Einführung
Gulliver’s Travels wurde erstmals 1726 unter dem Titel Travels into Several Remote Nations herausgegeben. Jonathan Swift hatte vermutlich schon sechs Jahre vorher begonnen, an dem Werk zu arbeiten. Dabei war er sehr darauf bedacht, nicht als Autor in Verdacht zu geraten. Grund dafür war einerseits Swifts Liebe zum Versteckspiel, andererseits die damals strengen Vorschriften und strafrechtlichen Verfolgungen von Satireverfassern. Und dass es sich bei Gulliver’s Travels um eine Satire handelt, daran lässt sich nicht zweifeln. Trotzdem wurde es ein rascher Erfolg. Die Erstauflage aus mehreren tausend Exemplaren war angeblich in einer Woche ausverkauft und Anfang des darauf folgenden Jahres wurde es mit ersten Übersetzungen bereits als „europäisches Ereignis“ gefeiert. Gulliver’s Travels eignete sich für jede Altersgruppe; wie Alexander Pope sagte: „[It] was read [...] from the cabinet council to the nursery“ und die phantasiereiche Schilderung der Reisen lud in den letzten 280 Jahren oft zur piktorialen Darstellung ein. Heutzutage gehört Gulliver’s Travels immer noch zu den wichtigsten und meistzitierten Standardwerken der englischsprachigen Literatur.
Diese Arbeit beschäftigt sich mit der Rolle der Tiere in Gulliver’s Travels. Es soll herausgefunden werden, warum Tiere in bestimmten Teilen der Reisen, etwa in Brobdingnag und im Houyhnhnm-Land so oft Verwendung finden, und warum sie in anderen, so wie in Laputa und in den Ländern der dritten Reise nur am Rande vorkommen. Weitere Fragestellungen lauten: Welche Bedeutung hat es, dass genau diese Tierarten beschrieben werden? Und welche Funktion haben die Tiere als Mittel der Satire? Bei der Textanalyse wird chronologisch von Buch I bis Buch IV vorgegangen, wobei besonders Wert gelegt wird auf die themenbezüglich relevanteren Reisen in Buch II und IV.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Tiere in Gulliver’s Travels
2.1 Buch I: Tiere als Vieh und Nahrung
2.2 Buch II: Tiere als Rivalen und Vergleich für Gulliver
2.3 Buch III: Tiere in einer Welt der Wissenschaften
2.4 Buch IV: Tiere als utopische Idealwesen
3. Zusammenfassung
Zielsetzung & Themen
Diese Arbeit untersucht die vielschichtige Rolle von Tieren in Jonathan Swifts Werk Gulliver's Travels und analysiert deren Funktion als Mittel der Satire. Dabei wird insbesondere beleuchtet, wie Swift durch den Vergleich zwischen Mensch und Tier die zeitgenössische Anthropologie hinterfragt und den Stolz des Menschen auf seine vermeintliche Vernunft dekonstruiert.
- Die funktionale Bedeutung von Tieren in den verschiedenen Reiseberichten.
- Die satirische Gleichsetzung von menschlicher Physis mit tierischen Attributen.
- Die Umkehrung von Hierarchien in Buch II und Buch IV.
- Das theriophile Paradoxon als Kritik an der Great Chain of Being.
- Die Darstellung von Körperlichkeit und natürlichen Funktionen als Provokation.
Auszug aus dem Buch
2.2 Buch II: Tiere als Rivalen und Vergleich zu Gullliver
In Buch II wird Gullivers Reise nach Brobdingnag beschrieben: ein Land mit umgekehrten Größenverhältnissen zu Lilliput und damit das Gegenstück zu Buch I. Im Gegensatz zu Gullivers recht respektvoller Annäherung an die Lilliputaner gehen die Riesen in Brobdingnag jedoch ganz anders mit Gulliver um. Als der Riesen-Bauer Gulliver im Feld entdeckt, sieht er in unserem Helden „a small dangerous animal“ und „a little creature“. Im weiteren Verlauf der Geschichte wird Gulliver ständig mit Kleintieren verglichen. Gulliver beschreibt zum Beispiel, dass der Riesen-Bauer ihn so vorsichtig auf der Hand hält „[...] as I myself have sometimes done with a weasel in England“. Und die Bäuerin schreit bei seinem Anblick „[...] as women in England do at the sight of a toad or a spider“. Von Kindern fühlt er sich wie ein Spatz, ein Kaninchen, eine junge Katze und ein Welpe behandelt.
Desweiteren wird Gulliver mit Kanarienvögeln, Fröschen und einem splacknuck – einem kleinen einheimischen Tier – verglichen. Gulliver wird außerdem gestreichelt und an der Leine gehalten wie ein Haustier und im Königshaus lebt er in einer käfigartigen Box. Als Sensation und Vorzeigeobjekt auf Märkten degradiert, wird Gulliver vollends auf eine minderwertige Kreatur heruntergestuft. Die neunjährige Bauerntochter Glumdalclitch ist die Person, die Gulliver am nächsten steht, doch selbst diese Beziehung ist vergleichbar mit der eines Kindes zu einem lieben Tier. Als der Bauer Gulliver immer öfter auf Jahrmärkten präsentiert, beschwert sie sich zum Beispiel: „She said, her papa and mamma had promised that Grildrig should be hers, but now she found they meant to serve her as they did last year, when they pretended to give her a lamb, and yet, as soon as it was fat, sold it to a butcher.” Gulliver ist in seiner Position keine ernstzunehmende Person mehr.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung stellt Gulliver’s Travels in den literarischen Kontext und definiert die Forschungsfrage bezüglich der satirischen Bedeutung der in den Reisen vorkommenden Tiere.
2. Tiere in Gulliver’s Travels: Dieses Kapitel analysiert chronologisch, wie Tiere in den vier Büchern als satirische Instrumente eingesetzt werden.
2.1 Buch I: Tiere als Vieh und Nahrung: Die Tiere im Land der Lilliputaner werden primär als gewöhnliches Vieh und Nahrungsmittel dargestellt, was ihre Reduktion auf rein Körperliches unterstreicht.
2.2 Buch II: Tiere als Rivalen und Vergleich für Gulliver: Gulliver wird in Brobdingnag durch den ständigen Vergleich mit Kleintieren und Haustieren seiner Würde beraubt und als Sensation auf Märkten degradiert.
2.3 Buch III: Tiere in einer Welt der Wissenschaften: In dieser Satire auf die Wissenschaft sind Tiere weitgehend marginalisiert und werden lediglich zur Verspottung nutzloser Erfindungen herangezogen.
2.4 Buch IV: Tiere als utopische Idealwesen: Das letzte Kapitel untersucht die Umkehrung der Verhältnisse zwischen Mensch, Vernunft und Tier durch die Gegenüberstellung von rationalen Houyhnhnms und animalischen Yahoos.
3. Zusammenfassung: Die Zusammenfassung resümiert Swifts Werk als Kritik an der menschlichen Überheblichkeit und ordnet das Theriophile Paradoxon in die zeitgenössische Anthropologie ein.
Schlüsselwörter
Jonathan Swift, Gulliver’s Travels, Satire, Tiere, Brobdingnag, Houyhnhnms, Yahoos, Theriophilie, Anthropologie, Vernunft, Misanthropie, Great Chain of Being, Mensch-Tier-Vergleich, Literaturanalyse, Buch IV
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundlegend?
Die Arbeit untersucht, welche Funktion Tiere in Jonathan Swifts Roman Gulliver’s Travels einnehmen und wie sie vom Autor gezielt eingesetzt werden, um gesellschaftliche und menschliche Zustände zu kritisieren.
Was sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Die Arbeit fokussiert sich auf die satirische Darstellung des Menschen, die Bedeutung von Körperlichkeit und Ernährung sowie die Umkehrung von Hierarchien in den verschiedenen Reiseberichten.
Welches primäre Ziel verfolgt die Forschungsarbeit?
Das Ziel ist es, zu analysieren, warum Tiere in bestimmten Reiseberichten wie Brobdingnag oder im Houyhnhnm-Land eine zentrale Rolle spielen und welche satirische Botschaft Swift damit vermittelt.
Welche wissenschaftliche Methode kommt zum Einsatz?
Die Arbeit nutzt eine chronologische Textanalyse der vier Bücher, wobei der Schwerpunkt auf den thematisch relevanten Reisen in Buch II und Buch IV liegt.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich nach den Reisebüchern, analysiert die Darstellung von Tieren als Nahrung, als Rivalen und als utopische Idealwesen und diskutiert die Konsequenzen für das Menschenbild.
Durch welche Schlüsselwörter lässt sich diese Arbeit charakterisieren?
Wichtige Begriffe sind Satire, Theriophilie, Gulliver’s Travels, Vernunft, Houyhnhnms, Yahoos und die Kritik an der Great Chain of Being.
Inwiefern spielt der Ekel in der Darstellung der Tiere eine Rolle?
Durch die detaillierte Beschreibung von Körperfunktionen, Exkrementen und unappetitlichen Details im Umgang mit Tieren bricht Swift gesellschaftliche Tabus, um die animalische Natur des Menschen zu entlarven.
Warum wählte Swift ausgerechnet Pferde als Idealwesen in Buch IV?
Swift war ein Pferdeliebhaber und griff zudem auf die Tradition der Logikbücher zurück, in denen das Pferd oft als Gegenüberstellung zum vernunftbegabten Menschen diente, um dieses Bild satirisch umzukehren.
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- Annika Wildersch (Author), 2006, 'Satiere': Die Funktion der Tiere in Jonathan Swift's 'Gulliver's Travels', Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/138833