In der Hausarbeit soll Nietzsches Ethik mit einem besonderen Blick auf moralische Werte analysiert werden. Dies soll vorwiegend bezogen auf "Jenseits von Gut und Böse" und "Zur Genealogie der Moral" geschehen. Zu den prägenden Formulierungen Nietzsches gehört die "Umwertung aller Werte". Deshalb soll geklärt werden, welchen Wertebegriff Nietzsche verwendet und inwiefern damit eine Dekonstruktion der Ethik betrieben werden kann.
Da Nietzsche sich in vielfältiger Form von den klassischen Vorstellungen ab-grenzt, ist es sinnvoll, zunächst die moralischen Ansätze zu beschreiben, von welchen Nietzsche explizit spricht. Immer wieder wird dabei deutlich, dass sich Moralbetrachtungen und erkenntniskritische Momente überschneiden. So ist die Kritik Nietzsches am vorherrschenden Moralsystem nicht ohne seine erkenntniskritischen Betrachtungen zu verstehen. Nietzsche zufolge repräsentieren die Moralen in der Geschichte die Postulierung eines Guten, um die Furcht vor dem leidvollen Leben zu beherrschen. In der Auseinandersetzung mit den geschichtlich aufgetretenen Ethiken sollen zwei Aspekte angesprochen werden: Der freie Wille als Grundlage des selbstbestimmten Handelns und das Prinzip der Verallgemeinerbarkeit, wie es z.B. der kategorische Imperativ fordert.
Da sich Nietzsche auf die Tugenden der Wahrhaftigkeit und Redlichkeit beruft, scheint es nahezuliegen, Nietzsches Wertebegriff in der Tugendethik zu verorten. Die bemerkenswerte Wende bezieht sich auf seine Deutung dieser Tugenden als Prinzip der Wahrheitssuche gegen den Wunsch, etwas außer sich zu wollen, also z.B. gegen jede Begründung einer Ethik außer sich selbst. Hiermit ist bereits einer der wichtigen Begriffe Nietzsches genannt: das Selbst. Nach Gerhardt versteht Nietzsche Moral als Selbstverhältnis oder auch als Selbstverantwortlichkeit.
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung
2 Die Umwertung aller Werte
2.1 Werte in der klassischen Ethik
2.2 Eine vorläufige Betrachtung von Nietzsches Wertebegriff
3 Analyse der moralischen Werte in Jenseits von Gut und Böse und Zur Genealogie der Moral
3.1 Willensfreiheit oder Wille zur Macht
3.2 Das Allgemeine oder das Individuelle
3.3 Ästhetik und der Begriff des Lebens
4 Kann es eine Ästh-Ethik geben?
4.1 Das Leben als Kunstwerk und die Frage der Ethik
4.2 Das Ästhetische und das Allgemeine
5 Fazit: Begründet das Ästhetische eine Destruktion oder eine Dekonstruktion des Moralischen?
Zielsetzung & Themen der Arbeit
Die Arbeit untersucht Nietzsches Ethik mit besonderem Fokus auf moralische Werte, um zu klären, inwiefern Nietzsches Begriff des Lebens als Kunstwerk eine Neubegründung oder Dekonstruktion des Moralischen ermöglicht.
- Die Umwertung aller Werte bei Nietzsche
- Abgrenzung von der klassischen Ethik und Tugendethik
- Die Rolle des Willens zur Macht als psychologisch-biologische Instanz
- Das Spannungsfeld zwischen ästhetischer Lebensgestaltung und moralischem Anspruch
- Die Kritik an universalisierbaren moralischen Normen
Auszug aus dem Buch
3.1 Willensfreiheit oder Wille zur Macht
Die Begriffe „frei“ und „Freiheit“ werden von Nietzsche in unterschiedlichen Zusammenhängen verwendet. In der Genealogie der Moral nennt Nietzsche die Voraussetzungen für „ritterlich-aristokratische Werthurteile“, die von ihm höher geschätzt werden als die „priesterlich-vornehmen Werthungsweisen“. Zu den Voraussetzungen gehört „Leiblichkeit“ und „Gesundheit“ und das, was diese erhält, nämlich das, „was starkes, freies, frohgemutes Handeln in sich schließt“ (Nietzsche 1993, 266). Auch in der traditionellen, kantischen Philosophie enthält das freie Handeln gegenüber dem unfreien Verhalten einen positiven Wert. Nur im freien Handeln äußert sich die (praktische) Vernunft, gehört damit zum wesenhaft Menschlichen. Diese positive Wertung übernimmt Nietzsche. Jedoch ist für ihn freies Handeln nicht mehr vernunftgemäß. Sondern frei ist das Handeln, wenn es Zeichen des „Willens zur Macht“ ist. Dazu gehören „Krieg, Abenteuer, Jagd, Tanz, Kampfspiele“ (Nietzsche 1993, 266).
Ein neuer Aspekt zur Freiheit findet sich in der Genealogie der Moral: „Ebenso nämlich, wie das Volk den Blitz von seinem Leuchten trennt und letzteres als Tun, als Wirkung eines Subjekts nimmt, das Blitz heißt, so trennt die Volks-Moral auch die Stärke von den Äußerungen der Stärke ab, wie als ob es hinter dem Starken ein indifferentes Substrat gäbe, dem es freistünde, Stärke zu äußern oder auch nicht. Aber es gibt kein solches Substrat; es gibt kein »Sein« hinter dem Tun, Wirken, Werden; »der Täter« ist zum Tun bloß hinzugedichtet – das Tun ist alles.“ (Nietzsche 1993, 279).
Nietzsche wehrt sich also gegen die Idee der Stärke. „Freiheit“ vorauszusetzen ist nur erforderlich, wenn es ein Substrat hinter dem Handelnden gibt, welches entscheidet, wie der Handelnde handelt. Damit wäre der Täter unfrei, die Idee hinter ihm jedoch frei. Auch wenn ein Verhalten so aussieht, als zeige der Sich-Verhaltende Stärke, handle also nach freiem Willen, so ist dies nach Nietzsche eine Täuschung. Auch hier findet sich wieder der Wille zur Macht als die affektgeladene Triebstruktur des Lebendigen als systematischer Hintergrund.
Zusammenfassung der Kapitel
1 Einleitung: Die Arbeit führt in die Fragestellung ein, wie Nietzsches Kritik am traditionellen Moralsystem und der Begriff der „Umwertung aller Werte“ ein Verständnis seiner Ethik ermöglichen.
2 Die Umwertung aller Werte: In diesem Kapitel wird aufgezeigt, wie Nietzsche traditionelle ethische Begriffe durch soziologische und psychologische Analysen ersetzt und den Begriff des „Wertes“ unsystematisch verwendet, wobei das Ästhetische an die Stelle des Ethischen tritt.
3 Analyse der moralischen Werte in Jenseits von Gut und Böse und Zur Genealogie der Moral: Hier wird untersucht, wie Nietzsche den „Willen zur Macht“ als Triebstruktur begreift, die das traditionelle Verständnis von Freiheit und Handeln in Frage stellt.
4 Kann es eine Ästh-Ethik geben?: Dieses Kapitel diskutiert, ob die ästhetische Gestaltung des eigenen Lebens als Kunstwerk eine neue ethische Grundlage bieten kann oder ob sie unweigerlich mit der Frage der Universalität kollidiert.
5 Fazit: Begründet das Ästhetische eine Destruktion oder eine Dekonstruktion des Moralischen?: Das Fazit stellt fest, dass Nietzsche keine vollständige Zerstörung der Ethik anstrebt, sondern den Wert des Individuellen betont und ethische Entscheidungen in eine ästhetische Form überführt.
Schlüsselwörter
Nietzsche, Ethik, Umwertung aller Werte, Wille zur Macht, Ästhetik, Moral, Genealogie der Moral, Individuum, Selbstverantwortung, Ästh-Ethik, Lebensgestaltung, Tugendethik, Freiheit, Subjektivität, Dekonstruktion
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert Nietzsches Ethik unter dem Aspekt moralischer Werte, insbesondere im Hinblick auf seine Kritik an traditionellen Moralsystemen und die Einführung einer ästhetisch begründeten Lebensführung.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Zentrale Themen sind die Umwertung der Werte, der Begriff des Willens zur Macht, die Abgrenzung von kantischen Moralvorstellungen und die Frage, wie ein Leben als Kunstwerk ethisch bewertet werden kann.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist zu klären, inwiefern Nietzsches Konzepte den traditionellen Moralbegriff destruieren oder dekonstruieren und ob auf dieser Grundlage eine neue, individuelle Ästh-Ethik plausibel ist.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es handelt sich um eine philosophische Werkanalyse, die schwerpunktmäßig auf Nietzsches Schriften "Jenseits von Gut und Böse" und "Zur Genealogie der Moral" basiert und ergänzende philosophische Forschungsliteratur einbezieht.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil befasst sich mit der Analyse moralischer Werte bei Nietzsche, der Abgrenzung gegenüber dem klassischen Werthaltigkeitsbegriff und der Diskussion, ob ästhetische Prinzipien universell verpflichtende moralische Sätze ersetzen können.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit ist gekennzeichnet durch Begriffe wie Umwertung der Werte, Wille zur Macht, ästhetische Lebensgestaltung, Dekonstruktion, individuelle Ethik und die Kritik an der Moral der Allgemeingültigkeit.
Wird die Freiheit bei Nietzsche als Wille zur Macht interpretiert?
Ja, Nietzsche ersetzt den klassischen Begriff der Freiheit, der mit Vernunft begründet wird, durch den Willen zur Macht. Freiheit ist für ihn nicht mehr die Wahl nach einsichtigen Gründen, sondern der Ausdruck einer vitalen Triebstruktur.
Kann das Leben als Kunstwerk eine neue Ethik etablieren?
Die Arbeit lässt offen, ob eine rein ästhetische Lebensführung, bei der das Individuum sich selbst gestaltet, eine moralische Verbindlichkeit für andere schaffen kann, da hier der Anspruch auf Universalität fehlt.
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- Margit Dornseifer (Autor), 2020, Ästh-Ethik? Eine Analyse zu moralischen Werten bei Nietzsche, Múnich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1382378