Wachsende Armut und hohe Arbeitslosigkeit bei abnehmenden Ressourcen der Sozialstaaten
verändern seit den 80er Jahren tiefgreifend die meisten westlichen Gesellschaften. Mit vereinzelten
Ausbrüchen von Gewalt demonstrierten Jugendliche in französischen und englischen
Vorstädten, so dass eine tiefer werdende Kluft der Perspektivlosigkeit sie vom Rest der Gesellschaft
trennt. Selbst in den USA hat sich mit ihrer langen Geschichte der Minderheitenghettos
die Isolierung der Armenviertel in den Großstädten und die Chancenlosigkeit ihrer
Bewohner verschärft. Weniger spektakulär, aber im öffentlichen Bewusstsein durchaus gegenwärtig,
vollzieht sich in Westeuropa der Ausschluss einer wachsenden Zahl von Langzeitarbeitslosen
aus dem Erwerbsleben. Die momentane Beschäftigungskrise trifft das Selbstverständnis
und das Institutionengefüge der entwickelten Industriegesellschaften in sehr spezifischer
Weise: Sie hat eine neue historische Qualität angenommen. Dies gilt in dreifacher Hinsicht.
Erstens reichen die Beschäftigungseffekte des wirtschaftlichen Wachstums nicht mehr
aus, auf absehbare Zeit, das Arbeitskräfteangebot zu absorbieren. Mehr noch, in der Industrie
ist wirtschaftliches Wachstum selbst zum Motor der Arbeitsplatzvernichtung geworden (vgl.
Dahrendorf 1988, Europäische Kommission 1994,). Deshalb droht in Westeuropa Arbeitslosigkeit
zu einem Dauerzustand zu werden. Zweitens hat sich der historische Kontext für die
Bevölkerungsgruppen, die von Arbeitslosigkeit besonders betroffen sind, verändert. Während
Arbeitslosigkeit in früheren Epochen eingebettet war in eine Expansion von an- und ungelernter
Industriearbeit, schrumpft mittlerweile gerade dieses Beschäftigungselement seit Jahren.
Fraglich ist mehr, ob das Beschäftigungswachstum im Dienstleistungsbereich diesen Verlust
kompensieren kann (vgl. Europäische Kommission 1994). Zu einem entscheidenden Zugangsund
Ausschlusskriterium am Arbeitsmarkt wird deshalb in immer stärkeren Maße Qualifikation.
Das Resultat ist in Westeuropa eine in sich gespaltene Arbeitslosigkeit: Als vorübergehende
Unterbrechung der Erwerbszeitraums (in der Regel mit ungewissem Ausgang) reicht
sie in immer weitere Bevölkerungskreise hinein. Zugleich wirkt sie selektiv und bedroht auch
an- und ungelernte Arbeitskräfte mit vollständigem Ausschluss am Arbeitsmarkt. [...]
Inhaltsverzeichnis
1. Neue Problemlagen, Herausforderung an die Forschung
2. Begriffliche Annäherung: „Peripherisierung“, „Exclusion“, „Underclass“
3. Empirische Annäherung: Wer wird ausgegrenzt, in welcher Weise und mit welchen gesellschaftlichen Folgen?
3.1 Wer ist von Ausgrenzung bedroht?
3.2 Was bedeutet Ausgrenzung für die Gesellschaft?
3.3 Was bedeutet Ausgrenzung für die Betroffenen?
3.4 Wie scharf ist der Bruch zwischen „innen“ und „außen“ ?
4. Soziale Ausgrenzung nach Silvia Staub-Bernasconi
4.1 Machtproblem
4.2 Ressourcenerschließung
5. Das Konzept Silva Staub-Bernasconis bezogen auf Psychisch Kranke
5.1 Exkurs: Anfänge der Ausgrenzung psychisch Kranker
5.2 Exkurs: Psychische Erkrankung und psychische Behinderung
5.3 Versorgungsbedarf und Bedürfnisse psychisch Kranker
5.4 Schwierigkeiten der Befriedigung der Bedürfnisse – Fallbeispiel -
5.4.1 Schwierigkeiten durch diagnostische Unsicherheit: Behinderungs- und Begrenzungsmacht
5.4.2 Schwierigkeiten der Ressourcenerschließung
5.4.3 Schwierigkeiten in der Familie
5.5 Warum überhaupt berufliche Rehabilitation?
5.5.1 Grundlagen beruflicher Rehabilitation
5.5.2 Berufsbildende Umschulungs- und Ausbildungsmaßnahmen
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht das Phänomen der sozialen Ausgrenzung in modernen Industriegesellschaften, wobei ein besonderer Schwerpunkt auf der Beschäftigungskrise und deren Auswirkungen liegt. Ziel ist es, den Begriff der Ausgrenzung theoretisch zu rahmen und empirische Erkenntnisse über Betroffenengruppen sowie die Folgen von Exklusion aufzuzeigen, um schließlich die Relevanz der Sozialen Arbeit, insbesondere bei psychisch kranken Menschen, zu unterstreichen.
- Strukturelle Ursachen und Erscheinungsformen sozialer Ausgrenzung
- Machttheoretische Analyse nach Silvia Staub-Bernasconi
- Die Rolle der beruflichen Rehabilitation für psychisch Kranke
- Diskurs um „Underclass“ und „Social Exclusion“ im europäischen Vergleich
- Lösungsansätze durch Ressourcenerschließung in der Sozialarbeit
Auszug aus dem Buch
4.1 Machtproblem
Machtbeziehungen sind sowohl Voraussetzung wie auch Ergebnis sozialer Chancen und damit für soziale Integration. Üblicherweise zeigen Adressantinnen Sozialer Arbeit Statuskonfigurationen auf, die strukturelle Abhängigkeit wahrscheinlich machen. In Machtbeziehungen manifestiert sich eine Form sozialer Ungleichheit.
Macht ist ein Relationsbegriff und bezieht sich auf den sozialen Wirklichkeitsbereich. Im Rahmen unseres Bezugsrahmens ist er Oberbegriff für Dimensionen der Kontrolle, die immer zwei soziale Niveaus (Kontrolleure und Kontrollierte) als Ausgangsbedingung oder als Produkt eines sozialen Prozesses voraussetzt. Entsprechend betrachten wir Macht unter folgenden Gesichtspunkten:
a) Macht als differentielle Verteilung von Ressourcen bzw.Gütern zwischen Menschen. Somit die Kontrolle von Dingen.
b) Kontrolle der Menschen bezeichnet Macht als arbeitsteilige und wertmäßige Anordnung von Menschen in einer Produktions- und Kommunikationsstruktur.
c) Macht als Festsetzung von höchsten, obersten Ideen zur Legitimation der Kontrolle von Ressourcen und Menschen und daraus ableitbare Werte, Normen/Regeln, Gesetze wird auch als Kontrolle von Ideen benannt.
d) Macht als Erzwingung von konformen Verhalten oder Sanktionsmacht- zwecks Einhaltung der obengenannten Werte, Normen/Regeln und Gesetze und zur Erhaltung von Systemgrenzen, wobei direkte Gewalt in bezug auf Menschen und Dinge, miteingeschlossen die Natur, hinzukommen kann.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Neue Problemlagen, Herausforderung an die Forschung: Das Kapitel thematisiert die zunehmende soziale Polarisierung und Arbeitslosigkeit als neue historische Herausforderung für westliche Gesellschaften.
2. Begriffliche Annäherung: „Peripherisierung“, „Exclusion“, „Underclass“: Hier werden zentrale Begriffe zur Beschreibung neuer Formen sozialer Ungleichheit theoretisch eingeordnet und diskutiert.
3. Empirische Annäherung: Wer wird ausgegrenzt, in welcher Weise und mit welchen gesellschaftlichen Folgen?: Dieser Teil beleuchtet empirische Befunde zu Ausgrenzungsrisiken sowie die gesellschaftlichen Konsequenzen der Exklusion.
4. Soziale Ausgrenzung nach Silvia Staub-Bernasconi: Das Kapitel stellt das systemtheoretische Modell von Staub-Bernasconi vor, das Machtverhältnisse und Ressourcenerschließung als Kernelemente der Sozialen Arbeit definiert.
5. Das Konzept Silva Staub-Bernasconis bezogen auf Psychisch Kranke: Anwendung des theoretischen Modells auf die spezifische Lebenssituation psychisch kranker Menschen, inklusive Fallbeispiel und Ansätzen zur beruflichen Rehabilitation.
Schlüsselwörter
Soziale Ausgrenzung, Underclass, Social Exclusion, Beschäftigungskrise, Silvia Staub-Bernasconi, Machtverhältnisse, Behinderungsmacht, Begrenzungsmacht, Ressourcenerschließung, berufliche Rehabilitation, psychische Erkrankung, soziale Integration, Arbeitsmarkt, Armut, Soziale Arbeit.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert das Phänomen der sozialen Ausgrenzung in entwickelten Industriegesellschaften und diskutiert, wie sich gesellschaftliche Spaltungsprozesse angesichts der Beschäftigungskrise vollziehen.
Welche zentralen Themenfelder werden behandelt?
Zentral sind die theoretische Fundierung von Ausgrenzungsbegriffen, die soziologische Machtanalyse sowie die Anwendung dieser Konzepte auf die berufliche Wiedereingliederung psychisch kranker Menschen.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Ziel ist es, die strukturellen Dimensionen von Ausgrenzung aufzuzeigen und Strategien der Sozialen Arbeit zu identifizieren, die durch eine gezielte Ressourcen- und Machtanalyse Benachteiligten Teilhabe ermöglichen.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es erfolgt eine theoretische Einordnung auf Basis soziologischer und systemtheoretischer Literatur sowie eine fallbezogene Analyse der beruflichen Rehabilitation von psychisch Kranken nach dem Modell von Silvia Staub-Bernasconi.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Begriffsklärung, die empirische Analyse von Ausgrenzungsphänomenen, die theoretische Machtanalyse nach Staub-Bernasconi und die spezifische Übertragung dieses Konzepts auf psychisch Kranke.
Durch welche Schlüsselwörter lässt sich die Arbeit charakterisieren?
Die Arbeit ist durch Begriffe wie Soziale Ausgrenzung, Underclass, Machtverhältnisse, Behinderungsmacht, Ressourcenerschließung und berufliche Rehabilitation charakterisiert.
Welche Rolle spielt die „Behinderungsmacht“ im Fallbeispiel des Herrn F.?
Die Behinderungsmacht wird durch Institutionen wie die Versicherungsanstalt oder Gerichte ausgeübt, die durch unklare Diagnosen und bürokratische Barrieren die Teilhabe des Betroffenen am Arbeitsmarkt erschwerten.
Wie trägt die „Begrenzungsmacht“ zur Lösung bei?
Begrenzungsmacht ermöglicht es, den Einfluss von Institutionen zu regulieren und durch gezielte Unterstützung (z.B. durch eine Betreuerin) die Rechte des Betroffenen zu wahren, um so eine nachhaltige soziale und berufliche Integration zu erreichen.
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- Rebecca Diezmann (Author), 2003, Soziale Ausgrenzung, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/13871