Walter Eucken ist der Begründer des Ordoliberalismus und gilt als einer der geistigen Väter
der Sozialen Marktwirtschaft und damit der deutschen Wirtschafts- und Sozialpolitik.1 Doch
das Konzept der (Sozialen) Marktwirtschaft wird derzeit stark kritisiert, teils gar als überholt
bezeichnet.
Ergibt es heute noch einen Sinn, sich mit Walter Euckens Werk zu beschäftigen? Robert
Solow hat einmal geäußert, dass es wenig Sinn habe, sich mit obsoleten Theorien und ihren
Schöpfern zu befassen.2 Die Frage, die sich demnach stellt, lautet: Sind Euckens Theorien
obsolet geworden? Oder hat sein Werk heute noch Relevanz? Gibt es Erkenntnisse, die heute
noch verwendet werden können?
In der vorliegenden Arbeit werden nach Euckens Biographie im zweiten Abschnitt, die noch
heute bedeutsamen grundlegenden Ideen seines Forschungsprogramms in Abschnitt drei
beschrieben. Da Euckens Werk stark durch seinen familiären Hintergrund und die
Zeitgeschehnisse geprägt ist, die historische Sicht der Wirtschaft und Gesellschaft für ihn von
besonderer Wichtigkeit war und die wirtschaftlichen Hauptprobleme, die Eucken
identifizierte, auf heute noch existieren, wird auf diese Einflüsse im dritten Abschnitt
ebenfalls eingegangen. Der vierte Abschnitt schlägt schließlich den Bogen zur heutigen
wirtschaftlichen und wissenschaftlichen Situation, um die Bedeutsamkeit und den Sinn einer
Beschäftigung mit Eucken gerade derzeit nachzuweisen.
1 Blümle/Goldschmidt (2003a), S. 1539.
2 Vgl. Braunberger (2009).
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung
2 Kurzbiographie
3 Bedeutende wissenschaftliche Leistungen
4 Bedeutung für die heutige Zeit
5 Schlussbemerkung
Zielsetzung & Themen
Diese Arbeit analysiert das wirtschaftspolitische Denken von Walter Eucken, dem Begründer des Ordoliberalismus, und untersucht dessen fortdauernde Relevanz angesichts moderner ökonomischer Herausforderungen wie der Finanzkrise.
- Biographie und prägende Einflüsse auf Euckens Werk
- Methodik des ordoliberalen Forschungsprogramms
- Konstituierende und regulierende Prinzipien der Wettbewerbsordnung
- Interdependenz der Ordnungen und die Rolle des Staates
- Kritische Würdigung der Euckenschen Prinzipien in der aktuellen Wirtschaftspolitik
Auszug aus dem Buch
Die Grundlagen der Nationalökonomie
Die Diskrepanz zwischen der historischen Schule und der Grenznutzenschule bezeichnete Eucken als „die große Antinomie“ 54, die es zu überwinden gelte. Er entwickelte eine spezifische Forschungsmethode, die er pointierend-hervorhebende oder isolierende Abstraktion nannte.55 „Da sich die wirtschaftliche Wirklichkeit und ihre Zusammenhänge dem unmittelbaren Zugriff geschichtlicher Anschauung entziehen“56, kann nur eine allgemeine (theoretische) Fragestellung das erste Hauptproblem, die Frage nach der „Lenkung des gewaltigen arbeitsteiligen Gesamtzusammenhangs“57, lösen. Eucken unterteilt die Vorgehensweise in vier Schritte: Aufwerfung eines allgemeinen Problems, Reduktion der tatsächlichen Gegebenheiten auf reine Fälle, Ableitung von Theorien (Modellbildung) und Anwendung einer Theorie auf ein konkretes Problem. In der heutigen Terminologie handelt es sich um eine komparativ-statistische Analysemethode.
Das zweite Hauptproblem der Nationalökonomie bestehe darin, konkrete Wirtschaftsordnungen aus ihrem Gefüge zu erkennen.58 Eucken entwirft die Idee der Wirtschaftssysteme, die als Denkschemata zur Analyse von Wirtschaftsordnungen dienen. Durch Anwendung der pointierend-hervorhebenden Abstraktion gelangt man zu gedanklich „reinen Formen“ von Wirtschaftsordnungen: „Verkehrswirtschaft“ und „Zentralgeleitete Wirtschaft“. Alle Handlungen innerhalb der Wirtschaftsordnung folgen Wirtschaftsplänen. In der zentralgeleiteten Wirtschaft existiert nur ein Wirtschaftsplan. In der Verkehrswirtschaft richtet jeder sein Verhalten an seinem eigenen Plan aus. Die Pläne werden auf den Märkten abgestimmt und die Handlungen über Preise koordiniert.59 Eucken nimmt Typologisierungen vor, indem er fünf idealtypische Marktformen (Konkurrenz, Teiloligopol, Oligopol, Teilmonopol, Monopol) und 25 Kombinationsmöglichkeiten derselben unterscheidet und den Anspruch erhebt, damit ausnahmslos alle Formen erfasst zu haben. Er bezeichnet das Ergebnis als Morphologie idealtypischer Wirtschaftssysteme.60 Mithilfe dieser Morphologie könne er untersuchen, wie sich einzelne Datenänderungen auf den gesamtwirtschaftlichen Prozess auswirken.
Zusammenfassung der Kapitel
1 Einleitung: Die Einleitung begründet die aktuelle Relevanz von Walter Euckens Werk und stellt die Forschungsfrage nach der Anwendbarkeit seiner Theorien in der heutigen Wirtschaftssituation.
2 Kurzbiographie: Dieses Kapitel zeichnet den Lebensweg Euckens nach, von seiner Herkunft über seine akademische Laufbahn und den Kontakt zur Freiburger Schule bis zu seiner Rolle im Widerstand.
3 Bedeutende wissenschaftliche Leistungen: Hier werden Euckens Einflüsse sowie seine methodischen Ansätze und zentralen ordnungspolitischen Prinzipien, wie das Privateigentum und die Wettbewerbsordnung, detailliert beschrieben.
4 Bedeutung für die heutige Zeit: Dieses Kapitel prüft Euckens Thesen an aktuellen Ereignissen wie der Bankenkrise und zeigt auf, wo heutige Wirtschaftspolitik gegen seine Prinzipien verstößt.
5 Schlussbemerkung: Die Schlussbemerkung fasst zusammen, dass Euckens Grundsatzideen trotz sich ändernder Märkte unverändert gültig und für die Gestaltung einer stabilen Ordnung essentiell sind.
Schlüsselwörter
Ordoliberalismus, Walter Eucken, Freiburger Schule, Soziale Marktwirtschaft, Wettbewerbsordnung, Ordnungspolitik, Interdependenz der Ordnungen, Kapitalismus, Preismechanismus, Marktkonzentration, Wirtschaftspolitik, Haftungsprinzip, Geldwertstabilität, Wirtschaftsordnung, Wirtschaftsstaat.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht das Werk von Walter Eucken als Grundlage der ordnungspolitischen Konzeption und reflektiert dessen Relevanz für aktuelle wirtschaftliche Krisenphänomene.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die zentralen Themen sind das Denken in Ordnungen, die Gestaltung der Wirtschaftsordnung durch konstituierende Prinzipien sowie die Rolle des Staates und der Wissenschaft bei der Sicherung der Freiheit.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Das Ziel ist zu klären, ob Euckens ökonomische Theorien nach wie vor als Antwort auf moderne wirtschaftliche Probleme dienen können und wo in der aktuellen Politik Defizite im Vergleich zu seinen Lehren bestehen.
Welche wissenschaftliche Methode verwendet Eucken?
Eucken nutzt die „pointierend-hervorhebende Abstraktion“, eine Methode, um komplexe wirtschaftliche Zusammenhänge in idealtypische Formen zu reduzieren und so die Lenkung des Wirtschaftsprozesses analysierbar zu machen.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die methodischen Grundlagen, die Beschreibung der Wettbewerbsordnung und die Anwendung dieser Prinzipien auf aktuelle Geschehnisse wie die Finanzkrise.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Zu den prägenden Begriffen gehören Ordoliberalismus, Wettbewerbsordnung, Interdependenz der Ordnungen und das Haftungsprinzip.
Wie bewertet Eucken die Rolle des Staates im Vergleich zum Markt?
Eucken fordert einen starken Staat, der als Ordnungsrahmen fungiert, um Wettbewerb zu ermöglichen, sich aber strikt aus dem unmittelbaren Wirtschaftsprozess heraushalten muss, um Fehlsteuerungen zu vermeiden.
Warum hält der Autor die heutige Wirtschaftspolitik für problematisch?
Der Autor argumentiert, dass aktuelle politische Interventionen und Rettungsmaßnahmen von Unternehmen oft gegen Euckens Prinzip der Haftung verstoßen und dadurch neue Fehlanreize und Machtkonzentrationen schaffen.
- Citation du texte
- Anonym (Auteur), 2009, Ordoliberalismus – Freiburger Schule Walter Eucken (1891 – 1950), Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/138249