Die vorliegende Masterarbeit stellt sich das Ziel, Lebensentwürfe von jungen Erwachsenen in „erschwerten Lebenslagen“ anhand exemplarischer Beispiele zu analysieren.
Im Fokus der Untersuchung stehen zentrale Antizipationsinhalte in den Lebensbereichen Ausbildung, Beruf und Einkommen; Freizeit, Wohnen, Familie und soziale Beziehungen sowie Lebensstandard und -zufriedenheit im Ganzen. Hierzu werden die Antizipationen mit den individuellen Voraussetzungen, Intentionen, Motiven, Wünschen und Zielen unter den Bedingungen, Anforderungen und Optionen der Umwelt untersucht. Dies bildet die Voraussetzung für die Analyse subjektiver Bedeutungsstrukturen, individuell wahrgenommener Handlungsmöglichkeiten und Problemlöseversuche der Betroffenen. Dabei ist herauszuarbeiten, wie der sozial - gegenständliche Kontext für die Identitätsbildung und Integration in das gesellschaftliche Ganze beschaffen ist und welche Gestaltungsspielräume junge Erwachsene in erschwerten Lebenslagen imstande sind, für sich zu erschließen.
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Gegenstandsbereich meiner Arbeit ist daher die Frage, wo sich junge Erwachsene in erschwerten Lebenslagen sehen und inwieweit sie ihre eigene Lage wahrnehmen. Informationen über die Sicht und Bewertung der eigenen Situation sind u. a. auch deshalb aufschlussreich, weil damit grundlegende Orientierungen, Interessen und Lebensperspektiven einhergehen. Daher interessieren auch die Erfahrungen und Bewältigungsformen junger Menschen, die auf eine Art von Ausgrenzung in einem oder mehreren Lebensbereichen betroffen bzw. bedroht sind. Wie erfährt und verarbeitet der Biographieträger (negative) Ereignisverkettungen im Lebenslauf?
Die Aufmerksamkeit gilt folglich der Haltung, die der junge Erwachsene als Träger seiner Biographie gegenüber diesen Gegebenheiten und Ereignissen in seinem Leben einnimmt und zum Ausdruck bringt. Im Fokus steht das Erleben und die Bewältigung dieser Ereignisse, auf welche Hilfen oder Ressourcen dabei zurückgegriffen werden kann, unter welchen Umständen und Modalitäten, welcher Aufwand und welche Gefühle möglicherweise mit deren Bewältigung verknüpft sind. Jede Lebenswelt bietet dabei einen bestimmten Umkreis von Entfaltungsmöglichkeiten an, andere werden ausgeschlossen oder versperrt. Von Interesse ist hierbei, ob und wie es jungen Menschen gelingt, behindernde Einschränkungen und Widerstände zu überwinden, Benachteiligungen aufzuheben und neue Bewegungsräume für sich zu erschließen.
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Inhaltsverzeichnis
Einleitung
1. Der gesellschaftliche Wandel - neue Herausforderungen an Individuen
1.1. Die Entwicklung von Lebensentwürfen unter dem Einfluss gesellschaftlicher Rahmenbedingungen
1.2. Die Bedeutsamkeit zentraler Lebensbereiche
1.2.1 Arbeit in der Risikogesellschaft - vom Beruf auf Lebenszeit zur Lebensabschnittstätigkeit
1.2.2 Bedeutung und Funktionen von Freizeit
1.2.3 Wohnen
1.2.4 Strukturwandel in Partnerschaft und Familie
2. Biographiearbeit und Individuation
2.1 Die junge Generation auf der Suche nach Orientierung und Identität
2.2 Über die Notwendigkeit von Biographiearbeit
3. Die Analyse exemplarischer Lebensentwürfe junger Erwachsener in erschwerten Lebenslagen
3.1 Das methodische Vorgehen
3.1.1 Ableiten von Fragestellungen für die empirische Untersuchung
3.1.2 Die Bestimmung der Zielgruppe
3.1.3 Die Gewinnung der Interviewpartner
3.1.4 Die Datenerhebung
3.1.5 Die Datenaufbereitung und -auswertung
3.2 Ergebnisse der Einzelfallanalysen
3.2.1 Herr S.
3.2.2 Herr B.
3.2.3 Herr L.
3.3 Interpretation der Ergebnisse
4. Abschließendes Resümee und Anregungen für weitere empirische Forschungen
5. Anhänge
5.1 Kurzfragebogen zur Erfassung der personenbezogenen Daten
5.2 Gesprächsleitfaden für das halbstrukturierte Interview
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Masterarbeit analysiert die Lebensentwürfe junger Erwachsener in „erschwerten Lebenslagen“. Ziel ist es herauszuarbeiten, wie diese Menschen unter prekären Bedingungen, wie Schul- und Ausbildungsabbrüchen oder Lernbehinderungen, ihre Identität bilden, soziale Integration erreichen und welche Gestaltungsspielräume sie sich für ihre Zukunft erschließen können.
- Analyse der Antizipationsinhalte in den zentralen Lebensbereichen Arbeit, Freizeit, Wohnen und Familie.
- Untersuchung von Bewältigungsstrategien im Umgang mit gesellschaftlichen Anforderungen und Diskontinuitäten im Lebenslauf.
- Exploration der subjektiven Bedeutungsstrukturen und Handlungsoptionen der betroffenen jungen Erwachsenen.
- Reflexion des Einflusses von Bildungsbenachteiligung auf die individuelle Lebensgestaltung.
- Erfassung der Bedeutung von sozialer Unterstützung und sozialen Netzwerken bei der Lebensbewältigung.
Auszug aus dem Buch
Die Entwicklung von Lebensentwürfen unter dem Einfluss gesellschaftlicher Rahmenbedingungen
Lebensentwürfe können als Gesamtheit einer gedanklichen, als auch handelnden Vorwegnahme zukünftiger Entwicklungen charakterisiert werden, die Kognitionen und Emotionen unterschiedlicher Bewusstheit beinhalten, welche sowohl auf kontrollierbare als auch unkontrollierbare Ereignisse und damit in Auseinandersetzung mit der Gegenwart auf Zukünftiges gerichtet sind (vgl. Orthmann - Bless 2006, S. 9). Im Hinblick auf die eigene Person spielen u. a. die Auseinandersetzung mit individuellen Kompetenzen, persönlichen Intentionen, Erwartungshaltungen und Wünschen eine signifikante Rolle. Lebensentwürfe werden dabei freilich vor allem auch durch die gegenwärtigen Gesellschaftsbedingungen determiniert. Theorien zur Sozialstruktur moderner Gesellschaften nehmen in diesem Kontext immer wieder ein Grundmotiv auf: die Individualisierung als Kernpunkt makrosoziologischer Entwicklungen (vgl. Beck/ Beck - Gernsheim 1994, S. 11 ff.). Zu den entscheidenden Merkmalen von Individualisierungsprozessen gehört, dass sie den traditionellen Lebensrhythmus von Menschen im Sinne einer „Normalbiographie“ zunehmend in Frage stellen bzw. tendenziell auflösen (vgl. Beck - Gernsheim 1994, S. 120).
Sie erlauben in Folge nicht nur eine aktive Eigenleistung von Individuen, sondern fordern sie vielmehr, da in erweiterten Optionsspielräumen sowie Entscheidungszwängen der individuelle Handlungsbedarf wächst und dadurch verstärkt Selbstverantwortung, Eigeninitiative, Planungsfähigkeit sowie Flexibilität und Frustrationstoleranz nötig sind. Die Auseinandersetzung mit eigenen Kompetenzen und die Antizipation möglicher Alternativen für die zukünftige Lebensgestaltung im Sinne der Fähigkeit zur Lebensplanung werden damit zur wichtigen persönlichen Ressource. Es liegt heute folglich weitestgehend am Einzelnen selbst, wie er sein Leben gestaltet: „Das Leben und die Lebensmöglichkeiten jedes Einzelnen werden so selbst zu einem Wagnis, zu einem sozialen Risiko, zu einem individualisierten Projekt mit offenem Ausgang. Der Einzelne wird damit zur zentralen Instanz der Lebensgestaltung in Eigenverantwortung. Jeder wird vermeintlich zu „seines eigenen Lebens Schmied“ (Rauschenbach 1994, S. 91). Traditionelle Identitätsangebote verlieren somit zunehmend ihre normative Kraft zugunsten der Chance individueller Identitätsarbeit. Entscheidungen über Ausbildung, Beruf, Wohnort, Lebenspartner, Kinderanzahl können nicht nur, sondern müssen getroffen werden.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Der gesellschaftliche Wandel - neue Herausforderungen an Individuen: Dieses Kapitel diskutiert die Auswirkungen gesellschaftlicher Wandlungsprozesse auf die Lebensgestaltung junger Erwachsener sowie die Bedeutung zentraler Lebensbereiche wie Arbeit, Freizeit, Wohnen und Familie.
2. Biographiearbeit und Individuation: Hier werden der Sinnbezug und die Notwendigkeit biographischer Selbstreflexion für die Identitätsbildung des Subjekts im Kontext der modernen Risikogesellschaft beleuchtet.
3. Die Analyse exemplarischer Lebensentwürfe junger Erwachsener in erschwerten Lebenslagen: Dieser Hauptteil beschreibt das methodische Vorgehen der empirischen Untersuchung, präsentiert die Ergebnisse der Einzelfallanalysen von Herrn S., Herrn B. und Herrn L. und interpretiert diese vor dem theoretischen Hintergrund.
4. Abschließendes Resümee und Anregungen für weitere empirische Forschungen: Das Kapitel fasst die Ergebnisse der Arbeit zusammen, reflektiert die Stabilität und Konsistenz der Lebensentwürfe der Befragten und schlägt Richtungen für zukünftige Forschungsarbeiten vor.
Schlüsselwörter
Lebensentwürfe, erschwerte Lebenslagen, Individualisierung, Biographiearbeit, Risikogesellschaft, Bildungsbenachteiligung, soziale Integration, Identitätsbildung, Handlungsspielräume, Lebensbewältigung, Qualifizierungsmaßnahmen, prekäre Beschäftigung, soziale Netzwerke, Selbstbestimmung, Übergangsphasen.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht Lebensentwürfe junger Erwachsener, die sich in sogenannten „erschwerten Lebenslagen“ befinden, also beispielsweise über einen Hauptschulabschluss verfügen oder an der Schwelle zur Arbeitswelt gescheitert sind.
Welche Themenfelder stehen im Zentrum?
Die Arbeit fokussiert sich auf zentrale Lebensbereiche wie Ausbildung, Beruf, Einkommen, Freizeit, Wohnen sowie soziale Beziehungen und die allgemeine Lebenszufriedenheit.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Ziel ist es, die subjektiven Bedeutungsstrukturen, individuell wahrgenommenen Handlungsspielräume und Problemlösungsversuche dieser Zielgruppe anhand von Fallbeispielen zu analysieren und zu verstehen.
Welche wissenschaftliche Methode wird angewendet?
Die Autorin verwendet einen qualitativ-explorativen Ansatz mit halbstrukturierten Interviews, um die Sichtweisen der Befragten tiefgehend zu erfassen und zu rekonstruieren.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil widmet sich dem methodischen Vorgehen, der Darstellung der drei Einzelfallanalysen (Herr S., Herr B., Herr L.) sowie einer abschließenden Interpretation der Ergebnisse im Kontext der theoretischen Grundlagen.
Welche Schlüsselbegriffe charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit ist geprägt von Begriffen wie Individualisierung, Biographiearbeit, Risikobiographien, Bastelbiographien und der Problematik von Maßnahmekarrieren in der Arbeitsmarktpolitik.
Warum spielt die Herkunftsfamilie in den analysierten Fällen eine so große Rolle?
Die Analyse zeigt, dass die Familie als wichtiges soziales „Auffangnetz“ und Hilfeinstanz dient, insbesondere in einer Situation der Unsicherheit und prekären ökonomischen Lebensverhältnisse.
Welche Bedeutung haben berufliche Qualifizierungsmaßnahmen für die befragten Männer?
Die Befragten stehen diesen Maßnahmen ambivalent bis kritisch gegenüber. Oft werden sie als auferlegte „Warteschleifen“ empfunden, die zwar den Ausschluss vom Arbeitsmarkt zeitlich überbrücken, aber kaum echten qualifikatorischen Nutzen bringen.
Wie gehen die Befragten mit ihrer prekären wirtschaftlichen Lage um?
Sie zeigen hohe Planungskompetenz und Sparsamkeit, um den Alltag zu bewältigen. Zudem sind sie stark auf staatliche Unterstützungsleistungen angewiesen, was ihre Möglichkeiten zur sozialen Teilhabe und Konsumtion einschränkt.
Welches Fazit zieht die Autorin bezüglich der Zukunftsplanung der Männer?
Die Zukunftspläne sind oft zögerlich und von Vorsicht geprägt. Die Männer müssen ihre Lebensgestaltung in einem schwierigen Umfeld planen und können sich im Gegensatz zu privilegierten Gruppen kaum Irrtümer oder Umorientierungen leisten.
- Citar trabajo
- Annika Schmidt (Autor), 2008, Risikobiographien - Lebensentwürfe junger Erwachsener in erschwerten Lebenslagen , Múnich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/138651