Macht und Interesse bilden die Grundlagen politischen Handelns.Dies ist eines der zentrale Axiome, die das Denken der realistischen Schule prägen. Hans-Joachim Morgenthau beschreibt diese Annahme in seinem Hauptwerk „Politics among Nations“ (PAN) folgendermaßen: „The main signpost that helps political realism to find its way through the landscape of international politics is the concept of interest defined in terms of power” (Morgenthau 1960: 5).
Doch das Verständnis des Machtbegriffs ist ebenso vielschichtig wie das des staatlichen Interesses - analog zur Entwicklung des realistischen Denkens haben sich beide Begriffe in ihrer Bedeutung modifiziert. Daher möchte ich in dieser Arbeit aufzeigen, wie sich das Verständnis des staatlichen Interesses, und in diesem Zusammenhang insbesondere der Machtbegriff, vom klassischen Realismus im Übergang zum Neorealismus verändert hat.
Die zugrunde liegende Fragestellung lautet daher wie folgt:
"Wie unterscheidet sich Macht als Handlung leitendes Interesse der Akteure vom Realismus zum Neorealismus?"
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Die historische Entwicklung des Realismus
3. Der Realismus nach Morgenthau
3.1 Menschenbild
3.2 Der Machtbegriff im Realismus
3.2.1 Die Natur der politischen Macht
3.2.2 Macht und verschiedene Varianten der Außenpolitik
3.2.3 Möglichkeiten zur Begrenzungen von Macht
3.3 Das zentrale Interesse der Akteure
4. Die historische Entwicklung des Neorealismus
4.1 Der strukturelle Neorealismus
4.1.1 System und Akteure in Waltz´ „Theory of International Politics“
4.1.2 Gemeinsamkeiten mit dem klassischen Realismus
4.2 Macht und Interesse im strukturellen Neorealismus
4.3 Exkurs: Der Machtbegriff im ökonomischen Neorealismus
5. Vergleich des Machtbegriffs
6. Fazit
7. Literatur
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht den Wandel des Verständnisses von Macht als handlungsleitendes Interesse der Akteure beim Übergang vom klassischen Realismus zum Neorealismus, wobei insbesondere die theoretischen Positionen von Morgenthau, Waltz und Gilpin analysiert werden.
- Vergleichende Analyse des klassischen Realismus und des Neorealismus
- Untersuchung des Machtbegriffs und seiner Rolle als zentrales Interesse
- Diskussion des strukturellen und ökonomischen Neorealismus
- Synthese der theoretischen Ansätze zur Machtverteilung und Außenpolitik
Auszug aus dem Buch
3.2 Der Machtbegriff im Realismus
Nachdem ich in den sechs Grundannahmen Morgenthaus zum politischen Realismus bereits den Machtbegriff eingeführt habe und das Menschenbild als anthropologische Grundlage des staatlichen Machtstrebens beschrieben wurde, werde ich mich nun detaillierter mit Morgenthaus Verständnis von Macht beschäftigen. Im dritten Kapitel von PaN führt Morgenthau in seinen Machtbegriff wie folgt ein: „INTERNATIONAL POLITICS [Hervorhebung im Original], like all politics, is a struggle for power. Whatever the ultimate aims of international politics, power is always the intermediate aim. Statesmen and peoples may ultimately seek freedom, security, prosperity, or power itself. (…) They may also try to further its realization through non-political means, such as technical co-operation with other nations or international organizations. But whenever they strive to realize their goal by means of international politics, they do so by striving for power”(Morgenthau 1960: 27).
Hier gibt Morgenthau die Antwort auf die grundlegende Frage, welche Motivation Staaten bei der Ausübung internationaler Politik haben. Seien ihre individuellen Zielsetzungen auch verschieden, so sind nicht universelle Prinzipien Auslöser ihres Bemühens, sondern stets das Machtstreben selbst. Macht hat in diesem Zusammenhang einen ambivalenten Charakter: es ist zugleich Mittel und Ziel der Außenpolitik eines Staates (vgl. Gu 2000: 41).
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Einführung in das zentrale Axiom des Realismus und Darstellung der Forschungsfrage zur Transformation des Machtbegriffs.
2. Die historische Entwicklung des Realismus: Skizzierung des ideengeschichtlichen Kontexts und der Entstehung des Realismus als vorherrschendes Paradigma.
3. Der Realismus nach Morgenthau: Detaillierte Untersuchung des Menschenbildes, der Natur politischer Macht und des nationalen Interesses nach Hans-Joachim Morgenthau.
4. Die historische Entwicklung des Neorealismus: Analyse des historischen Hintergrunds sowie der Grundlagen des strukturellen und ökonomischen Neorealismus.
5. Vergleich des Machtbegriffs: Systematische Gegenüberstellung der Machtkonzepte von Morgenthau, Waltz und Gilpin.
6. Fazit: Zusammenfassende Bewertung der Ergebnisse in tabellarischer Form und Ausblick auf den "Post-Neorealismus".
7. Literatur: Auflistung der verwendeten Primär- und Sekundärquellen.
Schlüsselwörter
Realismus, Neorealismus, Machtbegriff, Internationales System, Morgenthau, Waltz, Gilpin, Interesse, Nationalstaat, Machtstreben, Balance of Power, Anarchie, Selbsthilfe, Außenpolitik, Staatliches Überleben.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit?
Die Arbeit analysiert den Wandel des Machtbegriffs im realistischen Denken vom klassischen Realismus nach Hans-Joachim Morgenthau bis hin zu neorealistischen Theorien.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die Arbeit behandelt die Entwicklung des realistischen Paradigmas, das Machtverständnis, den Stellenwert des nationalen Interesses und die Struktur des internationalen Systems.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Das Ziel ist es, aufzuzeigen, wie sich das Verständnis von Macht als handlungsleitendes Interesse der Akteure vom klassischen Realismus zum Neorealismus verändert hat.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es handelt sich um einen Theorievergleich, der auf der Analyse von Primärwerken wie Morgenthaus "Politics among Nations" und Waltz' "Theory of International Politics" basiert.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Darstellung des klassischen Realismus, des strukturellen sowie des ökonomischen Neorealismus und einen anschließenden direkten Vergleich der Machtbegriffe.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Zu den wichtigsten Begriffen zählen Realismus, Neorealismus, Macht, Interesse, Anarchie und das Konzept der "Balance of Power".
Wie unterscheidet sich der Machtbegriff bei Morgenthau und Waltz?
Bei Morgenthau ist Macht ein psychologisches Instrument zur Beeinflussung anderer, während Waltz Macht als relative Fähigkeit (Capabilities) im Rahmen der Systemstruktur betrachtet.
Warum betrachtet Gilpin den ökonomischen Neorealismus als Exkurs?
Der ökonomische Neorealismus setzt andere Schwerpunkte durch die Einbeziehung ökonomischer Faktoren und reagiert speziell auf den relativen wirtschaftlichen Niedergang der USA, was eine Ergänzung zum strukturellen Fokus von Waltz darstellt.
Was versteht man unter "High Politics" im Kontext der Arbeit?
Unter "High Politics" wird die Sicherung des staatlichen Überlebens verstanden, die im klassischen Realismus Vorrang vor ökonomischen Interessen ("Low Politics") hat.
- Citation du texte
- Nina Nolte (Auteur), 2008, Ein Theorievergleich zwischen klassischem Realismus und Neorealismus, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/137659