Studien wie PISA und IGLU beweisen, was viele Theoretiker schon lange zur Diskussion stellen: Die
Evaluation des deutschen Schulsystems zeigt im internationalen Vergleich deutliche Mängel bei den
fachlichen und fachübergreifenden Kompetenzen der Kinder und Jugendlichen. Besonderns auffällig
ist dabei, dass Bildung in hohem Maße von der sozialen Herkunft abhängt. Diese Arbeit soll sich
daher aus kultursoziologischer Perspektive mit den Ursachen beschäftigen, die für die Entstehung
dieser Chancenungleichheit im Schulsystem verantwortlich sind. Als möglicher Lösungsansatz soll
im Anschluss an diese Betrachtung das Modell einer „lebensweltorientierten Schulentwicklung“
diskutiert werden, welches einen stärkeren Bezug der Schulpolitik auf die Lebenswelten der
Schülerinnen und Schüler fordert. Die zentrale Fragestellung lautet also:
Welche gesellschaftlichen Selektionsmechanismen wirken bei der Entstehung von ungleichen
Bildungschancen Jugendlicher und könnte eine lebensweltorientierte Schulentwicklung Ansätze
liefern diese Ungleichheiten einzuebnen?
Da sich diese Arbeit schwerpunktmäßig auf Jugendliche bezieht, wird zunächst der zugrunde
liegende Jugendbegriff geklärt und die Folgen der gesellschaftlichen Wandlungsprozesse auf
jugendliche Entwicklung werden aufgezeigt.
Anschließend folgt der Theorieteil der sich auf die Arbeiten des Soziologen Pierre Bourdieu bezieht
und davon ausgehend die besondere Bedeutsamkeit des Habitus und des kulturellen Kapitals
beschreibt. Daran schließen empirische Aspekte an, welche die vorherigen Ergebnisse stützen sollen
und den Zusammenhang zwischen Bildungschancen und sozialer Herkunft näher beleuchten.
Im Anschluss werden auf der Basis der bisherigen Ergebnisse Anforderungen an eine zeitgemäße
Schulpolitik mit integrativer Funktion formuliert, die bisher im Bereich der Schulentwicklung nur
ansatzweise erfüllt werden. Als mögliche Antwort auf diese Forderungen wird schließlich der
Lösungsansatz einer „lebensweltorientierten Schulentwicklung“ vorgestellt.
Da unter Bezugnahme der Ergebnisse des Theorieteils der Ansatz einer „lebensweltorientierten
Schulentwicklung“ diskutiert werden soll, wird im nächsten Kapitel eine Begriffsklärung
vorgenommen. Der Begriff der Lebenswelt wird erläutert und die bedeutsamsten Lebenswelten der
Jugendlichen – Familie, Peergroups und Schule- werden näher skizziert. In diesem Zusammenhang
wird auch auf die besondere Bedeutung sozialer Räume eingegangen.
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung
2 Begriffsklärung Jugend
2.1 Sozial-historische Entwicklung und gesellschaftliche Wandlungsprozesse
3 Die Bedeutung des kulturellen Kapitals nach Bourdieu
3.1 Ungleiche Bildungschancen und soziale Herkunft
4 Jugendliche Lebenswelten
4.1 Die Bedeutung von sozialen Räumen
4.2 Lebenswelt Familie
4.3 Lebenswelt Peergroups
4.4 Lebenswelt Schule – Funktionen und Aufgaben
5 Kultursoziologische Kritik und Anforderungen an Schulentwicklung
6 Das Modell der lebensweltbezogenen Schulentwicklung als Lösungsansatz
6.1 Diskussion der Anwendbarkeit
7 Fazit
8 Literatur
Zielsetzung & Themen
Diese Arbeit untersucht aus kultursoziologischer Perspektive die Ursachen für die Entstehung ungleicher Bildungschancen Jugendlicher im deutschen Schulsystem. Ziel ist es, das Modell einer „lebensweltorientierten Schulentwicklung“ zu diskutieren, um zu prüfen, ob ein stärkerer Bezug der Schule auf die Lebenswelten der Schüler dazu beitragen kann, gesellschaftliche Selektionsmechanismen und Bildungsungleichheiten abzumildern.
- Sozial-historischer Wandel und Jugendbegriff
- Kulturelles Kapital und Habitus nach Pierre Bourdieu
- Empirische Analyse schichtspezifischer Bildungschancen
- Strukturen und Funktionen der Lebenswelten (Familie, Peergroups, Schule)
- Handlungsempfehlungen für eine lebensweltbezogene Schulentwicklung
Auszug aus dem Buch
4.2 Lebenswelt Familie
Eine weitere Folge der Bildungsexpansion ist die Differenzierung von Lebensgemeinschaften (vgl. Geißler 2006: 280). An die Stelle der idealtypischen Normalfamilie ist eine Vielzahl an alternativen Lebensführungen getreten. Trotzdem ist die Familie in Bezug auf die Sozialisation, Persönlichkeits- und Identitätsentwicklung Jugendlicher nach wie vor von großer Bedeutung. Sie bildet für die Mehrzahl der Jugendlichen einen wichtigen Bezugspunkt, von dem aus sie andere Lebenswelten erschließen können (vgl. Langness/Leven/Hurrelmann 2006: 49). Mit der Pluralisierung der Familienformen gehen jedoch immer auch sehr heterogene Bedingungen für die Sozialisation der Kinder einher. Der Zusammenhang zwischen verschiedenen Familientypen und den Entwicklungsbedingungen derer Kinder wurde in mehreren Studien untersucht.
Insgesamt ist die Situation der Familien immer mehr von ökonomischen Rahmenbedingungen gekennzeichnet. Der sozioökonomische Status der Familien bestimmt über die Spielräume, die den Jugendlichen bei ihrer persönlichen Entwicklung gesetzt sind. Dieser hängt mit den finanziellen Ressourcen, dem Bildungskapital und der sozialen Stellung der Eltern zusammen (vgl. Langness/Leven/Hurrelmann 2006: 49). Diese Faktoren beeinflussen, wie in den vorangegangenen Kapiteln erläutert, nicht nur den Zugang zu materiellen Ressourcen, sondern auch Art und Umfang des kulturellen Kapitals sowie das Verhältnis der Jugendlichen zu Bildung.
Somit wird die Grundlage für die Chancen und die gesamte Lebenseinstellung der Jugendlichen stark von den Ausgangsbedingungen der Herkunftsfamilie bestimmt.
Zusammenfassung der Kapitel
1 Einleitung: Die Einleitung benennt die Problematik der Bildungsungleichheit im deutschen Schulsystem und führt in das Konzept der lebensweltorientierten Schulentwicklung als möglichen Lösungsansatz ein.
2 Begriffsklärung Jugend: Dieses Kapitel definiert Jugend nicht als starre Phase, sondern als dynamischen Prozess und beleuchtet die gesellschaftlichen Wandlungsprozesse sowie den damit verbundenen Anpassungsdruck.
3 Die Bedeutung des kulturellen Kapitals nach Bourdieu: Unter Rückgriff auf Bourdieu wird erklärt, wie habituelle Grundlagen und kulturelles Kapital die soziale Position bestimmen und Selektionsprozesse im Bildungssystem fördern.
4 Jugendliche Lebenswelten: Das Kapitel analysiert die verschiedenen Lebenswelten von Jugendlichen – Familie, Peergroups und Schule – und deren Bedeutung für die Sozialraumaneignung und Identitätsbildung.
5 Kultursoziologische Kritik und Anforderungen an Schulentwicklung: Auf Basis der Theorie Bourdieus wird Kritik an der aktuellen Schulpolitik geübt und gefordert, Schulentwicklung stärker an außerschulischen Lebenswelten auszurichten.
6 Das Modell der lebensweltbezogenen Schulentwicklung als Lösungsansatz: Dieses Kapitel skizziert konkrete Handlungsempfehlungen für Schulen, um durch Öffnung und Partizipation besser auf die unterschiedlichen Bedürfnisse der Jugendlichen zu reagieren.
7 Fazit: Das Fazit fasst die zentralen Ergebnisse zusammen und reflektiert kritisch, inwieweit lebensweltorientierte Schulentwicklung tatsächlich bestehende Bildungsungleichheiten einebnen kann.
Schlüsselwörter
Bildungschancen, Jugendliche, Lebenswelt, Schulentwicklung, Pierre Bourdieu, kulturelles Kapital, Habitus, Bildungsexpansion, Sozialisation, soziale Herkunft, Bildungsungleichheit, Ganztagsschule, Lebensraum, Selektionsmechanismen, Partizipation.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht den Zusammenhang zwischen der sozialen Herkunft von Jugendlichen und ihren Chancen im deutschen Bildungssystem.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Im Fokus stehen die Bildungsexpansion, die soziologische Theorie nach Bourdieu sowie die Bedeutung außerschulischer Lebenswelten für den Schulerfolg.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Die Autorin möchte aufzeigen, ob eine lebensweltorientierte Schulentwicklung Ansätze bieten kann, um bestehende Bildungsungleichheiten abzubauen.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es handelt sich um eine theoretisch-analytische Arbeit, die soziologische Fachliteratur und empirische Studien (wie PISA oder IGLU) auswertet.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in theoretische Grundlagen (Kapitaltheorie), die Analyse jugendlicher Lebenswelten und konkrete Anforderungen an eine moderne Schulentwicklung.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die zentralen Begriffe sind Bildungschancen, Lebenswelt, Schulentwicklung, Habitus, soziale Herkunft und Bildungsungleichheit.
Welche Rolle spielen "Peergroups" laut der Arbeit?
Peergroups bieten Jugendlichen einen informellen Raum zur Ablösung vom Elternhaus und zur Stabilisierung der eigenen Identität außerhalb schulischer Kontrolle.
Was bedeutet der "heimliche Lehrplan"?
Er beschreibt indirekte Lernprozesse, bei denen Schüler durch Leistungsbewertungen soziale Konformität internalisieren, was benachteiligte Gruppen oft stärker unter Druck setzt.
Warum ist das Modell der "lebensweltbezogenen Schulentwicklung" problematisch?
Es besteht die Schwierigkeit, dass Schulen durch den institutionellen Bildungsauftrag begrenzt sind und die finanzielle Umsetzung von den jeweiligen Rahmenbedingungen der Länder abhängt.
- Citar trabajo
- Nina Nolte (Autor), 2008, Ungleiche Bildungschancen Jugendlicher - der Lösungsansatz einer lebensweltorientierten Schulentwicklung, Múnich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/137660