Zahlreiche Pädagogen und Wissenschaftler haben sich bereits mit der Thematik der Gewalt im Zeichentrickfilm auseinander gesetzt. Helga Theunert und Bernd Schorb untersuchten unter Anderem die Wahrnehmungsweise von Vorschulkindern in Bezug auf gewalthaltige
Zeichentrickinhalte (vgl. 1996). Bernd Schneider befasste sich in seinen Studien mit den möglichen Konfliktlösungen in Zeichentrickfilmen (vgl. 1995). Ingrid Paus-Haase durchleuchtete die Heldenfiguren in Zeichentrickfilmen mit gewaltvollen Inhalten (vgl. 1992). Sie alle beschäftigen sich mit der Wirkung von Gewalt auf Kinder im Zeichentrickfilm. Allerdings bleiben sie relativ oberflächlich, wenn es um die konkrete Gewaltdarstellung geht.
Eine Ausnahme bildet dabei Claudia Rathmann, die in ihrer Analyse sowohl auf inhaltliche als auch formale Aspekte der Gewaltdarstellung beim Zeichentrickfilm eingeht (vgl. 2004).
Allerdings liegt der Fokus ihrer Analyse lediglich auf „lustigen Cartoons“. Vergleicht man die Hauptaussagen bezüglich der dargestellten Gewalt in Zeichentrickfilmen der genannten Arbeiten, dann lassen sie sich in zwei Punkten zusammenfassen:
1. Gewalt im Zeichentrickfilm ist stets gerechtfertigt
2. Gewalt im Zeichentrickfilm bleibt stets folgenlos
Unbestritten sind diese zwei angeführten Punkte die wichtigsten Eigenschaften von Gewalt im Zeichentrickfilm. Allerdings gibt es unterschiedliche Rechtfertigungen und Motive, genauso
wie es unterschiedliche Formen und sogar Funktionen von Gewalt in Zeichentrickfilmen gibt. Hoefer nennt z.B. die Faszination als eine mögliche Funktion von Gewalt im Zeichentrickfilm. Dadurch werden bereits die Kleinsten an das Fernsehprogramm gebunden
und somit zu Opfern der Werbeindustrie (vgl. 1995, 246). Vollbrecht führt als weitere Funktion auch Angstbewältigung auf (vgl. 2001, 169). Es wird sich zeigen, dass Gewalt im Zeichentrickfilm durchaus auch pädagogische
Funktionen einnimmt, um damit Normvorstellungen und Regeln der Gesellschaft zu verdeutlichen. Entscheidend ist dabei auch die Darstellungsweise, die mit dem Inhalt Hand in
Hand einhergehen muss, damit eben unerwünschte Wirkungen bei den Rezipienten ausbleiben. In dieser Arbeit wird versucht unter die Oberfläche von „gerechtfertigt und folgenlos“ vorzudringen, und mehr auf die inhaltlichen und formalen Aspekte der
Gewaltdarstellung in Zeichentrickserien1 einzugehen.
Inhaltsverzeichnis
1. Vorwort
2. Definition von Gewalt im Zeichentrickfilm
3. Analyse
3.1 Vorerwartungen
3.2 Formen und Funktion von Gewalt im Zeichentrickfilm
3.2.1 Gewalt als Streich, Spiel, Blödelei
3.2.2 Gewalt als gerechte Strafe für den Bösen
3.2.3 Gewalt als Ausdruck von Unvermögen
3.2.4 Gewalt als Strafe für Unvermögen
3.2.5 Gewalt in Form von sportlichen Aktivitäten
3.2.6 Funktionen von Gewalt im Fokus
3.3 Vertrautes Umfeld aber doch ganz anders
3.4 Inszenierung der Gewaltakte und ihre Folgen
3.4.1 Auf audiovisueller Ebene
3.4.2 Auf rein akustischer Ebene
3.5 Komik als Resultat der Inszenierung
4. Schlussbetrachtung
Zielsetzung & Themen
Diese Arbeit untersucht die inhaltlichen und formalen Aspekte von Gewaltdarstellungen in Zeichentrickserien des täglichen Nachmittagsprogramms. Ziel ist es, unter die Oberfläche der üblichen Einschätzungen („gerechtfertigt und folgenlos“) zu blicken und die Mechanismen aufzudecken, die es ermöglichen, gewalthaltige Inhalte für Kinder als unterhaltend und unbedenklich zu inszenieren.
- Mechanismen der Gewaltlegitimation im Zeichentrick
- Die Rolle von Humor und Slapstick bei der Wahrnehmung von Gewalt
- Das Zusammenspiel von visueller und akustischer Inszenierung
- Einflussfaktoren wie Vorerwartungen und Setting auf den Rezipienten
- Die pädagogische und dramaturgische Funktion von Gewalt im Trickfilm
Auszug aus dem Buch
3.1 Vorerwartungen
„Es ist durchaus möglich, dass Rezipienten z.B. fiktionale Massaker oder einen Mord im Zeichentrickfilm kognitiv als starke Gewalt identifizieren, aber soviel Abstand dazu besitzen, dass sie diese Szene affektiv nicht als besonders schrecklich oder schlimm erachten“(Früh zit. N. Rathmann 1995, 184)
Während Film und Fotografie, aufgrund ihrer Fähigkeit die Realität abzubilden, dem Betrachter den Eindruck einer realen Welt illusionieren, ist beim Zeichentrick schon aufgrund seiner Machart erkennbar, dass es sich nicht um Realität handeln kann, unabhängig davon, wie realistisch die Darstellungen auch sein mögen (vgl. Dolle-Weinkauf 2007, 127). Dementsprechend harmlos sind auch die Vorwartungen bezüglich der Inhalte, die in ihnen dargestellt werden. Diese Tatsache beeinflusst die Wahrnehmung enorm. Bunte Farben in Kombination mit runden Formen werden als ein Zeichen für Harmlosigkeit gesehen und erlauben dadurch schon von vornherein mehr Gewaltaktionen. Man sieht die Aktionen gewissermaßen durch eine „rosarote Brille“ und diese wirkt, solange die Inhalte und Darstellungsweisen eine gewisse Legitimationsgrenze nicht überschreiten.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Vorwort: Dieses Kapitel führt in den Forschungsgegenstand ein und verdeutlicht, dass Gewalt im Zeichentrickfilm bisher oft nur oberflächlich als „gerechtfertigt und folgenlos“ beschrieben wurde.
2. Definition von Gewalt im Zeichentrickfilm: Hier erfolgt eine theoretische Abgrenzung von Mediengewalt, wobei insbesondere auf die genrespezifische künstliche Darstellung von Gewalt im Zeichentrick eingegangen wird.
3. Analyse: Das Kernkapitel untersucht die Einflussfaktoren auf die Gewaltwahrnehmung, von Vorerwartungen über spezifische Gewaltformen bis hin zur akustischen und visuellen Inszenierung und deren komischer Wirkung.
4. Schlussbetrachtung: Das Fazit fasst zusammen, dass Gewalt im Zeichentrickfilm eine instrumentelle Rolle einnimmt und durch geschickte Inszenierung der Folgenlosigkeit so entschärft wird, dass sie den Anforderungen an kindgerechte Unterhaltung entspricht.
Schlüsselwörter
Zeichentrickfilm, Gewaltdarstellung, Medienpädagogik, Folgenlosigkeit, Gewaltlegitimation, Slapstick, Rezeptionsanalyse, Kindermedien, Inszenierung, Kontrapunktierung, Fiktionalität, Actioncartoons, Komik, Zeichentrickserie, Medienwirkung
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Diplomarbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert die Art und Weise, wie Gewalt in Zeichentrickserien des Nachmittagsprogramms dargestellt wird und welche Mechanismen dazu führen, dass diese Darstellungen von jungen Zuschauern als harmlos wahrgenommen werden.
Welche zentralen Themenfelder werden bearbeitet?
Zentrale Themen sind die Legitimation von Gewalt, die Rolle der Komik als Distanzierungsmittel, die Bedeutung von Inszenierungsformen sowie der Einfluss von Setting und audiovisueller Gestaltung.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es, aufzuzeigen, wie Zeichentrickfilme durch spezifische formale und inhaltliche Mittel eine „Schwelle“ erzeugen, die es erlaubt, Gewalt innerhalb eines kindgerechten Rahmens zu präsentieren.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit stützt sich auf eine tiefgehende Analyse fachwissenschaftlicher Literatur und wendet diese auf die Strukturen und erzählerischen Muster von Zeichentrickserien an.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Analyse von Vorerwartungen, die Klassifizierung von Gewaltformen und -funktionen sowie die Untersuchung der audiovisuellen Inszenierung, einschließlich der komischen Wirkung von Gewalt.
Welche Schlüsselbegriffe charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind Folgenlosigkeit, Gewaltlegitimation, Fiktionalität, Zeichentrickgewalt, künstliche Darstellungen und die komikstiftende Wirkung von Slapstick.
Wie spielt die „Folgenlosigkeit“ eine Rolle für die Akzeptanz?
Die Folgenlosigkeit ist entscheidend, da sie verhindert, dass beim Kind Angst oder Mitleid mit den Figuren evoziert wird; Charaktere „erholen“ sich nach Gewaltakten sofort, wodurch die Realität der Gewalt ausgeblendet wird.
Warum wirkt Gewalt im Zeichentrickfilm oft komisch statt abschreckend?
Dies liegt an der bewussten Inszenierung, die oft gegen Gesetze der Logik oder Natur verstößt, sowie am „Distanzblick“, der durch die stilisierte und irreale Darstellung (z.B. Deformierung wie bei einem Gummiband) ermöglicht wird.
Was hat es mit dem „Legitimationsecho“ auf sich?
Das Legitimationsecho beschreibt den Zirkelschluss, dass die komische Inszenierung der Gewalt beim Rezipienten Lachen auslöst, welches wiederum die Akzeptanz und Legitimation des Gewaltaktes im Zeichentrickkontext weiter verstärkt.
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- Paul Lehmann (Autor), 2009, Nicht nur gerechtfertigt und folgenlos, Múnich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/138029