Die "Studentenrevolte" von 1967/68 radikalisierte die Fragen der "Vergangenheitsbewältigung" ebenso wie die Kritik an der "kapitalistischen Gesellschaft", der angeblich nur formalen Demokratie, indem sie die marxistischen Elemente der Frankfurter Soziologie mobilisierte und zu einer vagen Revolutionstheorie umformulierte. Erst jetzt wurde die Frankfurter Schule zur Kritischen Theorie stilisiert, zudem beerbt durch eine auf ihrer Grundlage entwickelten "kritischen Erziehungswissenschaft". Wolfgang Klafki hat diese als eine Theorie bezeichnet, die in Anlehnung an Jürgen Habermas Erziehungsziele wie Mündigkeit und Selbstbestimmung mit der politischen Veränderung gesellschaftlicher Strukturen verknüpfte und sich so von der traditionellen geisteswissenschaftlichen Pädagogik ebenso absetzte wie von einer "positivistischen" empirischen Erziehungsforschung. Klaus Peter Wallraven und Eckart Dietrich traten 1970 mit einer "Politischen Pädagogik" hervor, die schon mit ihrem Untertitel "Aus dem Vokabular der Anpassung" die Tendenz der ,Entlarvung' erkennen lässt. Der ,Antagonismus' der ,Klassengesellschaft' wird vorausgesetzt und bestimmt die Ermittlung der Konflikte in der Schule. Zentrale Aufgabe politischer Bildung ist Ideologiekritik, und Ideologie wird verstanden als das notwendigerweise falsche Bewusstsein, "in welchem gesellschaftliche Verhältnisse sich spiegeln und ihre Rechtfertigung finden". Alle bisherige politische Bildung verfällt mehr oder weniger dem Verdikt, zu dieser Rechtfertigung durch Verschleierung der Verhältnisse beizutragen.
Schmiederer entwickelte 1971 das Konzept der politischen Bildung, welches in der Studentenschaft große Resonanz gefunden hatte und in den Folgejahren das Handeln verschiedener politischer Gruppen beeinflusste. Seine damalige Zielvorstellung formulierte Schmiederer unter dem gesellschaftskritischen Leitgedanken, dass politische Bildung zur Demokratisierung und Emanzipation der Menschen beitragen müsse. Mit einem neuen Ansatz hob der Autor 1977 die „Schülerorientierung“ in den Mittelpunkt des Politikunterrichts.
Inhaltsverzeichnis
1. Einführung
2. „Zur Kritik der Politischen Bildung“ (1971) – Demokratisierung und Emanzipation als Ziele politischer Bildung
2.1 Ziele politischer Bildung
2.2 Umsetzung der Ziele – Aufgaben des politischen Unterrichts
2.3 Wahl der Unterrichtsinhalte
2.4 Das Werturteil in der politischen Bildung
3. Das „Schülerinteresse“ im Mittelpunkt der politischen Bildung – Schmiederers Konzept zur politischen Bildung von 1977
3.1 Wege der politischen Bildung aus der „manipulatorischen“ Lernzielorientierung
3.2 Ziele des politischen Unterrichts
3.3 Wahl der Inhalte
Resümee
Zielsetzung und Themen der Arbeit
Die Arbeit analysiert die didaktischen Konzepte von Rolf Schmiederer zur politischen Bildung und untersucht den in seinen Publikationen von 1971 und 1977 erkennbaren Schwerpunktwechsel von der gesellschaftskritischen Perspektive hin zur schülerorientierten Didaktik.
- Kritische Theorie als theoretisches Fundament der politischen Bildung
- Emanzipation und Demokratisierung als zentrale Bildungsziele
- Die Rolle der Schülerorientierung und deren schulpraktische Umsetzung
- Kritik an der Lernzielorientierung und Parzellierung von Unterrichtsinhalten
- Stellenwert von Lehrerberatung und projektorientiertem Unterricht
Auszug aus dem Buch
2.1 Ziele politischer Bildung
In dieser Publikation betrachtet Schmiederer die Aufgabe der politischen Bildung vor einem gesamtgesellschaftlichen Hintergrund. Politische Bildung kann seiner Ansicht nach „einerseits eine in die Zukunft weisende, fortschrittliche, den bestehenden gesellschaftlichen Zustand transzendierende, und andererseits affirmative, den Status Quo konservierende und die bestehenden Herrschaftsverhältnisse verteidigende Funktion haben.“ Das Ziel der Demokratie soll die Freiheit des Einzelnen vergrößern indem überflüssige und irrationale Herrschaftsverhältnisse abgebaut werden. Demokratie in Schmiederers Sinn ist nicht mehr als Staats- oder Herrschaftsform sondern als „Ordnung des befreiten Lebens“ zu sehen. Politisch und Gesellschaftlich ergebe sich die Möglichkeit zu solchen Veränderungen dadurch, dass der ökonomische Überfluss der technisierten und industrialisierten Gesellschaft die Notwendigkeit von herrschaftlichen Zwangsmaßnahmen zur Verteilung mangelnder Güter überflüssig mache. Aufgabe der politischen Bildung sei es ein analytisches Bewusstsein des Lernenden durch Verdeutlichung der gesellschaftlichen Abhängigkeiten, die seine Autonomie behindern, zu entwickeln. Das Ziel müsse „die Erziehung zur Widerstandsfähigkeit gegen Manipulation“ sein. Schmiederer mahnt an, die Trennung zwischen Theorie und Praxis zu relativieren, denn gesellschaftliches Leben „wird nicht durch politische Bildung entschieden, sondern durch politische Praxis“. Die Vorbereitung auf die Praxis müsse darin bestehen politische Inhalte transparent zu machen und Ideologien und Verschleierungen (gesellschaftlicher Interessen, Anm. d. Verf.) aufzulösen, indem politische Bildung gesellschaftliche Organisation und politisches Handeln als Ausdruck von Interessenstrukturen aufzeige und so als veränderbar erkläre. In diesem Zusammenhang steht auch das Kapitel „Die Utopie in der politischen Bildung“ (S. 86ff). Ziel dieser Utopie ist es den Schüler zur Antizipierung des Bestehenden zu befähigen um dieses zum Besseren oder Anderen fortzudenken.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einführung: Diese Einleitung verortet Schmiederers Ansätze in der Kritischen Theorie der Frankfurter Schule und beleuchtet den Einfluss der Studentenrevolte auf die damalige pädagogische Debatte.
2. „Zur Kritik der Politischen Bildung“ (1971) – Demokratisierung und Emanzipation als Ziele politischer Bildung: Das Kapitel erläutert Schmiederers gesellschaftskritisches Frühwerk, das darauf abzielt, Herrschaftsverhältnisse durch politische Aufklärung und Emanzipation abzubauen.
2.1 Ziele politischer Bildung: Hier werden die theoretischen Zielsetzungen Schmiederers, insbesondere die Erziehung zur Widerstandsfähigkeit gegen Manipulation, detailliert dargelegt.
2.2 Umsetzung der Ziele – Aufgaben des politischen Unterrichts: Dieser Abschnitt beschreibt, wie durch soziologische Analyse und die Einbeziehung gesellschaftlicher Interessen politisches Handeln im Unterricht initiiert werden soll.
2.3 Wahl der Unterrichtsinhalte: Es wird erörtert, warum der Fokus auf „Nervenpunkten“ politischer Entscheidungen liegen sollte und warum Schmiederer das Elementarwissen ablehnt.
2.4 Das Werturteil in der politischen Bildung: Dieses Kapitel thematisiert die Notwendigkeit, dass Lehrkräfte ihre eigenen politisch-gesellschaftlichen Positionen im Unterricht offenlegen, um Neutralität als entpolitisierend zu entlarven.
3. Das „Schülerinteresse“ im Mittelpunkt der politischen Bildung – Schmiederers Konzept zur politischen Bildung von 1977: Hier wird der pragmatische Wandel in Schmiederers Denken hin zu einer stärkeren Schülerorientierung unter Verzicht auf den engen gesellschaftskritischen Rahmen analysiert.
3.1 Wege der politischen Bildung aus der „manipulatorischen“ Lernzielorientierung: Dieser Abschnitt behandelt die Kritik an einer starren Zielvorgabe, die den Schüler entfremdet und eigenständiges Lernen behindert.
3.2 Ziele des politischen Unterrichts: Es werden die kognitiven Lernziele und das System der „Selbst- und Umwelterkenntnis“ nach Gagel vorgestellt.
3.3 Wahl der Inhalte: Hier steht die Relevanz der Sozialwissenschaft als Leitwissenschaft und die Bedeutung des „Betroffenheitsprinzips“ für die Themenauswahl im Zentrum.
Resümee: Die Zusammenfassung reflektiert den Schwerpunktwechsel in Schmiederers Schriften und diskutiert die verbliebene Kritik an der mangelnden Operationalisierbarkeit seines Konzepts.
Schlüsselwörter
Politische Bildung, Schmiederer, Kritische Theorie, Emanzipation, Demokratisierung, Schülerorientierung, Lernzielorientierung, Ideologiekritik, politische Pädagogik, Didaktik, Gesellschaftskritik, Mündigkeit, politisches Bewusstsein, Unterrichtsinhalte, Sozialwissenschaft
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit befasst sich mit der Entwicklung und Veränderung der didaktischen Konzepte von Rolf Schmiederer zur politischen Bildung zwischen den Jahren 1971 und 1977.
Was sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Die zentralen Themen sind das Verhältnis von Theorie und Praxis in der politischen Bildung, die Kritik an bestehenden Herrschaftsverhältnissen sowie der Übergang von einer gesellschaftskritischen zu einer schülerorientierten Didaktik.
Welches primäre Ziel verfolgt die Arbeit?
Das primäre Ziel ist die getrennte Darstellung und anschließende vergleichende Zusammenfassung der beiden Ansätze Schmiederers, um den theoretischen und praktischen Wandel seines Bildungsbegriffs nachvollziehbar zu machen.
Welche wissenschaftliche Methode verwendet der Autor?
Es handelt sich um eine theoretisch-analytische Arbeit, die primär auf der Literaturanalyse der Originalpublikationen von Schmiederer sowie ergänzender didaktischer Fachliteratur (wie z.B. Gagel) basiert.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Analyse der 1971er-Publikation, die von Demokratisierung und Emanzipation geprägt ist, sowie die Betrachtung des 1977er-Konzepts, das die „Schülerorientierung“ und Kritik an einer starren Lernzielorientierung in den Mittelpunkt stellt.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die vorliegende Arbeit?
Zu den wichtigsten Begriffen zählen Politische Bildung, Emanzipation, Schülerorientierung, Ideologiekritik, Kritische Theorie und Didaktik der Politik.
Inwiefern unterscheidet sich Schmiederers Ansatz von 1977 von seinem früheren Werk?
Während er 1971 einen stärkeren gesellschaftskritischen Rahmen betonte, fokussierte er 1977 pragmatischer auf die Schulpraxis und die individuellen Interessen der Lernenden, um der Entfremdung durch zu theoretische Didaktik entgegenzuwirken.
Welche Kritik äußert die Arbeit an Schmiederers Konzept der Schülerorientierung?
Die Arbeit führt kritische Stimmen an, die bemängeln, dass Schmiederers Konzept in der praktischen Umsetzung ungenau bleibe, Lernziele nicht hinreichend integriere und die Auswahl der Inhalte teilweise willkürlich (zufällig) erscheine.
- Quote paper
- MA Guido Maiwald (Author), 2004, Schmiederers Konzepte der politischen Erziehung (1971/1974), Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/139424