Wilde, wilt adj.: nicht von Menschen gepflegt und veredelt, wüst, ungezähmt, irre,unwahr, sinnlos, fremd, unheimlich
Dies sind einige Bedeutungsvarianten des mittelhochdeutschen Wörterbuches für wilde. Die inhaltliche Vielfalt der Übersetzungsmöglichkeiten macht es sehr schwer dieses Wort zu fassen. Wie also ist die Platzierung von wilde im Namen eines Schriftstellers zu bewerten? Die Rede ist vom Wilden Alexander. Dieser heißt nicht nur wild, sondern artikuliert sich in seinen Texten auch mit Hilfe von wilder rede. Der Aufsatz „Wie dunkel ist wilde rede?“ von Sabine Schmolinsky beschäftigt sich damit, was genau sich hinter dieser Begrifflichkeit verbergen könnte. Sie meint, dass wilde rede „deutungsbedürftige Rede“ bzw. „allegorisches Sprechen“ mit „geistliche[r] Konnotation[…]“ umschreibt. Allerdings liegt dabei das Hauptaugenmerk ihrer Untersuchung auf nur einem Text Alexanders, „des richen küniges kint“(S.7; V.1), in dem wortwörtlich die Formulierung „wilde[…] rede“ vom Autor verwendet wird. Die Frage die sich zwangsläufig stellt, ist ob dieses Prinzip der Textgestaltung auch auf andere Texte anwendbar ist. Sabine Schmolinsky spricht sich eher dagegen aus.
„Wieweit Alexander seinen Begriff der wilden rede auf seine anderen Spruchstrophen hätte ausgedehnt wissen wollen, lässt sich nicht ermessen.“
Vielleicht könnte man aber doch Belege finden, die den vorgestellten Ansatz der wilden rede auch in anderen Texten nachweisen. Der Suche nach solchen Parallelen will diese Hausarbeit sich zuwenden. Dazu erfolgt zuerst der Versuch am Königskindertext zu untersuchen, inwieweit das Adjektiv „deutungsbedürftig“ zutrifft und wie stark der biblische Einfluss tatsächlich ausgeprägt ist. Danach wird die Untersuchung auf weitere Texte ausgedehnt.
Inhaltsverzeichnis
1 EINLEITUNG
2 LEBENDE BILDER IM FILM ALLGEMEIN
3 LEBENDE BILDER IM FILM
3.1 Lebende Bilder im Film im Allgemeinen
3.2 Lebende Bilder in La Ricotta
3.2.1 Zum Film
3.2.2 Die farbigen Tableaux vivants
3.2.3 Vorbild Manierismus
3.2.4 Weitere Lebende Bilder
3.2.5 Zeitraffer als Kontrastmittel
4 DER ASPEKT DES TODES
5 SCHLUSSBETRACHTUNG
Zielsetzung und Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die spezifische Funktion und ästhetische Wirkung von "lebenden Bildern" (Tableaux vivants) im Film "La Ricotta" (1963) von Pier Paolo Pasolini. Die zentrale Forschungsfrage geht der Bedeutung nach, warum ein Regisseur des 20. Jahrhunderts diese traditionelle, statische Kunstform in die Dynamik eines Spielfilms integriert und inwiefern dadurch die Grenze zwischen Kunst, Filmrealität und Leben verwischt wird.
- Historische Herleitung und Definition von Tableaux vivants.
- Die mediale Paradoxie des lebenden Bildes im bewegten Film.
- Einfluss des italienischen Manierismus als ästhetisches Vorbild.
- Das Spannungsfeld zwischen Leben, Tod, Stillstand und Bewegung.
- Sozial- und kirchenkritische Dimensionen der Inszenierung.
Auszug aus dem Buch
3.2.2 Die farbigen Tableaux vivants
Wie bereits erwähnt, sind die Tableaux vivants in La Ricotta markant vom Rest abgetrennt. Sowohl farblich als auch in ihrer Unbewegtheit. Wobei keine einzige Sekunde lang ein wirkliches lebendes Bild zu sehen ist, zumindest wenn man Bewegungslosigkeit voraus setzt. Die Schauspieler des Passionsfilmes, dessen Dreh wir in La Ricotta beobachten können, halten nämlich nicht still. Anders als bei den vor Publikum aufgeführten lebenden Bildern, die sich dem Publikum nach Öffnung des Vorhangs unbewegt und fertig präsentieren, wird hier viel mehr ein Prozess dargestellt. Der Film im Film ermöglicht es bei der Entstehung eines Tableaux vivants dabei sein zu können. Es wird also eigentlich das making-of eines lebenden Bildes und nicht das lebende Bild an sich gezeigt. Das Bild passt sich also seiner filmischen Umgebung an, indem es in Bewegung gerät. Die gelegentlichen Montagen, die aus dem lebenden Bild heraus auf den in Schwarz-Weiß gezeigten innerfilmischen Regisseur schwenken, unterstützen diesen Effekt. Die Grenze zwischen der Realitätsebene des pictoralen Vorbilds und der des innerfilmischen Filmes wird dadurch fließend.
Zusammenfassung der Kapitel
1 EINLEITUNG: Einführung in die Thematik der Tableaux vivants und die zentrale Fragestellung zur Funktion dieser Bilder in Pasolinis Werk.
2 LEBENDE BILDER IM FILM ALLGEMEIN: Theoretische Definition des lebenden Bildes und dessen Anpassung an filmische Rahmenbedingungen.
3 LEBENDE BILDER IM FILM: Analyse der spezifischen Integration lebender Bilder in La Ricotta, unter Berücksichtigung von Stil, Regie und historischer Vorbilder.
4 DER ASPEKT DES TODES: Untersuchung der symbolischen Verknüpfung von Stillstand, Bewegung und dem Tod im filmischen System Pasolinis.
5 SCHLUSSBETRACHTUNG: Zusammenführende Betrachtung der Ergebnisse zur Stiladaption und der Ambivalenz zwischen lebendigen und toten Elementen.
Schlüsselwörter
Lebende Bilder, Tableaux vivants, Pier Paolo Pasolini, La Ricotta, Manierismus, Filmtheorie, Stillleben, Stiladaption, Realitätsebenen, Kunstgeschichte, Bewegungslosigkeit, Christusfilm, Bildzitate, Ästhetik, Tod.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundlegend?
Die Arbeit analysiert die filmische Verwendung und Funktion von "lebenden Bildern" im Film La Ricotta des Regisseurs Pier Paolo Pasolini.
Welche zentralen Themenfelder werden bearbeitet?
Die zentralen Felder sind die kunsthistorische Herleitung des Tableaux vivant, die Interaktion zwischen statischer Malerei und bewegtem Film sowie die Auseinandersetzung mit manieristischen Stilmitteln.
Was ist die primäre Forschungsfrage?
Die Arbeit untersucht, warum Pasolini statische, lebende Bilder in einen bewegten Film einbaut und wie sich dadurch die Wahrnehmung von Realität und Künstlichkeit verändert.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es handelt sich um eine filmwissenschaftliche und kunsthistorische Analyse, die mit Bildbeschreibungen, Vergleichen zu Gemälden und der Einbeziehung von Primär- und Sekundärliteratur arbeitet.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine allgemeine Einführung zur Theorie lebender Bilder, eine spezifische Analyse der Szenen in La Ricotta, den Einfluss manieristischer Vorbilder sowie eine Untersuchung der Kontrastmittel wie Zeitraffer und Stillleben.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die wichtigsten Begriffe sind Lebende Bilder, Tableaux vivants, Manierismus, Stiladaption und die Ambivalenz zwischen Bewegung und Stillstand.
Wie beeinflussen die Gemälde von Pontormo und Rosso Fiorentino die Inszenierung?
Pasolini orientiert sich an deren manieristischen Stil, um durch grelle Farben, Deformationen und eine bewusste Künstlichkeit die Natürlichkeit im Film abzulehnen und eine stilisierte, unrealistische Ästhetik zu erzeugen.
Welche Funktion hat die Figur des innerfilmischen Regisseurs in Bezug auf die lebenden Bilder?
Orson Welles, der den Regisseur spielt, verkörpert für Pasolini die strenge, fast penible Überwachung des Prozesses, wodurch die Entstehung der lebenden Bilder als "Making-of" und nicht als vollendetes, statisches Kunstwerk gezeigt wird.
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- Romy Knobel (Author), 2009, Lebende Bilder in Pasolinis La Ricotta, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/139335