In der jüngsten Vergangenheit wurde der Begriff „alternativlos“ im Kontext von Entscheidungsprozessen hervorgehoben, wobei suggeriert wird, dass keine Alternativen oder Diskussionen notwendig sind. Diese Vorstellung wird vor allem in der Corona-Pandemie deutlich, in der jede politische Entscheidung potenziell ungewisse zukünftige Folgen hat. In der modernen Demokratie, wie in Deutschland, zeigt sich die Gemeinsamkeit der ungewissen Zukunft unter Politikern, die Entscheidungen von hoher Bedeutung treffen müssen. Auch die Wissenschaft steht vor einem Dilemma, da sie Prognosen über ungewisse Entwicklungen abgeben soll. Dies politisiert das wissenschaftliche Wissen und führt zu Fragen über die Rolle der wissenschaftlichen Politikberatung in der Prognose von zukünftigen Entwicklungen. Der Text schlägt die Systemtheorie als Forschungsansatz vor, um diese Problematik in den Dimensionen Sach-, Zeit- und Sozialdimension zu analysieren.
Die moderne, funktional differenzierte Gesellschaft konfrontiert Politik und Wissenschaft mit komplexen Herausforderungen. Ohne territoriale Grenzen fließen Daten, Waren und Geld grenzenlos durch die Welt, während sich die Gesellschaft in autonome Funktionssysteme wie Politik, Wirtschaft, Wissenschaft und Massenmedien aufteilt. Diese Systeme agieren selbstreferenziell und autopoetisch. Die moderne Gesellschaft unterteilt sich in Risiken, die sowohl unvermeidbar als auch selbstproduziert sind, wobei das Risiko in Entscheidungen liegt, die im Unbekannten getroffen werden. Luhmann beschreibt diese Situation als Risikogesellschaft, wobei Baumann und Vorderstraße den Begriff weiter präzisieren. Die Unsicherheit in der Sachdimension, die Unversehrtheit in der Sozialdimension und die Ungewissheit in der Zeitdimension charakterisieren das Dilemma, in dem sich Wissenschaft und Politik befinden. Dabei werden Fragen aufgeworfen, wie diese Systeme interagieren können, wenn sie gleichzeitig vor äußeren Einflüssen geschützt werden müssen, und wie Entscheidungen im Kontext der unbekannten Zukunft getroffen werden können.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Problemskizze und Lösungsansatz
3. Theoretische und Methodologische Grundlage
3.1. Die Drei Sinndimensionen
4. Interaktion zwischen Wissenschaft und Politik aus Sicht der Systemtheorie
4.1. Politikberatung als Interaktion (Sozialdimension)
4.1.1. Die Unversehrtheit des eigenen Systems
4.2. Die Grenzen der Interaktion (Sachdimension)
4.2.1. Unsicherheit der Beobachtung
4.3. Das Risiko der Interaktion (Zeitdimension)
4.3.1. Ungewissheit der Zukunft
5. Diskussion
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht die Interaktion zwischen den Systemen Wissenschaft und Politik während der Corona-Pandemie auf Basis der systemtheoretischen Konzepte von Niklas Luhmann, um zu klären, wie wissenschaftliche Politikberatung unter Bedingungen hoher Unsicherheit und systemischer Differenzierung möglich ist.
- Anwendung der Luhmannschen Systemtheorie als gesellschaftstheoretischer Analyserahmen.
- Analyse der drei Sinndimensionen: Sachdimension, Sozialdimension und Zeitdimension.
- Untersuchung der Politikberatung als Instrument zur Kommunikation zwischen autopoetischen Systemen.
- Reflexion über Wissensproduktion, Macht und die Rolle von Experten in einer Risikogesellschaft.
Auszug aus dem Buch
Die Unversehrtheit des eigenen Systems
Welche Bedeutung die Unversehrtheit des eigenen Systems hat, kann anhand zweier Phänomene innerhalb der Corona-Pandemie aufgezeigt werden. Zum einen ist eine Verlagerung der wissenschaftlichen Politikberatung zu beobachten. Denn der überwiegende Teil der wissenschaftlichen Politikberatung findet routinemäßig in vorgesehenen institutionalisierten Bereichen statt. In vielen Fällen wird auch das formale Beratungsformat durch ein informales ergänzt, indem politische Entscheider geplant oder spontan wissenschaftliche Experten zur Diskussion treffen. Dabei stehen unzählige Thinktanks, Politikberater oder Wissenschaftsorganisationen zur Verfügung. Diese Art der Beratung vollzieht sich in den meisten Fällen unter Ausschluss der Öffentlichkeit.
Seit dem Beginn der Pandemie im März 2020 ist zu beobachten, dass der Direktor des Instituts für Virologie der Berliner Charité, Christian Dorsten, und der Präsident des Robert-Koch-Instituts (RKI), Lothar Wieler, bei diversen Pressekonferenzen regelmäßig den Platz neben dem Gesundheitsminister Jens Spahn einnehmen. Diese Form der wechselseitigen Legitimierung von Wissenschaft und Politik unter der Beobachtung der Öffentlichkeit scheint für die Politik dann geeignet, um eine öffentliche Akzeptanz für zum Teil drastische Maßnahmen zu erlangen (Weingast 2021:29-31). Dabei lässt sich dies auf das Interesse der Unversehrtheit des eigenen Systems der Politik zurückführen.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Diese Einleitung führt in die Problematik einer alternativlosen politischen Entscheidungsfindung in einer ungewissen Zukunft ein und stellt die systemtheoretische Relevanz der wissenschaftlichen Politikberatung vor.
2. Problemskizze und Lösungsansatz: Das Kapitel skizziert die Herausforderungen der funktional differenzierten Gesellschaft und die Rolle von Risiko und Unsicherheit bei Entscheidungen politischer Akteure.
3. Theoretische und Methodologische Grundlage: Hier werden die systemtheoretischen Grundlagen nach Luhmann dargelegt, insbesondere die Definition des sozialen Systems und die Bedeutung der Beobachtung zweiter Ordnung.
3.1. Die Drei Sinndimensionen: Dieses Kapitel erläutert die für die Analyse zentralen Dimensionen (Sach-, Zeit- und Sozialdimension) und deren Korrespondenz mit spezifischen Problemen.
4. Interaktion zwischen Wissenschaft und Politik aus Sicht der Systemtheorie: Das Hauptkapitel expliziert die Interaktionsmöglichkeiten zwischen den selbstreferentiellen Systemen Wissenschaft und Politik im Kontext der Politikberatung.
4.1. Politikberatung als Interaktion (Sozialdimension): Fokus auf die wechselseitige Einflussnahme und Legitimierung durch Politikberatung unter Berücksichtigung der systemischen Unversehrtheit.
4.1.1. Die Unversehrtheit des eigenen Systems: Untersuchung der Strategien politischer Systeme zur Wahrung der Unversehrtheit gegenüber der Öffentlichkeit und externem Druck.
4.2. Die Grenzen der Interaktion (Sachdimension): Analyse der systemischen Leitdifferenzen, die als Grenze für eine effektive Wissensübertragung zwischen den Systemen fungieren.
4.2.1. Unsicherheit der Beobachtung: Diskussion über die Gefahr der Instrumentalisierung von Expertise zur Legitimierung politischer Macht, ungeachtet wissenschaftlicher Wahrheitsansprüche.
4.3. Das Risiko der Interaktion (Zeitdimension): Betrachtung der Zeitdimension im Rahmen der Risikogesellschaft und die Schwierigkeit, Zukünfte in einer Gegenwart der Krisenbewältigung zu prognostizieren.
4.3.1. Ungewissheit der Zukunft: Reflexion über die Grenzen langfristiger Planung und das notwendige "Durchwursteln" politischer Systeme bei chronischer Zukunftsungewissheit.
5. Diskussion: Abschließende Synthese der Ergebnisse, welche die Möglichkeiten und Grenzen der Politikberatung aus systemtheoretischer Sicht zusammenfassend bewertet.
Schlüsselwörter
Systemtheorie, Niklas Luhmann, Politikberatung, Wissenschaft, Politik, Corona-Pandemie, Risikogesellschaft, Sinndimensionen, Kommunikation, Unversehrtheit, Unsicherheit, Ungewissheit, Expertise, Beobachtung zweiter Ordnung, Doppelte Kontingenz.
Häufig gestellte Fragen
Was ist das grundlegende Thema dieser Arbeit?
Die Arbeit analysiert die Interaktion zwischen dem Wissenschaftssystem und dem politischen System in der Zeit der Corona-Pandemie aus systemtheoretischer Perspektive.
Welche zentralen Themenfelder stehen im Mittelpunkt?
Zentrale Felder sind die Möglichkeiten und Grenzen der wissenschaftlichen Politikberatung, der Umgang mit systemischer Unsicherheit sowie die Rolle von Expertise in einer Risikogesellschaft.
Was ist das primäre Ziel der Forschungsarbeit?
Das Ziel ist es, aufzuzeigen, wie Politikberatung trotz der systemtheoretischen Annahme autopoetischer, geschlossener Systeme als funktionale Kommunikation zwischen Politik und Wissenschaft stattfinden kann.
Welche wissenschaftliche Methode wird angewendet?
Die Untersuchung basiert auf dem konstruktivistischen Ansatz der Luhmannschen Systemtheorie, insbesondere der Analyse mittels der drei Sinndimensionen und der Beobachtung zweiter Ordnung.
Was sind die inhaltlichen Schwerpunkte des Hauptteils?
Der Hauptteil behandelt die Sozial-, Sach- und Zeitdimensionen der Interaktion, die Unversehrtheit der Systeme, die Rolle von Macht und Wahrheit sowie die Problematik von Expertenwissen bei politischer Entscheidungsfindung.
Welche Schlagwörter definieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind Systemtheorie, Risikogesellschaft, Politikberatung, Sinndimensionen und die Unterscheidung zwischen Wissenschaft und Politik.
Wie unterscheidet sich die "Unversehrtheit" in Politik und Wissenschaft während der Pandemie?
Während die Politik ihre Unversehrtheit durch den Druck öffentlicher Akzeptanz und Wahlen sichern muss, gewährleistet die Wissenschaft ihre Unversehrtheit durch die interne Reproduktion und Überprüfung von Wahrheitskriterien.
Inwiefern beeinflussen Bundestagswahlen die politische Kommunikation zur Pandemie?
Wahlen erhöhen den Druck auf die Regierung zur Unversehrtheitssicherung, was zu einer verstärkten Ideologisierung von wissenschaftlichen Erkenntnissen durch Opposition und Regierung führt, um politisches Kapital zu gewinnen.
Kann wissenschaftliche Beratung laut der Arbeit ein politisches Problem vollständig lösen?
Nein. Da die Zukunft ungewiss ist und die Systeme (Politik/Wissenschaft) unterschiedlichen Logiken folgen, können politische Probleme nicht allein durch Expertenwissen gelöst werden; Beratung dient primär der Vermehrung von Alternativen.
- Citar trabajo
- Marius Kossmann (Autor), 2021, Interaktion aus Sicht der Systemtheorie zwischen Wissenschaft und Politik während der Corona-Pandemie, Múnich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1381824