperaktivitätsstörung
2.1.1 Definition und Klassifikation der ADHS
2.1.2 Prävalenz der ADHS
2.1.3 Diagnostik der ADHS
2.1.4 Komorbidität
2.2 Ursachen und Entstehungsbedingungen der ADHS
2.2.1 Neurophysiologische und genetische Einflussfaktoren
2.2.2 Umweltfaktoren
Exogene Risikofaktoren
Psychosoziale Einflussfaktoren
Ernährungsbedingte Einflussfaktoren
2.2.3 Wechselwirkungen zwischen Einflussfaktoren
2.3 Therapeutische Maßnahmen bei ADHS
2.3.1 Verhaltenstherapie und Elterntraining
2.3.2 Medikamentöse Therapie
Grundlagen
Unerwünschte Nebenwirkungen und Kontraindikationen der Stimulanzientherapie
Kurz- und Langzeiteffekte der Stimulanzientherapie bei ADHS
Nebenwirkungen der Stimulanzientherapie in Bezug auf die Ernährung
2.4 Zusammenhänge zwischen Ernährung und Verhalten
2.4.1 Nährstoffdefizite
2.4.2 Nahrungsmittelunverträglichkeiten
Nahrungsmittelallergien
Nahrungsmittelintoleranzen
Glutensensitive Enteropathie
2.4.3 ADHS, Adipositas und Essstörungen
ADHS und Adipositas
ADHS und Binge Eating
ADHS, Bulimie und Anorexie bei Mädchen
2.4.4 ADHS und Adipositas als Manifestationen eines Reizüberflutungs-Syndroms
Hintergrund
Mechanistische Überschneidungen
2.4.5 Säuglingsnahrung auf Sojabasis als möglicher Einflussfaktor
3 Geschichte der Ernährungsinterventionen bei ADHS
3.1 Diäten bei vermuteten Nahrungsmittelunverträglichkeiten bei ADHS
3.1.1 Die Kaiser-Permanente-Diät nach Feingold
Hypothese
Durchführung
Ergebnisse
Schlussfolgerung
3.1.2 Die phosphatarme Diät nach Hafer
Hypothese
Durchführung
Ergebnisse
Schlussfolgerung
3.1.3 Oligoantigene Diäten
Hypothese
Durchführung
Ergebnisse
Schlussfolgerung
3.1.4 Die Rotationsdiät
Hintergrund
Durchführung
Nicht evaluierte Diagnostik bei Nahrungsmittelunverträglichkeiten
Schlussfolgerung
3.1.5 Möglicher Zusammenhang der ADHS mit Zöliakie
Hypothese
Ergebnisse
Schlussfolgerung
3.1.6 Gluten- und kaseinfreie Diät
Hintergrund
Hypothese
Schlussfolgerung
3.1.7 Reduzierung raffinierter Zuckerarten in der Kost
Hypothese
Einfluss des Verzehrs von Zucker auf das Verhalten
Schlussfolgerung
3.2 Die besondere Rolle von Lebensmittelzusatzstoffen
3.2.1 Hypothese
3.2.2 Metaanalysen zu adversen Effekten
3.2.3 Die Rolle des Konservierungsstoffs Propionat
3.2.4 Die Isle of Wight-Studie
3.2.5 Die Southampton-Studie
3.2.6 Reevaluierung von Lebensmittelzusatzstoffen in der EU
3.2.7 Weitere Reaktionen auf die Ergebnisse der Southampton-Studie
3.2.8 Die mögliche Rolle von Benzoat
3.2.9 Schlussfolgerung
3.3 Supplementierung von Nährstoffen
3.3.1 Mehrfach ungesättigte Fettsäuren
Hintergrund
Hypothese
Studien zum Fettsäurestatus bei Kindern mit ADHS
Klinische Studien zur Fettsäuresupplementierung
Mögliche Gründe für Fettsäuredefizite bei ADHS
Empfehlungen zur Supplementierung
Schlussfolgerung
3.3.2 L-Carnitin
Hintergrund
Hypothese
Ergebnisse
Schlussfolgerung
3.3.3 Eisen
Hintergrund
Hypothese
Studien zum Eisenstatus bei ADHS
Studien zur Eisensupplementierung
Schlussfolgerung
Exkurs: Bleiexposition und Eisenstatus
3.3.4 Jod
Grundlagen
Hypothese
Studien zum Schilddrüsenstatus bei ADHS
Schlussfolgerung
3.3.5 Zink
Hintergrund
Hypothese
Studien zum Zinkstatus bei ADHS
Studien zur Zinksupplementierung
Schlussfolgerung
3.3.6 Magnesium
Hintergrund
Hypothese
Studien zum Magnesiumstatus bei ADHS
Studien zur Supplementierung
Schlussfolgerung
3.3.7 Gemischtes Nährstoff-Supplement – ein „Nutrazeutikum“
Hintergrund
Hypothese
Zusammensetzung
Durchführung
Ergebnisse
Schlussfolgerung
3.3.8 ADHS und die so genannte Kryptopyrrolurie
Hintergrund
Postulierte Behandlung der KPU/HPU
Bewertung
Schlussfolgerung
3.3.9 Orthomolekulare Therapie
Hintergrund und Hypothese
Durchführung und Schlussfolgerung
3.3.10 AfA-Algen
Hintergrund und Hypothese
Durchführung und Schlussfolgerung
4 Aktuelle Aspekte
4.1 Die Ernährung von Kindern in Deutschland
4.1.1…Lebensmittelverzehr von Kindern
4.1.2 Schlussfolgerung
4.2 Einstellungen von Personengruppen, die Kinder mit ADHS betreuen
4.2.1 Hintergrund
4.2.2 Ergebnisse
4.2.3 Schlussfolgerung
4.3 Probleme und Herausforderungen
4.3.1 Gründe für Verunsicherung in Bezug auf diätetische Interventionen
4.3.2 Die Rolle des sozialen Umfelds
4.4 Empfehlungen
4.4.1 Praktische Empfehlungen
Diäten
Supplementierung
4.4.2 Empfehlungen für die Forschung
Nahrungsmittelunverträglichkeiten und ADHS
Supplementierung von Nährstoffen bei ADHS
Ausblick
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Masterarbeit untersucht die Zusammenhänge zwischen ADHS bei Kindern und deren Ernährung, um zu bewerten, inwieweit diätetische Interventionen eine wirksame Alternative oder Ergänzung zur medikamentösen Therapie mit Stimulanzien darstellen können.
- Wissenschaftliche Analyse der Zusammenhänge zwischen ADHS und Ernährungsfaktoren.
- Evaluation verschiedener Diäten und deren Wirksamkeit bei der Reduktion von ADHS-Symptomen.
- Untersuchung der Rolle von Nährstoffdefiziten und deren gezielter Supplementierung.
- Bewertung der Auswirkungen von Lebensmittelzusatzstoffen auf das Verhalten betroffener Kinder.
- Erarbeitung praktischer Ernährungsempfehlungen für betroffene Familien und pädagogische Einrichtungen.
Auszug aus dem Buch
3.1.1 Die Kaiser-Permanente-Diät nach Feingold
Im Jahr 1975 stellte der amerikanische Kinderarzt und Allergologe Benjamin F. Feingold eine Hypothese zur diätetischen Behandlung der ADHS auf. Er ging von einer Unverträglichkeit gegenüber in der Nahrung enthaltenen synthetischen Farb- und Konservierungsstoffen sowie Salicylaten aus.
In seinen Grundüberlegungen ging er von folgenden Voraussetzungen aus: In der Immunologie werden niedermolekulare organische Substanzen, die nach Bindung an ein Carrierprotein als Antigene wirken können und so eine Antikörperbildung auslösen, als Haptene bezeichnet (Feingold 1975: 5, Reuter 2004: 872). Er vermutete einen akkumulativen Effekt, der eine verspätete Hypersensitivität auslöst. Viele Lebensmittelzusatzstoffe sind niedermolekulare Substanzen, die potenziell allergieähnliche Reaktionen hervorrufen können. Das Gleiche gilt für die in einigen Lebensmitteln natürlicherweise vorkommenden Salicylate (Feingold 1975: 5f). Er war der Meinung, dass es sich bei Hyperaktivität nicht um eine klassische allergische Reaktion handeln könne, da diese ein genau gegenteiliges Verhaltensmuster mit Müdigkeit, Abgeschlagenheit und Antriebslosigkeit hervorrufe (Feingold 1975:70).
Feingold hing der Auffassung an, dass jede Person ihre individuelle biologische Identität innehat, die wiederum eine pharmazeutische Individualität bedingt. Die ererbte, individuelle genetische Struktur mit ihrer Körperzusammensetzung und dem Stoffwechsel reagiere individuell auf jeden äußeren und inneren Einfluss. Kinder mit einer bestimmten genetischen Prädisposition müssten somit auf bestimmte Substanzen advers reagieren (Feingold 1975:140f).
Zusammenfassung der Kapitel
1 Einleitung: Diese Einleitung führt in die Problematik ein, dass Stimulanzien möglicherweise keine langfristige Lösung für ADHS sind und diskutiert die seit 30 Jahren bestehende Kontroverse über Zusammenhänge zwischen Ernährung und ADHS.
2 Grundlagen: Das Kapitel definiert ADHS als Entwicklungsstörung, beleuchtet die Prävalenz, Diagnostik, Komorbidität sowie die komplexen neurophysiologischen und genetischen Ursachen und therapiert sowohl medikamentöse Ansätze als auch ernährungsbedingte Zusammenhänge.
3 Geschichte der Ernährungsinterventionen bei ADHS: Hier werden detailliert verschiedene diätetische Ansätze wie die Feingold-Diät, oligoantigene Diäten und Nährstoffsupplementierungen (z.B. Omega-3-Fettsäuren, Eisen, Zink, Magnesium) auf ihre wissenschaftliche Validität und Wirksamkeit bei ADHS untersucht.
4 Aktuelle Aspekte: Das Kapitel befasst sich mit dem Ernährungszustand deutscher Kinder, den Einstellungen verschiedener Personengruppen zu Ernährung und ADHS sowie den Problemen und Herausforderungen bei der Umsetzung diätetischer Interventionen im Alltag.
Schlüsselwörter
ADHS, Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätsstörung, Ernährung, Diätetik, Lebensmittelzusatzstoffe, Supplementierung, Omega-3-Fettsäuren, Zink, Eisen, Magnesium, Nahrungsmittelunverträglichkeiten, Verhaltensstörungen, Kinderernährung, Metabolische Störungen, Adipositas
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit befasst sich mit der kritischen Untersuchung möglicher Zusammenhänge zwischen der Ernährung und der Aufmerksamkeits-Defizit-/Hyperaktivitätsstörung (ADHS) bei Kindern.
Was sind die zentralen Themenfelder der Arbeit?
Zentrale Themen sind die Wirksamkeit von Eliminationsdiäten, die Rolle von Lebensmittelzusatzstoffen und der Einfluss von Nährstoffdefiziten sowie deren Supplementierung auf das Verhalten von Kindern mit ADHS.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Das Hauptziel ist es, zu klären, ob Ernährungsinterventionen Symptome bei ADHS signifikant verbessern können und ob sie eine sinnvolle Alternative oder Ergänzung zur medikamentösen Therapie mit Stimulanzien darstellen.
Welche wissenschaftliche Methode wird in dieser Arbeit verwendet?
Die Autorin führt eine umfassende Literaturanalyse durch, in der sie Studien, Fachartikel und Bücher zum Thema Ernährung, Verhalten und ADHS bewertet, diskutiert und in einen wissenschaftlichen Kontext setzt.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil analysiert detailliert die theoretischen Grundlagen des Störungsbildes, die Geschichte und Wirkung verschiedener Diätformen sowie die therapeutische Rolle zahlreicher Nährstoff-Supplemente bei ADHS.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren diese Arbeit?
Die Arbeit wird durch Begriffe wie ADHS, Ernährung, diätetische Interventionen, Lebensmittelzusatzstoffe, Omega-3-Fettsäuren und Supplementierung definiert.
Welche Rolle spielen Lebensmittelzusatzstoffe laut dieser Arbeit?
Die Arbeit diskutiert ausführlich aktuelle Studien (wie die Southampton-Studie), die einen Zusammenhang zwischen bestimmten Farbstoffen und Natriumbenzoat sowie hyperaktivem Verhalten bei Kindern untersuchen.
Wie bewertet die Arbeit die Supplementierung von Nährstoffen?
Die Autorin stellt fest, dass während bei einigen Nährstoffen wie Omega-3-Fettsäuren positive Trends erkennbar sind, bei keinem einzelnen Nährstoff alle betroffenen Kinder gleichermaßen profitieren, weshalb individuell angepasste Ansätze sinnvoll sein können.
- Citar trabajo
- M. Sc. troph. Kristina Bergmann (Autor), 2008, Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung (ADHS) bei Kindern und Ernährung, Múnich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/137577