Die Hypothese, die am Anfang dieses Seminars gestellt wurde, lautete: älteres Erzählen ist strukturell einfacher und entspricht somit einem narrativen „Basis-Modus“. Dieser wiederum kann mit folgenden Merkmalen charakterisiert werden: linear-chronologischer Aufbau, ein klares, autorisiertes Wertsystem, eine einfache, hierarchisch geordnete Perspektivik und markante Redegrenzen zwischen Erzählerrede und direkter Rede. Im Laufe des Seminars wurden an ausgewählten Texten, die aus verschiedenen Epochen und stilistischen Formationen stammen, insgesamt sieben Parameter untersucht, und zwar: Wertung, Perspektive , Redewiedergabe (direkte Rede), Fabel – Sujet, Grad der Metaphorisierung (Fiktivität bzw. Repräsentativität), Erzählerpräsenz und metanarrative, metadiskursive Elemente.
Was die Erzählerpräsenz betrifft, wird im folgenden eine Hypothese gestellt, die sich auf Lichačevs Unterteilung aller Stile in die zwei Typen „Primärstile“ und „Sekundärstile“ stützt. Des weiteren werden anhand der Abhandlung „Ansatz einer Erzähltypologie (Narratologische Begrifflichkeit)“ von Robert Hodel theoretische Grundlagen für die Untersuchung des Parameters „Erzählerpräsenz“ erläutert, der dann an ausgewählten Texten durchgeführt wird. Zum Schluß werden die Ergebnisse mit der am Anfang gestellten Hypothese konfrontiert. In Hinsicht auf stilistische Formationen und Kunstrichtungen unterscheidet Dmitri S. Lichačev die sog. primären Stile von den sekundären. Die beiden „Stilarten“ („Stiltypen“) charakterisiert er folgendermaßen: „Ein die `Wirklichkeit erschließender` Stil ist vorzugsweise der in sich geschlossene, konzeptionelle, größte Einfachheit anstrebende Primärstil. Auf den Primärstil folgt der mehr dekorative, weniger ideologieintensive und im Grunde irrationale Sekundärstil.“ Der Literaturwissenschaftler stellt ebenfalls fest, „dass die Entwicklung eines jeden Stils, primären und sekundären, vom Einfachen zum Komplizierten erfolgt, dass sich diese Entwicklung besonders deutlich in den jeweiligen Verbindungen von primärem und sekundärem Stil abzeichnet. Der Sekundärstil als Gesamtkomplex ist bedeutend komplizierter als der Primärstil. Die Ontogenese bildet mit der Phylogenese eine Einheit.“ Zu den primären Stilen zählt Lichačev die Romanik, die Renaissance und den Klassizismus, zu den sekundären: die Gotik, das Barock und die Romantik. [...]
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung: Fragestellung und Vorgehensweise in dieser Hausarbeit
2. Theoretische Grundlagen für die Untersuchung des Parameters „Erzählerpräsenz“ (anhand der Abhandlung „Ansatz einer Erzähltypologie“ von Robert Hodel)
3. Untersuchung des Parameters „Erzählerpräsenz“ an ausgewählten Texten
3.1 „Сказание о Борисе и Глебе“ (Mittelalter, стиль монументального историзма)
3.2 Епифаний Премудрый: „Житие Стефана Пермского“ (Spätmittelalter, эпоха предвозрождения)
3.3 „Повесть о Фроле Скобееве“ (Barock, переход к литературе нового времени)
3.4 Н.В.Гоголь: „Страшная месть“ (Romantik, vorrealistisch)
3.5 Л.Н.Толстой: „Смерть Ивана Ильича“ (Realismus, nach dem Zenit des Realismus)
3.6 А.П.Чехов: „Архиерей“ (Übergang Realismus – Moderne)
3.7 Е.И.Замятин: „Мамай“ (Modernismus, Avantgarde)
3.8 А.Г.Битов: „Дверь“ (Nachkriegsmoderne, городская проза)
4. Resümee
Zielsetzung und Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die Entwicklung des Parameters „Erzählerpräsenz“ in der russischen Prosa über verschiedene Epochen hinweg. Dabei wird analysiert, inwiefern die gewählten Prosatexte zwischen der Fokussierung der erzählten Welt und der Fokussierung der Erzählinstanz schwanken, um die Hypothese zu überprüfen, ob sich Stile linear von primären zu sekundären Formationen entwickeln.
- Narratologische Typologie nach Robert Hodel
- Stiltheorie von Dmitri S. Lichaev
- Analyse von Erzählformen wie dem auktorialen, neutralen und objektiven Erzählen
- Diachrone Betrachtung der russischen Literatur von der altrussischen Epoche bis zur Nachkriegsmoderne
Auszug aus dem Buch
3.8 А. Г. Битов: „Дверь“ (Nachkriegsmoderne, городская проза)
Andrej G. Bitov, 1937 in Leningrad geboren, Prosaiker, Autor des bekannten Romans „Пушкинский дом“ („Das Puschkinhaus“), ist in der Sowjetunion berühmt geworden und erfreut sich auch heute noch großer Anerkennung. Zur Zeit lebt Bitov in Moskau. Seine ersten Zeitungspublikationen erschienen 1959, seine erste Erzählungssammlung „Большой шар“ („Die große Kugel“) 1963. „Дверь“, 1962 geschrieben, gehört also zu den frühen Erzählungen Bitovs und widerspiegelt seine damaligen literarischen „Schwerpunkte“. Im Vorwort zum dritten Buch Bitovs „Дачная местность“ („Draußen auf der Datscha“), 1967 herausgegeben, charakterisiert V. Panova den jungen Schriftsteller, indem sie die „Schärfe seines Denkens, künstlerische Sorgfalt und ein leidenschaftliches Interesse am Innenleben des Menschen“ betont.
In Hinsicht auf die Erzählerpräsenz gehört die Erzählung „Дверь“, in der ein objektives Erzählen überwiegt, zum Typus A: Fokussierung der erzählten Welt. Es ist eine auktoriale Er-Erzählung, obwohl die für diese Form typischen Merkmale in Bitovs Text nicht so offensichtlich und eindeutig sind.
Das Sujet der Erzählung entsteht nicht aus einer Entwicklung der Fabel, sondern aus der Gegenüberstellung der verschiedenen Kompositionseinheiten, die aus unterschiedlichen Perspektiven gegeben sind. Unter Kompositionseinheit verstehen wir jede kleine Änderung der Situation im sprachlichen oder kausalen Sinne, z.B. eine Szene, einen Dialog oder einen Satz. Das Thema der Erzählung ist der Junge, sein Bewusstsein und Unterbewusstsein. Der Gegenstand sind seine Wahrnehmungen der Situation, seine inneren Zustände und ihre Veränderungen. Deshalb spielt die Perspektive der Figur die größte Rolle und die auktoriale Perspektive ist sehr beschränkt.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Fragestellung und Vorgehensweise in dieser Hausarbeit: Einführung in die Hypothese über den Wandel des narrativen „Basis-Modus“ und die Vorstellung der untersuchten Parameter.
2. Theoretische Grundlagen für die Untersuchung des Parameters „Erzählerpräsenz“ (anhand der Abhandlung „Ansatz einer Erzähltypologie“ von Robert Hodel): Darlegung der narratologischen Kategorien, insbesondere der Unterscheidung zwischen der Fokussierung der erzählten Welt und der Erzählinstanz.
3. Untersuchung des Parameters „Erzählerpräsenz“ an ausgewählten Texten: Detaillierte Analyse von acht Werken der russischen Literaturgeschichte hinsichtlich ihrer spezifischen Erzählhaltung.
3.1 „Сказание о Борисе и Глебе“ (Mittelalter, стиль монументального историзма): Untersuchung der Heiligenlegende als auktoriale Erzählung mit überwiegend neutralem Erzählstil.
3.2 Епифаний Премудрый: „Житие Стефана Пермского“ (Spätmittelalter, эпоха предвозрождения): Analyse des „Flechtens der Worte“ als primär neutrale, aber didaktisch geprägte Erzählform.
3.3 „Повесть о Фроле Скобееве“ (Barock, переход к литературе нового времени): Aufzeigen des Bruchs mit geistlicher Literatur zugunsten eines lakonischen, weltlichen Erzählstils.
3.4 Н.В.Гоголь: „Страшная месть“ (Romantik, vorrealistisch): Identifikation der Rahmenerzählung und Einflüsse des Skaz-Genres in einer auktorialen Er-Erzählung.
3.5 Л.Н.Толстой: „Смерть Ивана Ильича“ (Realismus, nach dem Zenit des Realismus): Beschreibung der Rückkehr zu einem neutralen Erzählen und der psychologischen Vertiefung der Figuren.
3.6 А.П.Чехов: „Архиерей“ (Übergang Realismus – Moderne): Darstellung des Wechsels zwischen neutralem und objektivem Erzählen sowie der diffusen Perspektiven.
3.7 Е.И.Замятин: „Мамай“ (Modernismus, Avantgarde): Charakterisierung des subjektiven Erzählens und der starken Metaphorisierung in dieser avantgardistischen Prosa.
3.8 А.Г.Битов: „Дверь“ (Nachkriegsmoderne, городская проза): Analyse der subjektiven Perspektive des Jungen und der Abschwächung der auktorialen Instanz.
4. Resümee: Zusammenfassung der Ergebnisse, die die ursprüngliche Hypothese widerlegen und die Komplexität der erzählerischen Entwicklung verdeutlichen.
Schlüsselwörter
Erzählerpräsenz, Narratologie, Russische Literatur, Auktoriales Erzählen, Robert Hodel, Dmitri S. Lichaev, Primärstil, Sekundärstil, Fokussierung, Skaz, Moderne, Realismus, Perspektivenwechsel, Erlebte Rede, Stilistik.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundlegend?
Die Arbeit analysiert die Entwicklung des Parameters „Erzählerpräsenz“ in der russischen Prosa über einen Zeitraum von mehreren Jahrhunderten.
Was sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Zentral sind die theoretischen Grundlagen der Erzähltypologie nach Robert Hodel und das stilistische Entwicklungsmodell von Dmitri S. Lichaev, angewandt auf literarische Texte von Avvakum bis Pelevin.
Welches primäre Ziel verfolgt die Forschungsarbeit?
Das Ziel ist die Überprüfung der Hypothese, ob sich die russische Prosa strukturell linear von einfachen „Primärstilen“ hin zu komplexen „Sekundärstilen“ mit zunehmender Erzählerpräsenz entwickelt.
Welche wissenschaftliche Methode wird in der Arbeit verwendet?
Es wird eine narratologische Textanalyse angewandt, die primäre literarische Quellen anhand der Kategorien „Fokussierung der erzählten Welt“ und „Fokussierung der Erzählinstanz“ untersucht.
Welche Aspekte stehen im Hauptteil der Arbeit im Vordergrund?
Der Hauptteil widmet sich der konkreten Analyse von acht ausgewählten Werken aus verschiedenen Literaturepochen, um deren spezifische Erzählweisen und den Grad ihrer Erzählerpräsenz zu bestimmen.
Welche Begriffe charakterisieren die Arbeit am besten?
Wichtige Schlüsselbegriffe sind Erzählerpräsenz, auktoriale Er-Erzählung, Fokussierung, Skaz und die stilistische Unterscheidung nach Lichaev.
Wie unterscheidet sich die Erzählerpräsenz bei Tolstoj von der bei Zamjatin?
Während Tolstoj im Realismus zu einem eher neutralen, distanzierten Erzählen zurückkehrt, zeigt sich bei Zamjatin in der Avantgarde ein stark subjektives Erzählen, bei dem die Erzählinstanz deutlich in den Vordergrund tritt.
Welche Rolle spielt der „Perspektivenwechsel“ in den untersuchten Erzählungen?
Der Perspektivenwechsel fungiert insbesondere bei Autoren wie Čechov und Bitov als Hauptverfahren, um eine diffuse Vermischung von auktorialer und figurengebundener Wahrnehmung zu erzeugen.
Was ist das Hauptergebnis der Untersuchung in Bezug auf die Ausgangshypothese?
Die Untersuchung widerlegt die Ausgangshypothese, da die Entwicklung der Erzählerpräsenz in der russischen Prosa weitaus weniger klar und linear verläuft, als ursprünglich angenommen wurde.
- Quote paper
- Monika Panhirsch (Author), 2004, Entwicklung des Parameters „Erzählerpräsenz“ in der russischen Prosa, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/139122