In der vorliegenden Arbeit wird Goethes Bildungsbegriff rekonstruiert. Im Zentrum der Betrachtung steht die Tragödie des "Faust", deren Verknüpfung mit Hegels "Phänomenologie des Geistes" eine Perspektive auf Bildung eröffnet, welche eine Brücke schlägt zwischen klassischen Bildungsidealen in der Tradition Humboldts und Goethes und der aktuellen transformatorischen Bildungstheorie nach Rainer Kokemohr.
Es ist die Gewichtung von Fremdheitserfahrungen in diesem Bildungskonzept, welche es gerade in der heutigen Zeit so anschlussfähig macht und welche daher eingehend untersucht wird. Da Bildung stets eine Auseinandersetzung des Subjektes mit der Welt ist, beantwortet die Untersuchung gleichsam die Frage nach dem Subjektbegriff, der sich hinter den vorgestellten Bildungsidealen verbirgt, und zeigt, dass das heutige Verständnis von Bildung vor allem an seiner Missinterpretation von Subjektivität krankt.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Fausts Weltfahrt als dialektischer Bildungsprozess
3. Mephisto – das Negative in Fausts Bildungsprozess
4. Fremderfahrung und Bildung
5. Die Rehabilitierung des Gegenstandes
6. Das Subjekt im Bildungsprozess
7. Schlussbetrachtung
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht den Begriff "Bildung" durch eine Rekonstruktion humanistischer Bildungsideale, wobei die Tragödie von Goethes Faust mit Hegels „Phänomenologie des Geistes“ und der transformatorischen Bildungstheorie verknüpft wird, um die Notwendigkeit von Fremdheitserfahrungen für echte Bildungsprozesse gegenüber modernen kompetenzorientierten Ansätzen hervorzuheben.
- Bildung als dialektischer Selbstbildungsprozess nach Hegel und Goethe
- Die Funktion des Negativen und der Fremderfahrung in der Subjektwerdung
- Kritische Analyse der heutigen kompetenztheoretischen Bildungsdebatten
- Bedeutung der Auseinandersetzung mit dem Gegenstand für die Identitätsbildung
Auszug aus dem Buch
3. Mephisto – das Negative in Fausts Bildungsprozess
Wie oben beschrieben, setzt die Wechselwirkung von Subjekt und Objekt die Subjektwerdung in Gang. Dies hat zur Voraussetzung, dass Subjekt und Objekt nicht identisch sind. Jene Differenz von Ich und Gegenstand bezeichnet Hegel als das Negative: „Die Ungleichheit, die im Bewußtsein zwischen dem Ich und der Substanz, die sein Gegenstand ist, stattfindet, ist ihr Unterschied, das Negative überhaupt. Es kann als der Mangel beider angesehen werden, ist aber ihre Seele oder das Bewegende derselben.“ Da die Ungleichheit von Objekt und Subjekt ein Mangel des letzteren ist, wird sie zum treibenden Moment: Sie ist der Impuls für das Subjekt, sich mit diesem Anderen, Fremden auseinanderzusetzen, es zu begreifen und sich anzueignen. Jene Bewegung, die auf dem Wunsch und Vermögen beruht, das Negative aufzuheben, bezeichnet Marotzki in Anlehnung an Hegel als Negativität. Letztere ermöglicht die produktive Wechselbeziehung von Subjekt und Objekt, aus der heraus das Ich nach Überwindung der Ungleichheit seines Gegenstands zu einer höheren Subjektstufe aufsteigt und ist somit nicht nur bewegende Kraft im (Selbst-) Bildungsprozess, sondern auch „[...] das Fundament, auf dem sich die Struktur von Subjektivität erst bilden kann.“
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung beleuchtet die aktuelle bildungspolitische Diskussion und stellt die zentralen Forschungsfragen zur Anwendbarkeit klassischer Bildungsideale in der heutigen Zeit.
2. Fausts Weltfahrt als dialektischer Bildungsprozess: Dieses Kapitel analysiert Fausts Streben nach Erkenntnis als einen Prozess der Subjektwerdung, der durch ständige Auseinandersetzung mit dem Nicht-Ich vorangetrieben wird.
3. Mephisto – das Negative in Fausts Bildungsprozess: Es wird dargelegt, wie Mephistopheles als Repräsentant des Negativen die notwendige Dynamik und Reibung erzeugt, die Faust aus seiner Stagnation befreit.
4. Fremderfahrung und Bildung: Hier wird der Zusammenhang zwischen der Konfrontation mit dem Fremden und der transformatorischen Bildungstheorie theoretisch vertieft.
5. Die Rehabilitierung des Gegenstandes: Das Kapitel kritisiert die Verdrängung inhaltlicher Gegenstände durch die moderne Kompetenzorientierung und betont deren Unverzichtbarkeit für die Persönlichkeitsentwicklung.
6. Das Subjekt im Bildungsprozess: Es wird das Verständnis eines "weltreferentiellen" Subjekts entwickelt, das sich nicht in starren Katalogen, sondern im kontinuierlichen Prozess der Auseinandersetzung mit der Welt konstituiert.
7. Schlussbetrachtung: Die Arbeit resümiert, dass Bildung nicht als planbares, standardisiertes Output-Produkt, sondern als unberechenbarer Transformationsprozess begriffen werden sollte.
Schlüsselwörter
Bildung, Faust, Dialektik, Subjektwerdung, Negativität, Fremderfahrung, Kompetenzorientierung, transformatorische Bildungstheorie, Selbstbildung, Hegel, Goethe, Transformation, Subjekt, Objekt, Erziehung.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit befasst sich mit einer theoretischen Auseinandersetzung über den Bildungsbegriff, indem sie klassische humanistische Ansätze mit gegenwärtigen Bildungstheorien kontrastiert.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Zentrale Themen sind die Dialektik von Ich und Welt, die Bedeutung von Widerständen (dem Negativen) für das Lernen sowie eine kritische Hinterfragung moderner Kompetenzstandards.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Ziel ist es aufzuzeigen, dass Bildung mehr ist als die Anhäufung von messbarem Wissen und Kompetenzen, nämlich ein fortlaufender Prozess der Selbst- und Welt-Transformation.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit nutzt eine philosophisch-theoretische Rekonstruktion humanistischer Bildungsideale unter Rückgriff auf literarische (Goethes Faust) und philosophische (Hegel, Kokemohr, Marotzki) Quellen.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine Analyse von Fausts Bildungsprozess, die Funktion des Negativen durch Mephisto, die Bedeutung von Fremdheit sowie die Kritik an der aktuellen Fixierung auf "Outputs" in der Bildungspolitik.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit ist insbesondere durch Begriffe wie Transformation, Negativität, Subjektwerdung und Fremderfahrung gekennzeichnet.
Warum spielt Mephisto eine positive Rolle für Fausts Bildung?
Als Repräsentant des Negativen durchbricht Mephisto Fausts stagnierende Selbstgenügsamkeit und zwingt ihn zur Auseinandersetzung mit unbekannten Welten, was der Motor seiner gesamten Selbstentwicklung ist.
Welche Gefahr sieht der Autor in der heutigen Kompetenzorientierung?
Die Gefahr liegt darin, dass der Mensch auf ein bloßes "Humankapital" reduziert wird und die eigentlich bildende, reflexive Auseinandersetzung zwischen Subjekt und Welt einer reinen Verhaltensmodifikation weicht.
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- Sophia Hergenröder (Author), 2018, Fausts Weltfahrt als dialektischer Bildungsprozess. Eine Annäherung an den Begriff Bildung, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1388927