Neue Tendenzen der Wohnsuburbanisierung in Ost- und Westdeutschland


Hausarbeit, 2003
35 Seiten, Note: 1

Leseprobe

Inhalt

Vorwort

1. Motive der Wohnsuburbanisierung

2. Charakteristische Muster der Wohnsuburbanisierung
2.1. Westdeutschland
2.2. Ostdeutschland

3. Nachfragemilieu und Wohnungsmarkt
3.1. Westdeutschland
3.2. Ostdeutschland

4. Resümee

Quellenverzeichnis

Vorwort

Motor des Suburbanisierungsprozesses ist der steigende Flächenbedarf seitens derjenigen Akteure, die ein Interesse am Gesamtstandort einer Stadtregion haben, dieses, erzwungen oder freiwillig, aber nicht in der Kernstadt befriedigen. Hinzu kommen interregionale Austauschprozesse, die zu einer Bedeutungszunahme des suburbanen Raumes führen.[1] Der Prozess vollzieht sich einerseits in einer räumlichen Dimension (Flächenansprüche je Einheit), anderseits aber auch in einer demographischen (steigende Flächenansprüche durch die Zunahme der Akteure) und ist Resultat ökonomischer und politischer Entscheidungen wie auch dynamischer Reproduktionsmuster und Wohnansprüche in einer arbeitsteiligen Gesellschaft. Forciert wird diese Dekonzentration durch den „Bodenrenten-Kegel“[2], welcher durch das „Citybuildung“ und die Infrastrukturintensität hervorgerufen ist und die Stadtregionen nach Kernstadt und Ergänzungsgebieten strukturiert. Die Abgrenzung der zentralen Gemeinde (Kernstadt) vom Umland erfolgt meist mit Hilfe verschiedener Pendlerdaten bzw. mit dem zentralörtlichen Einzugsgebiet der Kernstadt. Unschärfen in der Umlandabgrenzung ergeben sich durch vielseitige Verflechtungszusammenhänge, welche auf der Basis von Kreisen zu den Oberzentren bestehen, wobei die Zuteilung eines Kreises durch die intensivsten Verflechtungszusammenhänge zu einem zentralen Ort vorgenommen wird. So wird beispielsweise der gesamte Kreis Diepholz dem Umland Bremens zugeschrieben, obwohl dessen südliche Teile eindeutig zu Osnabrück orientiert sind.[3]

Ausgehend von diesen Grundkonstellationen, welche materiell betrachtet die gebaute Umwelt, wirtschaftliche und soziale Aktionsräume, wie auch die politischen Handlungsfelder einschließen, sind die Ausprägungen gerade im vergangenen Jahrzehnt zunehmend komplexer geworden. Die vielseitigen Verflechtungen lassen es nicht zu den Wohnsuburbanisierungsprozess separat zu untersuchen, sondern müssen grundsätzlich in einen wechselseitigen Kontext der jüngsten Entwicklung, quantitativ und qualitativ eingebunden werden.

Eine Gesamtbetrachtung der derzeitigen Situation zeigt eine zunehmende Eigenständigkeit des suburbanen Raumes, welcher nicht mehr ausschließlich Rückzugsraum der Kernstadt ist, sondern zunehmend auch externe Beeinflussung durch Wohn- und Gewerbeansiedlungen erfährt. Die traditionelle Abhängigkeit des städtischen Umlandes scheint damit aufzuweichen. Neben einer wirtschaftlichen Eigendynamik sind es, bezogen auf das Wohnumfeld, vor allem Vorgänge des Alltagslebens, welche sich durch eine funktionale Aufwertung der suburbs kleinräumig abstimmen lassen. Damit einher geht eine neuartige Zentrierung, welche sich im Umland herausbildet und die ursprünglich zentripetale Stadtstruktur hin zu einem mehrpoligen Siedlungsraum wandelt.[4] Zusätzliche Verstärkung erfährt dieser Emanzipationsprozess durch eine externe Verdichtung der Stadtregion, welcher von entfernteren Gebieten getragen wird, die in keinem direkt funktionalen Zusammenhang mit der Stadtregion stehen, den suburbanen Raum aber zu einem attraktiven Einpendlerziel (oder auch intervening opportunity) erheben, sei es als Arbeitsplatzzentrum oder als Wohn- und Versorgungsraum. Diese New Towns beeinträchtigen nicht nur den räumlichen, sondern auch den politischen Zusammenhalt der metroplitan area, welcher durch zunehmend differenziertere Profile wie auch kommunal-konkurrierende Interessen zum Ausdruck kommt und gemeinsame Konsense auf gebietskörperschaftlicher Basis erschweren. Hingewiesen sei in diesem Zusammenhang auch auf die Problematik expandierender Siedlungsflächen zu Lasten von Naherholungsgebieten, der Frischluftzufuhr, sowie die des wachsenden Verkehrsaufkommen vor allem des MIV.[5] Dieser neuartige Charakter der Suburbanisierung wirft auch auf das Wohnen im Umland ein völlig neues Licht, welches traditionell durch die Dominanz der Kernstadt bestimmt wurde. Es handelt sich bei dieser, im Grunde schon in den 1960er und 70er Jahren angelegten Entwicklung keineswegs ausschließlich um eine räumliche Maßstabsvergrößerung, welche einer komplexeren Regulierung bedarf, vielmehr lässt sich eine multizentrische Neugliederung der vormals konzentrisch besiedelten Raummuster ausmachen. Brake sieht in dieser „Heterogenisierung ökonomischer, sozialer und kultureller Aktionsformen“[6] gar einen Paradigmenwechsel, der sich in den Kontext postfordistischen Stadtstrukturen einordnen lässt. Die Fragmentierung der Lebens- und Wirtschaftsweisen stellt seiner Ansicht nach die Funktionsfähigkeit des Gesamtstandortes in Frage, in dem Sinne, als dass am notwendigen Maß politischer und infrastruktureller Koordination kein ausreichendes Interesse besteht, da soziale wie auch ökonomische Prozesse kleinräumig organisiert werden.

Betrachtet man die demographische und soziostrukturelle Entwicklung des räumlichen Dekonzentrationsprozesses, so wurde noch in den 1970er Jahren von einer „Selektion einkommensstärkerer Bevölkerung zugunsten des Umlandes“[7] ausgegangen. Dieser selektiven Wanderung folgte bis dato eine Phase sozialer Assimilation. Sowohl die demographischen wie auch die sozialstrukturellen Merkmale gleichen sich sukzessive an, wobei sich die Frage stellt, welche Reaktionen seitens der suburbanen Wohnbevölkerung auf diese Entwicklung zu erwarten sind.

Dieser Eindruck soll nicht darüber hinwegtäuschen, dass gerade in den Kernstädten die Konzentration von sozial Benachteiligten gebietsweise enorm zugenommen hat, welche dem Zentrum, dem innerhalb der postfordistischen Stadtentwicklung positive Entwicklungschancen im Bereich der unternehmensberatenden und kreativen Dienstleistungen wie auch dem spezialisierten Facheinzelhandel eingeräumt werden, die Basis eines hochwertigen Standortes entziehen können, wenn bei sinkender Kaufkraft auch das politische und soziale Engagement innerhalb des innerstädtischen Wohnumfeldes wegbricht. Gerade Letzteres ist für das Stadtzentrum von ungemeiner Wichtigkeit, soll es auch weiterhin, aufbauend auf die stadthistorischen Potentiale, kulturelles Zentrum sein und Identifikationsmöglichkeiten bieten. Dem zuträglich ist der Prozess der Gentrifikation. Gerade junge Menschen, welche den bisher eher klassischen Familienhaushalts- und Lebensstiltypen des suburbanen Raumes entsagen, weisen eine „bemerkenswerte Affinität“[8] zur Kernstadt auf, und geben den Zentren damit nicht nur aus ökonomischer Sicht, sondern auch als Wohnstandort eine Perspektive. Sie treten der sozialräumlichen Polarisierung entgegen, welche aus dem wachsenden Wohlstandsniveau des suburbanen Raumes resultiert.[9]

Welche räumlichen Folgen ergeben sich aus diesem säkularen Wandel der Wohnfunktion?

Diese Frage soll anhand der räumlichen und sozialen Wohnsuburbanisierungsmuster des vergangenen Jahrzehntes aufgearbeitet werden, wobei vor allem auf die neuen Qualitäten und die Differenzen zwischen ost- und westdeutschen Stadtregionen eingegangen werden soll, soweit die Datenlage dies zulässt. Anhand der Suburbanisierungsmuster der Region Bremen, welche sich im Wesentlichen auf die 1970er und 80er Jahre beziehen, werden die jüngsten Entwicklungen in einen chronologischen Kontext eingebunden.

Worpswede, im Frühjahr 2003 Martin Runkel

1. Motive für die Wohnsuburbanisierung

In der Sozialwissenschaft werden verschiedene Ursachen für den Umzug an die städtische Peripherie aufgeführt, welche zeigen, dass kaum ein Motiv allein ausschlaggebend für diese Entscheidung ist, sondern dass der Entschluss zur Abwanderung in das Umland ein Resultat des Zusammenwirkens verschiedener Anstöße ist. Auch lässt sich dieser Prozess nicht klischeehaft und einseitig mit der Stadtflucht und der Umlandwanderung der High-Society-Class fassen, mit denen er in den USA begründet wird[10], wo die Suburbanisierung im späten 18. Jahrhundert ihren Ausgang nahm[11]. Trotz anhaltender Sub- und Exurbanisierungsprozesse unterscheidet sich die europäische Stadtentwicklung, angelehnt an eine besondere historische Prägung, vom Typus der nordamerikanischen Stadt, wo die funktionale Dominanz der Innen- und Altstädte, wie auch eine polyzentrische Siedlungsstruktur keine zentralen Komponenten der Stadtlandschaft darstellen.[12] Die Entscheidung für die Auswanderung aus der Stadt erfolgt kaum einzig aus dem Wunsch heraus, ein Leben auf dem Land bzw. in ländlicher Gegend zu führen, da ein Haushalt in der Regel zuerst eine Wohnung innerhalb der Kernstadt sucht, dann aber feststellen muss, im Umland vorteilhafter wohnen zu können.[13] Die Suburbanisierung der Bevölkerung ist also weitestgehend eine Folge der Bedingungen auf dem regionalen Wohnungsmarkt und beruht auf den subjektiv hochrationalen Handlungsweisen der beteiligten Akteure[14]. Der Entscheidung zum Abwanderung aus der Stadt liegen somit zu einem großen Teil ökonomische und rationale Überlegungen (Kosten-Nutzen-Kalkulation) zugrunde, weshalb es sich nach Friedrichs bei der Suburbanisierung keineswegs um Stadtflucht, sondern vielmehr um rationales Kalkül handelt[15]. Folgenschwer für die Entwicklung in den 1990er Jahren war vor allem der Trend hin zu einer ansteigenden Dynamik und Diversifiziertheit der Wohnsuburbanisierung, welche im Kontext differenzierter ökonomischer, demographischer, siedlungsstruktureller und politischer Rahmenbedingungen stehen.

Als ein Motiv für die Abwanderung in den suburbanen Raum, welches auf das Stadtnutzungsmodell Allonsos zurückgeht, wird häufig die Konzentration von ökonomischen Aktivitäten in der Innenstadt aufgeführt. Durch die Tatsache, dass die gewerbliche Nutzung eine höhere Rendite erzielt, wird das Angebot an Wohnungsflächen in der Stadt geringer und sukzessive aus den Innenstädten verdrängt[16].

Ein weiterer Grund für die Wohnungsverlagerung ist die höhere Umweltbelastung in der Stadt, die sich zum Teil auch aus der Konzentration von ökonomischen Aktivitäten in der Innenstadt ergibt. Zu erwähnen sind hier vor allem die Belastung durch Lärm- und Abgasemissionen des motorisierten Individualverkehrs, welche die Wohnumfeldqualität in den Städten gegenüber dem Umland abwerten[17]. Meyer hebt in diesem Zusammenhang die „gigantischen Verkehrsprobleme“[18] in ostdeutschen Stadtzentren hervor, welche neben den baulichen und infrastrukturellen Missständen die Abwanderung ins Umland intensivieren.

Ebenso ein wichtiger Grund ist, dass sich auch die Ambitionen der Bewohner hinsichtlich Flächenanspruch und Wohnkomfort verändert haben, was auf „Veränderungen im sozialen Status und / oder der Stellung im Lebenszyklus zurückzuführen ist“[19]. Die Wohnungen in der Stadt sind häufig zu klein und die Wohnqualität in den Altbauwohnungen (deren Anteil in den Altstädten zumeist relativ hoch ist) kann die Ansprüche, auch im Hinblick auf die geforderten Mieten, nicht befriedigen[20].

Als weitere Push-Faktoren werden die hohen Grundstückspreise und Mieten in der Stadt, beruhend auf der Knappheit des Produktionsfaktors Boden, aufgeführt. In der Kernstadt ist es aufgrund der hohen Bodenpreise und fehlender freier Flächen kaum möglich ein Einfamilienhaus zu erwerben oder gar zu bauen[21]. Ein hoher Verstädterungsgrad, die lange Geschichte der Stadtentwicklung in den Jahrhunderten vor der Motorisierung und die äußere Begrenzung durch Befestigungsanlagen förderten zudem ein hochverdichtetes Wohnen, welches mit strenger stadtplanerischer Regulierung kontrolliert und begrenzt wurde.[22] Neben der Tatsache, dass ein Eigenheim der Altersvorsorge dient, erhält die Familie „für die monatliche Belastung eine größere Fläche, ein kinderfreundliches Umfeld (Garten, Luftqualität, geringere Lärmbelästigung) und erwirbt zudem steuerbegünstigtes Eigentum"[23].

All diese Motive reihen sich ein in die klassische Phase der Wohnsuburbanisierung der 1960er und 70er Jahre und zeigen fortwährende Wirkung, auch wenn es zu subjektiven und objektiven Nivellierungen gekommen ist, die es herauszuarbeiten gilt. Bezogen auf Westdeutschland betonen Aring/Herfert die Verabschiedung von den „klassischen Mustern“[24] dieser Zeit, und sehen ein Reifestadium erreicht, welches in diversifizierten Haushaltsstrukturen und einer sozialen Heterogenität zum Ausdruck kommt. Zunehmend verbreiterte sich das soziale Spektrum, womit das direkte Umland sukzessive urbanisiert wurde und die Motivationen zum Wohnen an der Peripherie, welche indirekt oder direkt aus der Abgrenzung vom innerstädtischen Milieu herrühren, weniger deutlich auszumachen sind, zumindest in den peripheren Regionen, die heute zunehmend urbane Strukturen aufweisen. Diese Dekonzentrationstendenzen, welche mit dem europäischen Leitbild einer kompakten und durchmischten Stadt brechen, werden zudem angereichert durch teilweise hochspezialisierte ökonomische Zentren, den sogenannten Zwischenstädten oder edge cities, welche nicht nur die bauliche, ökonomische, soziale und kulturelle Heterogenität fördern, sondern auch das System einer hierarchischen Stadtstruktur mit konzentrisch abfallenden Stadtsilhouetten durchbrechen.

In den neuen Bundesländern setzte ein räumlicher Dekonzentrationsprozess erst Anfang der 90er Jahre ein - nach 44 Jahren sozialistischer Stadtentwicklung - und legt dabei völlig neuartige, dichotome Motivationsstrukturen offen. Es sei darauf hingewiesen, dass es sich bei der postsozialistischen Stadtentwicklung nicht um einen grundsätzlichen Neubeginn handelt, vielmehr knüpft sie an die „vorher entstandenen Flächennutzungsmuster und Sozialstrukturen“[25] an, denen eine Periode sozialistischen Dirigismus übergestülpt wurde. Erstes Anzeichen der Siedlungsdispersion war der Bau von Großsiedlungen am Stadtrand bei gleichzeitig einsetzendem Verfall der alten und teilweise maroden Bausubstanz in den Innenstädten. Die Wohnsuburbanisierung entwickelte dabei eine Dynamik, die selbst jene der 1960er und 70er Jahre im Westen übertraf.[26] Die Gründe dafür liegen zum einen in der aufgestauten Nachfrage nach qualitativ ansprechendem Wohnraum, welcher in den Kernstädten quasi fehlte und dem bisher vorwiegend ländlich geprägten Umland, innerhalb dessen der Dispersionsprozess ungehindert stattfinden konnte. Von motivationslenkender Bedeutung, aber war das vom Bund und den Ländern am 23.9.1993 verabschiedete Fördergebietsgesetz, welches „zur Beschleunigung des wirtschaftlichen Anpassungsprozesses und der Verbesserung der Wohnsituation in den neuen Bundesländern“[27] erlassen wurde und bis zum 31.12.1998 steuerliche Anreize in Form von Sonderabschreibungen (von 50% der Baukosten, vgl. Kap. 3.2) und Abzugsbeträgen auf Immobilien gewährte. Bei gleichzeitig erheblicher Popularisierung der planungsrechtlichen Verfahren entstand ein regelrechter ‚Bauboom auf der grünen Wiese’.

Insofern ist es fragwürdig, ob bezüglich der Wanderungsmotivation von einem oft vorgetragenen „Nachholbedarf gegenüber dem Westen“ gesprochen kann, welcher die intensive Suburbanisierung im Osten hervorgebracht hat. Vielmehr handelt es sich, wenn auch nicht ausschließlich, um einen vom Westen aufoktroyierten Suburbanisierungspfad, der sich durch den ungewöhnlich hohen Anteil kinderloser, finanzstarker Haushalte, welche sich in den neu errichteten mehrgeschossigen Wohnparks niederließen, bestätigte.[28] Diese bisher nicht gekannten, durch ökonomische Anreize geschaffenen Strukturen, weichen spätestens seit dem Auslaufen der Sonderabschreibungen einer konsolidierenden Entwicklung, die nicht zuletzt aufgrund des Kapitalmangels bei potentiellen Eigentumsbildnern und unreflektierten Westinvestitionen in heute leerstehende Wohnblocks im städtischen Umland zum Ausdruck kommt.

2. Charakteristische Muster der Wohnsuburbanisierung

Im Folgenden sollen nun die Dynamik der Wohnsuburbanisierungsmuster dargestellt werden. Die Merkmale beziehen sich mehr auf die Suburbanisierung selbst und weniger auf die Suburbaniten. Doch ist es wohl angebracht, kurz zu erwähnen, dass sich die Lebensweise der Suburbaniten durch den Umzug kaum verändert. Trotz der physisch-konkreten und demographischen Divergenzen wird die bisherige (städtische) Lebensweise meist beibehalten, woraus ersichtlich wird, dass diese Unterschiede für die Lebensweise der Einwohner von geringer Bedeutung sind. „Mit anderen Worten, die Vorstadt selbst verursacht kaum einen Wandel in der Lebensweise“[29]. Eine Abänderung in der Lebensweise ist eher auf andere Umstände zurückzuführen, wie beispielsweise Modifikationen im Lebenszyklus.

Zweifelsohne gibt es charakteristische Muster der Wohnsuburbanisierung, doch ist es erforderlich, zwischen den Merkmalen in den alten und neuen Bundesländern zu unterscheiden, da die jeweiligen Wohnsuburbanisierungsprozesse, wie bereits angerissen, nicht identisch verlaufen.

Zentrales Element der Suburbanisierung in den 1990er Jahren war die interregionale und internationale Wanderung, die aber ausschließlich im Westen einen wachsenden Siedlungsdruck zu Folge hatte, wenn auch wesentlich geringer als in den vorangegangenen Jahrzehnten. In Ostdeutschland erfolgten die Wohnsuburbanisierungsprozesse, wenngleich mit höherer Dynamik, in einer Phase demographischer Schrumpfung.[30] Nach der ersten Abwanderungswelle im Zuge der Wiedervereinigung musste der Osten weitere Bevölkerungsverluste in Kauf nehmen, welche die in Deutschland „charakteristische Süddrift“ (Süd-Nord-Gefälle) ablösten.[31] Noch im Jahr 2000 belief sich das Ost-West-Wanderungssaldo bei minus 61.277 (214.456 Fortzüge nach Westen, 153.179 Zuzüge in den Osten)[32]. Waren es insgesamt die Oberzentren mit über einer Million Einwohner, die im Saldo Wanderungsverluste hinnehmen mussten, so nahm dieser Trend im Osten dramatische Ausmaße an: Von „26 Städten mit einem Bevölkerungsrückgang von mehr als 10.000 Einwohnern (1990-1998) waren nur vier aus den alten Ländern.“[33] Obwohl diese Entwicklung eine enorme Wohnungsbauleistung in den Umlandregionen ostdeutscher Kernstädte zu Folge hatte, die vor allem in den neu errichteten Mehrfamilienhäusern zum Ausdruck kam, konsolidierte sich der Suburbanisierungsgrad (jährlicher Anteilsverlust der Kernstadt in Prozentpunkten der Gesamtbevölkerung des Agglomerationsraumes) am Ende der vergangenen Dekade, nicht zuletzt durch die auslaufenden Sonderabschreibungen, auf welche der „einmalige Bauboom“[34] zweifelsfrei zurückzuführen ist.

2.1. Westdeutschland

Die Vielzahl der Wanderungsströme, namentlich der Ausländerzuzug (siehe Abb. 2.1) und die Ost-West- und Aussiedlerwanderung (2000: 95.615, 2001: 98.484 Zuwanderer[35]) hatten zu Beginn der 1990er Jahre einen städtischen Bevölkerungszuwachs in den westdeutschen Großstädten, wie auch teilweise in ländlichen Räumen, zur Folge. Die natürliche Bevölkerungsentwicklung war dementsprechend von geringer Bedeutung, betrachtet man die quantitative Entwicklung der westdeutschen Regionen.[36] Obwohl diese Entwicklung ohne Zweifel mit dem Trend der 1980er Jahre bricht, sehen Aring/Herfert in diesem kurzzeitigen Wachstum keinen Wandel innerhalb der interregionalen Wanderungsmuster.[37] Vielmehr sind hinsichtlich der Prozessintensität und der räumlichen Ausprägung der Dekonzentrationsprozesse Trendmodifikationen zu konstatieren sowohl auf überregionaler als auch auf intraregionaler Ebene.[38] Müller nennt eine Angleichung der räumlichen Entwicklungsmuster, aus denen heraus kaum noch räumliche Wachstumsmuster erkennbar sind.[39] Noch immer dominiert die Abwanderung der westdeutschen Bevölkerung aus den Kernstädten ins engere Umland[40] (durchschnittlicher jährlicher Anteilsverlust der Kernstädte an der Gesamtbevölkerung der Agglomerationsräume in den 80er und 90er Jahren: 0,15%[41]), wie auch ein Vergleich der städtischen Bevölkerungszahlen von 1996 und 2001 insgesamt bestätigt (siehe Abb. 2.2) und trägt so zu einem relativen oder gar absoluten Wachstum der Regionen bei. Diese dichotome Betrachtung von Kernstadt und Umland aber würdigt nicht die Wanderungsströme „abwärts der zentralörtlichen Gliederung“[42], also die kleinteiligen Wanderungsprozesse, welche intraregional ebenfalls vonstatten gehen. Hier zeigt sich, dass auch das engere Umland teilweise Abwanderungsverluste zugunsten der Peripherie verzeichnete, die vor allem auf die bestehenden Achsenzwischenräume gerichtet waren. Diese Parallelität von sowohl relativen, als auch absoluten Bevölkerungszuwächsen verdeutlicht den diffusen Charakter der Bevölkerungsentwicklung in den 90er Jahren, welche aber nicht auf eine Counterurbanisierung hindeuten, sondern einen „weit in den ländlichen Raum ausstrahlenden Wachstumsgürtel“[43] kennzeichnen, der in den monozentrischen Regionen (Hannover, München) am intensivsten ausgeprägt ist. Sowohl Ober- als auch Mittel- und Unterzentren verzeichneten geringere Wachstumsraten als Gemeinden mit unterzentralem Status. Diese „intraregionale Suburbanisierungstendenz“[44] wird vor allem auf die Nachkommen der ersten Suburnanisierungswelle zurückgeführt, welche in den 1990er Jahren als Nachfrager auf dem Wohnungsmarkt in Erscheinung traten.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb.2.1 : Daten nach Fischer Weltalmanach 1998 (Sp.231) und 2003 (Sp.271)

Der damit hervorgerufene Nachfrageüberhang auf dem kommunalen Wohnungsmarkt hatte einen überproportionalen Anstieg der Immobilienpreise zur Folge, welche dem raumordnungspolitischen Konzept einer dezentralen Konzentration[45] zur Verhinderung einer weiteren Dispersion, wie sie von Seiten des Bundesministeriums für Bau und Wohnungswesen angestrebt wird, entgegenstand. Als Reaktion wurde 1994 eine Novelle des Wohnungsbauförderungsgesetzes vorgenommen (Anhebung der förderberechtigen Einkommensgrenzen, Erwerb von Belegungsrechten, Mischung von Objekt- und Subjektförderung [bisher reine Objektförderung][46]), welche den zentrifugalen Wanderungsströmen Einhalt gebieten sollte. Auch wenn auf Kosten der Kernstädte ein deutlicher Bevölkerungszuwachs im Umland verzeichnet wurde, kam es parallel zu Rückwanderungsbewegungen, welche nach Ansicht von Aring/Herfert aber kein Anzeichen einer Reurbanisierung aufzeigen, sondern Ausdruck lebenszyklischer Entwicklungen sind[47].

[...]


[1] Bahrenberg, S.13

[2] Brake, S. 17

[3] Bahrenberg / Priebs, S. 2/3

[4] Brake, S. 18

[5] Danielzyk ./Priebs S. 261

[6] Brake, S. 19

[7] Brake, S. 21

[8] Brake, S. 21

[9] Müller, u.a., S. 16

[10] Aring / Herfert, S. 43

[11] Knox / Marston, S.161

[12] Knox / Marston, S.523

[13] Friedrichs, a S. 105

[14] Danielzyk /Priebs S. 262

[15] Friedrichs, a S. 105

[16] Heuer, S. 31ff

[17] Heuer, S. 31ff

[18] Meyer, S.24

[19] Friedrichs, b S. 83

[20] Heuer, S. 32

[21] Roth, P. S. 44

[22] Knox / Marston, S.543

[23] Friedrichs, a S. 105

[24] Aring / Herfert, S. 43

[25] Knox / Marston, S. 549

[26] Aring / Herfert, S. 44

[27] Creidfelds Rechtswörterbuch, S.1199

[28] Aring / Herfert, S. 44

[29] Gans S. 76

[30] Aring / Herfert, S. 45

[31] Müller, u.a., S. 10

[32] Daten nach: Weltalmanach 2003, Sp. 271

[33] Aring / Herfert, S. 45

[34] Aring / Herfert, S. 46

[35] Daten nach: Weltalmanach 2003, Sp. 272

[36] Müller, u.a., S. 10

[37] Aring / Herfert, S. 46

[38] Müller, u.a., S. 8

[39] Müller, u.a., S. 8

[40] Müller. u.a. definiert das engere Umland als „Raum mit maximal 20 Kilometern Entfernung zur Grenze der nächstgelegenen Kernstadt“ ( S. 11)

[41] Müller, u.a., S. 11

[42] Aring / Herfert, S. 46

[43] Müller, u.a., S. 11

[44] Nach Böltken, (1995) in Aring / Herfert, S. 46

[45] Dezentrale Konzentration: „Diese Bezeichnung wird für zwei unterschiedliche planerische Vorstellungen verwendet, die auseinander zuhalten sind: (a) Einerseits wird damit eine Entwicklungskonzeption für Regionen in ländlichen Räumen gekennzeichnet, mit der - im Rahmen einer auf interregionalen Ausgleich orientierten Raumordnungspolitik - regionale Potenziale und Entwicklungsaktivitäten auf den größten zentralen Ort der Region konzentriert werden sollen. Dieser soll damit u. a. mit einer größeren Versorgungsbreite ausgestattet werden und als Wachstumspol fungieren. (b) Andererseits wird damit eine Entlastungs- und Ordnungskonzeption für große Verdichtungsräume und ihr weiteres Umland benannt: Ausgesuchte zentrale Orte (Entlastungsorte) in bevorzugten Raumlagen am Rand oder im nahen Umland der Verdichtungsräume sollen kontrolliert Entlastungspotentiale aus den Verdichtungsräumen übernehmen und dabei dem Prinzip der Nutzungsmischung folgen sowie dadurch auch die siedlungsstrukturelle Dispersion im weiteren Umland vermindern.“[Definition nach: http://www.urban21.de/raumordnung/raumentwicklung/inf_konzentration.htm]

[46] Nach: Dilemmata der sozialen Wohnungspolitik: www.inwis.de/htm/publikation/gesamt4.pdf

[47] Aring / Herfert, S. 47

Ende der Leseprobe aus 35 Seiten

Details

Titel
Neue Tendenzen der Wohnsuburbanisierung in Ost- und Westdeutschland
Hochschule
Universität Bremen  (Institut für Geographie)
Veranstaltung
Suburbanisierung
Note
1
Autor
Jahr
2003
Seiten
35
Katalognummer
V13772
ISBN (eBook)
9783638193313
Dateigröße
6186 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Die Arbeit umfasst 34 Seiten !!! mit zahlreichen farbigen Diagrammen, Tabellen,etc. und eignet sich zur Erstellung eines Referates. Zahlreiche Quellen.
Schlagworte
Neue, Tendenzen, Wohnsuburbanisierung, Ost-, Westdeutschland, Suburbanisierung
Arbeit zitieren
Martin Runkel (Autor), 2003, Neue Tendenzen der Wohnsuburbanisierung in Ost- und Westdeutschland, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/13772

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