In seiner Habilitationsschrift >Über den Begriff der Zahl< erwähnt der junge Husserl beiläufig die "bekannte Definition des Aristoteles der Zeit". Husserl legt der aristotelischen Bestimmung der Zeit als "Zahl der Bewegung" keine andere Bedeutung bei, als auf die "erst seit Kant geläufige Bestimmung der Zahl als Anschauungsform der Zeit" bestenfalls vorausgedeutet zu haben, indem Aristoteles eine Definition findet, die Zeit und Zahl zusammendenkt. Die schwierige Stelle aus der Physik des Aristoteles lautet im griechischen Original: τοῦτο γάρ ἐστιν ὁ χρόνος ἀριθμὸς κινήσεως κατὰ τὸ πρότερον καὶ ὕστερον. Heidegger übersetzt 1924 zunächst: "Denn das ist die Zeit, das Gezählte an der Bewegung im Hinsehen auf vorher und nachher." Schließlich gibt Heidegger im Jahr 1927 zwei weitere Übersetzungen: "Das nämlich ist die Zeit, das Gezählte an der im Horizont des Früher und Später begegnenden Bewegung." - und: "das nämlich ist die Zeit: ein Gezähltes an der im Horizont des Früher und Später (an der in dem Hinblick auf Vor und Nach) begegnenden Bewegung." Weder Husserls noch Bergsons Zeitanalysen thematisieren, worum es Heidegger geht, den "Nachweis des Ursprungs der öffentlichen Zeit" - der »Weltzeit« - "aus der faktischen Zeitlichkeit", d.h. ohne Rückgriff auf mathematische und physikalische Vorstellungen eines euklidischen oder nicht-euklidischen Raums. Die Arbeit rekonstruiert Heideggers Zeitdenken vor der berühmten »Kehre«, das sich mit Heideggers Auslegung der aristotelischen Bestimmung der Zeit in dem Abschnitt >Ontologische Differenz< der Vorlesung >Die Grundprobleme der Phänomenologie< zugleich vollendet und die »Kehre« vorbereitet, in seinen Grundzügen.
Wenn Heidegger nach der »ursprünglichen Zeit« fragt, geht es ihm wesentlich um die Explikation der apriorischen Kategorie »Zeit« als einer ekstatisch-horizontalen Zeitstruktur, die alle Seins- und Welterkenntnis ursprünglich überhaupt erst ermöglicht. Der Verfasser zeichnet im Detail nach, wie Heidegger das der Zeit Rechnung tragende (und von daher über eine »Zeitrechnung« verfügende) »In-der-Zeit-Sein« - die ekstatische Einheit des »Gewärtigend-behaltenden-Gegenwärtigens«, das aus der »ursprünglichen Zeitlichkeit« entspringt und Anwesendes in die »Gegenwart« begegnen lässt – entfalten kann als eine je wechselnd »gespannte Jetzt-Zeit«, in der die jeweilige (zeitliche und nicht räumliche) »Erstreckung« bzw. »Dehnung der Zeit« der jeweiligen »Bedeutsamkeit« des »in der Zeit Entdeckten« entspricht.
Inhaltsverzeichnis
A. Einleitung
B. Philosophie als Ursprungswissenschaft
C. Die ursprüngliche Zeitigung der ekstatisch-horizontalen Zeitlichkeit
D. Die Zeitigung der Möglichkeit von ausgesprochener und besorgter Innerzeitigkeit durch die ekstatische Einheit des Gewärtigend-behaltenden Gegenwärtigens
D.1 Bedeutsamkeit
D.2 Datierbarkeit
E. Der »vulgäre Zeitbegriff«
F. Heideggers Auslegung der aristotelischen Zeitanalyse
Zielsetzung und thematische Schwerpunkte
Die vorliegende Hausarbeit verfolgt das Ziel, Heideggers Verständnis von Zeit vor der berühmten „Kehre“ nachzuvollziehen. Dabei steht insbesondere die Frage im Mittelpunkt, wie Heidegger das alltägliche und wissenschaftliche Zeitverständnis in seiner „Sein und Zeit“-Analyse sowie in den „Grundproblemen der Phänomenologie“ durch die Auslegung der aristotelischen Zeitanalyse dekonstruiert und neu begründet.
- Phänomenologische Analyse des alltäglichen Zeitverständnisses
- Untersuchung von Heideggers Auseinandersetzung mit Aristoteles' Zeitbegriff
- Erarbeitung der Strukturen von „Ursprünglicher Zeitlichkeit“ versus „vulgärer Zeit“
- Die Rolle der „Innerzeitigkeit“ und „Datierbarkeit“ im Dasein
- Verhältnis von Zeit und Zahl in der metaphysischen Tradition
Auszug aus dem Buch
Heideggers Auslegung der aristotelischen Zeitanalyse
Aristoteles sagt: τοῦτο γάρ ἐστιν ὁ χρόνος ἀριθμὸς κινήσεως κατὰ τὸ πρότερον καὶ ὕστερον.
In der Abhandlung Der Begriff der Zeit aus dem Jahr 1924 führt Heidegger diese aristotelische Bestimmung der Zeit als die erste thematische Auslegung des »vulgären« Zeitbegriffs ein, um in einem Rückgriff auf die „ontologische Ursprungsgeschichte des Zeitbegriffs“ zu zeigen, daß das Dasein auch da, wo es ausdrücklich nach dem Wesen der Zeit fragt, im Sinn des gegenwärtigenden Besorgens fragt und antwortet.
Heidegger übersetzt: „Denn das ist die Zeit, das Gezählte an der Bewegung im Hinsehen auf vorher und nachher.“ und erläutert seine Übersetzung: Das besorgend mitgehende Hinsehen auf den wandernden Schatten sagt: jetzt da, jetzt da .... Das Jetzt=sagen trägt in sich das Hinsehen auf das Vor und Nach der Orte – der Ortsfolge. Das Jetzt=sagen spricht den wandernden Schatten auf seine Anwesenheit hin an und macht diese ausdrücklich zugänglich. In der Abhebung des einen Jetzt gegen das andere wird das ganze jeweilige »Da« des wandernden Schattens verfügbar. Das Jetzt=sagen »zählt«.
Zunächst ist zu bemerken, dass, wenn Heidegger κατὰ als »im Hinsehen auf« übersetzt, das wort-wörtlich gemeint ist: Das besorgend mitgehende Hinsehen auf [...] sagt jetzt da, jetzt da ... Das Jetzt=sagen trägt in sich das Hinsehen auf das Vor und Nach der Orte – der Ortsfolge [...]
Zusammenfassung der Kapitel
A. Einleitung: Darstellung des Forschungsgegenstandes und Einordnung der aristotelischen Zeitdefinition im Kontext von Husserl und Heidegger.
B. Philosophie als Ursprungswissenschaft: Untersuchung von Heideggers Konzeption der Philosophie als hermeneutische Phänomenologie des faktisch-historischen Lebens.
C. Die ursprüngliche Zeitigung der ekstatisch-horizontalen Zeitlichkeit: Erklärung der Zeitlichkeit als ekstatische Einheit von Zukunft, Gewesenheit und Gegenwart.
D. Die Zeitigung der Möglichkeit von ausgesprochener und besorgter Innerzeitigkeit durch die ekstatische Einheit des Gewärtigend-behaltenden Gegenwärtigens: Analyse der Innerzeitigkeit sowie der Rolle von Bedeutsamkeit und Datierbarkeit im besorgenden Umgang.
E. Der »vulgäre Zeitbegriff«: Kritik der in der Alltäglichkeit nivellierten Zeitvorstellung und der Vorstellung einer unendlichen Jetzt-Reihe.
F. Heideggers Auslegung der aristotelischen Zeitanalyse: Detaillierte philologische und phänomenologische Untersuchung der aristotelischen Definition der Zeit als „Zahl der Bewegung“.
Schlüsselwörter
Martin Heidegger, Aristoteles, Zeitlichkeit, Phänomenologie, Dasein, Innerzeitigkeit, vulgärer Zeitbegriff, Bedeutsamkeit, Datierbarkeit, Jetzt-folge, ekstatische Zeit, Seinsfrage, Ursprungswissenschaft, Geschichtlichkeit, Ontologie.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht die Grundlagen des alltäglichen und wissenschaftlichen Zeitverständnisses und analysiert Heideggers kritische Auseinandersetzung mit der aristotelischen Zeitanalyse.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die Schwerpunkte liegen auf der phänomenologischen Zeit-Theorie, der Kritik am traditionellen vulgären Zeitbegriff und der Auslegung der aristotelischen Physik durch Heidegger.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es, Heideggers Zeitdenken vor der „Kehre“ nachzuvollziehen und die fundamentalontologische Bedeutung der Zeitigung des Daseins freizulegen.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es wird eine hermeneutisch-phänomenologische Methode angewandt, die primär auf Heideggers „Sein und Zeit“ und seine Marburger Vorlesungen zurückgreift.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Im Hauptteil werden die ekstatischen Strukturen der Zeitlichkeit, das Konzept der Innerzeitigkeit, die Bedeutung der Datierbarkeit und die Dekonstruktion der aristotelischen Zeitdefinition detailliert ausgeführt.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die wichtigsten Begriffe sind Zeitlichkeit, Dasein, Bedeutsamkeit, Innerzeitigkeit und die Auseinandersetzung mit dem aristotelischen Begriff der „Zahl der Bewegung“.
Warum unterscheidet Heidegger zwischen „ursprünglicher Zeit“ und „Uhrenzeit“?
Die ursprüngliche Zeit ist im existenziellen Vollzug des Daseins begründet, während die „Uhrenzeit“ eine nivellierte, öffentliche Ausgelegtheit darstellt, die das Sein der Zeit im „vulgären Zeitbegriff“ verdeckt.
Wie spielt die „Datierbarkeit“ in Heideggers Analyse eine Rolle?
Die Datierbarkeit ist ein Strukturmoment der Innerzeitigkeit, das es dem Dasein ermöglicht, Anwesendes „in-der-Zeit“ als ein „jetzt“, „damals“ oder „dann“ zu orientieren.
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- Michael Ebers (Autor), 2009, Grundlagen des alltäglichen und wissenschaftlichen Zeitverständnisses, Múnich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/138201