Die Leidensgeschichte Jesu nimmt in der Überlieferung der Evangelien eine besondere Stellung ein. Sie hebt sich stark von den Berichten über Jesu öffentliches Wirken sowie seine Taten und seine Worte ab.
Im Mittelpunkt der vorliegenden Arbeit stehen das Interesse an einem Vergleich der Leidensgeschichte im Markus- und Johannesevangelium und die Frage, wie das Leiden und Sterben Jesu gedeutet wird. Zunächst müssen die literarischen Bedingungen und Zusammenhänge zwischen den vier Evangelien geklärt und dabei besonders die beiden zu untersuchenden Evangelien in den Blick genommen werden. Bei der anschließenden Analyse soll die Frage nach den Gemeinsamkeiten sowie Unterschieden der beiden Texte beantwortet und ihre besondere Literarizität und Konzeption erarbeitet werden. Dabei liegt der Schwerpunkt besonders auf der Deutung der Person Jesu. Aufgrund der Länge und Komplexität der Erzählungen über das Leiden und Sterben Jesu im Markus- und Johannesevangelium wird die Untersuchung dabei auf vier Abschnitte beschränkt: Die Verhaftung Jesu (Mk 14,43-52 und Joh 18,1-11), das Verhör vor dem Hohen Rat bzw. vor Hannas und die Verleugnung durch Petrus (Mk 14,53-72 und Joh 18,12-27), die Verhandlung vor Pilatus und die Verspottung Jesu durch die Soldaten (Mk 15,1-20a und Joh 18,28-19,16a) und Kreuzigung und Tod Jesu (Mk 15,20b-41 und Joh 19,16b-30.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Literarische und geschichtliche Vorkenntnisse
2.1 Die synoptischen Evangelien
2.2 Das Johannesevangelium
3. Vergleichende Analyse der Passionsberichte nach Markus und Johannes
3.1 Die Verhaftung Jesu (Mk 14,43-52 und Joh 18,1-11)
3.2 Das Verhör vor dem Hohen Rat bzw. vor Hannas und die Verleugnung durch Petrus (Mk 14,53-72 und Joh 18,12-27)
3.3 Die Verhandlung vor Pilatus und die Verspottung Jesu durch die Soldaten (Mk 15,1-20a und Joh 18,28-19,16a)
3.4 Kreuzigung und Tod Jesu (Mk 15,20b-41 und Joh 19,16b-30)
4. Schlussbetrachtung
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit zielt darauf ab, die Leidensgeschichte Jesu im Markus- und Johannesevangelium vergleichend zu analysieren, um Gemeinsamkeiten und Unterschiede in der Deutung von Jesu Leiden und Sterben herauszuarbeiten und die jeweilige literarische Konzeption zu ergründen.
- Literarische und geschichtliche Einordnung der synoptischen Evangelien und des Johannesevangeliums
- Vergleichende Untersuchung der Verhaftung Jesu als zentrales Ereignis
- Analyse des Verhörs vor dem Hohen Rat sowie der Verleugnung durch Petrus
- Untersuchung der Verhandlung vor Pilatus und der Verspottung durch die Soldaten
- Exegese der Kreuzigung und des Todes Jesu im Kontext der Christologie
Auszug aus dem Buch
3.1 Die Verhaftung Jesu (Mk 14,43-52 und Joh 18,1-11)
Die Evangelien nach Markus und Johannes haben bei der Erzählung von Jesu Verhaftung in Gethsemane nach dem Abendmahl einen gemeinsamen Grundbestand: Sie erwähnen, dass Judas bei der Gefangennahme eine wichtige Rolle spielt und dass er nicht alleine an den Ort des Verrats kommt und sie sprechen von der Verletzung des Dieners des Hohenpriesters am Ohr durch einen Schwerthieb.
Markus beginnt seinen episodisch gegliederten Bericht mit den Worten „noch während er [Jesus] redete“ und verbindet die Szene so mit den Jesusworten des vorherigen Verses („Seht, der Verräter, der mich ausliefert, ist da.“). Auch mit der Betitelung des Judas als „einer der Zwölf“ schlägt er den Bogen zu einer vorhergehenden Begebenheit, nämlich der Abmachung des Judas mit den Hohenpriestern, die dann in Vers 44 ausdrücklich genannt wird: Das verabredete Zeichen des Kusses wird durch eine die Heimtücke des Judas charakterisierende Zitation seiner Worte vorgestellt. Dadurch erscheint Judas wie ein ‚Befehlshaber’ der bewaffneten Truppe, die Jesus abführen soll. Der Kuss als Zeichen von Freundschaft und Jüngerschaft wird hier bewusst missbraucht und stellt den ersten Schritt zur Einsamkeit Jesu, von dem sich seine Jünger abwenden werden, dar.
Bei Johannes wird die nach Mk 14,10f. nur zu vermutende Verabredung des Verräters mit den Juden verdeutlicht, indem darauf hingewiesen wird, dass Judas den gewohnheitsmäßigen Aufenthaltsort Jesu kennt und dies ausnutzt. Das Fehlen des Judaskusses ist dabei eine entscheidende Besonderheit des johanneischen Berichts und stellt eine der Grundlagen einer im Vergleich zu Markus anderen Deutung dieser Szene – und darüber hinaus der gesamten Passion Jesu – dar: Jesus selbst ermöglicht die Verhaftung, indem er den Häschern mit den Worten „Wen sucht ihr?“ entgegengeht und sich mit „ich bin es“ zu erkennen gibt. Jesus ist somit der Herr des Geschehens und seine Souveränität macht jegliches weitere verräterische Handeln des Judas zunichte.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung begründet das Forschungsinteresse am Vergleich der Leidensgeschichten in den Evangelien nach Markus und Johannes und legt den Fokus auf die christologische Deutung des Sterbens Jesu.
2. Literarische und geschichtliche Vorkenntnisse: Dieses Kapitel klärt die literarischen Voraussetzungen, insbesondere das synoptische Problem und die Stellung des Johannesevangeliums, um eine Basis für den Textvergleich zu schaffen.
3. Vergleichende Analyse der Passionsberichte nach Markus und Johannes: Der Hauptteil untersucht vier zentrale Abschnitte der Passion auf ihre spezifische Darstellung der Person Jesu und die unterschiedlichen theologischen Akzente.
4. Schlussbetrachtung: Die Schlussbetrachtung fasst die Ergebnisse zusammen und zeigt auf, wie beide Evangelisten die Passion als bewusste theologische Deutung des Leidens und Sterbens Jesu konzipieren.
Schlüsselwörter
Passionsgeschichte, Markus-Evangelium, Johannes-Evangelium, Jesus Christus, Leidensgeschichte, Exegese, Christologie, Synoptiker, Kreuzigung, Pilatus, Judas, Petrus, Theologia crucis, Hoheit, Niedrigkeit
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundlegend?
Die Arbeit befasst sich mit einer vergleichenden Analyse der Leidensgeschichten Jesu in den Evangelien nach Markus und Johannes, um die theologischen Unterschiede und Gemeinsamkeiten bei der Darstellung seines Leidens und Todes herauszuarbeiten.
Was sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Zentrale Felder sind die literarische Einordnung der Texte, die Rolle der Akteure (wie Judas, Petrus und Pilatus), die historische Konzeption der Passionserzählungen sowie die christologische Bedeutung des Todes Jesu.
Welches primäre Ziel verfolgt der Autor mit dieser Analyse?
Ziel ist es, die spezifische Literarizität und Konzeption beider Evangelisten zu erarbeiten und aufzuzeigen, wie sie den leidenden und sterbenden Jesus jeweils als Gottessohn deuten.
Welche wissenschaftliche Methode kommt zur Anwendung?
Die Arbeit nutzt die exegetische Methode zur Textanalyse und Interpretation, wobei sie sich auf den Vergleich der Sprachgestalt und der redaktionellen Gestaltung der Passionsberichte in der Einheitsübersetzung konzentriert.
Was wird im Hauptteil der Arbeit detailliert behandelt?
Der Hauptteil analysiert vier ausgewählte Abschnitte: die Verhaftung Jesu, das Verhör vor dem Hohen Rat bzw. Hannas und die Verleugnung durch Petrus, die Verhandlung vor Pilatus samt Verspottung sowie die Kreuzigung und den Tod Jesu.
Welche Begriffe charakterisieren den Kern dieser Arbeit?
Die Arbeit wird maßgeblich durch Begriffe wie Passionsgeschichte, Christologie, theologia crucis sowie die paradoxe Spannung zwischen Hoheit und Niedrigkeit charakterisiert.
Wie unterscheidet sich die Darstellung von Judas bei Markus und Johannes?
Markus stellt den Judaskuss als Zeichen des Verrats in den Vordergrund, während Johannes auf diesen verzichtet und Jesus als den souveränen Herrn des Geschehens zeichnet, der sein Schicksal aktiv annimmt.
Was ist die Bedeutung des Ausrufs „Es ist vollbracht!“ im Johannesevangelium?
Der Ausruf markiert nach Johannes den Höhepunkt des irdischen Werkes Jesu und unterstreicht seine bewusste Selbsthingabe an den Willen des Vaters im Gegensatz zur markinischen Darstellung der Gottverlassenheit.
- Citation du texte
- Angela Lintzen (Auteur), 2007, „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“ - „Es ist vollbracht!“, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/137727