Die historischen Romane "Die Geschäfte des Herrn Julius Caesar" und "Der König David Bericht" von Bertolt Brecht bzw. Stefan Heym weisen signifikante Merkmale auf, die einen Vergleich nicht nur auf Grund derselben Gattungszugehörigkeit rechtfertigen: Ihre Entstehung fällt in die Zeit der jeweiligen Auseinandersetzung mit einer Diktatur – bei Brecht der Naziherrschaft, bei Heym des Stalinismus und des DDR-Regimes. Hauptprotagonist in beiden ist ein Historiker, der die Geschichte eines „großen“ Mannes schreiben will bzw. soll. Doch kleiden diese Geschichtsromane keinesfalls nur aktuelle politische Ereignisse in ein historisches Gewand. So ist Caesar nicht vollständig mit Adolf Hitler gleichzusetzen, auch David nicht mit Josef Stalin. Sie mögen Ähnlichkeiten mit diesen Figuren haben, doch dienen die eher einer besseren Anschaulichkeit, um zu zeigen, dass Diktaturen ähnliche Strukturen aufweisen. Das Ziel der beiden Geschichtsromane ist aber ein anderes: Über die satirische Auseinandersetzung mit den Figuren Julius Caesar und König David werden Diskurse über die Art von Geschichtsschreibung eröffnet.
Um so ein Thema literarisch darzustellen, griffen sowohl Brecht als auch Heym auf die Gattung Historischer Roman, die einige Schwierigkeiten bereitet, zurück. Da diese Examensarbeit sich gattungsspezifisch den beiden Werken nähert, steht eine gattungstheoretische Diskussion zum historischen Roman selbst am Anfang der Betrachtung.
Inhaltsverzeichnis
Einleitung
1. Der historische Roman
1.1. Der historische Roman - Eine Zwittergattung?
1.2. Was ist ein historischer Roman?
1.2.1. Über Grenzziehung zu anderen Gattungen zu einer Minimaldefinition
1.2.2. Unmöglichkeit einer Universaldefinition
1.2.3. ‚Üblicher’ vs. ‚anderer’ historischer Roman
1.3. Narration und Geschichte als Untersuchungskriterien für historische Romane
1.4. Historische Romane als Ausdruck der jeweiligen Geschichtsauffassung – Kurzer geschichtlicher Abriss historischer Romane von Sir Walter Scott bis in die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts
2. Bertolt Brecht – Die Geschäfte des Herrn Julius Caesar
2.1. Entstehungsgeschichte und Brechts Auseinandersetzung mit der Gattung Historischer Roman
2.2. Strukturanalyse - Zerstörung des personenzentrierten Geschichtsbildes
3. Stefan Heym – Der König David Bericht
3.1. Entstehungsgeschichte, Rezensions- und Forschungsabriss
3.2. Aufbau und Struktur
3.3. Geschichtsfälschung vs. materialistische Geschichtsbetrachtung
3.4. Die historische Welt – Die Dekonstruktion des biblischen David-Bildes
3.5. Die politische Welt – Kennzeichen eines despotischen Regimes
3.6. Die private Welt – Ausdruck eines menschenwürdigen Zusammenlebens
3.7. Rolle des Schriftgelehrten
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die Werke Die Geschäfte des Herrn Julius Caesar von Bertolt Brecht und Der König David Bericht von Stefan Heym im Hinblick auf ihre Gattungszugehörigkeit zum historischen Roman und ihre kritische Auseinandersetzung mit historischer Narration. Das Ziel ist es, aufzuzeigen, wie beide Autoren die Form des historischen Romans nutzen, um das personenzentrierte, bürgerliche Geschichtsbild zu dekonstruieren und eine materialistische Geschichtsbetrachtung als Alternative zu etablieren.
- Gattungstheoretische Diskussion des historischen Romans
- Analyse der Entstehungsbedingungen unter den Diktaturen des 20. Jahrhunderts
- Untersuchung der Montage-Schreibweise als Mittel zur Verfremdung
- Gegenüberstellung von personenzentrierter und materialistischer Geschichtsschreibung
- Die Rolle des Historikers und Schriftgelehrten in totalitären Machtsystemen
Auszug aus dem Buch
3.2. Aufbau und Struktur
Komplex ist der König David Bericht wegen seiner unterschiedlichen Zeitebenen, seiner vielfältigen Schreibweisen und des weit reichenden Figurenrepertoires. Aus diesem Grund empfiehlt sich eingangs eine strukturelle Analyse.
Innerhalb des Romans sind drei Zeitebenen miteinander verwoben.
1. der grundlegende historische Stoff, also die Zeit Davids,
2. die Arbeit am und Abfassung des König David Berichts (=Bibeltext), also die Zeit Salomos und
3. die Reflexion des Protagonisten über seine Arbeit und damit der Roman selbst, also die Zeit Stefan Heyms.
Die Versetzung des Geschehens in eine über dreitausend Jahre zurückliegende Zeit deutet auf einen historischen Roman hin.
Zusammenfassung der Kapitel
Einleitung: Einführung in die Vergleichsbasis der beiden Romane, die jeweils im Kontext einer Diktatur entstanden und sich mit der Art der Geschichtsschreibung befassen.
1. Der historische Roman: Theoretische Auseinandersetzung mit der Gattung des historischen Romans, der Abgrenzung zu anderen Gattungen und den Schwierigkeiten einer universalen Definition.
2. Bertolt Brecht – Die Geschäfte des Herrn Julius Caesar: Untersuchung der Entstehungsgeschichte des Fragments und der spezifischen Struktur, die auf eine Zerstörung des personenzentrierten Geschichtsbildes abzielt.
3. Stefan Heym – Der König David Bericht: Analyse von Heyms Werk als komplexes Montage-System, das biblische Legenden dekonstruiert und als satirische Auseinandersetzung mit totalitärer Machtpolitik fungiert.
Schlüsselwörter
Historischer Roman, Bertolt Brecht, Stefan Heym, Geschichtsschreibung, materialistische Geschichtsbetrachtung, Montage, Dekonstruktion, Literatur und Politik, Exilliteratur, Narration, Machtpolitik, biblische Mythologie, Historiker, Realismus, Zeitdifferenz.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundlegend?
Die Arbeit analysiert die Romane von Bertolt Brecht und Stefan Heym als „andere“ historische Romane, die konventionelle Erzählweisen durchbrechen.
Welche zentralen Themenfelder werden bearbeitet?
Im Zentrum stehen die Gattungstheorie des historischen Romans, das Verhältnis von Macht und Geschichtsschreibung sowie die Entstehung historischer Narrative.
Was ist die zentrale Forschungsfrage?
Die Arbeit fragt danach, wie beide Autoren das personenzentrierte Geschichtsbild hinterfragen und durch eine materialistische Betrachtungsweise ersetzen.
Welche wissenschaftliche Methode kommt zum Einsatz?
Es erfolgt eine textnahe Strukturanalyse, die ergänzt wird durch den Einbezug gattungstheoretischer Typologien und zeitgeschichtlicher Kontexte.
Was umfasst der Hauptteil?
Der Hauptteil gliedert sich in die theoretische Gattungsbestimmung und die detaillierte Analyse der beiden Romane hinsichtlich Struktur, Intention und politischem Hintergrund.
Welche Schlüsselbegriffe charakterisieren die Arbeit?
Wesentliche Begriffe sind „anderer historischer Roman“, Montage, materialistische Geschichtsauffassung und Dekonstruktion.
Warum wählt Brecht die Figur Julius Caesar für seinen Roman?
Caesar dient Brecht als Vorbild aller Diktatoren, um durch den historischen Vergleich den Verfall der römischen Republik mit den aktuellen Machtverhältnissen seiner Zeit zu parallelisieren.
Welche Funktion hat die Figur des Historikers Ethan ben Hoshaja bei Stefan Heym?
Ethan fungiert als Erkenntnissubjekt, das den Auftrag hat, ein offizielles, legitimierendes Bild Davids zu schaffen, dabei aber an der Wahrheit der ökonomischen Prozesse scheitert.
- Citar trabajo
- Carl Röthig (Autor), 2006, Geschichtsschreibung im Historischen Roman - Eine vergleichende Betrachtung von Bertolt Brechts "Die Geschäfte des Herrn Julius Caesar" und Stefan Heyms "Der König David Bericht", Múnich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/138788