Im deutschen Grundgesetz ist verankert: „Niemand darf wegen seines Geschlechtes, seiner Abstammung, seiner Rasse, seiner Sprache, seiner Heimat und Herkunft, seines Glaubens, seiner religiösen oder politischen Anschauungen benachteiligt oder bevorzugt werden. Niemand darf wegen seiner Behinderung benachteiligt werden“ . Wie schon mit der Bildungsexpansion der 60er Jahre die Chancengerechtigkeit im Bildungswesen gefördert werden sollte, ist es auch heute noch eine Aufgabe des Schulwesens, allen Kindern die gleichen Chancen auf Bildung zu eröffnen . Die Ergebnisse der TIMMS- (vgl. Abb. 1) und PISA Studie haben jedoch eindrücklich belegt, dass das deutsche Schulsystem diesen Anspruch bis heute nicht erfüllt. Dies kritisierte auch Vernor Munoz – Sonderberichterstatter der Vereinten Nationen für das Recht auf Bildung – im März 2007 auf dem Menschenrechtsrat und empfahl Deutschland sogar, „das selektive mehrgliedrige Schulsystem abzuschaffen“ . Angesichts dieser im deutschen Schulsystem waltenden sozialen Ungerechtigkeit gilt es zu erörtern, welche Gründe die Chancenungleichheit herbeiführen. Ziel der vorliegenden Arbeit ist es daher – auf Grundlage einer kurzen Darstellung der für die Arbeit relevanten Eckpunkte des deutschen Bildungssystems – Fakten über soziale Disparitäten im deutschen Schulsystem darzustellen und anschließend einige Aspekte zu beleuchten, welche als Antwort auf die zentrale Fragestellung dieser Arbeit fungieren können.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung und Zielsetzung
2. Das Bildungswesen der Bundesrepublik Deutschland
2. 1 Die vertikale Gliederung
2.2 Die horizontale Gliederung
3. Fakten zur sozialen Ungleichheit im allgemein bildenden Schulsystem der Bundesrepublik Deutschland
4. Gründe für die Bildungsbenachteiligung sozial schwächerer Schüler
5. Ausblick
Zielsetzung & Themen der Arbeit
Diese Arbeit analysiert die Ursachen der Chancenungleichheit im deutschen Schulsystem und untersucht, inwiefern soziale Disparitäten den Bildungserfolg von Schülern beeinflussen. Dabei steht die Frage im Vordergrund, welche Faktoren, insbesondere im Kontext der Selektion und der Systemstruktur, die Bildungsbenachteiligung sozial schwächerer Schichten festigen.
- Struktur des deutschen Bildungswesens (vertikale und horizontale Gliederung)
- Empirische Befunde zu sozialen Disparitäten (PISA-Studien)
- Einfluss der sozialen Herkunft auf Schullaufbahnempfehlungen
- Rolle von Lehrern und Eltern im Übergangsprozess
- Auswirkungen der mangelnden Durchlässigkeit im Schulsystem
Auszug aus dem Buch
4. Gründe für die Bildungsbenachteiligung sozial schwächerer Schüler
Als Erklärung für die sozialen Disparitäten wird primär die Stufe des Übergangs von der Grundschule in die Sekundarstufe I angesehen.21 Denn Studien über das Empfehlungsverhalten von Lehrern und Lehrerinnen am Ende der Grundschulzeit zeigten, dass Kinder aus niederen sozialen Schichten trotz gleichen Leistungen seltener die Empfehlung für das Gymnasium erhielten als Kinder von Eltern mit gehobenen Berufen (Abb. 4). Daraus lässt sich nicht nur folgern, dass die Lehrer neben den schulischen Leistungen auch andere Merkmale, die im Zusammenhang mit der sozialen Herkunft stehen, bei der Übergangsentscheidung berücksichtigen22. Auch stellte PISA 2000 einen starken Mangel an diagnostischer Kompetenz bei deutschen Lehrern fest23. Das Problem ist aber nicht nur die daraus zu schließende Fragwürdigkeit des Entscheidungsverhaltens der Lehrer, sondern auch der nicht unerhebliche Einfluss der Eltern auf die Übergangsentscheidung24. Hinsichtlich dessen zeigte die BIJU-Studie25 folgendes: Auch bei identischen Noten und kognitiven Fähigkeiten der Kinder haben solche aus Elternhäusern mit geringem Berufsprestige geringere Chancen ein Gymnasium zu besuchen26. Zu dieser Entscheidung trägt bei, dass Eltern in niederen beruflichen Stellungen innerhalb einer Kosten-Nutzen-Rechnung, den Besuch ihres Kindes auf einer höheren Schule als riskant ansehen, weil dieser „im Verhältnis zu den verfügbaren Ressourcen mit höheren Kosten behaftet“27 ist. Somit können sozial schwächere Kinder auch nicht die besonderen Fördermaßnahmen des Gymnasiums in Anspruch nehmen, wodurch sie wiederum von sozial privilegierten Schülern getrennt werden28. Es kann folglich eine Festigung im Rahmen ihrer sozialen Schicht vermutet werden. Demnach beeinflusst die Art der Übergangsentscheidung die Bildungsbenachteiligung erheblich.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung und Zielsetzung: Die Arbeit thematisiert die Diskrepanz zwischen dem verfassungsrechtlich verankerten Bildungsauftrag und der empirisch belegten Chancenungleichheit im deutschen Schulsystem.
2. Das Bildungswesen der Bundesrepublik Deutschland: Dieses Kapitel erläutert die föderale Struktur sowie die vertikale und horizontale Gliederung des Bildungssystems in verschiedene Stufen und Schularten.
3. Fakten zur sozialen Ungleichheit im allgemein bildenden Schulsystem der Bundesrepublik Deutschland: Anhand internationaler Vergleichsstudien wie PISA wird der starke Zusammenhang zwischen sozialer Herkunft und dem Bildungserfolg der Schüler aufgezeigt.
4. Gründe für die Bildungsbenachteiligung sozial schwächerer Schüler: Hier werden das Empfehlungsverhalten von Lehrkräften sowie die Rolle elterlicher Entscheidungen und die mangelnde Durchlässigkeit des Systems als zentrale Ursachen für Bildungsungleichheit diskutiert.
5. Ausblick: Das Kapitel reflektiert die begrenzten Erfolge bisheriger Reformmaßnahmen und diskutiert die Notwendigkeit grundlegender struktureller Veränderungen zur Förderung der Chancengerechtigkeit.
Schlüsselwörter
Chancenungleichheit, deutsches Schulsystem, soziale Disparitäten, Bildungserfolg, soziale Herkunft, PISA-Studie, Bildungsbenachteiligung, Schulübergang, Selektion, Lehrerempfehlung, Bildungsexpansion, Sekundarstufe, Bildungsstruktur, soziale Schichtung, Lebenslanges Lernen
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Hausarbeit thematisiert die soziale Spaltung im deutschen Schulwesen und untersucht kritisch die Ursachen für die Chancenungleichheit, die Schülern aus sozial schwächeren Schichten den Bildungserfolg erschwert.
Welches sind die zentralen Themenfelder?
Die zentralen Themenfelder umfassen die Struktur des deutschen Bildungssystems, die Ergebnisse internationaler Vergleichsstudien zur Bildungsgerechtigkeit, den Übergang von der Grundschule in die Sekundarstufe sowie die Faktoren, die Bildungsbiografien prägen.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Das primäre Ziel ist es, auf Basis der Systemstrukturen und empirischer Daten zu erläutern, warum das deutsche Schulsystem trotz Reformbemühungen weiterhin soziale Benachteiligungen reproduziert.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit nutzt eine literaturbasierte Analyse, um den aktuellen Forschungsstand, insbesondere PISA-Studien und bildungswissenschaftliche Analysen, zusammenzuführen und die Problematik der Selektion zu beleuchten.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Darstellung des deutschen Bildungswesens, die Präsentation von Fakten zur sozialen Ungleichheit und die detaillierte Analyse der Ursachen für Bildungsbenachteiligung, wie etwa die Selektion am Übergang zur weiterführenden Schule.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wesentliche Begriffe sind Chancengerechtigkeit, soziale Herkunft, selektives Schulsystem, Bildungsbenachteiligung und PISA-Studie.
Welche Rolle spielen Lehrkräfte bei der Chancenungleichheit?
Die Arbeit zeigt auf, dass Lehrkräfte bei der Schulempfehlung neben objektiven Leistungen häufig unbewusst auch soziale Faktoren einbeziehen, was zu Lasten von Kindern aus bildungsfernen Schichten gehen kann.
Warum wird das dreigliedrige Schulsystem kritisiert?
Das System wird dahingehend kritisiert, dass es durch eine frühe Selektion und geringe Durchlässigkeit zwischen den Schularten soziale Unterschiede eher festigt als ausgleicht.
Welche Bedeutung haben die Eltern für den Bildungsweg?
Eltern spielen eine entscheidende Rolle, da sie aufgrund ihrer eigenen Ressourcen und einer Kosten-Nutzen-Abwägung oft Bildungslaufbahnen für ihre Kinder wählen, die deren soziale Positionierung zementieren.
Ist der zweite Bildungsweg eine ausreichende Lösung?
Die Arbeit weist darauf hin, dass die Vielzahl an Möglichkeiten im deutschen System oft zu einer Undurchsichtigkeit führt, die gerade bildungsferne Schichten eher abschreckt als fördert.
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- Stephanie Schoenwetter (Author), 2008, Soziale Spaltung in Deutschlands Schulen, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/137674