Inwieweit wurde die Armut geringer geschätzt, als nicht mehr vor allem die Kirche für die Armen zuständig wurde, sondern die Städte sich um die Armen kümmerten? Dies will ich in der Hausarbeit überprüfen.
Armut war im Mittelalter ebenso allgegenwärtig, wie es im 21. Jahrhundert der Fall ist, doch betrachteten die Theologen des Mittelalters sie aus einer besonderen Perspektive.
Der heilige Franziskus von Assisi, der Sohn eines reichen Kaufmannes, betrachtete Armut im 12 Jahrhundert als etwas, was ein Mensch leben müsste. So gab er seinen Reichtum auf und begründete einen der ersten Bettlerorden, denn er sah Armut als eine Tugend an. Armut war also zur Zeit des Hochmittelalters eine Tugend. Eine Tugend, die dort gelebt werden müsse, wo die Armut mit der Urbanisierung zugenommen hatte. Doch im Spätmittelalter bezeichnete Jean de Meun in seinem Werk "The Romance of the Rose" die Armut als etwas, das Sünden wie Meineid bewirkt. Theologen wie Nider fassten die Armen ihrer Zeit unter den lateinischen Begriff "pauperes" zusammen.
Sowohl im Hoch- als auch im Spätmittelalter unterlag die Armut zwei verschiedene Veränderungen. Laut Lukas Clemens besannen sich Kleriker im Zuge des Reformpapsttums im Hochmittelalter auf die Glaubensfassungen der Urkirche wie Enthaltsamkeit und Armut. Bernhard Schneider vertritt die Auffassung, dass die spätmittelalterlichen Veränderungen eine Folge des Prozesses der Verbürgerlichung oder Kommunalisierung des Armenwesens waren. Verbürgerlichung bedeutet in diesem Zusammenhang, dass zunächst "kirchliche" Aufgaben wie die Armenspeisung für "alle, zunehmend von den Bürgern der Städte und Kommunen übernommen wurde. Ebenso bemühten sich diese Bürger im Zuge dieses Prozesses darum, dass primär die Mitbürger Zugang zu unter anderem den Armenspeisungen erhielten. Diese Prozesse vollzogen sich primär in den Städten Europas, wo auch die Anhänger des Franziskus agierten. Überspitzt könnte behauptet werden, dass die Armen im Zuge der "Verweltlichung" der Armenfürsorge vom städtischen Bürgertum zunehmend negativ dargestellt wurden.
Inhaltsverzeichnis
Einleitung
1 Die Armut im 12. Jahrhundert bis zur großen Pest
1.1 Die „freiwillige“ Armut als Tugend in den Franziskus-Quellen des Hochmittelalters
1.2 Der Armutsstreit, welche Art von Reichtümern dürfen die Franziskaner besitzen?
2 Die Armut im 15. Jahrhundert, die Armut wird zur Sünde
2.1 Rationalisierung in den Städten durch Bettlerordnungen
2.2 Neue Bedingungen für den Empfang der Almosen in den Städten
Fazit
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht den Wandel der gesellschaftlichen Wahrnehmung und der Einstellungen gegenüber Armut und Reichtum im städtischen Kontext vom 14. bis zum 15. Jahrhundert, mit einem besonderen Fokus auf die spirituelle Aufwertung durch Bettlerorden und die spätere Stigmatisierung im Zuge der Kommunalisierung der Armenfürsorge.
- Spirituelle Bedeutung freiwilliger Armut im Hochmittelalter
- Konflikte innerhalb der Bettlerorden (Armutsstreit)
- Rationalisierung der städtischen Armenfürsorge durch Bettlerordnungen
- Stigmatisierung von Armut als "Sünde" und soziale Ausgrenzung
- Wandel von kirchlicher zu städtischer Zuständigkeit (Verbürgerlichung)
Auszug aus dem Buch
Die „freiwillige“ Armut als Tugend in den Franziskus-Quellen des Hochmittelalters
Warum gibt es Arme und Reiche? Die Theologen des Mittelalters, aber auch bereits der Antike, etablierten ein dualistisches System um diese Begriffe. Armut und Reichtum wären Ungleichheit und Gegenseitigkeit, von Gott so bestimmt und daher Teil des göttlichen Plans. Ralph of Acton, ein englischer Philosoph und Theologe, schrieb im 13. Jahrhundert darüber, dass Gott alle Menschen hätte gleichmachen können, doch er hat es nicht, denn die Gegensätze von arm und reich bräuchten aneinander.
Der heilige Franziskus betrachtete in seinen Schriften ein Jahrhundert zuvor die Armut bereits als eine „göttliche“ Sache. Er verfasste es in der Zeit, in der sich große Teile der Christen auf die Zeit des Urchristentums zurückbesannen. Doch nach seiner Ansicht war sie mehr als Teil eines „göttlichen Planes“, sie war etwas Heiliges. Denn laut Franziskus lebten auch Jesus Christus und seine Jünger in Armut, ohne größere Besitztümer oder Güter. Daher wäre es nur angemessen gewesen, es dem Sohn Gottes nachzutun und nach seinem Vorbild „nackt“ durch die Welt zu gehen. Die Ziele dieser neuen Bewegung, die Bewegung der Franziskaner, war eine Rückkehr zu den Quellen des Urchristentums, darauf „nackt dem nackten Christus zu folgen.“
Zusammenfassung der Kapitel
Einleitung: Einführung in die Thematik der mittelalterlichen Armutsdebatte und Darstellung der methodischen Vorgehensweise.
1 Die Armut im 12. Jahrhundert bis zur großen Pest: Untersuchung der spirituellen Aufwertung von Armut durch das Wirken des heiligen Franziskus und erste interne Konflikte innerhalb des Ordens.
1.1 Die „freiwillige“ Armut als Tugend in den Franziskus-Quellen des Hochmittelalters: Analyse der theologischen Rechtfertigung der Armut als Nachfolge Christi und als tugendhafter Lebenswandel.
1.2 Der Armutsstreit, welche Art von Reichtümern dürfen die Franziskaner besitzen?: Erläuterung der kircheninternen Debatte über den rechtmäßigen Umgang mit Besitztümern und die absolute Armut.
2 Die Armut im 15. Jahrhundert, die Armut wird zur Sünde: Aufzeigen der Verlagerung der Armenversorgung in städtische Verantwortung und die damit einhergehende negative Stigmatisierung von Armut.
2.1 Rationalisierung in den Städten durch Bettlerordnungen: Beschreibung der administrativen Maßnahmen der Städte zur Kontrolle von Armut und zur Kategorisierung von Bettlern.
2.2 Neue Bedingungen für den Empfang der Almosen in den Städten: Erörterung der Kriterien zur Bedürftigkeitsprüfung und der Bevorzugung einheimischer Armen gegenüber Fremden.
Fazit: Zusammenfassende Beantwortung der Ausgangsfrage über den Bedeutungswandel von Armut vom hoch- zum spätmittelalterlichen Stadtkontext.
Schlüsselwörter
Armut, Reichtum, Bettlerorden, Franziskus von Assisi, Armutsstreit, Stadtgeschichte, Armenfürsorge, Spätmittelalter, Bettlerordnungen, Stigmatisierung, Kommunalisierung, Almosen, Verbürgerlichung, Mittelalter, Theologie
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit beschäftigt sich mit dem Wandel der Wahrnehmung von Armut und Reichtum im europäischen Mittelalter, insbesondere mit dem Übergang von der religiösen Wertschätzung der Armut zur sozialen Ausgrenzung der Armen im ausgehenden Mittelalter.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die Schwerpunkte liegen auf dem hochmittelalterlichen Ideal der freiwilligen Armut der Franziskaner, den internen Ordenskonflikten ("Armutsstreit") und der spätmittelalterlichen Rationalisierung der Armenfürsorge durch Städte.
Was ist die Forschungsfrage der Arbeit?
Die Arbeit untersucht, welche Rollen Armen und Reichen zugeschrieben wurden und wie sich die gesellschaftliche Einstellung zu Armut und Wohlstand in den Städten vom 14. bis zum 15. Jahrhundert veränderte.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es handelt sich um eine historische Analyse, die auf der Auswertung primärquellenbasierter Literatur sowie zeitgenössischer Regelwerke wie der Nürnberger Bettlerordnung basiert.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil analysiert im ersten Teil die Idealisierung der Armut in den Franziskus-Quellen und im zweiten Teil die administrativen Neuregelungen der Städte, die Bettelwesen stigmatisierten und rationalisierten.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Zentrale Begriffe sind Armut, Franziskaner, Bettlerordnung, Kommunalisierung, Stigmatisierung und der Wandel der Armenfürsorge.
Warum wurde die Armut laut dem Autor im 15. Jahrhundert zur „Sünde“?
Die zunehmende Ökonomisierung und die Vorherrschaft bürgerlicher Werte wie Fleiß und Disziplin führten dazu, dass Arme nicht mehr als tugendhafte Nachfolger Christi, sondern als „faule“ Schmarotzer stigmatisiert wurden.
Welche Rolle spielte der Armutsstreit bei der Definition von Reichtum?
Der Streit zwang den Franziskanerorden zur genauen Definition von Eigentum (dominium) und Gebrauchsrecht (usus), um dem Vorwurf der Häresie zu entgehen und die eigene Armut formal gegenüber dem Papst zu rechtfertigen.
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- Klaus Bloom (Author), 2021, Veränderung in der Einstellung Armut/Armen und Wohlstand/Reichen in den Städten vom 14. bis ins 15. Jahrhundert, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1383042