Untersuchungsgegenstand dieser Magisterarbeit soll jenes Meisterwerk "Čapaev i Pustota", so lautet der russische Originaltitel, des literarischen Jungstars Viktor Pelevin sein. Seit zwölf Jahren ist das Werk Gegenstand von Rezeption und unerschöpft kontroverser Diskussion.
Einige sehen in Pelevin einen Schreiber der Postmoderne par excellence. Andere Rezipienten hingegen problematisieren diese Einordnung im Hinblick auf gravierende formale und inhaltliche Abweichungen. Da die Postmoderne sich dieses zeitgenössisch tragende Werk nicht mehr ohne weiteres einzuverleiben vermag, erhärtet sich der Verdacht, dass die zahlreich werdenden Rufe über das Ende der Epoche, wie sie beispielsweise auf den Literaturseiten der Zeit laut werden, durchaus ihre Berechtigung haben.
Über eine grundsätzliche Annäherung an den Roman hinaus, wird daher versucht jene Merkmale von Pelevins Schreiben herauszuarbeiten, die über eine Epochenzugehörigkeit Aufschluss geben können. Es soll der Frage nachgegangen werden, weshalb sich für das Werk von Pelevin so leicht keine Kategorie finden lässt. Zunächst wird der theoretische Rahmen, der für die Analyse nötig ist, definiert. Der komplexe und differierende Begriff der Postmoderne kann anhand der Schwerpunktmerkmale des Zeichens, des Subjekts und des Zeit- und Geschichtskonzepts greifbar gemacht werden. Anschließend wird der Performatismus, das Nachfolgekonzept des Literaturwissenschaftlers Raoul Eshelman in seinen Grundzügen vorgestellt.
Eine neue Haltung zu Zeichen, Subjekt, sowie Zeit- und Geschichtlichkeit steht in Wechselwirkung mit der Performanz, der doppelten Rahmung und dem Theismus; allesamt zentrale Strukturmerkmale des Performatismus. Diese theoretischen Rahmenkonzepte der Postmoderne und des Performatismus sollen einander in der Analyse von ČiP gegenüber gestellt werden. Um den Hinweisen auf beide Epochenkonzepte ausreichend folgen zu können, ist die Betrachtung der Erzählanordnung, der Weltenkonstruktion, der Bezüge zum Čapaev-Mythos und zum Buddhismus notwendig. Diese Ergebnisse führen hin zu einer Gegenüberstellung des konträren Verständnis von Zeitlichkeit-, Subjekt- und Zeichen in Postmoderne und Performatismus, mit dem Ziel, Grenzen und Anknüpfungspunkte sichtbar zu machen.
Inhaltsverzeichnis
1 EINLEITUNG
2 DIE POSTMODERNE
2.1 DAS ZEICHEN
2.1.1 DER HINTERGRUND DES ZEICHENGEBRAUCHS
2.1.2 DIE MERKMALE DES ZEICHENGEBRAUCHS
2.1.2.1 DIE ZITATION
2.1.2.2 DIE BETONUNG DER MITTELBARKEIT
2.1.2.3 DIE ÄSTHETIK
2.1.3 ZUSAMMENFASSUNG DES ZEICHENBEGRIFFS
2.2 DAS SUBJEKT
2.2.1 DAS VERSCHWINDEN DES SUBJEKTS
2.2.2 DIE KONSEQUENZEN FÜR DAS SUBJEKT
2.3 DAS ZEIT- UND GESCHICHTSKONZEPT DER POSTMODERNE
2.4 DIE POSTMODERNE IN RUSSLAND
2.4.1 DER RUSSISCHE KONZEPTUALISMUS
3 DER PERFORMATISMUS
3.1 DAS MONISTISCHE ZEICHENKONZEPT
3.2 DIE DOPPELTE RAHMUNG
3.3 DIE PERFORMANZ
3.4 DAS PERFORMATISTISCHE SUBJEKT
3.5 DIE PERFORMATISTISCHE ZEIT UND GESCHICHTLICHKEIT
3.6 DER THEISMUS
4 DIE ANALYSE VON ČAPAEV I PUSTOTA
4.1 VIKTOR PELEVIN
4.2 DIE ERZÄHLANORDNUNG
4.2.1 DIE ERZÄHLSITUATION NACH FRANZ K. STANZEL
4.2.2 DIE POSTMODERNEN ELEMENTE
4.2.3 DIE THEISTISCHE AUSSTATTUNG DER FIGUR ČAPAEV
4.2.4 DIE ZUSAMMENFASSUNG ZUR ERZÄHLSITUATION
4.3 DER ČAPAEV-MYTHOS
4.4 DAS SUBJEKT IN ČAPAEV I PUSTOTA
4.4.1 DIE PSYCHIATRIE
4.4.2 DIE SEINSZUSTÄNDE (DROGEN, WACHEN, SCHLAFEN)
4.4.3 ZUSAMMENFASSUNG ZUM SUBJEKT
4.4.3.1 DIE POSTMODERNEN ELEMENTE
4.4.3.2 DIE PERFORMATISTISCHEN ELEMENTE
4.5 DIE BUDDHISTISCHEN ELEMENTE IN ČAPAEV I PUSTOTA
4.5.1 DIE BESCHAFFENHEIT DER REALITÄT
4.5.2 DAS WESEN DER SEELE UND DES SELBST
4.5.3 DIE ERLEUCHTUNG
4.5.4 DIE DIMENSIONEN ZEIT UND RAUM
4.6 DIE WELTENKONSTRUKTION
4.6.1 PELEVIN’SCHES WELTMODELL NACH MARCO KLÜH
4.6.2 ERWEITERUNG DES WELTENMODELLS
4.7 DAS ZEIT- UND GESCHICHTSKONZEPT IN ČAPAEV I PUSTOTA
4.8 DAS ZEICHEN BEI PELEVIN
4.8.1 DIE POSTMODERNEN MERKMALE DES ZEICHENGEBRAUCHS
4.8.1.1 DIE ZITATION
4.8.1.2 DIE HYPERREALITÄTEN DER SOWJETIDEOLOGIE UND DER MASSENMEDIEN
4.8.1.3 DIE MITTELBARKEIT DES ZEICHENS
4.8.1.4 DIE ÄSTHETIK
4.8.2 DIE MERKMALE EINES PERFORMATISTISCHEN ZEICHENGEBRAUCHS
4.8.2.1 DIE PERFORMANZ
4.8.2.2 DIE HINWEISE AUF EINEN MONISTISCHEN ZEICHENBEGRIFF
4.9 DIE SYNTHESE: PUSTOTA - DIE LEERE
4.9.1 DIE LEERE IN DER POSTMODERNEN TRADITION RUSSLANDS
4.9.2 DIE LEERE IM SINNE DES BUDDHISMUS
4.9.3 DIE LEERE IM SINNE DES PERFORMATISMUS
5 SCHLUSSGEDANKE
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Magisterarbeit setzt sich zum Ziel, Viktor Pelevins Roman Čapaev i Pustota (1996) im Spannungsfeld zwischen Postmoderne und dem performatistischen Konzept von Raoul Eshelman einzuordnen. Die Forschungsfrage untersucht, ob der Roman als ein der Postmoderne entfliehendes, neues performatistisches Werk verstanden werden kann, wobei die Mechanismen der Identitäts- und Realitätskonstruktion zentral analysiert werden, um die Grenzen traditioneller literaturwissenschaftlicher Kategorisierungen zu hinterfragen.
- Analyse des postmodernen und performatistischen Theorierahmens
- Untersuchung der Erzählanordnung und Weltenkonstruktion bei Pelevin
- Diskussion der Bedeutung buddhistischer Motive als Ausweg aus postmodernen Strukturen
- Erarbeitung des Zeichens, des Subjekts sowie des Zeit- und Geschichtskonzepts bei Pelevin
- Einordnung des Čapaev-Mythos in den literarischen Gesamtkontext
Auszug aus dem Buch
2.1.2.3 Die Ästhetik
Verschiedene Tiefenmodelle müssen in der Postmoderne abgelehnt und aufgelöst werden. Störend ist der ihnen innewohnende Anspruch auf einen ursprünglichen Wahrheitsgehalt, darunter auch die „semiotische Opposition von Signifikant und Signifikat“. An die Stelle dieser Modelle treten Praktiken, Diskurse und textuelle Spielarten. (Jameson 1986, 56–57) Noch in der Moderne gilt, dass ein Bild ein „träges Objekt“ bleibt, wenn man nicht versucht, einen Bezug zur historischen Produktionssituation herzustellen. Man stellt sich die Frage, welcher Inhalt, welches Rohmaterial anhand des Kunstwerks bearbeitet und übertragen wurde. Bei modernen Standardwerken wie z. B. Vincent van Goghs Ein Paar Schuhe (entstanden 1887) funktioniert diese hermeneutische Herangehensweise und es kann ein abwesender Kontext herbeigerufen werden.
An dem Beispiel der Diamond Dust Shoes (entstanden 1980) von Andy Warhol legt Jameson dar, was mit der Interpretationsmöglichkeiten und der unmittelbaren Aussagekraft des Kunstwerks der Postmoderne passiert: „Es ist nicht mehr möglich, diese Überbleibsel in Warhols Bild hermeneutisch auf die lebendige Umgebung des Tanzlokals oder die des Balls, die Modewelt des Jet-set oder der Hochglanzillustrierten zurückzubeziehen.“ (Jameson 1986, 54)
Kein bestimmter Standpunkt wird dem Rezipienten zugewiesen; nichts aus dem Bild spricht mehr zu uns. Der Inhalt des Kunstwerks ist bedeutungslos, ja zu einem Fetisch geworden. So „geht es hier nicht mehr um Fragen des Inhalts, sondern um eine fundamentale Wandlung, sowohl in der eigentlichen Welt der Objekte, die zu einer Serie von Texten oder Simulakra geworden ist, als auch in Bezug auf den Standort und die Eigenart des Subjekts“ (Jameson 1986, 53–55). Statt einem hermeneutischen Tiefenmodell treffen wir auf eine neue Flachheit oder Seichtheit, dem wahrscheinlich auffälligstem Charakteristikum der Postmoderne. Es ist dies „eine neue Oberflächlichkeit (nach dem Verlust der ‚Tiefendimension’), die sich sowohl auf die zeitgenössische Theorie als auch auf die gesamte neue Kultur des Bildes oder des Simulakrums erstreckt“ (Jameson 1986, 50).
Zusammenfassung der Kapitel
1 EINLEITUNG: Darlegung des Untersuchungsgegenstands Čapaev i Pustota und Einführung in die theoretische Problemstellung bezüglich der Einordnung von Viktor Pelevins Werk zwischen Postmoderne und Performatismus.
2 DIE POSTMODERNE: Theoretische Auseinandersetzung mit Merkmalen des postmodernen Zeichen-, Subjekt- sowie Zeit- und Geschichtskonzepts und deren Ausformung im russischen Kontext.
3 DER PERFORMATISMUS: Vorstellung des theoretischen Konzepts des Performatismus nach Raoul Eshelman als Alternative zur Postmoderne mit Fokus auf Zeichen, Rahmung, Performanz und theistische Elemente.
4 DIE ANALYSE VON ČAPAEV I PUSTOTA: Detaillierte Untersuchung des Romans anhand narratologischer Analysen sowie der buddhistischen und performatistischen Strukturmerkmale zur Identifizierung der zentralen Motive.
5 SCHLUSSGEDANKE: Zusammenführung der Analyseergebnisse und Fazit zur Überwindung der Postmoderne durch moderne performatistische Ansätze in der Literatur.
6 LITERATURVERZEICHNIS: Aufstellung der für die wissenschaftliche Untersuchung verwendeten Primär- und Sekundärliteratur.
Schlüsselwörter
Viktor Pelevin, Čapaev i Pustota, Postmoderne, Performatismus, Raoul Eshelman, Buddhismus, Zeichenkonzept, Subjekt, Erzählanordnung, Leere, Konzeptualismus, Intertextualität, 1919, 1990er Jahre, Identität
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der vorliegenden Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht Viktor Pelevins Roman Čapaev i Pustota aus der Perspektive aktueller literaturwissenschaftlicher Epochenkonzepte, um eine Einordnung zwischen den theoretischen Modellen der Postmoderne und des Performatismus vorzunehmen.
Was sind die zentralen Themenfelder der Analyse?
Zu den Schwerpunkten gehören das Zeichenverständnis, die Konstruktion des Subjekts, Zeit- und Geschichtskonzepte sowie die Rolle buddhistischer Philosophien innerhalb der narrativen Struktur des Werks.
Was stellt das primäre Ziel oder die Forschungsfrage dar?
Das Hauptziel ist es zu ergründen, ob Pelevins Roman lediglich postmoderne Spielereien fortführt oder ob er durch ein spezifisch theistisches und performatistisches Erzählmodell einen Ausweg aus der postmodernen Sinnkrise bietet.
Welche wissenschaftliche Methode wird zur Untersuchung verwendet?
Es erfolgt eine narratologische Analyse nach Franz K. Stanzel sowie eine Gegenüberstellung mit poststrukturalistischen Theorien (Jameson, Derrida) und dem performatistischen Modell nach Raoul Eshelman.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine theoretische Einführung der Epochenkonzepte und eine tiefgehende Analyse des Textes Čapaev i Pustota, inklusive der Untersuchung der Weltenkonstruktion und des Čapaev-Mythos.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Zentrale Begriffe sind Pelevin, Capaev i Pustota, Postmoderne, Performatismus, Buddhismus, Identitätskonstruktion sowie das Konzept der Leere.
Welche Rolle spielt der Čapaev-Mythos im Roman?
Der Mythos dient als intertextuelles Konstrukt, das von Pelevin dekonstruiert und gleichzeitig neu interpretiert wird, um als Identifikationsfläche für die buddhistische Initiation des Protagonisten zu fungieren.
Warum ist der Begriff „Pustota“ (die Leere) für die Arbeit entscheidend?
„Pustota“ fungiert als zentrales Motiv, das sowohl im buddhistischen Erleuchtungskontext als auch im performatistischen Sinn als Instrument zur Überwindung der fragmentierten postmodernen Realität und zur Sicherung des Subjekterhalts gedeutet wird.
- Arbeit zitieren
- Judith Schacht (Autor:in), 2008, Viktor Pelevin zwischen Postmoderne und Performatismus. Der Roman "Čapaev i Pustota", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1389372