In seinem 1948 erschienenen Text „Deutschlands Zukunft“ formuliert Helmuth Plessner einen instruktiven Zukunftsentwurf für Deutschlands politische Struktur, der eine Alternative zu der sich für ihn bereits abzeichnenden Teilung Deutschlands zwischen den zwei Machtblöcken des Westens und der UdSSR formuliert. Die Alternative besteht für Plessner in einem dritten Weg, unabhängig von den Weltanschauungen der Blockmächte, bei dem eine möglichst lose föderale Struktur Deutschlands die Einnahme einer Mittlerposition ermöglicht. Diese ist für ihn nicht diplomatisch, sondern vielmehr sozial, ökonomisch und intellektuell einzunehmen. Eine diplomatische Mittlerstellung, die sich daraus Vorteile zu verschaffen sucht, führt für ihn ebenso zurück zum Nationalismus Hitlers, wie der Anschluss an einen Machtblock mit opportunistischen Zielen. Daher soll Deutschland durch regionale Zollunionen und Verträge der einzelnen Bundesstaaten mit ihren Nachbarn soll Deutschland schließlich in Europa aufgehen. [...]
Inhaltsverzeichnis
1. Helmuth Plessner: Deutschlands Zukunft
2. Hans Freyer: Theorie des gegenwärtigen Zeitalters
3. Günther Anders: Die Welt als Phantom und Matritze
4. Carl Schmitt: Die Tyrannei der Werte
5. Synthese: Zeitdiagnosen im Vergleich
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht konservative Zeitdiagnosen der 1950er Jahre und analysiert, wie die Autoren Helmuth Plessner, Hans Freyer, Günther Anders und Carl Schmitt die gesellschaftlichen Auswirkungen von technischem Fortschritt, Massengesellschaft und Wertewandel kritisch hinterfragen.
- Analyse des Einflusses des technisch-wissenschaftlichen Fortschritts auf die Gesellschaft.
- Untersuchung des Konzepts der Entfremdung in der modernen Massengesellschaft.
- Bewertung der Rolle audiovisueller Medien für die individuelle Wahrnehmung.
- Kritische Auseinandersetzung mit der Relativität von Werten und der "Wert-Philosophie".
- Vergleichende Einordnung der unterschiedlichen Diagnosen hinsichtlich ihrer Gestaltungsmöglichkeiten.
Auszug aus dem Buch
Die Tyrannei der Werte
Carl Schmitt analysiert in seinem 1959 erschienenen Text „ Die Tyrannei der Werte“ die Konsequenzen der so genannten „Wert-Philosophie“, also der Frage nach der Setzung ethischer und juristischer Standards. Er wirft den Werten in erster Linie seine Relativität und fehlende Objektivität vor, da ihr Inhalt und ihre Rangfolge immer das Ergebnis subjektiver Setzungen darstellen. Aus ihrer fehlenden Allgemeingültigkeit ergibt sich für Schmitt eine Konkurrenz von Werten und somit ein „ewiger Kampf der Werte und der Weltanschauungen“ (S. 31). Diese Werte – offensichtlich handelt es sich hierbei um Ideologien –, bzw. die Menschen, die ihnen Geltung verschaffen wollen, kämpften mit vernichtenden Waffen, die ihrerseits Ergebnis der „wertfreien“ Wissenschaft und ihres technischen Fortschritts seien.
Da die Existenz eines Wertes für Schmitt voraussetzt, dass dieser möglichst umfassend geltend gemacht wird, schreibt er ihnen den quasi selbsttätigen Drang zur konflikthaften Verdrängung anderer Werte zu. Da er die Wertphilosophie als Reaktion auf den naturwissenschaftlichen Positivismus deutet, liegt davor implizit eine „bessere“ Vergangenheit, auf die er aber kaum konkret Bezug nimmt: „Früher, als die Würde noch kein Wert, sondern etwas wesentlich anderes war, konnte der Zweck das Mittel nicht heiligen“. (S. 38) Schmitts wenig konkrete Schlussfolgerungen aus seinen Überlegungen beziehen sich vor allem darauf, dass Gesetzgeber und vor allem Juristen sich der Werteproblematik bewusst sein sollten.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Helmuth Plessner: Deutschlands Zukunft: Der Autor skizziert Plessners Entwurf eines dritten Weges für Deutschland, der auf föderalen Strukturen basiert und eine aktive, sozial wie ökonomisch motivierte Mittlerposition vorsieht.
2. Hans Freyer: Theorie des gegenwärtigen Zeitalters: Dieses Kapitel behandelt Freyers Diagnose der Entfremdung des Menschen durch das von ihm selbst geschaffene technische System der Moderne.
3. Günther Anders: Die Welt als Phantom und Matritze: Der Fokus liegt auf Anders' Medienkritik, wonach die passive Rezeption audiovisueller Medien die reale Lebenserfahrung durch ein Abbild ersetzt.
4. Carl Schmitt: Die Tyrannei der Werte: Hier wird Schmitts Kritik an der Wert-Philosophie analysiert, die aufgrund fehlender Objektivität zu einem destruktiven Kampf konkurrierender Weltanschauungen führt.
5. Synthese: Zeitdiagnosen im Vergleich: Abschließend werden die vier Ansätze gegenübergestellt, wobei insbesondere das gemeinsame Motiv des technologisch bedingten Fortschrittspessimismus hervorgehoben wird.
Schlüsselwörter
Konservatismus, Zeitdiagnose, Entfremdung, Massengesellschaft, Fortschritt, Wertphilosophie, Technikfolgen, Individualität, Helmuth Plessner, Hans Freyer, Günther Anders, Carl Schmitt, Medienkritik, Moderne, Ideengeschichte.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht konservative Zeitdiagnosen der langen 50er Jahre und wie diese den Wandel der deutschen Gesellschaft interpretieren.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die Schwerpunkte liegen auf den Auswirkungen von Technik und Massenmedien auf die menschliche Individualität sowie der Kritik an der moralischen Orientierung in der Moderne.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Ziel ist es, die spezifischen Argumentationsmuster von vier einflussreichen Denkern hinsichtlich der technologischen und gesellschaftlichen Entwicklung der Nachkriegszeit herauszuarbeiten.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es handelt sich um eine ideengeschichtliche Textanalyse, die zentrale Schriften der Autoren vergleichend gegenüberstellt.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil analysiert detailliert die Texte von Plessner, Freyer, Anders und Schmitt und stellt deren jeweilige Sichtweisen auf Entfremdung und gesellschaftliche Veränderbarkeit dar.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Schlüsselbegriffe wie Entfremdung, Wert-Philosophie, Fortschritt, Massengesellschaft und Moderne stehen im Zentrum der begrifflichen Auseinandersetzung.
Wie unterscheidet sich Plessners Ansatz von dem von Günther Anders?
Während Plessner trotz technischer Risiken an eine positive Gestaltbarkeit glaubt, vertritt Anders eine rein pessimistische Position, die in der Mediennutzung einen reinen Verlust an Realitätserfahrung sieht.
Warum sieht Carl Schmitt die moderne Wert-Philosophie als gefährlich an?
Schmitt argumentiert, dass Werte, denen es an objektiver Allgemeingültigkeit mangelt, subjektiv instrumentalisiert werden und somit zu einem ewigen, destruktiven Kampf der Weltanschauungen führen.
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- Christoph Sprich (Author), 2009, Machbarkeit, Massengesellschaft, Entfremdung und Relativität der Werte, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/139445