In ihrem Gedächtnis hatte Hannah Arendt unzählige Verse in der Muttersprache gespeichert.
Zitate aus den Werken von Brecht, Hölderlin, Goethe und Rilke (um nur einige zu nennen) finden sich immer wieder in Hannah Arendts Ausführungen. Oft stellt sie ihren Essays ein Gedicht als Motto voran.
Hannah Arendt ist mit vielen Schriftstellern freundschaftlich verbunden.Freundschaft, das heißt in Bezug auf Hannah Arendt und ihre Schriftsteller-Bekannten vor allem auch: produktive Freundschaft. In zahlreichen Briefen tauscht sie sich mit ihnen über aktuelle politische Ereignisse aus, kommentiert oft leidenschaftlich ihr literarisches Schaffen.
Während die Freundschaften im Studium möglicherweise mehr oder weniger zufällig zustande kamen, sorgt ihre Arbeit als Lektorin in einem New Yorker Verlag schon „von berufswegen“ für interessante Bekanntschaften.
Die vielen freundschaftlichen Kontakte zu Autoren und die Kontakte zu Verlagen scheinen die ideale Ausgangssituation für eine breite Wirkung auf die Literatur zu sein. Das Problem ist freilich, dass diese Ausgangsbasis sich in Amerika befindet, und nicht in Deutschland.
Trotzdem ist Hannah Arendt nicht aus Deutschland verschwunden, zumindest nicht aus dem westlichen Teil. Ist es also möglich, dass die politische Theoretikerin aus dem amerikanischen Exil deutschsprachige Schriftsteller beeinflusste?
Dass Anregeungen aus Hannah Arendts Denken sich sehr positiv auf Literatur auswirken können, zeigt Uwe Johnsons hochgelobte Tetralogie „Jahrestage“.
Mit dem Briefwechsel zwischen Hannah Arendt und Uwe Johnson , der 2004 erschien und einigen Aufsätzen von Bernd Neumann ist diese Konstellation am intensivsten beforscht.Informationen zu weiteren Schriftstellern, die mehr oder weniger stark von Hannah Arendt beinflusst sind, sind schwieriger zu finden.
Meine Arbeit wird sich vorallem auf die genannten Briefwechsel und auf Biographien über Hannah Arendt und über die Schriftsteller stützen. Ebenso Texte von Hannah Arendt und den Schriftstellern und die dazugehörigen Interpretationen und Erläuterungen.
Der erste Teil widmet sich den Voraussetzungen auf Seite Hannah Arendts. Ihrem Interesse an und ihrem Verständnis von Geschichten und ihrem Verhältnis zu den Literaten und dem Literaturbetrieb. Der zweite Teil soll aufzeigen, wie stark Hannah Arendt auf Grund dieser Vorrausetzungen deutschsprachige Schriftsteller geprägt hat.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Hannah Arendt und die Literatur
2.1. Hannah Arendts Literatur Rezeption
2.2. Hannah Arendts Literaturverständnis
2.2.1 “Die Dichtkunst […] ist […] dem Denken […] am nächsten“
2.2.2. Zitierbarkeit anstelle von Tradierbarkeit
2.2.3. Von den Dichtern wird Wahrheit erwartet
2.3. Hannah Arendt und der Literaturbetrieb
3. Hannah Arendts Einfluss auf deutschsprachige Schriftsteller
3.1. „Wir waren einmal Nachbarn am Riverside Drive von New York.“ Hannah Arendts Einfluss auf Uwe Johnson
4. Wirken wider Willen
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht das komplexe Verhältnis zwischen der politischen Theoretikerin Hannah Arendt und der deutschsprachigen Literatur. Ziel ist es zu analysieren, wie Arendts Verständnis von Geschichten, Dichtung und politischer Theorie sowohl ihr eigenes Werk prägte als auch einen spürbaren Einfluss auf verschiedene deutschsprachige Schriftsteller ausübte, wobei insbesondere die produktive Wechselbeziehung zu Autoren wie Uwe Johnson im Fokus steht.
- Hannah Arendts persönliches Literaturverständnis und ihre Rezeptionsgeschichte.
- Die theoretische Verknüpfung von Dichtung, Denken und Geschichtenerzählen.
- Analyse des Austauschs zwischen Arendt und zeitgenössischen Autoren.
- Untersuchung von Arendts Einfluss auf das Werk von Uwe Johnson.
- Die Rolle von Freundschaft und Korrespondenz als intellektuelle Katalysatoren.
Auszug aus dem Buch
2.2.1 “Die Dichtkunst […] ist […] dem Denken […] am nächsten“
„All sorrows can be borne if you put them into a story or tell a story about them.“ Mit diesem Zitat von Isak Dinesen leitet Hannah Arendt das fünfte Kapitel in ihrem Buch Vita activa ein.
Es ist das Kapitel über das Handeln. Die Wahl des Mottos zeigt deutlich: Handeln und Geschichten gehören bei Hannah Arendt zusammen.
Zunächst besteht laut Hannah Arendt eine grundlegende Gemeinsamkeit zwischen dem Handeln und dem Sprechen bzw. Schreiben: „Aufschluss darüber, wer jemand ist, geben implizite sowohl Worte wie Taten;“
Dabei ist Handeln auf Worte angewiesen:
„Das, was von seinem Handeln schließlich in der Welt verbleibt, sind nicht die Impulse, die ihn selbst in Bewegung setzten, sondern die Geschichten, die er verursacht; nur diese können am Ende in Urkunden und Denkmälern verzeichnet werden, in Gebrauchsgegenständen und Kunstwerken sichtbar gemacht werden, im Gedächtnis der Generationen wieder und wieder nacherzählt und in allen möglichen Materialien vergegenständlicht werden.
Die Geschichten selbst aber, in ihrer lebendigen Wirklichkeit, sind keine »Dinge« und müssen erst verdinglicht, d. h. transformiert werden, bevor sie in den gegenständlichen Bestand der Welt eingehen können.“
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Diese Einleitung führt in das Thema ein, indem sie Hannah Arendts umfangreiche „geistige“ Bibliothek und ihre vielfältigen Verbindungen zu Schriftstellern beleuchtet. Sie skizziert zudem die Ausgangslage der Forschungsfrage nach ihrem Einfluss auf deutschsprachige Autoren.
2. Hannah Arendt und die Literatur: Dieses Kapitel widmet sich den theoretischen Voraussetzungen bei Arendt, ihrem Literaturverständnis und ihrem Verhältnis zum Literaturbetrieb sowie der Bedeutung von Dichtung als Medium des Verstehens.
2.1. Hannah Arendts Literatur Rezeption: Hier wird Arendts frühes Interesse an Geschichten und ihre lebenslange enge Verbindung zu literarisch schaffenden Persönlichkeiten dargelegt.
2.2. Hannah Arendts Literaturverständnis: Dieses Kapitel expliziert die philosophische Verzahnung von Handeln, Geschichten und Dichtung im Denken Arendts.
2.2.1 “Die Dichtkunst […] ist […] dem Denken […] am nächsten“: Vertiefung der These, dass Dichtung als Medium die Verbindung von Handeln und Verstehen ermöglicht.
2.2.2. Zitierbarkeit anstelle von Tradierbarkeit: Untersuchung der Einflüsse Walter Benjamins auf Arendts Verständnis von Geschichtsschreibung und der Bedeutung von Erzählfragmenten.
2.2.3. Von den Dichtern wird Wahrheit erwartet: Analyse der moralischen und wahrheitssuchenden Rolle, die Arendt der modernen Literatur im Spannungsfeld von Politik und Gesellschaft zuschreibt.
2.3. Hannah Arendt und der Literaturbetrieb: Darstellung von Arendts Wirken als Lektorin und Vermittlerin in der Nachkriegszeit sowie ihrer Positionierung im intellektuellen Feld.
3. Hannah Arendts Einfluss auf deutschsprachige Schriftsteller: Dieses Kapitel beleuchtet den direkten Dialog und die literarischen Spuren Arendts im Werk verschiedener Autoren wie Broch, Domin und Hochhuth.
3.1. „Wir waren einmal Nachbarn am Riverside Drive von New York.“ Hannah Arendts Einfluss auf Uwe Johnson: Detaillierte Analyse der produktiven Freundschaft und des gegenseitigen Einflusses zwischen Arendt und Uwe Johnson.
4. Wirken wider Willen: Fazit über Arendts indirekte Wirkung als Denkerin, die nicht nach institutioneller Macht strebte, sondern durch ihre Offenheit und ihr Verstehenwollen eine bleibende Inspiration für Künstler blieb.
Schlüsselwörter
Hannah Arendt, Literatur, politische Theorie, Uwe Johnson, Geschichten, Dichtung, Walter Benjamin, Vita activa, Exil, deutsche Literatur, Wahrheit, Verstehen, produktive Freundschaft, Zeitgeschichte, Totalitarismus.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der vorliegenden Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit befasst sich mit der wechselseitigen Beziehung zwischen der politischen Philosophin Hannah Arendt und der deutschsprachigen Literatur und Literaturwelt.
Was sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Zentrale Themen sind Arendts Literaturverständnis, ihre Rolle als Vermittlerin zwischen Kulturen und ihre Einflüsse auf prominente deutschsprachige Autoren des 20. Jahrhunderts.
Welches primäre Ziel verfolgt die Arbeit?
Das Ziel ist es, aufzuzeigen, wie Arendts theoretische Reflexionen über „Geschichten“ und Handeln eine Wirkung entfalteten, die über die akademische Politikwissenschaft hinaus die literarische Praxis prägte.
Welche wissenschaftliche Methode wird in dieser Arbeit verwendet?
Die Autorin stützt sich primär auf die Auswertung von Briefwechseln, Biografien, literarischen Texten sowie zeitgenössischen Interpretationen und Erläuterungen.
Welche Inhalte werden im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine theoretische Fundierung von Arendts Literaturkonzept sowie eine praktische Analyse ihres Einflusses auf ausgewählte Schriftsteller, mit einem Schwerpunkt auf Uwe Johnson.
Durch welche Schlüsselwörter lässt sich die Arbeit am besten charakterisieren?
Die Arbeit lässt sich durch Begriffe wie Hannah Arendt, Literatur, politische Theorie, Uwe Johnson, Verstehen und Geschichten zusammenfassen.
Wie prägte Walter Benjamin das literarische Denken von Hannah Arendt?
Benjamin, als engster Freund im Exil, beeinflusste Arendts methodische Abkehr von chronologischer Geschichtsschreibung hin zur fragmentarischen „Zitierbarkeit“ von Geschichte.
Welchen Stellenwert nimmt Uwe Johnson in Bezug auf Arendts Einfluss ein?
Johnson nimmt eine Sonderrolle ein; sein Werk „Jahrestage“ ist ein besonders gut dokumentiertes Beispiel dafür, wie Arendts Denken und ihre Anwesenheit als Mentorin in den Schaffensprozess eines Schriftstellers eingingen.
- Citation du texte
- Johanna Lauber (Auteur), 2009, Hannah Arendt und die deutsche Literatur, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/137742