1. Einleitung
Der im Titel gestellten Frage möge gleich zu Beginn dieser Ausarbeitung eine hinreichende Antwort folgen. Meyers Lexikon Online konstatiert zum Begriff des Bösen eine zunächst klare Definition: „[Das Böse ist] der ontologisch und metaphysisch dem Guten entgegengesetzte Seinsbereich; in ethischer Bedeutung das als moralisch negativ beurteilte Verhalten und das ihm zugrunde liegende Wollen, sofern dabei seine Verwerflichkeit bewusst ist.“ Diese Definition geht von einer parallelen Existenz von Gutem sowie Bösem aus, wobei die Frage offen bleibt, inwieweit sich beide Faktoren beeinflussen oder sogar koexistieren können. Gleichzeitig befasst sich die Definition mit dem Wollen zur bösen Tat unter der Voraussetzung, dass ihre moralische Einstufung bekannt ist. Dieser Grundsatz stellt sich jedoch gegen die allgemein geltende Bedingung, dass die Unwissenheit nicht vor Strafe schützt. Wird davon ausgegangen, dass Delinquenz der Ausdruck des Bösen ist, so weichen hier die Ansichten auseinander. Festzuhalten ist dennoch, dass bei der Beschäftigung mit den Dimensionen Gut und Böse stets ein Diskurs über herrschende Normen und Werte mitgeführt werden muss, wobei der eigene Standpunkt eine wichtige Rolle in der Frage nach der Bestimmung von Gutem und Bösen einnimmt.
Die folgende Ausarbeitung soll nun einen allgemein gehaltenen Einblick in das Verständnis des Bösen geben, wobei sich die Ausführungen fortwährend mit dem Werteverständnis einer christlich geprägten, westlichen Welt auseinandersetzen. Denn wie bereits erwähnt, kann nur dort einheitlich von diesem Begriff gesprochen werden, wo Normen und Werte hinreichend geteilt werden.
Der Aufbau der Arbeit gestaltet sich folgendermaßen: Begonnen wird mit dem theologischen Ursprung des Bösen. Hier soll aufgezeigt werden, woher die Aufteilung dieser Dimensionen stammt. Ebenso wird hier bereits die Frage untersucht, wo das Böse zu suchen und wie es zu klassifizieren ist. Daran anschließend wird der Begriff des Bösen innerhalb der Philosophie vorgestellt und im Hinblick auf die Ideen der Aufklärung erneuert. Von allgemeinem Verständnis geprägt befasst sich der dritte Abschnitt mit den Äquivalenten des Bösen, dem antisozialen Verhalten, der Aggressivität und der Delinquenz. Diese Faktoren werden mit speziell sozialpsychologischen Erkenntnissen fundiert. [...]
Um das Seminarthema nicht aus den Augen zu verlieren wird anschließend die Aufmerksamkeit auf die Anthropologie gelenkt...
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Der theologische Ursprung des Bösen
3. Das Böse in der Philosophie und das Verständnis der Aufklärung
4. Antisoziales Verhalten, Aggressivität und Delinquenz
5. Anthropologische Gedanken zum Thema
6. Die Konsequenz für die heutigen Erziehungswissenschaften
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht den Begriff des "Bösen" aus einer interdisziplinären Perspektive, um ein differenziertes Begriffsverständnis innerhalb von Theologie, Sozialpsychologie, Anthropologie, Philosophie und Erziehungswissenschaften zu erarbeiten und pädagogische Handlungsrahmen abzuleiten.
- Historische und theologische Herleitung der Konzepte von Gut und Böse
- Philosophische Einordnung von Moral und Ethik von der Aufklärung bis zur Moderne
- Sozialpsychologische Analyse von Aggression, Vorurteilen und Delinquenz
- Anthropologische Untersuchung der menschlichen Schuldfähigkeit und Freiheit
- Bedeutung von Normen und Erziehung für die Entwicklung mündiger Individuen
Auszug aus dem Buch
Der theologische Ursprung des Bösen
Dierk Lange hat in dem Buch „Das Böse in der Geschichte“ von Werner Ritter unter der Überschrift „Der Ursprung des Bösen“ die Herkunft der klaren Einteilung in Gut und Böse folgendermaßen erläutert. Der Polytheismus schuf Kultparteien, die sich einer jeweiligen Gottheit zuordneten, wobei andere Götter mitunter negativ bewertet wurden. Jede Partei nahm für sich in Anspruch, dem guten Gott anzugehören. Unter diesen Umständen war eine objektive Einschätzung darüber, welcher Gott der einzig Gute ist ausgeschlossen, da die Kultparteien sich in oppositioneller Haltung mit gleichen Argumenten gegenüberstanden.
Der Monotheismus hingegen hob eine Opposition auf, die für sich ebenfalls das Gute in Anspruch nehmen konnte. Die Gefolgschaft des einen Gottes konnte nun das Böse benennen, welches sich durch fehlende Anhänger nicht gegen diesen Vorwurf wehren konnte. Am christlichen Beispiel betrachtet, wählt Gott sodann die Menschen als irdisches Sprachrohr, seine Lehre zu verkünden. Der Teufel hingegen besitzt dieses Sprachrohr nicht, verstummt also unter den Vorwürfen, nur die Lehre des einen Gottes sei die Lehre des Guten. Der Monotheismus brachte eine einheitliche Moral hervor, die notwendig ist zur Bestimmung von Gut und Böse.
Das Böse wird in diesem Kontext als die Abkehr von Gott bezeichnet. Schwierig aus heutiger Sicht ist dabei der Umstand, dass die Zehn Gebote, wie sie in der Bibel auftauchen durch ihren autoritären Ton und ihren ultimativen Anspruch die eigene Handlungsfreiheit minimieren und den Menschen in seinem Verhalten extrinsisch zum Guten motivieren. Der weitreichenden Frage, wie frei der Mensch tatsächlich sei und welche Umstände dieses Problem beeinflussen soll hier nicht weiter nachgegangen werden. Die Konsequenz der Abkehr von Gott ist hingegen sehr interessant im Zusammenhang mit der offenen Frage nach dem Bösen.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung definiert das Böse als ontologisch-metaphysischen Gegenpol zum Guten und skizziert den Aufbau der interdisziplinären Untersuchung.
2. Der theologische Ursprung des Bösen: Dieses Kapitel erläutert die Entstehung der moralischen Einteilung in Gut und Böse durch den Übergang vom Polytheismus zum Monotheismus sowie das christliche Sündenverständnis.
3. Das Böse in der Philosophie und das Verständnis der Aufklärung: Der Abschnitt analysiert den Wandel des Sündenbegriffs durch die Philosophie und die Neudefinition von Moral durch die Aufklärung sowie radikale Gegenpositionen.
4. Antisoziales Verhalten, Aggressivität und Delinquenz: Hier werden psychologische Erscheinungsformen des Bösen wie Vorurteile, Aggression und kriminelles Verhalten untersucht und in einen gesellschaftlichen Kontext gesetzt.
5. Anthropologische Gedanken zum Thema: Dieses Kapitel beleuchtet das Wesen des Menschen im Hinblick auf Freiheit, Triebhaftigkeit und Schuldfähigkeit unter Einbeziehung verschiedener anthropologischer Strömungen.
6. Die Konsequenz für die heutigen Erziehungswissenschaften: Den Abschluss bildet eine Reflexion über die Bedeutung von Erziehung und die Entwicklung eines gerechten Handelns in einer Zeit ohne einheitliche moralische Instanz.
Schlüsselwörter
Böses, Moral, Ethik, Theologie, Aufklärung, Antisoziales Verhalten, Aggression, Delinquenz, Anthropologie, Erziehungswissenschaften, Sündenfall, Freiheit, Normen, Sozialisation, Wertesystem
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit befasst sich mit der begrifflichen und inhaltlichen Bestimmung des "Bösen" durch die Jahrhunderte und Disziplinen hinweg, von theologischen Ursprüngen bis zu modernen erziehungswissenschaftlichen Fragestellungen.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Zentrale Felder sind die christliche Ethik, die philosophische Aufklärung, sozialpsychologische Aggressionsforschung sowie anthropologische und pädagogische Perspektiven auf die menschliche Natur.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Das Ziel ist ein differenziertes Verständnis des Begriffs "Böse" zu entwickeln, um daraus einen zeitgemäßen moralischen Handlungsrahmen für die Pädagogik abzuleiten.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit nutzt eine interdisziplinäre theoretische Literaturanalyse, um verschiedene Perspektiven (theologisch, philosophisch, psychologisch, anthropologisch) zu synthetisieren.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil analysiert die historische Entwicklung der Gut-Böse-Dichotomie, psychologische Ursachen für antisoziales Handeln sowie die anthropologische Frage nach der menschlichen Freiheit und Schuld.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit wird durch Begriffe wie Moral, Ethik, Erziehungswissenschaften, Freiheit, Normen und Sozialisation charakterisiert.
Welche Rolle spielt die Aufklärung für den heutigen Moralbegriff?
Die Aufklärung wird als Wende betrachtet, in der die externe moralische Instanz (Gott) durch die intrinsische Vernunft und den Kategorischen Imperativ ersetzt wurde, was das heutige Rechtsverständnis prägt.
Warum ist das Böse laut Autor schwer zu definieren?
Der Autor argumentiert, dass das Böse durch den ständigen Wandel gesellschaftlicher Werte und Normen sowie die unterschiedlichen Perspektiven der verschiedenen Disziplinen keine feste, allgemeingültige Definition zulässt.
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- Andy Blum (Author), 2008, Was ist das Böse?, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/139138