Wahrheitskommissionen sind ein verbreitetes Mittel bei der nationalen Erneuerung und zur Unterstützung von Versöhnung nach einer Phase von Unterdrückung und Gewalt. Dabei werde, laut Humphrey, die Konfrontation der Menschen mit der Vergangenheit als Schlüsselstrategie angewendet, um zukünftige Gewalt zu vermeiden und ein Zusammenleben ehemals Verfeindeter zu ermöglichen. Versöhnung und Gerechtigkeit wären zwei verschiedene Formen, Wahrheit zu finden und zu vermitteln. Dadurch würde ein offizielles Narrativ (master narrative) geschaffen, in das persönliche Narrative einfließen. Um mit diesem Narrativ eine national teilbare Moral und Geschichte zu erschaffen, würde die radikale Subjektivität der persönlichen Berichte durch das überspannende master narrative aufgehoben und vereinheitlicht (vgl. Humphrey 2002: 105-108).
Ein Beispiel solch einer Wahrheitskommission gab es in Südafrika, mit dem sich ein weiter Teil der Arbeit beschäftigen wird. Unterstützt wird die Argumentation durch das Beispiel Holocaust. Dieses Beispiel zeigt, dass nicht nur über Wahrheitskommissionen nationale Narrative und somit auch Geschichte erzeugt wird, sondern dass die Schaffung eines offiziellen Narrativs ein gebräuchliches Mittel bei der Nationenbildung ist.
Die oben schon erwähnten verschiedenen Formen von Wahrheit deuten an, dass die Erzeugung von Narrativen zweckgebunden ist und diese sich deshalb aus den Vorgaben und Vorbedingungen konstituieren. Die Frage, die mich nun in dieser Arbeit beschäftigt, ist die des Vergessens. Welche Rolle spielt das Vergessen bei kollektiven und persönlichen Narrativen? Wie wirken Zweckgebundenheit und traumatische Erfahrungen auf das Vergessen? Ist das Vergessen dauerhaft? Welche Auswirkungen hat Vergessen somit auf die nationale Geschichtsschreibung. Mein Argument ist, dass Vergessen und Erinnerung als Gefährten Hand in Hand gehen, wandelbar und meist zielgerichtet sind.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Vergessen als Mittel der Nationenbildung
2.1 Vergessen und Erinnern bei der Etablierung des Staates Israel
2.2 Das Vergessens bei der Nationenbildung in Südafrika
3. Der TRC-Bericht als Ort des Vergessens
3.1 Die Schaffung eines Zeitrahmens
3.2 Die juristische Veranlagung und die Sprache der TRC
3.3 Das master narrative eine Fiktion
4. Das vergessene Trauma im master narrative
4.1 Das Trauma als Privatsache
4.2 Das Schweigen als temporäres Phänomen
5. Vergessen konstituiert Gedächtnis und Geschichte
Zielsetzung & Themen
Diese Arbeit untersucht die zentrale Rolle des Vergessens als strategisches Instrument bei der Konstitution von nationalen Identitäten und Narrativen. Anhand der Beispiele Israel und Südafrika wird analysiert, wie politische Akteure durch die selektive Ausblendung oder Umdeutung traumatischer historischer Ereignisse ein "offizielles Narrativ" (master narrative) schaffen, um soziale Versöhnung zu forcieren und staatliche Einheit zu legitimieren.
- Die Funktion des Vergessens bei der Etablierung von Nationalstaaten.
- Der Einfluss staatlich geförderter Wahrheitskommissionen auf das kollektive Gedächtnis.
- Das Spannungsfeld zwischen individuellen Traumata und staatlichen Versöhnungsnarrativen.
- Die Rolle von Sprache und juristischer Kategorisierung bei der Konstruktion von Geschichte.
- Die Mechanismen der bewussten Verdrängung und die zeitliche Dimension des Schweigens.
Auszug aus dem Buch
3.3 Das master narrative eine Fiktion
Brink bemerkt, die Geschichte hänge von den Versionen der erzählten individuellen Erinnerungen ab. Das Individuelle erfinde sich durch ein ständiges Schreiben und Neuschreiben von Erinnerungen (Brink 2002: 31). Durch diese stetige Veränderbarkeit sind Erinnerungen also gewissermaßen Fiktionen. Die Geschichte bezogen auf das master narrative der Versöhnung in Südafrika soll sich aus Fakten konstituieren, möchte objektiv sein und entlässt zu diesem Zweck eine Vielzahl von Erinnerungen über die Apartheid aus dem Narrativ, das das kulturellen Gedächtnis der Nation bilden soll. Zumindest in diesem offiziellen Narrativ werden diese damit vergessen.
Dennoch konstituiert sich dieses „objektive“ Narrativ immer noch aus, wenn auch verkürzten, Erinnerungen. Es wird also laut obigen Ansatz aus Fiktionen gespeist, bei denen Sachverhalte aus den verschiedensten Ursachen falsch, verzerrt aber auch wahrheitsgetreu und allumfassend wiedergegeben worden sein können. Auch können Erlebnisse, die traumatisch auf der Seele liegen, unterdrückt und verschwiegen worden sein. Es ist auch möglich, dass Ereignisse, die für den Gesamtkontext wichtig wären, in diesen persönlichen Erinnerungen einfach vergessen worden sind. Diese bewussten und unbewussten Lücken in der Erinnerung könnten noch weiter fortgeführt werden. Kurz die berichteten Erinnerungen sind subjektiv und könnten in verschiedenen Situationen völlig anders wiedergegeben werden. Da der scheinbar objektive TRC-Bericht von einer nationalen Aussöhnung auf diesen Erinnerungen basiert, diese aber seinerseits auf bestimmte Begrifflichkeiten und Kategorien verkürzt, verzerrt und vereinheitlicht wiedergegeben werden und dadurch Teile des Berichteten vergisst, wird ein nationales Narrativ geschaffen, das einer zusätzlichen Subjektivität unterliegt, nämlich der Subjektivität des Zwecks. Dadurch ist das Narrativ nicht objektiv sondern fiktiv.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung führt in die Bedeutung von Wahrheitskommissionen als Mittel der nationalen Erneuerung ein und stellt die forschungsleitende Frage nach der Rolle des Vergessens in kollektiven Narrativen.
2. Vergessen als Mittel der Nationenbildung: Dieses Kapitel erörtert anhand der Beispiele Israel und Südafrika, wie das Vergessen bestimmter traumatischer Kapitel der Vergangenheit gezielt zur Begründung und Konsolidierung von Nationen eingesetzt wird.
3. Der TRC-Bericht als Ort des Vergessens: Hier wird analysiert, wie die Truth and Reconciliation Commission durch zeitliche und inhaltliche Begrenzungen ein selektives, fiktives "master narrative" erzeugte, das strukturelle Zusammenhänge ausblendet.
4. Das vergessene Trauma im master narrative: Dieses Kapitel beleuchtet, wie durch die offizielle Homogenisierung von Opfererfahrungen individuelle Traumata zu Privatangelegenheiten degradiert werden und welche Formen das Schweigen als temporäres Phänomen annimmt.
5. Vergessen konstituiert Gedächtnis und Geschichte: Das Fazit resümiert, dass Vergessen untrennbar mit Erinnerung verbunden ist und Narrative als zweckgebundene Fiktionen fungieren, die durch selektives Erinnern und Vergessen stetig gewandelt werden können.
Schlüsselwörter
Vergessen, Erinnerung, Nationenbildung, master narrative, Truth and Reconciliation Commission, TRC, Apartheid, Israel, Trauma, Versöhnung, kulturelles Gedächtnis, kollektives Gedächtnis, Geschichte, Identität, Narrative.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser ethnologischen Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht die Wechselwirkung von kollektivem Vergessen und Erinnern im Kontext der Nationenbildung und analysiert, wie offizielle staatliche Narrative historische Ereignisse formen und begrenzen.
Was sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Zentrale Themen sind die Arbeit von Wahrheitskommissionen, die Konstruktion nationaler Identität, der Umgang mit traumatischen historischen Erfahrungen und die Macht von offiziellen Geschichtsnarrativen.
Was ist das primäre Ziel der Forschungsarbeit?
Das Ziel ist es aufzuzeigen, dass Vergessen kein passiver Zustand ist, sondern ein zielgerichtetes Mittel, um nationale Narrative zu stützen und eine gemeinsame Identität zu stiften.
Welche wissenschaftliche Methode verwendet der Autor?
Der Autor stützt sich auf eine theoretische Analyse von Fachliteratur zum Thema Gedächtnistheorie (unter anderem Assmann, Halbwachs, Nietzsche) und vergleicht ethnologische Fallbeispiele der Nationenbildung.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil analysiert die Strategien der Nationenbildung in Israel und Südafrika, untersucht den TRC-Bericht als Archiv des Vergessens und beleuchtet das Schicksal individueller Traumata innerhalb nationaler Diskurse.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit am besten?
Die Arbeit ist durch Begriffe wie master narrative, Nationenbildung, kollektives Gedächtnis, Trauma und Versöhnung geprägt.
Warum spielt das Eichmann-Verfahren für die Argumentation des Autors eine Rolle?
Das Eichmann-Verfahren dient als Beispiel für den gezielten Wandel des kollektiven Gedächtnisses in Israel, bei dem die Erinnerung an den Holocaust zur Symbolik für staatliche Stärke und nationale Einheit umgedeutet wurde.
Inwiefern unterscheidet sich der südafrikanische Weg von der israelischen Erfahrung?
Während in Israel die nahe Vergangenheit zunächst bewusst ausgeblendet wurde, um eine nationale Identität aufzubauen, erzwang die südafrikanische Wahrheitskommission eine intensive, wenn auch formelhaft verkürzte, Erinnerung an die Apartheidzeit, um Versöhnung zu erreichen.
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- Heiko Moschner (Author), 2007, Der Gefährte der Erinnerung, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/138575