Mit der vorliegenden Arbeit wird beispielhaft an Kleists "Der zerbrochne Krug" diskutiert, ob sich sexualisierte Gewalt (noch) als thematisches Element für ein Lustspiel eignet. Berufsperspektivisch wird das Ziel verfolgt, integrierende Möglichkeiten zu erarbeiten, dieses bedeutende Stück klassischer Literatur als Lehrer:in im Deutschunterricht an den weiterführenden Schulen behandeln zu können, ohne sexualisierte Gewalt gleichzeitig zu relativieren oder zu verherrlichen.
Zur Beantwortung der Fragestellung erfolgt im ersten Kapitel zunächst die gattungsspezifische Zuordnung des "Zerbrochenen Krugs" zur Komödie. Kapitel 2 führt in die Kampagne "#MeToo" ein und untersucht die machtstrukturellen Bedingungen für den vermeintlichen sexuellen Übergriff auf Eve durch Adam. Das dritte Kapitel widmet sich der Witztheorie Freuds im Kontext des "Zerbrochnen Krugs". Kapitel 4 umfasst eine Diskussion der zeitgenössischen Verortung der Gattungsfrage, bevor die Arbeit mit dem Fazit im fünften Kapitel beschlossen wird.
Inhaltsverzeichnis
Einleitung
1 Zur Gattung des Lustspiels am Beispiel des Zerbrochnen Krugs
2 Fiktion vs. Realität – sexuelle Gewalt im Lustspiel und als gesellschaftliches Phänomen
3 Verortung vor dem Hintergrund von Freuds Witztheorie
4 Diskussion oder: Verlangt jeder Witz sein eigenes Publikum?
5 Fazit
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht, ob Heinrich von Kleists „Der zerbrochne Krug“ unter dem Eindruck der #MeToo-Debatte weiterhin als Lustspiel kategorisiert werden kann, ohne dabei die Thematik der sexualisierten Gewalt zu relativieren.
- Analyse der Gattungszuordnung des „Zerbrochnen Krugs“ zum Lustspiel.
- Untersuchung von Machtstrukturen und sexualisierter Gewalt in Bezug auf die #MeToo-Kampagne.
- Anwendung der Freudschen Witztheorie auf das Drama.
- Diskussion über die moralische Vertretbarkeit von Komödien bei ernsten Themen.
- Erarbeitung von Möglichkeiten zur Behandlung des Werks im Schulunterricht.
Auszug aus dem Buch
3 Verortung vor dem Hintergrund von Freuds Witztheorie
Wirth verweist darauf, dass die psychoanalytische Beschäftigung mit dem Phänomen des Komischen auf Freud und dessen Grundlagenwerk „Der Witz und seine Beziehung zum Unbewußten“ aus dem Jahre 1905 zurückgeht. In seiner Untersuchung ging es dem Psychoanalytiker um wissenschaftliche Einsicht in das Wesen des Witzes. Der Witz, so Freud, wird gemacht, während die Komik – die, wie zuvor beschrieben, ein Element der Komödie ist – gefunden wird, und das erstes an Personen.
Das Komische ergibt sich zunächst als ein unbeabsichtigter Fund aus den sozialen Beziehungen der Menschen. Es wird an Personen gefunden, und zwar an deren Bewegungen, Formen, Handlungen und Charakterzügen, wahrscheinlich ursprünglich nur an den körperlichen, später auch an den seelischen Eigenschaften derselben, beziehungsweise an deren Äußerungen.
Hierin ist aus Sicht der Witztheorie Freuds eine erste Erklärung zu finden, weshalb die Figur des Adam als komisch empfunden werden kann. Adam, dessen sprechender Name im biblischen Sinne auf seinen sündhaften Charakter hindeutet, wird unter anderem als klumpfüßig und kahlköpfig beschrieben. Zu den „gewöhnlichen Äußerungsformen des Witzes“ gehört allerdings das Reden und nicht das Handeln. Dies schließt an den in Kapitel 1 bereits näher dargestellten Aspekt der Komikerzeugung durch das Wörtlich nehmen von Adams Redensarten und dessen Wortwitzen an.
Zusammenfassung der Kapitel
Einleitung: Einführung in das Drama „Der zerbrochne Krug“ und Darlegung der zentralen Fragestellung im Kontext der #MeToo-Debatte.
1 Zur Gattung des Lustspiels am Beispiel des Zerbrochnen Krugs: Einordnung des Stücks in die klassische Dramentheorie und Erörterung der Gattungszuordnung als Lustspiel.
2 Fiktion vs. Realität – sexuelle Gewalt im Lustspiel und als gesellschaftliches Phänomen: Gegenüberstellung von Kleists Drama und modernen gesellschaftlichen Diskursen über Machtmissbrauch und sexualisierte Gewalt durch #MeToo.
3 Verortung vor dem Hintergrund von Freuds Witztheorie: Psychoanalytische Untersuchung des komischen Potenzials des Werks basierend auf Freuds Witz-Theorie.
4 Diskussion oder: Verlangt jeder Witz sein eigenes Publikum?: Kritische Reflexion der Kipp-Elemente des Werks zwischen Lustspiel und Tragödie vor dem Hintergrund gegenwärtiger gesellschaftlicher Normen.
5 Fazit: Zusammenfassende Bewertung der Ergebnisse und Empfehlung für die Behandlung des Stoffes im Deutschunterricht.
Schlüsselwörter
Heinrich von Kleist, Der zerbrochne Krug, Lustspiel, Komödie, #MeToo, sexualisierte Gewalt, Sigmund Freud, Witztheorie, Machtmissbrauch, Literaturanalyse, Dramentheorie, Schuld, Komik, Schuldverdrängung, Unterrichtsgestaltung.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht, ob das klassische Lustspiel „Der zerbrochne Krug“ von Heinrich von Kleist angesichts der #MeToo-Debatte über Machtmissbrauch und sexuelle Gewalt noch als Komödie rezipiert werden kann.
Was sind die zentralen Themenfelder der Arbeit?
Die zentralen Themen sind Gattuungspoetik, die psychoanalytische Witztheorie nach Sigmund Freud, sowie die Analyse von Machtverhältnissen und sexualisierter Gewalt in Literatur und Gesellschaft.
Was ist das primäre Ziel der Forschungsarbeit?
Das Ziel ist es, Möglichkeiten zu finden, das Werk im Deutschunterricht zu behandeln, ohne sexualisierte Gewalt zu verharmlosen oder zu verherrlichen.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es handelt sich um eine textanalytische Arbeit, die Methoden der Literaturwissenschaft mit soziologischenDiskursen (insb. #MeToo) sowie psychoanalytischen Theorien (Freud) verknüpft.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil analysiert die Gattungsfrage, untersucht die Machtstrukturen zwischen Adam und Eve, wendet Freuds Witztheorie auf das Drama an und diskutiert die moralischen Implikationen der Rezeption als Komödie.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Kleist, #MeToo, Witztheorie, Lustspiel, sexualisierte Gewalt, Machtmissbrauch, Gattungsfrage, psychoanalytische Analyse.
Inwieweit spielt die Figur des Adams eine Schlüsselrolle bei der Komikerzeugung?
Adams Versuche, seine Tat durch Lügengeflechte zu vertuschen, führen durch das Wörtlichnehmen seiner Redensarten zu einer komischen Wirkung, die laut Freud auf der Abweichung und Entlarvung seiner sozialen Position beruht.
Welchen Stellenwert nimmt die #MeToo-Debatte in der Argumentation ein?
#MeToo dient als moderner Interpretationsrahmen, um die Machtverhältnisse im Stück kritisch zu hinterfragen und die moralische Problematik der Gattungszuordnung als bloßes „Lustspiel“ zu verdeutlichen.
Wie bewertet die Arbeit Kleists Umgang mit dem „Happy End“?
Das klassische Komödien-Element des „Happy Ends“ wird kritisch hinterfragt, da es bei Kleist das moralisch fragwürdige Handeln Adams nicht im Sinne einer tragischen Konsequenz bestraft, sondern den Fokus auf die Komik des Scheiterns legt.
- Citar trabajo
- Kirsten Garbade (Autor), 2018, Heinrich von Kleists "Der zerbrochne Krug" im Schatten von #MeToo. Kann sexualisierte Gewalt (noch) Gegenstand von Komödie sein?, Múnich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1387354