Was ist das Böse?

Versuch eines differenzierten Begriffsverständnisses in Theologie, Sozialpsychologie, Anthropologie, Philosophie und Erziehungswissenschaften


Referat (Ausarbeitung), 2008

16 Seiten, Note: 2+


Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Der theologische Ursprung des Bösen

3. Das Böse in der Philosophie und das Verständnis der Aufklärung

4. Antisoziales Verhalten, Aggressivität und Delinquenz

5. Anthropologische Gedanken zum Thema

6. Die Konsequenz für die heutigen Erziehungswissenschaften

7. Quellen

1. Einleitung

Der im Titel gestellten Frage möge gleich zu Beginn dieser Ausarbeitung eine hinreichende Antwort folgen. Meyers Lexikon Online[1] konstatiert zum Begriff des Bösen eine zunächst klare Definition: „ [Das B ö se ist] der ontologisch und metaphysisch dem Guten entgegengesetzte Seinsbereich; in ethischer Bedeutung das als moralisch negativ beurteilte Verhalten und das ihm zugrunde liegende Wollen, sofern dabei seine Verwerflichkeit bewusst ist. “ Diese Definition geht von einer parallelen Existenz von Gutem sowie Bösem aus, wobei die Frage offen bleibt, inwieweit sich beide Faktoren beeinflussen oder sogar koexistieren können. Gleichzeitig befasst sich die Definition mit dem Wollen zur bösen Tat unter der Voraussetzung, dass ihre moralische Einstufung bekannt ist. Dieser Grundsatz stellt sich jedoch gegen den allgemein geltende Bedingung, dass die Unwissenheit nicht vor Strafe schützt. Wird davon ausgegangen, dass Delinquenz der Ausdruck des Bösen ist, so weichen hier die Ansichten auseinander. Festzuhalten ist dennoch, dass bei der Beschäftigung mit den Dimensionen Gut und Böse stets ein Diskurs über herrschende Normen und Werte mitgeführt werden muss, wobei der eigene Standpunkt eine wichtige Rolle in der Frage nach der Bestimmung von Gutem und Bösen einnimmt.

Die folgende Ausarbeitung soll nun einen allgemein gehaltenen Einblick in das Verständnis des Bösen geben, wobei sich die Ausführungen fortwährend mit dem Werteverständnis einer christlich geprägten westlichen Welt auseinandersetzen. Denn wie bereits erwähnt, kann nur dort einheitlich von diesem Begriff gesprochen werden, wo Normen und Werte hinreichend geteilt werden.

Der Aufbau der Arbeit gestaltet sich folgendermaßen: Begonnen wird mit dem theologischen Ursprung des Bösen. Hier soll aufgezeigt werden, woher die Aufteilung dieser Dimensionen stammt. Ebenso wird hier bereits die Frage untersucht, wo das Böse zu suchen und wie es zu klassifizieren ist. Daran anschließend wird der Begriff des Bösen innerhalb der Philosophie vorgestellt und im Hinblick auf die Ideen der Aufklärung erneuert. Von allgemeinem Verständnis geprägt befasst sich der dritte Abschnitt mit den Äquivalenten des Bösen, dem antisozialen Verhalten, der Aggressivität und der Delinquenz. Diese Faktoren werden mit speziell sozialpsychologischen Erkenntnissen fundiert. Die Kernfrage ist hier, wie böses Verhalten ausgelöst oder gar vermieden werden kann. Mit Verweis auf die Gedanken der Aufklärung wird hier aufgezeigt, wie weit der Mensch für sein Verhalten zur Verantwortung gezogen werden kann und ob Delinquenz absolut mit bösem Verhalten gleich gesetzt werden kann.

Um das Seminarthema nicht aus den Augen zu verlieren wird anschließend die Aufmerksamkeit auf die Anthropologie gelenkt, wobei hier die Erkenntnisse zum Menschen dafür verwendet werden, den Begriff des Bösen auf seine Aktualität und Anwendbarkeit hin zu überprüfen. Mit Ende dieses Absatzes soll eine Konsequenz für die heutigen Erziehungswissenschaften hergeleitet werden, in der alle zuvor dargestellten Fakten verwendet werden, einen anwendbaren Moralbegriff und Handlungsrahmen für die Pädagogik abzuleiten.

2. Der theologische Ursprung des Bösen

Dierk Lange hat in dem Buch „Das Böse in der Geschichte“ von Werner Ritter unter der Überschrift „Der Ursprung des Bösen“ die Herkunft der klaren Einteilung in Gut und Böse folgendermaßen erläutert.[2] Der Polytheismus schuf Kultparteien, die sich einer jeweiligen Gottheit zuordneten, wobei andere Götter mitunter negativ bewertet wurden. Jede Partei nahm für sich in Anspruch, dem guten Gott anzugehören. Unter diesen Umständen war eine objektive Einschätzung darüber, welcher Gott der einzig Gute ist ausgeschlossen, da die Kultparteien sich in oppositioneller Haltung mit gleichen Argumenten gegenüberstanden. Der Monotheismus hingegen hob eine Opposition auf, die für sich ebenfalls das Gute in Anspruch nehmen konnte. Die Gefolgschaft des einen Gottes konnte nun das Böse benennen, welches sich durch fehlende Anhänger nicht gegen diesen Vorwurf wehren konnte. Am christlichen Beispiel betrachtet, wählt Gott sodann die Menschen als irdisches Sprachrohr, seine Lehre zu verkünden. Der Teufel hingegen besitzt dieses Sprachrohr nicht, verstummt also unter den Vorwürfen, nur die Lehre des einen Gottes sei die Lehre des Guten[3]. Der Monotheismus brachte eine einheitliche Moral hervor, die notwendig ist zur Bestimmung von Gut und Böse. Das Böse wird in diesem Kontext als die Abkehr von Gott bezeichnet. Schwierig aus heutiger Sicht ist dabei der Umstand, dass die Zehn Gebote, wie sie in der Bibel auftauchen durch ihren autoritären Ton und ihren ultimativen Anspruch die eigene Handlungsfreiheit minimieren und den Menschen in seinem Verhalten extrinsisch zum Guten motivieren.[4] Der weitreichenden Frage, wie frei der Mensch tatsächlich sei und welche Umstände dieses Problem beeinflussen soll hier nicht weiter nachgegangen werden. Die Konsequenz der Abkehr von Gott ist hingegen sehr interessant im Zusammenhang mit der offenen Frage nach dem Bösen. Es gibt traditionell zwei Szenarien, welche die Auswirkungen von Gutem bzw. Bösen in der christlichen Religion verdeutlichen.

Das klassische Szenario ist die Lehre von Himmel und Hölle. Jedoch wird gerade im Christentum vielfach um die Bedeutung und die generelle Existenz einer Hölle gestritten. Landläufig herrscht allerdings weit verbreitet die Meinung, dass böse Taten den Täter nach dem Tod in die Hölle führen. Papst Benedikt XVI. beschrieb im Kompendium Katechismus der katholischen Kirche 2005 unter Punkt 212 die Hölle als Ort der größten Distanz zu Gott.[5] Hier befinden sich Mensch die aus freiem Willen heraus in Todsünde sterben. Pein und Schmerz, wie sie in mittelalterlichen Höllendarstellungen verbreitet sind, fehlen in dieser Ausführung. Lediglich das Fehlen von Gott wird als größte Strafe für den Sünder gesehen. Alternativ schafft das Himmel-Hölle-Modell einen Ausgleich zu den Missverhältnissen im Leben. So werden die im Leben Wohlhabenden in der Hölle gepeinigt, wo hingegen die Armen und Kranken im Himmel getröstet werden.[6] In einer letzten Option findet sich das Fegefeuer als Erleichterung zur Hölle. Der Aufenthalt hier ist temporär und an die Schwere der Sünden gebunden. Hat der Mensch seine Zeit dort verbüßt, kann er in das Himmelreich aufsteigen.

Das zweite Szenario führt an der Hölle vorbei und vertieft den Sündenbegriff. Zunächst sollen die zwei Varianten der Sünde eingeführt werden, wie sie Gustav Mensching in „Das Böse in der Geschichte“ vorstellt.[7] Die Tatsünde (peccatum actuale) bezeichnet jeden Vorgang, der gegen die Gebote Gottes verstößt. In diesem Fall ist die Tat selbst böse, nicht die ausführende Person. Für diese Form der Sünde kann umgehend Buße getan werden. Die generelle oder auch Erbsünde (peccatum essentiale) hingegen verfolgt den Menschen bereits ob seiner Existenz. Die allgemeine Sündhaftigkeit des Menschen versperrt ihm den Zugang zu Gott. In der Manier einer Art Weltformel steht es dem Menschen zur Aufgabe, sich von der Erbsünde zu befreien, um vor Gott treten zu können. Der Täuferbewegung nach erfolgt ein Loslösen von der Erbsünde bereits bei der Taufe. Dies wird durch die Annahme unterstrichen, dass am Tag des Jüngsten Gerichts die Menschen geteilt und ihrer Gesinnung nach in den Himmel herauf oder die ewige Verdammnis herab geschickt werden.[8] G. Lohfink geht in seinem Text „Der Gott des Gerichts und der Gott des Erbarmens“ sogar so weit in der Behauptung, die Taufe sei am Tag des Jüngsten Gerichts das „ letzte Angebot Gottes “ das den Menschen retten kann.[9] In diesen Ausführungen verkörpert Gott selbst den Teufel und richtet über den Menschen. Diese Ansicht steht jedoch kontrastär zur verbreiteten Aussage, eines gütigen Gottes, wie er auch in den neutestamentlichen Verkündungen Jesu zu finden ist. Trotz bekannter Unstimmigkeiten, innerhalb der christlichen Lehre, lässt sich für den hier behandelten Themenschwerpunkt festhalten, dass die Sünde ein wichtiges Äquivalent für das Böse ist und Gott die Extremste Form des Guten stellt. Ersetzen wir nun als Abschluss dieses Abschnittes „Gut“ und „Böse“ durch „Nähe zu Gott“ und „ultimative Sündhaftigkeit“, so erhalten wir einen Einblick in das Verständnis des Bösen innerhalb der christlichen Theologie.

3. Das Böse in der Philosophie und das Verständnis der Aufklärung

Um an das letzte Kapitel anzuschließen, soll zunächst der Sündenbegriff in Verbindung mit der Entstehung der Philosophie erneut aufgegriffen werden. Gustav Mensching verknüpft hier die Sündhaftigkeit mit der Einführung des Geldes.[10] Die Philosophie sei ebenso wie die Theologie eine Form des abstrakten Denkens. Sachverhalte werden behandelt, die außerhalb des Greifbaren und Anschaulichen liegen. Auf dieser Ebene findet auch die bereits eingeführte Seins- bzw. Erbsünde ihren Platz. Nach Mensching ist die Philosophie eine Qualität der Handelsgesellschaft, da das Geld selbst, als an sich wertloses Material, das abstrakte Denken voraussetzt und kultiviert. Geld nimmt eine stellvertretende Position ein für alle Güter, die gebraucht oder gewünscht werden. In urproduktiven Völkern galt der Grundsatz, dass das Geben selbst eine Eigenschaft Gottes ist, wogegen das Nehmen rein menschlich war. Reziprozität in der Warenvergabe galt im Tauschhandel, jedoch gaben die, die es konnten stets ein wenig mehr um sich Gott anzunähern. Dieser Zustand wurde durch die Einfuhr des abstrakten Zahlungsmittels Geld verworfen. Hier galt nun ein Hortungsverhalten. Das Ansammeln - gleich dem Nehmen - von Reichtum zur Verwirklichung aller potentiellen Wünsche wurde kultiviert. Folglich war es diese Eigenschaft, welche die Entfernung zu Gott erweiterte, wodurch die Seinssünde den Menschen konstant von Gott trennt.

Um nun chronologisch die Umwälzung der alten Moral zu initiieren und den Begriff der Sünde ebenso wie die Instanz Gott aus der Diskussion zu nehmen, wird Immanuel Kant als wichtigster Vertreter der Aufklärung herangezogen. Die Aussage „habe Mut dich deines eigenen Verstandes zu bedienen “[11] entmachtete das Gebot Gottes und verlagerte das extrinsische „du sollst“ hin zur intrinsisches Motivation „ich will“. Die Aufklärung bietet dem Menschen den „ Ausgang aus der selbstverschuldeten Unm ü ndigkeit “[12], was eine Ablösung von der totalitären Moral der Kirche bedeutet. In einfacher Form benennt Kant im Kategorischen Imperativ, welche Moral fortan das Zusammenleben der Menschen prägen möge und definiert somit indirekt, was Gut und Böse bedeutet: „ Handle nur nach derjenigen Maxime, durch die du zugleich wollen kannst, da ß sie ein allgemeines Gesetz werde. “[13] Allgemeiner besagt dies, dass jeder Mensch so handeln soll, wie er selbst behandelt werden will. Dieser Gedanke findet sich bis heute im Artikel 2 des Grundgesetzes. Jeder Mensch besitzt die gleichen Rechte zur Entfaltung seiner persönlichen Freiheit unter der Vorrausetzung, dass niemand durch die Ausübung dieser Freiheit an seiner eigenen Entfaltung gehindert wird. Der Grundstein des sozialen Zusammenlebens, sowie dessen Niederschrift im Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschland findet sich demnach in den Kerngedanken der Aufklärung. Die Moral hier ist geprägt von einer friedlichen und gleichberechtigten Koexistenz aller Menschen. Böse ist folglich jedes Verhalten, dass gegen diese Moral verstößt. Nach Kant gibt es zudem keinen Zweck, der irgendeine Form von Mitteln heiligt. Es sei nach der Aufklärung also unvereinbar eine Straftat durch das wissentliche Begehen einer anderen zu verhindern. Auch diese Idee wurde im Rechtssystem der Bundesrepublik weitestgehend übernommen, ist aber in der landläufigen Moral nicht bindend und gehört zu den ungelösten ethischen Fragen.[14]

Georg Wilhelm Friedrich Hegel fügte der Idee der Aufklärung einige Punkte hinzu. Auf Grund der Vielzahl und der Komplexität der Werke Hegels - die den Rahmen dieser Ausarbeitung übersteigen würden - wird hier lediglich auf die Dialektik eingegangen. Die Dreigliedrigkeit von These-Antithese-Synthese veranschaulicht einen stetigen Prozess hin zu einem besseren Zustand. Schlechte Anteile werden erkannt und entfernt, wodurch der Perfektion näher gerückt wird. Die Perfektion symbolisiert in diesem Fall das Gute, die Schlechten Anteile bzw. der Ursprung der Entwicklung steht für das Böse von dem sich stetig getrennt wird. Gleichzeitig beinhaltet dieses Modell die Annahme, dass jeder Zustand temporär limitiert ist, bis er durch einen besseren ersetzt wird. Die herrschende Moral erscheint somit als flüssiges Objekt, welches seine Form fortlaufend ändert, Anteile einbüßt und erhalt.

[...]


[1] vgl. http://lexikon.meyers.de/

[2] vgl. W. Ritter [Hrsg.] (2001) „Das Bose in der Geschichte", Roll Verlag, Dettelbach, S.28f

[3] im Folgenden werden ausschlieRlich christliche Wertvorstellungen untersucht. Parallelen zu anderen Religionen sind allerdings durchaus vorhanden

[4] vgl. Bibel Ex 20,1-17 sowie Dtn 5,1-21

[5] http://www.vatican.va/archive/compendium_ccc/documents/archive_2005_compendium-ccc_ge.html

[6]vgl. Bibel Luk.16,19-31

[7] vgl. W.Ritter S.31ff

[8]vgl. Bibel Mt 25,31-46

[9] In: M. Hengel et al. (1986) „Heute von Gott reden", Chr. Kaiser, Munchen

[10] vgl. W.Ritter S.38-45

[11] vgl. I.Kant (1784) „Zur Beantwortung der Frage: Was ist Aufklarung?"; In: Berlinersche Monatsschrift, Dezember 1784

[12] ebd.

[13] vgl. I. Kant (1786) „Grundlegung zur Metaphysik der Sitten" (2. Auflage), Riga, S.51

[14] vgl. Heinz Dilemma; In: A. Colby, L. Kohlberg et al. (1987) „The Measurement of Moral Judgement Vol 2", Cambridge University Press,

Ende der Leseprobe aus 16 Seiten

Details

Titel
Was ist das Böse?
Untertitel
Versuch eines differenzierten Begriffsverständnisses in Theologie, Sozialpsychologie, Anthropologie, Philosophie und Erziehungswissenschaften
Hochschule
Justus-Liebig-Universität Gießen  (FB03: Institut für Erziehungswissenschaften)
Veranstaltung
Die Bedeutung der pädagogischen Anthropologie für die Erziehungswissenschaften
Note
2+
Autor
Jahr
2008
Seiten
16
Katalognummer
V139138
ISBN (eBook)
9783640490233
ISBN (Buch)
9783640490448
Dateigröße
479 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Pädagogik, Gut, böse, Anthropologie, Theologie, Werte, Normen, Philosophie, Sozialpsychologie, Erziehung, Erziehungswissenschaften
Arbeit zitieren
Andy Blum (Autor), 2008, Was ist das Böse?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/139138

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