Seit den ersten der Nachwelt erhaltenen Belegen aus der Antike, bis hinein in die heutige Zeit, ist die Korruption in der Menschheitsgeschichte ein relativ weit verbreitetes Phänomen, und zwar weitgehend unabhängig vom jeweils vorherrschenden Gesellschaftssystem. Der daraus resultierende volkswirtschaftliche Schaden ist immens. Trotz ernster staatlicher Sanktionen gelingt es bis heute nicht, Korruption vollständig einzudämmen. Da sich die Korruption über einen so langen Zeitraum als Strategie von Wirtschaftsindividuen gehalten hat, wird vermutet, dass es sich dabei um eine evolutionär stabile Strategie handelt. Der Verfasser dieser Arbeit geht davon aus, dass die spieltheoretische Untersuchung der die Korruption verursachenden Verhaltensmuster und die Ableitung eines entsprechenden Mechanismus-Designs einen Beitrag zur Korruptionshemmung leisten kann, und zwar mittels konzeptioneller Empfehlungen hinsichtlich gesetzgeberischer und wirtschaftlicher Rahmenbedingungen, um diese auf eine Weise gestalten zu können, die es potentiellen Korruptionsverursachern schwer oder unmöglich macht, aus ihrem Verhalten wirkliche Vorteile zu erzielen und dem Phänomen, bzw. den Akteuren damit die Motivation entzieht. Um diesem Anspruch näher zu kommen, sollte in dieser Arbeit ein möglicherweise evolutionärer Charakter der Korruption untersucht und gegebenenfalls nachgewiesen werden.
Zielsetzung der Diplomarbeit war somit die spieltheoretische Modellierung von Korruption in der Wirtschaftswelt, unter der besonderen Berücksichtigung evolutionärer Aspekte. Insbesondere wird die Hypothese aufgestellt, dass es sich bei dem Phänomen der Korruption um eine evolutionär stabile Strategie handelt.
Die Methoden, die zur Erreichung der hier formulierten Ziele zum Einsatz kommen sollten, sind zum einen rein (spiel-) theoretischer Art (Matrix-Spiele und deren mathematische Beschreibung) und zum anderen sollten die aus diesen theoretischen Überlegungen gewonnenen Mechanismen, durch die Entwicklung entsprechender Algorithmen (in der Programmiersprache NetLogo), in einer Agenten-Basierten Simulation implementiert werden. In der Simulation sollte es möglich sein, durch diskrete Veränderung von Parametern unterschiedliche Szenarien durchzuspielen, um so das Modell für verschiedene Untersuchungen nutzbar zu machen.
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung
1.1 Konzept, Zielsetzung
1.2 Beteiligte Disziplinen, Begriffserklärung
1.2.1 Begriff der Korruption
1.2.2 Begriff der Spieltheorie
1.2.3 Begriff der Agenten-basierte Modellierung
1.3 Überblick
2 Stand der Forschung
2.1 Automatentheorie
2.1.1 Turingmaschinen
2.1.2 Zelluläre Automaten
2.1.3 Agent Based Modeling
2.2 Spieltheorie
2.2.1 Nichtkooperative Spiele
2.2.1.1 Soziale Dilemmata
2.2.1.2 Koordinationsspiele
2.2.1.3 Diskoordinationsspiele
2.2.2 Evolutionäre Spieltheorie
2.3 Korruption und Wirtschaftsethik
2.3.1 Das Problem der Korruption
2.3.2 Die Entstehung von Korruption
2.3.3 Arten von Korruption
2.3.4 Korruption und Strafmaß
3 Spieltheoretische Modellierung
3.1 Konzeption
3.2 Modellierung des Ist-Zustands
4 Agenten-Basierte Modellierung
4.1 Konzeption
4.2 Programmierung der Agenten und Mechanismen
4.3 Programmierung der Parameter-Steuerung
4.4 Programmierung der Benutzeroberfläche
4.5 Anwendung der ABM
5 Ergebnissicherung
5.1 Identifizierung der Ergebnisse
5.1.1 Identifizierung der spieltheoretischen Ergebnisse
5.1.2 Identifizierung der ABM-Ergebnisse
5.2 Auswertung der Ergebnisse
5.2.1 Auswertung der spieltheoretischen Ergebnisse
5.2.2 Auswertung der ABM-Ergebnisse
5.3 Zusammenführung der Ergebnisse
5.3.1 Erkenntnis
5.3.2 Empfehlungen
6 Ausblick
6.1 Ansatz Feldexperiment
6.2 Ansatz Laborexperiment
7 Fazit
Zielsetzung & Themen
Die Diplomarbeit untersucht die Hypothese, ob Korruption als evolutionär stabile Strategie (ESS) verstanden werden kann, indem sie diese spieltheoretisch modelliert und mittels einer agentenbasierten Simulation (ABM) auf Basis von NetLogo analysiert, um daraus konzeptionelle Empfehlungen zur Korruptionshemmung abzuleiten.
- Spieltheoretische Modellierung der Korruption
- Evolutionäre Spieltheorie als Erklärungsansatz
- Implementierung in Agenten-basierter Simulation (ABM)
- Analyse der Wirksamkeit von Aufklärungsraten
Auszug aus dem Buch
2.2.1.2 Koordinationsspiele
Koordinationsspiele haben mehrere NE in reinen Strategien. Wenn alle Spieler ein bestimmtes davon bevorzugen, spricht man von reiner Koordination. Wenn die Spieler unterschiedliche NE bevorzugen, so handelt es sich um einen Interessenkonflikt. Ein bekanntes Beispiel eines Interessenkonflikts in einem Koordinationsspiel ist der „Kampf der Geschlechter“. Zu seiner Lösung werden „gemischte Strategien“ verwendet. Gemischte Strategien sind Wahrscheinlichkeitsverteilungen über reinen Strategien. (Reine Strategien sind demnach gemischte Strategien mit der Wahrscheinlichkeit 1). Die erwartete Auszahlung einer gemischten Strategie ist der gewichtete Durchschnitt der erwarteten Auszahlung von jeder der in der gemischten Strategie enthaltenen reinen Strategien. Der Spieler entscheidet sich also für die Wahrscheinlichkeiten der reinen Strategie und überlässt das Ergebnis einem Zufallsmechanismus.
Zusammenfassung der Kapitel
1 Einleitung: Definiert das Konzept der spieltheoretischen Modellierung von Korruption als evolutionär stabile Strategie und stellt die methodische Vorgehensweise vor.
2 Stand der Forschung: Bietet einen Überblick über relevante Theorien, einschließlich Automatentheorie, Spieltheorie und wirtschaftsethischer Aspekte von Korruption.
3 Spieltheoretische Modellierung: Formuliert das spieltheoretische Modell der Korruption unter Anwendung evolutionärer Spieltheorie und berechnet den Ist-Zustand.
4 Agenten-Basierte Modellierung: Beschreibt die Konzeption und Programmierung der computergestützten Simulation zur Überprüfung des Modells mittels der Plattform NetLogo.
5 Ergebnissicherung: Identifiziert und bewertet die spieltheoretischen sowie die Simulationsergebnisse und leitet daraus Handlungsempfehlungen ab.
6 Ausblick: Diskutiert Ansätze zur weiteren Forschung mittels Feld- und Laborexperimenten.
7 Fazit: Fasst die Zielerreichung der Arbeit zusammen und bestätigt die Hypothese der Korruption als evolutionär stabile Strategie.
Schlüsselwörter
Korruption, Spieltheorie, evolutionäre Spieltheorie, Agenten-basierte Modellierung, ESS, Populationsspiel, NetLogo, Wirtschaftsethik, Nash-Gleichgewicht, Strategie, Modellierung, Simulation, Aufklärungsrate, Nichtkooperative Spiele.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Diplomarbeit?
Die Arbeit analysiert das Phänomen der Korruption unter Verwendung spieltheoretischer Ansätze und Computer-Simulationen, um zu untersuchen, ob es sich um eine evolutionär stabile Strategie handelt.
Welche wissenschaftlichen Disziplinen sind zentral?
Die Arbeit ist interdisziplinär angelegt und verbindet die Sozialwissenschaften (insb. Wirtschaftsethik) mit Methoden der Informatik und Mathematik (Spieltheorie, Automatentheorie, Agenten-basierte Modellierung).
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das primäre Ziel ist es, durch die spieltheoretische Modellierung die Dynamik der Korruption zu verstehen und nachzuweisen, dass sie sich als evolutionär stabile Strategie innerhalb einer Population verhalten kann.
Welche methodischen Werkzeuge werden eingesetzt?
Neben der theoretischen Herleitung mittels Matrix-Spielen nutzt der Autor die Programmiersprache NetLogo, um Agenten-basierte Simulationen durchzuführen, die komplexe Entscheidungssituationen nachbilden.
Was steht im inhaltlichen Fokus des Hauptteils?
Der Hauptteil gliedert sich in die theoretische Fundierung (Spieltheorie), die Modellierung des Ist-Zustands von Korruptionsdaten und die praktische Umsetzung in einem Simulationsmodell, gefolgt von einer Auswertung der Ergebnisse.
Durch welche Schlüsselwörter lässt sich die Arbeit beschreiben?
Zentrale Begriffe sind Korruption, evolutionäre Spieltheorie, Agenten-basierte Modellierung (ABM), Nash-Gleichgewicht und die Erforschung von Evolutionsstabilen Strategien (ESS).
Warum spielt die Aufklärungsrate für das Modell eine so wichtige Rolle?
Die Arbeit zeigt, dass Veränderungen der Aufklärungsrate den finanziellen Anreiz für Korruption beeinflussen und umgekehrt proportional auf die Korruptionsrate wirken, was ein zentrales Element für die Verhaltenssteuerung im Simulationsmodell ist.
Wie unterscheidet sich das Modell von einer realen Situation?
Das Modell abstrahiert komplexe menschliche Interaktionen auf eine Population von Agenten, die rein nach dem Fitness-Ratio agieren, um die langfristige Stabilität korrupten Verhaltens zu isolieren und zu testen.
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- Diplom-Informatiker (FH) Peter Warmbier (Author), 2009, Die Evolution der Korruption, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/138272