Urs Widmers 'Top Dogs' - Eine Analyse

Realitätsfindung als Prozess - gestern, heute und morgen


Hausarbeit, 2009

14 Seiten, Note: 1.5


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung – weshalb das Stück zurzeit be­sonders aktuell ist

2 Was für eine Situation wird dargestellt?

3 Wie ist das Verhältnis zwischen innerem und äusserem Kommunikationssystem?

4 Was für eine Entwicklungsprozesse machen die Figuren durch?

5 Wie muss die offene Form des Stücks inter­pretiert werden?

6 Erhebt das Stück einen prophetischen An­spruch und wenn ja, inwiefern?

1 Einleitung – weshalb das Stück zurzeit be­sonders aktuell ist

In Anbetracht der andauernden weltweiten Finanz- und Wirtschaftskrise, scheint das Werk Top Dogs des Schweizer Autors Urs Widmer besonders aktuell und relevant zu sein. Noch fast nie – sagen viele Experten und Expertinnen – habe sich in jüngster Vergangenheit auf dieser Welt eine derartige Wirtschafts- und Finanzkrise ereignet.

Richtet man den Blick in die USA wird das Ausmass der Krise visuell sichtbar. Tausende leerstehende Häuser waren der Anfang der Krise. Mittlerweile gehen Bilder um die Welt von amerikanischen Mittelstandsfamilien, auf der Strasse lebend, weil sie den Lebensunterhalt nicht mehr bestreiten können. Die amerikanische Regierung, egal ob unter dem demokratischen Präsidenten Barack Obama, oder seinem republikanischen Amtsvorgänger George W. Bush schnürt ein milliardenschweres Hilfspaket nach dem anderen, um der Wirtschaft neuen Schwung zu geben. Dies mutet vor allem in Anbetracht der horrenden Staatsverschuldung dieser Weltmacht bizarr an.

Am Anfang dieser Krise soll ein gnadenloser „Raubritterkapitalismus“, wie es der ehemalige Schweizer Nationalrat und heutige UNO-Sonderbotschafter, Jean Ziegler gerne nennt, gestanden haben. Schuld am derzeitigen Fiasko, welches alle, besonders hart aber Leute aus unteren und mittleren Schichten trifft, soll ein aus den Fugen geratener Neoliberalismus gewesen sein.

Dessen Anfang wird von gewissen Kommentatoren und Kommentatirinnen ziemlich genau festgesetzt: mit dem Amtsantritt von Margaret Thatcher (1979) und ihrem amerikanischen Amtskollegen Ronald Reagan (1980) soll der Weg geebnet worden sein für eine dynamische Wirtschaftsordnung, in welcher immer mehr Institutionen von Staats- in Privathand gewechselt haben. Ferner seien immer mehr staatliche Regulierungen aufgehoben worden, damit sich der Markt frei entfalten könne.

Während dieser ganzen Zeit von den frühen achzigern, als die Katastrophe anscheinend ihr Anfang genommen hat, bis zum heutigen Tag, gab es immer mahnende Finger. Dies nicht nur von gewissen Links-Politikern und Politikerinnen, sondern auch auf künstlerischer Ebene von Autoren und Autorinnen.

Der interessante Aspekt des Buches Top Dogs von Urs Widmer ist gerade, dass es in einer Zeit erschienen ist, als die Börse florierte, als eine Mentalität des anything goes vorherrschend war und jeder, der sein Geld nicht so anlegte, dass es zweistellige Renditen abwarf, entweder belächelt oder bemittleidet wurde.

Bereits in dieser Zeit waren jedoch gewisse Tendenzen erkennbar. In einer – für diese Zeit – sehr ungewöhnlichen Dissidenz, geht Urs Widmer das Thema des Business sehr nüchtern an und weist auf die negativen Seiten den Kapitalismus hin. Er schreibt eher in einer beobachtenden und beschreibenden Sprache als in einer mahnenden. Sein Werk ist in gewissem Masse eine Bestandesaufnahme des Gegenwärtigen, in welchem der Leser oder die Leserin selber merken muss, dass hier etwas schief gegangen ist und dass es so nur schwerlich weitergehen kann.

Gerade durch sein Messen mit der Offenbarung des Johannes, beansprucht das Werk selbst, als prophetisch angesehen zu werden. Wie im Neuen Testament Johannes Dinge sieht, die kommen werden, weil sie kommen müssen, ist auch in Top Dogs eine solche Grundhaltung erkennbar. Zwar ist die Handlung im Stück nicht eine zukünftige Situation, sie ist aber – gerade durch ihre offene Form – in die heutige Zeit übertragbar und beliebig weiterentwickelbar.

2 Was für eine Situation wird dargestellt?

Das gesamte Stück spielt in einem sogenannten Outplacement-Büro, welches entlassenen Kaderleuten einen neuen Arbeitsplatz vermitteln soll. Durch die verschiedenen Figuren, welche alle in einer ähnlichen Situation sind, entsteht die Atmosphäre einer Selbsthilfegemeinschaft, welche sich gegenseitig aufbaut und gut zuredet. Jeder der Figuren hat zwar seine eigene Geschichte, sein eigenes Leben, jedoch ist eine Parallele bei allen Involvierten erkennbar. Die Hauptfiguren sind alles ehemalige Mitarbeiter mittleren oder oberen Kaders, welche aufgrund von Umstrukturierungen, welche sie zum Teil selber mitgestaltet hatten, wegrationalisiert worden sind.

Der Perspektivenwechsel ist hier bemerkenswert. Im Stück fallen also nicht primär die „einfachen Leute“ den Umstrukturierungen und Sparmassnahmen zum Opfer, sondern die Verfechter ebendieser gewinnoptimierenden Massnahmen selber. Der Mitarbeiter wird – unabhängig auf welcher hirarchischen Stufe – vermehrt als Kostenfaktor betrachtet und auch so behandelt.

Zusätzlich wird durch das nicht explizite Aussprechen der Kündigung die Situation komplex. Eine Kündigung wird nicht mehr länger klar als eine solche kommuniziert, sondern es wird dem Mitarbeiter (in diesem Fall Deér) mitgeteilt, dass er sich bei der Outplacing-Unternehmung „kundig machen soll, inwieweit ein Synergieeffekt zwischen meiner und ihrer Arbeit herstellbar ist.“ (Seite 8)

Interesssant hierbei ist, dass eine wachsende Kultur des Outsourcens nicht nur als operative Geschäftsstrategie verwendent wird, um Kosten tief zu halten, sondern es wird auch das Mitteilen einer Kündigung de facto ausgelagert, um möglichen Problemen aus dem Weg zu gehen.

Deér wird erst im Gespräch mit einer Zweitfirma bewusst, dass er seine Arbeitsstelle verloren hat. Das Bewusstsein seiner Freistellung stellt sich nur zögerlich und kontinuierlich ein als eine Art Denkprozess.

Wrage: Was alle Damen und Herren hier verbindet: Sie sind vom Verlust ihres Arbeitsplatzes betroffen und erwarten von uns eine optimale Unterstützung bei ihrer Karrierefortsetzung in einem anderen Unternehmen.

Deér (nimmt die anderen wie neu wahr, als hätten sie die Lepra): Die da, die stehen alle auf der Strasse?

Wrage: Hier ist jeder in der gleichen Lage.

Deér: Ja. Das kommt jetzt immer häufiger vor.

(Seite 10)

Durch das Verpacken der Kündigung in wohlwollende Phrasen wird das Missverständnis möglich, vor allem deshalb, weil Deér die Realität bewusst nicht wahrhaben will. Seine Entlassung stellt für ihn etwas dar, das es nicht geben kann, weil es es nicht geben darf. Durch seinen Status in der Firma, sein Know-How und seine Leistungen ist für ihn eine Entlassung nicht denkbar. Obschon er selber seine – zum Teil langjährigen – Mitarbeiter entlassen hat, geht er davon aus, dass dieses Schicksal ihn nicht treffen kann.

Das Verstehen und Akzeptieren seiner Entlassung muss als ein Prozess betrachtet werden: vom verzweifelten Abstreiten und Schönreden der Tatsachen zum Akzeptieren der Sachlage.

Dieser Prozess der Realitätsfindung und des neuen Bewusstseins, der hier im kleinen Rahmen in Form dieses Gesprächs stattfindet, ist ein Kernthema des Stücks, welches sich lohnt, genauer zu analysieren: Alle Figuren nämlich versuchen, sich einzureden, dass ihre Entlassung kein grösseres Problem für sie darstelle und durchlaufen im Anschluss einen Prozess der Reinigung, in welchem nach und nach ihre wahren Gefühle zum Vorschein kommen. Die Figuren merken: durch das Bagatellisieren und Schönreden ihrer Entlassung, belügen sie sich selber.

Im Folgenden soll also vor allem der Frage nachgegangen werden, was die Figuren für einen Prozess durchlaufen und weshalb. Es soll später der Bogen gespannt werden zur Frage, was dies für unseren Umgang und unser Wahrhaben-Wollen der derzeitigen Finanzkrise bedeutet.

[...]

Ende der Leseprobe aus 14 Seiten

Details

Titel
Urs Widmers 'Top Dogs' - Eine Analyse
Untertitel
Realitätsfindung als Prozess - gestern, heute und morgen
Hochschule
Fachhochschule Nordwestschweiz
Note
1.5
Autor
Jahr
2009
Seiten
14
Katalognummer
V137981
ISBN (eBook)
9783640464937
ISBN (Buch)
9783640462087
Dateigröße
424 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Kapitalismus, Manager, Wirtschaftskrise, Urs Widmer
Arbeit zitieren
Jerome Schwyzer (Autor), 2009, Urs Widmers 'Top Dogs' - Eine Analyse, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/137981

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