Les Carabiniers (1963). Tout va bien (1972). Allemagne Année 90 (1991).
Wie macht man einen Film, der die Ideologie des Kriegs entlarvt? Wie setzen sich die revolutionären Ideen von 68 in Fleischfabriken und Supermärkten um? Wie kann man überhaupt die Bewegung der Revolution und der Geschichtsschreibung filmen?
Mit der Kinotheorie von Deleuze wird Godards Methode der Diskontinuität an diesen drei Filmen beschrieben, die sowohl für ein gesellschaftliches Phänomen als auch für eine Dekade in Godards Werk stehen.
Inhaltsverzeichnis
I. Einleitung
1. Was sind das für Bilder?
2. Gegenstand und Zielsetzung
3. Ein Forschungsüberblick
II. Die Kinotheorie von Gilles Deleuze
1. Einführung
2. Film und Bewegung: Ein exkursiver Diskurs
3. Bild und Bewegung
4. Die Zeichenmaterie von Bewegungs- und Zeit-Bild
4.1. Das Bewegungs-Bild
4.2. Das Zeit-Bild
4.3. Die Transformation vom Bewegungs-Bild zum Zeit-Bild
5. Die Serie der Zeit
6. Godards Poetik der Filmerzählung: das Fragment
7. Heterotopische Geschichtsräume
III. Les Carabiniers
1. Die Politik der Filmbilder der ‚Nouvelle Vague’
2. Les Carabiniers: Ein Film vom Krieg
3. Das Kino und der Krieg
3.1. Das Kino als revolutionäre Kunst
3.2. Das Kino als Propagandaapparat
3.3. Ein Karabinieri geht ins Kino
4. Die Organisation des Kriegsfilms Les Carabiniers
4.1. Die sinnstiftende Organisation des Kriegsfilms
4.2. Die Organisation des Kriegsfilms als kontinuierliche Folge von Brüchen
4.2.1. Die fiktive Spielhandlung: Die Inszenierung des Krieges
4.2.2. Material aus Wochenschauen
4.2.3. Die Kommentierung der Kriegsgeschehnisse durch die Schrift
4.2.4. Der Kriegsfilm in der Reflexion des Roadmovies
5. Die Darstellung des Krieges als abweichende Bewegung
5.1. Die Darstellung des Krieges auf einer subjektiven Ebene des Bewusstseins
5.1.1. Vor dem Krieg
5.1.2. Der Blick der Gewalt: Das Sehen zwischen Erkennen und Verkennen
5.1.3. Postkartenszene 2: Nach dem Krieg
5.1.4. Über die „Zivilisation der Bilder“. Ein Nachtrag zum Diskurs über den Tod der Fotografie
5.2. Die Darstellung des Krieges als abweichende Bewegung auf einer objektiven Ebene
6. Fazit: Ein Film über die Ideologie des Krieges
IV. Tout va bien. Rien ne va plus!
1. Film und Revolution
1.1. Der Pariser Mai und die Französische Filmkultur
1.2. Tout va bien: wie man Filme politisch macht
2. Transparenz der medialen Erzählstrukturen
2.1. Brechts Konzept
2.2. Die Logik der Filmindustrie und deren narrative Strukturen
3. Die Organisation des Filmsystems in Tout va bien
3.1. Gefilmter Marxismus
3.2. Die Dialektik von Realität und Fiktion
3.2.1. Das Sprechen über die Mai-Ereignisse
3.2.2. Zur Intermedialität des Gestus
4. Das Bewegungsproblem bewegt die Körper
4.1. Die Kategorie des Körpers
4.2. Instrumente der kinematographischen Analyse: Dekor und Kamera
4.3. Bewegungen der Körper
4.3.1. Die Körperzustände der Arbeiter
4.3.2. Die Körperzustände der Intellektuellen
5. „Das Stottern in den Ideen“
5.1. Das Problem der Darstellung des Streiks
5.2. Das Bewegungsproblem dehnt sich aus
6. Der Prozess des ‚sich-historisch-Denkens’
V. Allemagne Année 90 Neuf Zéro: Die Bewegung der Geschichtsschreibung
1. Godards „Cinema alone“
2. Die Probleme der kinematographischen Geschichtsschreibung
2.1. Die Begriffe des Wahren und des Falschen in der Geschichtsdarstellung
2.2. Die Zeit und die Geschichtsdarstellung
3. „Un état des solitudes et ses variations“
3.1. Kann man die Zeit erzählen?
3.2. Un état de solitudes
4. Geschichtsschreibung als Prozess der Transformation
4.1. Die Geschichte als selbstreflexiver Detektivfilm
4.2. Das System der sich verfolgenden Erzähler
5. Die horizontale Transformation
5.1. Die Transformation der Frauenfigur: Dora, Charlotte
5.2. Charlotte à Weimar
6. Vertikale Transformationen
6.1. Doku-fiktive Bilder
6.2. Die Zeitlichkeit der Filmbilder
6.3. Die Figur der Übersetzung
7. Heterotopische Geschichtsräume
8. Zwei Deutschlandbilder: Osten und Westen im Vergleich
8.1. Der Stillstand des Ostens
8.2. Der Untergang des Westens
9. Fazit
VI. Schlussbemerkung: Das sind Godardfilme!
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht das Verhältnis von Filmbild und gesellschaftlicher Wirklichkeit in den Werken von Jean-Luc Godard. Die zentrale Forschungsfrage liegt darin, wie Godard durch seine spezifische Ästhetik des diskontinuierlichen Erzählens die Sinnproduktion von Filmbildern hinterfragt und ob es möglich ist, Wirklichkeit im Film darzustellen, ohne in ideologische Klischees zu verfallen.
- Filmanalyse unter Einbeziehung der Kinotheorie von Gilles Deleuze
- Die Methode der "abweichenden Bewegung" und des "falschen Anschlusses"
- Die Rolle der Montage bei der Dekonstruktion gesellschaftlicher Sinnzusammenhänge
- Intermediale Bezüge, insbesondere zu Literatur, Malerei und Geschichtsschreibung
- Untersuchung dreier Schlüsselwerke: Les Carabiniers, Tout va bien und Allemagne Année 90 Neuf Zéro
Auszug aus dem Buch
3.3. Ein Karabinieri geht ins Kino (TC 0:34-0:38)
Zwischen den unterschiedlichen Schauplätzen des Krieges, zwischen fiktive und dokumentarische Filmsequenzen montiert Godard einen Kinobesuch von Michelangelo, und bezieht dadurch den Film selber in seine Kriegsdarstellung mit ein. Ein Insert geht der Sequenz voraus, auf dem folgendes zu lesen ist: „Gestern wurde im Angriff die Stadt Santa Cruz genommen. Die Mädchen haben uns Blumen zugeworfen. Abends bin ich zum ersten Mal ins Kino gegangen.“(C, S. 49) Über den Insert liegt der Ton des Kriegsgeschehens: Gefechtslärm und die Detonation von Geschützen. Nächste Einstellung: Die Kamera ist auf die Leuchtreklame einer Häuserfassade gerichtet. Abwechselnd leuchtet der Schriftzug „Cinéma“ und „Le Mexiko.“ Die Kamera schwenkt auf die Straße einer Stadt vor den Kinoeingang: dort verabschiedet sich Michelangelo von Odysseus und betritt das Kino. Durch den Einstellungswechsel wird der Raum, in dem der Apparat Kino funktioniert, vorgestellt. In Godards Kinogeschichtsschreibung unterscheidet er zwei Arten von Industrie, die beide darauf aus sind, die menschliche Produktiv- und Konsumkraft auszubeuten: die Industrie des Tages, in den die Körper sich gemäß dem Rhythmus ihrer Arbeit bewegen, und die Industrie der Nacht. „Die Industrie, bei der das Innere des Körpers in Betrieb ist, dazu gehören die Lüste, die Psychologie, die Nerven, die Empfindungen, die Sexualität. [Dazu gehören] die Schauspielindustrie, das Showbusineß, die Filmindustrie, Fernsehen und Musik.“
Ein Stück Filmgeschichte im Abrissverfahren und die historische Entwicklung des filmischen Blicks werden auf parodistische Weise in Michelangelos Kinobesuch in Szene gesetzt. Durch eine Schuss/Gegenschuss-Montage werden sowohl die Kurzfilme, die Michelangelo sieht, als auch seine Reaktionen darauf, ausgestellt.
Zusammenfassung der Kapitel
I. Einleitung: Diese Einleitung führt in die medientheoretische Debatte über das Verhältnis von Wirklichkeit und Filmbild ein und definiert das Ziel, Godards Methode der Diskontinuität anhand dreier exemplarischer Filme zu analysieren.
II. Die Kinotheorie von Gilles Deleuze: Dieses Kapitel erläutert die Grundkonzepte der Kinophilosophie von Deleuze, insbesondere die Differenz zwischen Bewegungs-Bild und Zeit-Bild, sowie deren Bedeutung für Godards fragmentarisches Erzählen.
III. Les Carabiniers: Hier wird Godards Anti-Kriegsfilm analysiert, wobei besonders die Verwendung von Archivmaterial und die Auseinandersetzung mit der Filmgeschichte als Mittel der Ideologiekritik im Vordergrund stehen.
IV. Tout va bien: Dieser Teil untersucht Godards und Gorins politische Filmarbeit und wie sie mit den Mitteln des Brechtschen Theaters gesellschaftliche und narrative Strukturen des Kapitalismus transparent machen.
V. Allemagne Année 90 Neuf Zéro: Das Kapitel befasst sich mit der Bewegung der Geschichtsschreibung und wie Godard in diesem Film die deutsche Wiedervereinigung und die deutsche Filmgeschichte als hybride, heterotopische Räume inszeniert.
VI. Schlussbemerkung: Das sind Godardfilme!: Die Schlussbemerkung resümiert die Entwicklung von Godards Filmschaffen über drei Jahrzehnte hinweg und bestätigt die anhaltende Relevanz seiner diskontinuierlichen Ästhetik für die Analyse gesellschaftlicher Wirklichkeit.
Schlüsselwörter
Jean-Luc Godard, Gilles Deleuze, Kinotheorie, Nouvelle Vague, Filmgeschichte, Ideologiekritik, Montage, Diskontinuität, Les Carabiniers, Tout va bien, Allemagne Année 90 Neuf Zéro, Bildpolitik, Gesellschaftskritik, Repräsentation, Fragment.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Magisterarbeit untersucht, wie Jean-Luc Godard das Verhältnis zwischen Filmbildern und der gesellschaftlichen Wirklichkeit in seinem Filmschaffen thematisiert und kritisch hinterfragt.
Was sind die zentralen Themenfelder der Arbeit?
Die Schwerpunkte liegen auf der filmtheoretischen Analyse (insbesondere nach Deleuze), der Kritik an ideologischen Erzählstrukturen im Kino sowie der Untersuchung, wie Godard durch fragmentarisches Erzählen Geschichte und Politik im Film abbildet.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Das Ziel ist es, aufzuzeigen, wie Godard durch seine Methode der Diskontinuität – den „falschen Anschluss“ – konventionelle Sichtweisen auf die Realität durchbricht und stattdessen eine aktive Reflexion des Zuschauers über die Konstruiertheit von Filmbildern und gesellschaftlichen Narrativen anregt.
Welche wissenschaftliche Methode verwendet die Autorin?
Die Arbeit basiert auf einer filmanalytischen Interpretation, die durch die philosophischen Schriften von Gilles Deleuze sowie medientheoretische Ansätze (wie von Walter Benjamin, Roland Barthes und Susan Sontag) gerahmt wird.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Analyse der Kinotheorie von Deleuze und die anschließende Anwendung dieser Konzepte auf drei spezifische Filme Godards: Les Carabiniers, Tout va bien und Allemagne Année 90 Neuf Zéro.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind unter anderem: Godard-Filme, Deleuzes Kinotheorie, diskontinuierliches Erzählen, Ideologiekritik, Bild-Montage, Film-History und gesellschaftliche Sinnproduktion.
Inwieweit spielt der Begriff der "abweichenden Bewegung" eine Rolle?
Die "abweichende Bewegung" ist zentral für Godards Methode; sie bezeichnet den Bruch mit dem klassischen, sensomotorischen Handlungskino, wodurch der Sinn von Handlungen und historischen Ereignissen nicht mehr als gegeben vorausgesetzt, sondern transparent und diskussionswürdig gemacht wird.
Welche Bedeutung hat das "Roadmovie" für Godards Kriegsfilm "Les Carabiniers"?
Godard nutzt die Struktur des Roadmovies, um das ständige Unterwegssein der Protagonisten als eine Form der Mobilisierung für den Krieg darzustellen, was die rastlose und ideologisch aufgeladene Natur des Kriegsgeschehens im Film unterstreicht.
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- Nicole Köstler (Author), 2005, Jean-Luc Godards Politik der Filmbilder, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/138820