Gemeinhin gilt das Jahr 1054 als Datum der Spaltung von Ost- und Westkirche. Eine vollständige Einigung ist bislang noch nicht erzielt worden, wobei im Zuge des II. Vatikanischen Konzils wichtige Schritte zur Verständigung gegangen worden sind. Mitunter wurde 1965 die gegenseitige Exkommunikation aufgehoben, über 900 Jahre nach der Bannung. In der Zeitspanne (und auch vorher) bildeten sich einige Lehrunterschiede heraus, wovon die wichtigsten sind: I. das Filioque, II. die Lehre vom Fegefeuer, III. die Eucharistie, IV. das Sakrament der Ehe, V. Mariä Empfängnis und Mariä Himmelfahrt, VI. der Jurisdiktionsprimat und die lehramtliche Unfehlbarkeit des Papstes.
Das Filioque – an erster Stelle aufgeführt – ist ein vergleichsweise wenigen Katholiken geläufiger Begriff. Welchen Unterschied er zur Orthodoxie darstellt dürfte noch weitaus weniger bekannt sein. Und doch gilt er als Auslöser des Großen Schismas. Was bedeutet es, ob der Heilige Geist vom Vater durch den Sohn oder aber vom Vater und vom Sohn hervorgeht? Besaß dieser Unterschied im Glaubens-bekenntnis vor 900 Jahren eine Brisanz, die von heutigen Christen nicht mehr nachzu-vollziehen ist. Historisch betrachtet handelt es gemäß gängiger Lehrmeinung um eine ursprünglich relativ unbedeutende Differenz. Diese sei im Zuge des Aufstiegs der Karolinger zur Kaiserwürde zwecks Abgrenzung vom Ostreich hochstilisiert wurde. Der römischen Rechtsauffassung entsprechend regierte der legitime Kaiser des Römischen Reiches von Konstantinopel aus (translatio imperii) und konnte nicht durch die ‚barbarischen’ Franken beerbt werden. Daher führte Karl d. Gr. den Bruch mit Byzanz herbei, der auch theologisch begründet werden musste, um die Legitimation des oströmischen Kaisertums zu desavouieren. Eigens dafür ist das Filioque neben anderen theologischen Verschiedenheiten instrumentalisiert worden.
Inhaltsverzeichnis
1. Geschichte der Spaltung
1.1. Vorgeschichte
1.1.1. Der Arianismus
1.1.2. Erste Glaubensbekenntnisse
1.1.3. Lage auf der iberischen Halbinsel
1.1.4. Synode von Gentilly
1.1.5. Rückblick: Rom – Byzanz – Frankenreich
1.1.6. Bilderstreit und das II. Konzil von Nizäa
1.1.7. Synoden von Frankfurt und Aquileia
1.1.8. Jerusalem 807/08
1.2. Die Spaltung und Unionsbemühungen
1.2.1. Das photianische Schisma
1.2.2. Morgenländisches Schisma
1.2.3. Konzil von Bari
1.2.4. Konzil von Lyon
1.2.5. Konzil von Ferrara/Florenz
1.3. Resümee
2. Theologische Entwicklung der Hervorgangsmodelle
2.1. Trinitätstheologische Voraussetzungen
2.1.1. Arianische Lehre
2.1.2. Athanasius
2.1.3. Die drei Kappadozier
2.1.4. Augustin
2.1.5. Resümee
2.2. Zuspitzung hin zum Filioque-Streit
2.2.1. Adoptianische Lehre
2.2.2. Karolingische Theologie
2.3. Positionen der Ostkirche
2.3.1. Photios
2.3.2. Gregor von Zypern
2.3.3. Gregor Palamas
2.4. Positionen der Westkirche
2.4.1. Anselm von Canterbury
2.4.2. Thomas von Aquin
2.5. Gegenwärtige Standpunkte
2.5.1. Einleitung: II. Vatikanisches Konzil
2.5.2. Athanasios Vletsis (orthodox)
2.5.3. Peter Knauer (katholisch)
2.5.4. Friedrich-Wilhelm Marquardt (protestantisch)
3. Resümee
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht den theologischen und historischen Gehalt der Filioque-Kontroverse als zentralen Auslöser der Spaltung zwischen Ost- und Westkirche. Ziel ist es, zu klären, ob diese Differenz lediglich instrumentalisiert wurde oder einen tieferliegenden, unüberbrückbaren theologischen Dissens darstellt, indem die Entwicklungsgeschichte der Hervorgangsmodelle des Heiligen Geistes kritisch aufgearbeitet wird.
- Historische Analyse der Entstehung und Entwicklung des Filioque-Streits.
- Untersuchung der trinitätstheologischen Positionen von Ost- und Westkirche.
- Kritische Würdigung der Rolle politischer Machtansprüche bei der Kirchenspaltung.
- Darstellung gegenwärtiger ökumenischer Standpunkte zur Filioque-Frage.
Auszug aus dem Buch
1.1.2. Erste Glaubensbekenntnisse
Grundsätzlich gilt für die Herausbildung verbindlicherer Symbole, dass sie erst relevant wurden, als mehrere wirkmächtige Ideen innerhalb der Glaubensgemeinschaft kursierten, die Klärungsbedarf hervorriefen. In den ersten Jahrzehnten nach Jesu Tod sind die hauptsächlichen Probleme weitaus weniger auf die begriffliche Glaubens artikulierungen gerichtet als in späteren Jahrhunderten: Äußere Bedrängungen seitens des Judentums und Roms sind der Apostelgeschichte in hoher Zahl zu entnehmen. Das Evangelium ermunterte ferner dazu, das Christentum in die Welt zu tragen, ganz offen sollte es sich gegen den Aggressor Rom richten und bekennen. Die primäre Sorge bekennender Christen musste das bloße Überleben sein, oder die Frage, ob man für den Glauben in Kauf zu nehmen wagt, martyrisiert zu werden.
Als das Christentum eine gewisse Verbreitung erfahren hatte, konnten erstmals verschiedene innerchristliche Anschauungen miteinander darum konkurrieren, fester Bestandteil christlicher Rechtgläubigkeit zu werden. Mangels dogmatischer Verbind lichkeiten gelangten die ersten Interpretatoren der Heiligen Schrift schließlich zu unterschiedlichen Schlüssen. Überdies fiel den biblischen Schriften noch nicht automatisch zu, als Quelle der Wahrheit anerkannt zu sein, befand sich die Bibel doch erst im Kanonisierungsprozess. Außerdem hatten die Schriften bei einigen Lehrern keinen, oder minderen normativen Stellenwert. Manche Gnostiker erklärten die Tradition bzw. ihre Erkenntnisse als allein entscheidend, seien doch „die Heiligen Schriften verdorben, apokryph und enthielten nicht die Wahrheit“
Zusammenfassung der Kapitel
1. Geschichte der Spaltung: Dieses Kapitel zeichnet den historischen Weg der Entfremdung zwischen Ost- und Westkirche nach, beginnend bei frühen Häresien bis hin zu den Unionskonzilien, wobei die Rolle politischer Faktoren betont wird.
2. Theologische Entwicklung der Hervorgangsmodelle: Hier werden die trinitätstheologischen Grundlagen und die unterschiedlichen Konzepte der beiden Kirchen zur Hervorgangsproblematik detailliert analysiert und diskutiert.
3. Resümee: Das Schlusskapitel fasst die Ergebnisse zusammen und bewertet die ökumenische Relevanz sowie die heutige Situation der Filioque-Kontroverse.
Schlüsselwörter
Filioque, Ostkirche, Westkirche, Trinität, Arianismus, Adoptianismus, Schisma, Kirchenspaltung, Theologie, Dogmatik, Heiliger Geist, Ökumene, Gotteserkenntnis, Hypostasen, Apophatik.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit?
Die Arbeit behandelt die theologische Kontroverse um das Filioque und deren Rolle in der historischen Spaltung zwischen der östlichen und der westlichen Kirche.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Zu den Schwerpunkten zählen die Entwicklung trinitarischer Hervorgangsmodelle, die historische Bedeutung von Konzilien sowie der Einfluss von Politik und Kirchenrecht auf theologische Differenzen.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es, zu analysieren, ob der Streit um das Filioque ein rein theologischer Dissens ist oder ob er primär als Instrument zur Machtausübung und Abgrenzung zwischen Ostrom und dem fränkisch-karolingischen Westen fungierte.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es wird eine historisch-theologische Analyse gewählt, die primärquellenbasiert die dogmengeschichtliche Entwicklung nachzeichnet und moderne ökumenische Standpunkte einbezieht.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die historische Aufarbeitung der Schismen sowie die systematische Darlegung der Trinitätslehren von den Kirchenvätern bis hin zu zeitgenössischen Vertretern.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Filioque, Trinitätstheologie, Ost-West-Schisma, Apophatik, Ökumene und Konzilsgeschichte sind die bestimmenden Begriffe.
Inwiefern spielt der Arianismus eine Rolle?
Der Arianismus dient als Ausgangspunkt der Untersuchung, da die Abgrenzung gegen subordinatianische Tendenzen die frühe Entwicklung von Glaubensbekenntnissen und die spätere Gewichtung des Filioque entscheidend beeinflusst hat.
Warum wird das Schisma von 1054 als „vornehmlich mit dem Filioque verbunden“ thematisiert?
Die Arbeit kritisiert, dass diese populäre Annahme historisch ungenau ist, da das Kirchenvolk den theologischen Streit kaum wahrnahm und andere Faktoren wie persönliche Rivalitäten und kulturelle Entfremdung gewichtiger waren.
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- Daniel Koporcic (Author), 2009, Filioque: Die Kontroverse um den Hervorgang des Heiligen Geistes in historischer und theologischer Perspektive, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/137625