Über die Moralkritik Nietzsches in dem Werk: Jenseits von Gut und Böse


Hausarbeit, 2009

18 Seiten, Note: 1.3


Leseprobe

Gliederung

1.Einleitung

2. Hauptteil

2.1. Natur und Moral

2.2. Perspektivierung der Moral

2.3. Pluralität der Moral

2.4. Psychologische Analyse der Moral

2.5. historische Analyse der Moral

2.6. Herdenmoral

2.7. Herrschaft und Moral

2.8. Herren- und Sklavenmoral

2.9. Forderungen an die neuen Philosophen

3. Schluss

4. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Friedrich Wilhelm Nietzsche wurde am 15. Oktober 1844 in Röcken geboren und lebte in Deutschland, Italien, Frankreich und der Schweiz. Er war ein deutscher Philosoph, Schriftsteller und Dichter und hatte ab 1868 für zehn Jahre den Lehrstuhl an der Universität in Basel für klassische Philologie inne. Er starb am 25. August 1900 in Weimar, nachdem er 11 Jahre lang von seiner Schwester u.a. wegen Geisteskrankheit gepflegt wurde.

Nietzsche war wohl der bisher mutigste Kritiker der Moral, der Philosophie, der Wissenschaft und der Religion. Er prägte Begriffe wie „Nihilismus“, „Gott ist tot“, „Wille zur Macht“ etc, die heute noch viel Raum für Diskussionen und Interpretationen liefern.

In dieser Hausarbeit soll von Nietzsches großem Werkfundus das Werk: „Jenseits von Gut und Böse“ behandelt werden. Es ging aus Plänen und Studien als Erläuterung des Werks: „Menschliches, Allzumenschliches“ hervor, in dem Nietzsche zum ersten Mal die Kritik an der Moral ausführt. Als Erläuterung von „Jenseits von Gut und Böse“ erschien später seinerseits die „Genealogie der Moral“. In beiden Werken führt Nietzsche weiter aus, was er in „Menschliches, Allzumenschliches“ bereits ansprach: Die Kritik an der Moral im allgemeinen und an der christlichen Moral und Religion insbesondere. Zum ersten Mal erwähnt Nietzsche nun auch im Titel das leitende Thema seiner Philosophie: die Distanzierung von der Moral.

„Jenseits von Gut und Böse“ ist in eine Vorrede, neun Hauptstücke und einen Nachgesang aufgeteilt. Bezeichnend für Nietzsche ist der aphoristische Schreibstil der Hauptstücke; insgesamt setzt sich das Werk aus 296 unterschiedlich langen Aphorismen zusammen.

Die Hauptstücke behandeln eine große Fülle an unterschiedlichen Themen, die hier an dieser Stelle kurz angerissen werden sollen.

Im ersten Hauptstück: Von den Vorurteilen der Philosophen wird der Begriff der Wahrheit ausgeführt. Nietzsche konstatiert, dass es trotz des Willens zur Wahrheit keine unbedingte Wahrheit gibt. „Unbedingte Wahrheiten sind Fiktionen, aber lebensnotwendige Fiktionen.“1 Er bezeichnet die bisherige Philosophie als unwissenschaftlich und verlangt nachdrücklich nach neuen Philosophen, die sich die „Unwahrheit als Lebensbedingung zugestehn: das heißt freilich auf eine gefährliche Weise den gewohnten Wertgefühlen Widerstand leisten; und eine Philosophie, die das wagt, stellt sich damit schon allein jenseits von Gut und Böse.“2

Das zweite Hauptstück trägt den Titel: Der freie Geist und entwirft – wie der Titel schon sagt – Nietzsches Vorstellung eines freien Geistes und des vornehmen Denkens. Er entwickelt hypothetisch den „Willen zur Macht“, jene aus der Natur des Menschen entspringende Triebfeder für alle seine Handlungen.

Im dritten Hauptstück: Das religiöse Wesen stellt er die Funktionen der Religion – insbesondere der christlichen – dar. Er zeigt ihre Ursprünge und Einflüsse auf und führt seine Religionskritik an dieser Stelle aus. Er beschreibt die Religion als „die feinste und letzte Ausgeburt der Furcht vor der Wahrheit (...), als der Wille zur Umkehrung der Wahrheit, zur Unwahrheit um jeden Preis.“3

Das vierte Hauptstück setzt sich aus zahlreichen kurzen Aphorismen zu einer Vielzahl von Themen zusammen. Es hat keine zentrale Aussage, sondern ist eher – dem Titel (Sprüche und Zwischenspiele) entsprechend – eine Sammlung von Gedanken in aphoristischem Schreibstil.

Zentrale Bedeutung hingegen hat das fünfte Hauptstück: Zur Naturgeschichte der Moral. In diesem Hauptstück versucht Nietzsche, die Moral zu beschreiben, indem er als Instrument ihre Distanzierung verwendet. Er beabsichtigt an dieser Stelle noch keine Genealogie, sondern vielmehr die „Vorbereitung zu einer Typenlehre der Moral“4. Er versucht, eine Wissenschaft der Moral zu entwickeln und untersucht sowohl die verschiedenen Moralen als auch deren verschiedene Funktionen, Begründungen für Moralphilosophen und Perspektivierungen.

Von diesem Ausgangspunkt aus entwickelt er im sechsten (Wir Gelehrten) und im siebten Hauptstück (Unsere Tugenden) die neuen Aufgaben der Philosophen. Der Philosoph sei durch seine Tugenden derjenige, der durch seine Studien der Wahrheit am nächsten komme und somit verpflichtet sei, die Moral weiterhin außermoralisch zu betrachten und sie zu überwinden.

Im 8. Hauptstück: Völker und Vaterländer untersucht Nietzsche die Unterschiede der verschiedenen Völker Europas und die daraus entspringende gegenwärtige Moral. Im Blickfeld stehen hier insbesondere die Engländer, Franzosen, Deutschen und Juden.

Das 9. Hauptstück: Was ist vornehm?, an das später die „Genealogie der Moral“ anknüpft, führt Nietzsches These einer „Herren- und Sklavenmoral“ aus.

In dieser Hausarbeit soll insbesondere auf das fünfte Hauptstück eingegangen werden. Es wird versucht, Nietzsches Begriff der Moral zu durchleuchten und auf seine Perspektivierung der Moral einzugehen. Nietzsches These, dass die Pluralität der Moralen das eigentliche Problem darstellt, soll wiedergegeben und nachvollzogen werden. Zum Schluss wird auf Nietzsches Typisierung der Moral in eine Herren- und eine Sklavenmoral eingegangen.

2. Hauptteil

2.1. Natur und Moral

Zunächst einmal sei auf den Titel des zu behandelnden fünften Hauptstücks: Zur Naturgeschichte der Moral eingegangen. Dieser erscheint zunächst verwirrend, ist doch die Moral normalerweise der Natur gegenteilig. Die Moral ist eigentlich über die Natur und die Geschichte erhaben. Durch die Beschreibung der Moral als Natur ist sie das nicht, und durch die Beschreibung der Moral als Naturgeschichte ist sie es auch nie gewesen. Dadurch, dass Nietzsche die Natur in die Perspektive der Naturgeschichte stellt, versucht er eine Distanzierung der Moral. Er stellt Moral, Natur und Geschichte in ein reziprokes Verhältnis: nicht nur die Moral entspringt aus der Natur und der Geschichte, auch das Verständnis von Natur und die Geschichte entspringt einer Moral.

Das Verhältnis von Natur und Moral ist ein doppeldeutiges: Einerseits ist die herrschende Moral, da sich alle an sie zu halten haben, „ein Stück Tyrannei gegen die ‚Natur’, auch gegen die ‚Vernunft’ (...). Das Wesentliche und Unschätzbare an jeder Moral ist, dass sie ein langer Zwang ist.“5 Dies ist noch kein Grund, diese Moral zu verwerfen, man kann sie ja nur aus der Perspektive einer anderen Moral beurteilen (eine, die Tyrannei verurteilt). Nietzsche vergleicht gewisse Perioden und Völker, die fanatisch eine Moral verfolgten, mit erzwungenen Fastenzeiten, in denen die Triebe unterdrückt wurden.6 Er spricht dem Menschen die Eigenschaft des „Instinkts des Gehorsams“7 zu und begründet diese These damit, dass „Gehorsam bisher am besten und längsten unter Menschen geübt und gezüchtet worden ist“8. Er behauptet, der Mensch habe das Bedürfnis zu gehorchen. Er habe ein Gewissen, das ihm mit dem Imperativ „du sollst“ Befehle erteilt. Auch die Herrschenden seien allein deswegen in der Lage zu befehlen, weil sie sich selbst als Untertanen von höheren Mächten, wie dem Gesetz, dem Volk oder Gott, sähen. Auf der anderen Seite haftet diese Zwanghaftigkeit der Moral ihr etwas Natürliches, Naturwüchsiges an. „’Du sollst gehorchen, irgendwem, und auf lange: sonst gehst du zugrunde und verlierst die letzte Achtung vor dir selbst’ – dies scheint mir der moralische Imperativ der Natur zu sein (...).“9 Die Moral ist also einerseits entgegen der Natur als eine Tyrannei anzusehen, andererseits aber ist sie selbst natürlich. „Die Natur birgt somit diese Doppelheit von unbestimmter Vielfalt an Formen und einschränkender Bestimmung derselben bereits in sich.“10

Durch die Naturalisierung der Moral versucht Nietzsche sie von ihrem übernatürlichen und immunen Charakter zu befreien. Er ebnet so den Weg der wissenschaftlichen Erschließung der Moral, dem sie sich bisher entzog. „Auch das Moralische hat eine Natur, und auch das Natürliche hat eine Geschichte und steht wissenschaftlicher Erkenntnis offen.“11 Nietzsche kritisiert die bisherige einseitige Betrachtung der Moral und versucht durch seine Analyse zu verdeutlichen, dass die herrschende Moral nur „eine Art von menschlicher Moral, neben der, vor der, nach der viele andere, vor allem höhere Moralen möglich sind oder sein sollten“12 ist.

2.2. Perspektivierung der Moral

Durch die Perspektivierung der Moral und die daraus resultierende Distanzierung von ihr ist es möglich, das Selbstverständnis der Moral, als unbedingt und aus der Natur entspringend, aufzuheben. Die Moral als Entscheidungsinstanz über gut und böse war über diese Einteilung erhaben, sie war nicht als bedingt zu betrachten. Die Moral hatte „sich mit Hilfe dieser Differenz, der Differenz von gut und böse, gegen diese Differenz geschützt, sie hatte sich selbst tabuiert.“13 Die Moral ist somit immun gegen jede Form von Zweifel. Nietzsche versucht, die Moral aus dieser Exklusivität zu befreien. Er sucht in „Jenseits von Gut und Böse“ durch sachliche und methodische Differenzierung ihre Gründe und Grenzen. Diese Grenzen seien zwar nicht in der Lage aufgehoben zu werden, da sogar die Philosophie moralisch befangen sei, dennoch gelingt Nietzsche durch Grenzverschiebungen des Selbstverständnisses der Moral eine Objektivierung und Aufklärung derselben. „Was der Philosophie als ontologisch gegeben erscheint (...), ist für Nietzsche nichts anderes als das Resultat der Perspektive, aus der ein Wert jeweils betrachtet wird.“14

Zunächst einmal sei die Moral aus der Perspektive ihrer selbst dargestellt. Die Moral differenziert zwischen gut und böse, und diese Differenzierung erfreut sich der Allgemeingültigkeit. Eine Sache wird entweder für jeden, ungeachtet seiner Lebensbedingungen, oder für an sich gut oder böse erklärt. Durch diese Allgemeingültigkeit des moralisch Guten, ohne die Beachtung der Lebensbedingungen anderer, „verlangt die Moral, wie wir sie kennen, Selbstlosigkeit, sie erwartet aber zugleich Gegenseitigkeit der Selbstlosigkeit. Sie ist eine Moral der Selbstlosigkeit auf Gegenseitigkeit.“15 Diese Moral kann allerdings nur insofern als unbedingt gegeben erscheinen, als sie eine jenseitige Begründung erfährt, „sei es in religiöse Transzendenz, so dass die Moral zu einem Gebot Gottes wird, oder in philosophische Transzendentalität, so dass Moralität zum Wesen des Menschen wird, zu seiner ‚eigentlichen’, von seiner Natur abgehobenen Natur.“16 Dadurch aber verliert das Unbedingte der Moral ihren Bezug zum Leben und wird somit nichtig.

Die zweite zu betrachtende Perspektive ist die des Lebens. Die Moral, gesetzt sie ist unbedingt, ist zwar in der Lage, jeden Sachverhalt des Lebens ihrer moralischen Beurteilung zu unterwerfen, das Leben selbst entzieht sich aber jeder Beurteilung. Das Leben ist unmoralisch, es unterscheidet nicht zwischen Gut und Böse, Belohnung und Bestrafung. Durch die Willkürlichkeit des Lebens muss es ständig der moralischen Verurteilung unterworfen sein. Es „ist in diesem Sinne jenseits von gut und böse“.17 Das Leben unterscheidet in seiner Belohnung und Bestrafung nicht zwischen guten und bösen Menschen. Es kann sowohl ein ‚Guter’ bestraft als auch ein ‚Böser’ belohnt werden. In der darwinistischen Betrachtungsweise kann man sagen, dass das Leben zwischen stark und schwach differenziert. Nietzsche zieht hier, so unmoralisch diese Einteilung klingen mag, dennoch eine Verbindung zur Moral: Sie bietet dem Menschen einen Katalog von Wertvorstellungen, nach denen er seinem Leben Bestand gibt. Wenn er sich an ihnen orientiert, kann er an Stärke gewinnen und gegenüber anderen bestehen. Diese Sicht der Moral beruht freilich nicht auf Gegenseitigkeit, der Katalog der Wertvorstellungen ist individuell und erfreut sich keiner Allgemeinheit. „Die Moral in der Perspektive des Lebens lässt sich demnach bestimmen als das Ensemble von Wertvorstellungen eines Einzelnen, nach denen alle leben sollen, damit er selbst leben kann.“18 Diese Aufhebung der Allgemeingültigkeit der Moral auf einen Einzelnen, eine Gruppe oder eine Kultur führt zu einer Pluralität der Moralen und deren Kampf gegeneinander. Dieser Umstand führt dazu, dass die Moral sich der Unbedingtheit entzieht. Sie schließt somit ein Machtkalkül ein, dass sie eigentlich auszuschließen versuchte. An dieser Stelle führt Nietzsche den Begriff der „Herren- und Sklavenmoral“ ein, auf den weiter unten eingegangen werden soll.

[...]


1 Werner Stegmaier, Nietzsches <Genealogie der Moral>, S. 42

2 Friedrich Nietzsche, Jenseits von Gut und Böse, Aph. 4

3 Nietzsche, Aph. 59

4 Nietzsche, Aph. 186

5 Nietzsche, Aph. 188

6 Vgl. Nietzsche, Aph. 189

7 Nietzsche, Aph. 199

8 Ebd.

9 Aph. 188

10 Paul von Tongeren, Die Moral von Nietzsches Moralkritik, S. 80

11 Paul von Tongeren, Die Moral von Nietzsches Moralkritik, S. 54

12 Nietzsche, Aph. 202

13 Werner Steinmaier, Nietzsches <Genealogie der Moral>, S. 14

14 Gerhard Schweppenhäuser, Nietzsches Überwindung der Moral, S. 17

15 Werner Steinmaier, Nietzsches <Genealogie der Moral>, S. 18

16 Ebd.

17 Werner Steinmaier, Nietzsches <Genealogie der Moral>, S. 19

18 Werner Steinmaier, Nietzsches <Genealogie der Moral>, S. 20

Ende der Leseprobe aus 18 Seiten

Details

Titel
Über die Moralkritik Nietzsches in dem Werk: Jenseits von Gut und Böse
Hochschule
Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg
Note
1.3
Autor
Jahr
2009
Seiten
18
Katalognummer
V138567
ISBN (eBook)
9783640710225
ISBN (Buch)
9783640710379
Dateigröße
452 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Nietzsche, Moralkritik, Jenseits von Gut und Böse
Arbeit zitieren
Cana Nurtsch (Autor), 2009, Über die Moralkritik Nietzsches in dem Werk: Jenseits von Gut und Böse, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/138567

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