Der aktuelle Stand der Leistungsbewertung an Grundschulen sieht so aus, dass sie als ein Instrument der bürokratischen Kontrolle angesehen wird. Ihr Nutzen ist es, formale Entscheidungen der Versetzung oder der Empfehlung einer weiterführenden Schulform zu begründen. Somit ist die Leistungsbewertung an Grundschulen nicht sonderlich nützlich für die individuelle Weiterentwicklung und Förderung der Schüler_Innen und den Unterrichtsprozess. Bislang basiert das Messen und Beurteilen von Leistungen auf systematischen Zusammenhängen, mit dem Ziel der Überprüfung, ob die im Kernlehrplan festgelegten Kompetenzen und Ziele bereits erlangt wurden. Bei dieser Überprüfung wird sich auf die Bezugsnormen der Reliabilität, der Objektivität und der Validität bezogen, wodurch subjektive Faktoren der Bewertung ausgeschlossen werden sollen und die Bewertung somit möglichst gerecht für alle Schüler_Innen werden soll.
Dazu steht allerdings im Widerspruch, dass die zu unterrichtende und bewertende Schüler_Innenschaft heterogen ist. Jeder einzelne Schüler und jede einzelne Schülerin bringt eine individuelle Lernausgangsvoraussetzung mit sich. Die aktuell häufig umgesetzte Bewertung und Beurteilung von Schüler_Innen durch die Ziffernnoten, bei denen die Schüler_Innen möglichst objektiv und somit im Vergleich mit den Mitschüler_Innen und in Bezug auf den Kernlehrplan benotet werden, machen es den Lehrpersonen unmöglich, auf die verschiedenen individuellen Lernausgangsvoraussetzungen der Schüler_Innen einzugehen
und sie zu berücksichtigen. Vor allem in einem inklusiven Schulkontext, in dem die Lernausgangsvoraussetzungen der Schüler_Innen sich noch stärker unterscheiden, da hier nicht nur die soziale und kulturelle Herkunft, das Geschlecht, verschiedene Sprachen, die beherrscht werden, die verschiedenen Religionen und die bisher gesammelten Erfahrungen der Schüler_Innen in die Lernausgangsvoraussetzungen mit einspielen, sondern auch noch verschiedene Beeinträchtigungen und Behinderungen hinzukommen, stellt sich die Frage, ob der aktuelle Stand der Leistungsbewertung an Grundschulen ausreicht, um allen Schüler_Innen gerecht zu werden. In der folgenden Hausarbeit möchte ich genauer darauf eingehen, inwiefern individualisierte Bewertung und Beurteilung vor allem im Kontext inklusiver Beschulung sinnvoll ist und welche Vor- und Nachteile dies mit sich bringen kann.
Inhaltsverzeichnis
1. Thematische Einführung und Herleitung der Fragestellung
2. Zusammenfassung der fachlichen Diskussion
2.1 Was versteht man unter individualisierter Bewertung und Beurteilung?
2.2 Was versteht man unter inklusiver Beschulung?
2.3 Wie sind die Konzepte der individualisierten Bewertung und der inklusiven Beschulung zu vereinbaren?
3. Vorstellung des Praxisbeispiels der Montessori-Grundschule Stuttgart-Hausen
4. Reflexion und Ausblick
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die Sinnhaftigkeit individualisierter Bewertungs- und Beurteilungsformen im Kontext der inklusiven Beschulung. Dabei wird der Frage nachgegangen, wie ein zieldifferenter Unterricht und eine gerechte Leistungsbewertung trotz bestehender bürokratischer Anforderungen an das staatliche Schulsystem realisiert werden können, wobei die Montessori-Grundschule Stuttgart-Hausen als exemplarisches Praxisbeispiel herangezogen wird.
- Aktueller Stand der Leistungsbewertung an Grundschulen
- Herausforderungen heterogener Schülerschaften durch Inklusion
- Pädagogische Diagnostik als Alternative zu Ziffernnoten
- Praxisbeispiele für individualisierte Förderung (Kinderzeugnisse, Hausbesuche)
- Schnittmengen von Montessori-Pädagogik und Inklusionsanspruch
Auszug aus dem Buch
3. Vorstellung des Praxisbeispiels der Montessori-Grundschule Stuttgart-Hausen
Die Montessori-Grundschule in Stuttgart-Hausen wurde im Jahr 1997 von Angelika Müller-Zastrau gegründet und ist eine staatliche Grundschule, die die Reformpädagogik Maria Montessoris als Grundlage hat. Inklusion ist ein fundamentaler Bestandteil der Schule. Die Schüler_Innenschaft ist „kunterbunt und die Integration behinderter Kinder (fast) von Anfang an im Schulprofil verankert. Diese Rahmenbedingungen erforderten eine Pädagogik, die Vielfalt als Chance begreift“ (Seifert & Müller-Zastrau, 2014, S. 160). Es ist demnach zu sagen, dass die Leitidee der Grundschule als eine „Schule für alle“ hier umgesetzt wird.
Laut der Gründerin und Schulleitung Angelika Müller-Zastrau bringt die Integration von Kindern mit Behinderung viele Vorteile mit sich und ermöglicht vielfältige Lernerfahrungen sowohl für die Kinder mit als auch für die Kinder ohne Behinderung.
„Die behinderten Kinder haben das ‚normale Verhalten‘ ihrer gesunden MitschülerInnen vor Augen und orientieren sich daran. Deshalb sind sie stärker herausgefordert und anstrengungsbereiter. Im Zusammenleben mit den nicht behinderten Kindern bleiben ihnen aber oft auch Frustrationserlebnisse nicht erspart. Damit verstehen die behinderten Kinder allmählich umzugehen. Die gesunden MitschülerInnen lernen im Zusammenleben mit ihren behinderten KlassenkameradInnen Rücksichtnahme, Geduld und Verständnis. Somit fordert die Integration behinderter Kinder soziale Lernprozesse geradezu heraus […]“ (Müller-Zastrau, 2005, S. 224).
Zusammenfassung der Kapitel
1. Thematische Einführung und Herleitung der Fragestellung: Das Kapitel erläutert den Fokus auf Leistungsbewertung im Kontext der sonderpädagogischen Förderung und motiviert die Untersuchung zum aktuellen Stand der Leistungsbewertung an Grundschulen.
2. Zusammenfassung der fachlichen Diskussion: Hier werden die theoretischen Begrifflichkeiten von individualisierter Bewertung und inklusiver Beschulung geklärt und deren notwendige Verknüpfung unter komplexen Rahmenbedingungen analysiert.
3. Vorstellung des Praxisbeispiels der Montessori-Grundschule Stuttgart-Hausen: Das Kapitel stellt die konkrete Umsetzung von Inklusion und alternativen Bewertungsmethoden wie Kinderzeugnissen und Hausbesuchen an der ausgewählten staatlichen Montessori-Schule dar.
4. Reflexion und Ausblick: Der Autor schließt mit einer kritischen Würdigung der schulpraktischen Arbeit, bewertet das Erreichte im Lichte einer chancengerechten Pädagogik und identifiziert weiteren Entwicklungsbedarf.
Schlüsselwörter
Inklusion, Leistungsbewertung, Individualisierung, Montessori-Pädagogik, zieldifferentes Lernen, pädagogische Diagnostik, Grundschule, Ziffernnoten, Förderplan, Kinderzeugnis, Heterogenität, Schulentwicklung, Chancengleichheit, sonderpädagogischer Förderbedarf, Bildungssystem
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit befasst sich mit der Frage, wie Leistungsbewertung und Beurteilung in Grundschulen gestaltet sein müssen, um einer durch Inklusion zunehmend heterogenen Schülerschaft pädagogisch gerecht zu werden.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die zentralen Themen sind der Übergang von bürokratischer Leistungsselektion hin zur pädagogischen Diagnostik sowie die empirische Analyse schulpraktischer Modelle der Individualisierung.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es, den Mehrwert individualisierter Bewertungsmethoden im inklusiven Schulalltag zu verdeutlichen und aufzuzeigen, wie diese lernförderlich eingesetzt werden können.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit stützt sich auf eine theoretische Auseinandersetzung mit Fachliteratur sowie auf eine fallbasierte Analyse der Montessori-Grundschule Stuttgart-Hausen als Praxisbeispiel.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine theoretische fundierte Diskussion der Begriffe Inklusion und Bewertung sowie eine detailreiche Vorstellung innovativer Praxisansätze an der Montessori-Grundschule.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Zu den Kernbegriffen zählen Inklusion, Leistungsbewertung, Individualisierung, Montessori-Pädagogik und zieldifferentes Lernen.
Wie gehen Kinder an der Montessori-Grundschule mit ihren eigenen Leistungen um?
Die Kinder sind dazu angehalten, ihre eigenen Leistungen in speziellen Selbsteinschätzungsbögen mit Smileys zu bewerten, um eine eigene Reflexionskompetenz zu entwickeln.
Welche Bedeutung haben die sogenannten Hausbesuche in diesem Schulmodell?
Hausbesuche dienen der Kommunikation zwischen Lehrkräften, Eltern und Kindern in einer vertrauten Atmosphäre, um Zeugnisse und Entwicklungsverläufe ohne den bürokratischen Druck der Schule zu besprechen.
Wie unterscheidet sich die Bewertung zwischen Kindern mit und ohne Behinderung an der Montessori-Grundschule?
Grundsätzlich erhalten alle Kinder verpflichtende staatliche Zeugnisse mit Ziffernnoten; Kinder mit Förderschwerpunkt erhalten zusätzlich etwa alle drei Monate einen ausführlichen individuellen Förderplan.
- Citar trabajo
- Hannah Hübner (Autor), 2020, Individualisierte Bewertung und Beurteilung im Kontext inklusiver Beschulung, Múnich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1379192