„Hartz IV muss weg“ - dieser Wahlkampf-Slogan dürfte vielen Sozialdemokraten noch lange in Erinnerung bleiben. Denn bei der Bundestagswahl 2005 schaffte die Linke, unter anderem getragen von einer gegen die Sozialreformen der rot-grünen Bundesregierung gerichteten Kampagne, das, woran sie seit der Wiedervereinigung immer wieder gescheitert war: Gleich in mehreren westdeutschen Bundesländern, darunter in den Stadtstaaten Bremen und Hamburg, aber auch einigen Flächenländern gelang der Partei der Sprung über die Fünf-Prozent-Hürde. Bundesweit konnte sie ihren Stimmenanteil mehr als verdoppeln und erreichte mit 8,7 Prozent ihr bis dato mit Abstand bestes Ergebnis.
Nach dem Sprung der Grünen in den Bundestag im Jahr 1983 scheint die Linke nun auf dem Weg, neben CDU/CSU, SPD, FDP und Grünen als fünfte Partei in der bundesdeutschen Politik Fuß zu fassen und aus ihrer Rolle einer ostdeutschen Regionalpartei herauszuwachsen. Die Grünen, die seit mehr als 25 Jahren im Bundestag vertreten sind, und die Linke sind damit die einzigen Parteien, die sich nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs in Deutschland neben FDP, Sozialdemokraten und Union auf Bundesebene etablieren konnten, keiner anderen Partei ist dies bisher gelungen.
Für die Parteienforschung stellt sich daher die Frage, wie diese Erfolge möglich waren. Warum gelang Grünen und Linken das, woran zahlreiche andere Parteien und Gruppierungen scheiterten? Welche politischen, gesellschaftlichen, ökonomischen oder institutionellen Faktoren trugen zum Erfolg von Grünen und Linken bei? Wie lässt sich ihr Aufstieg erklären?
In der folgenden Arbeit sollen zur Beantwortung dieser Fragen verschiedene Erklärungsansätze zur Entstehung der Grünen und der Linken vorgestellt werden. Dabei können im Rahmen dieser Arbeit aus Platzgründen nicht alle existierenden Erklärungsansätze umfassend dargestellt werden. Vielmehr ist das Ziel, aufzuzeigen, inwiefern die für die Entstehung der Grünen entwickelten Erklärungsansätze und -perspektiven auf die Entstehung der Linken anwendbar sind, sowie wo Gemeinsamkeiten und Unterschiede liegen.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Erklärungsansätze zur Entstehung der Grünen
2.1. Strukturelle Erklärungsansätze
2.1.1. Der Cleavage-Ansatz
2.1.2. Der Ansatz der relativen Deprivation
2.1.3. Der Milieu-Ansatz
2.1.4. Zwischenfazit
2.2. Formal-institutionelle Rahmenbedingungen
2.2.1. Staatliche Parteienfinanzierung
2.2.2. Föderalismus, Landtagswahlen und Europawahlen
2.2.3. Wahlsystem
2.2.4. Zwischenfazit
3. Erklärungsansätze zur Entstehung der PDS bzw. Linken
3.1. Die Entstehung der Partei Die Linke im Überblick
3.2. Strukturelle Erklärungsansätze
3.2.1. Der Cleavage-Ansatz
3.2.2. Der Ansatz der relativen Deprivation
3.2.3. Der Milieu-Ansatz
3.2.4. Zwischenfazit
3.3. Formal-institutionelle Rahmenbedingungen
3.3.1. Staatliche Parteienfinanzierung
3.3.2. Föderalismus, Landtagswahlen und Europawahlen
3.3.3. Wahlsystem
3.3.4. Zwischenfazit
4. Vergleich der Erklärungsansätze zur Entstehung der Grünen und der PDS bzw. Linken
4.1. Strukturelle Erklärungsansätze
4.2. Formal-institutionelle Rahmenbedingungen
5. Fazit
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die Entstehungsgeschichte der Grünen und der Linken in Deutschland. Ziel ist es, verschiedene Erklärungsansätze – strukturelle sowie formal-institutionelle – auf ihre Anwendbarkeit für beide Parteien zu prüfen, Gemeinsamkeiten sowie Unterschiede herauszuarbeiten und so den Erfolg der jeweiligen Parteibildungsprozesse wissenschaftlich zu erklären.
- Vergleichende Analyse der Parteienentstehung (Grüne vs. Linke)
- Anwendung des Cleavage-Modells nach Lipset/Rokkan
- Theorie der relativen Deprivation
- Bedeutung von Milieus für Parteibindungen
- Einfluss formal-institutioneller Rahmenbedingungen (Parteienfinanzierung, Wahlsystem)
Auszug aus dem Buch
2.1.1. Der Cleavage-Ansatz
Eine - wenn nicht gar die bekannteste - Theorie zur Erklärung der Entstehung von Parteiensystemen bietet das Cleavage-Modell von Lipset/Rokkan. Nach Lipset/Rokkan sind die westeuropäischen Parteiensysteme das Resultat spezifischer historischer Konstellationen. Durch drei gravierende gesellschaftliche, sozioökonomische und politische Umwälzungen - die Reformation und den Dreißigjährigen Krieg, die nationale Revolution sowie die industrielle Revolution - entstanden vier prägende Cleavages. Diese Cleavages, zu deutsch etwa Konflikt- oder Spaltungslinien, werden in der Regel mit den Begriffspaaren Zentrum|Peripherie, Staat|Kirche, Stadt|Land und Arbeit|Kapital umschrieben und treten in sämtlichen von Lipset/Rokkan betrachteten Ländern auf, jedoch jeweils in unterschiedlichen Konstellationen und unterschiedlicher Ausprägung (Lipset/Rokkan 1967: 6, nach Ladner 2004: 58). Durch die Überwindung der vier Schwellen der Legitimation, der Inkorporation, der Repräsentation sowie der Mehrheitsherrschaft werden diese Cleavages in das politische System respektive das Parteiensystem übertragen. (Rokkan 1989: 342-385; Mielke 2001: 78-80, 91-92; Ladner 2004: 32-34)
Während diese Annahmen in der Politikwissenschaft wenig umstritten sind, herrscht Dissens über die ebenfalls von Lipset/Rokkan aufgestellte freezing-Hypothese (Ladner 2004: 56): „[...]The party systems of the 1960's reflect, with a few but significant exceptions, the cleavage structures of the 1920's.“ (Lipset/Rokkan 1967: 50, nach Ladner 2004: 56), so Lipset/Rokkan. Gerade die Annahme des Einfrierens der westeuropäischen Parteiensysteme wurde seit den 1970er Jahren - auch unter dem Eindruck der Entstehung neuer sozialer Bewegungen und neuer links-libertärer, grün-alternativer oder grüner Parteien wie den bundesdeutschen Grünen - vermehrt unter den Schlagworten Dealignment und Realignment diskutiert (Ladner 2004: 56-65).
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Diese Einleitung führt in die Forschungsfrage ein, warum sich Grüne und Linke als einzige neue Parteien neben den Etablierten erfolgreich im deutschen Parteiensystem behaupten konnten.
2. Erklärungsansätze zur Entstehung der Grünen: Hier werden strukturelle (Cleavage, Deprivation, Milieu) und institutionelle (Finanzierung, Wahlsystem) Faktoren analysiert, die den Aufstieg der Grünen begünstigten.
3. Erklärungsansätze zur Entstehung der PDS bzw. Linken: Dieses Kapitel überträgt die gewählten Erklärungsmodelle auf die PDS bzw. Die Linke, unter Berücksichtigung ihrer spezifischen historischen Entwicklung aus der SED und der WASG.
4. Vergleich der Erklärungsansätze zur Entstehung der Grünen und der PDS bzw. Linken: Ein direkter Vergleich der Ansätze zeigt Gemeinsamkeiten und Unterschiede in der Entstehung beider Parteien auf.
5. Fazit: Die Arbeit schließt mit einer Zusammenfassung der Ergebnisse und bewertet die Zukunftsaussichten beider Parteien kritisch.
Schlüsselwörter
Parteienentstehung, Grüne, Die Linke, PDS, Cleavage-Theorie, relative Deprivation, Milieu-Ansatz, Parteienfinanzierung, Wahlsystem, Föderalismus, Postmaterialismus, Wendeverlierer, Parteienforschung, Westdeutschland, Ostdeutschland
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit primär?
Die Bachelorarbeit untersucht die Ursachen für den erfolgreichen Aufstieg der Parteien Bündnis 90/Die Grünen sowie Die Linke (PDS) im deutschen Parteiensystem.
Welche zentralen Themenfelder stehen im Mittelpunkt?
Im Zentrum stehen Erklärungsansätze zur Parteienentstehung, unterteilt in strukturelle sozioökonomische Aspekte und formal-institutionelle Rahmenbedingungen.
Was ist die Forschungsfrage der Untersuchung?
Die zentrale Frage lautet, warum Grüne und Linke erfolgreich Fuß fassen konnten, während zahlreiche andere Gruppierungen scheiterten, und welche politischen, gesellschaftlichen oder ökonomischen Faktoren hierfür ausschlaggebend waren.
Welche wissenschaftliche Methodik wird verwendet?
Die Arbeit nutzt einen vergleichenden Ansatz, bei dem verschiedene politikwissenschaftliche Theorien (u.a. Cleavage-Modell, Theorie der relativen Deprivation) zur Analyse beider Parteien herangezogen werden.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine detaillierte Analyse der Grünen und der Linken, wobei jeweils zuerst die strukturellen Ansätze und danach die formalen Institutionen wie Wahlsystem und Parteienfinanzierung geprüft werden.
Welche Schlüsselbegriffe charakterisieren den Inhalt?
Wichtige Begriffe sind Cleavage, Postmaterialismus, relative Deprivation, Parteienfinanzierung sowie spezifische politische Faktoren wie das ostdeutsche Parteiensystem.
Warum ist die staatliche Parteienfinanzierung für die Grünen so relevant gewesen?
Die Parteienfinanzierung wirkte in den Anfangsjahren als notwendige Anschubhilfe, um die organisatorische Konsolidierung der Grünen zu ermöglichen, noch bevor sie voll in der Parteienlandschaft etabliert waren.
Wie wird der Erfolg der PDS bzw. Linken im Osten erklärt?
Der Erfolg wird teilweise durch den Status vieler Wähler als "Wendeverlierer" und die spezifische Identifikation mit ostdeutschen regionalen Interessen erklärt, die im alten Parteiensystem nicht ausreichend repräsentiert waren.
- Citation du texte
- Philipp Pechmann (Auteur), 2009, Die Entstehung der Grünen und der Linken in Deutschland im Vergleich, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/138479