Die vorliegende Arbeit untersucht den Wert systemtheoretischer Ansätze zur Beobachtung des
transnationalen Terrorismus in Bezug auf Vor- und Nachteile gegenüber anderen, sich diesem
momentan populären Themenkomplex widmenden politikwissenschaftlichen Konzepten. Die Arbeit
Waldmanns wird zunächst als exemplarische „Mainstream“-Theorie der Analyse systemtheoretischer
Beobachtungsmöglichkeiten vorangestellt. Als empirisches Beispiel für die weitere Überprüfung der
Leistungsfähigkeit systemtheoretischer Ansätze dient die libanesische Hisbollah, eine theoretisch
schwer zu erfassende Organisation, da in ihrer Entwicklung zwischen transnationalem
Terrornetzwerk, nationaler Protestbewegung und politischer Partei oszillierend.
Inhaltsverzeichnis
Einleitung
1. Terrorismus mit Waldmann – exemplarisch?
1.1 Waldmanns Terrorismusbegriff: Abgrenzungen und Unterscheidungen
1.2 Das „terroristische Kalkül“: Terrorismus als Kommunikationsstrategie
1.3 Waldmanns Verständnis von (Terror-)Organisationen
1.4 Transnationaler und religiöser Terrorismus mit Waldmann
1.5 Ist Waldmanns Konzept repräsentativ? - Gemeinsamkeiten und Unterschiede aktueller Ansätze
2. Systemtheoretische Ansätze zur Beobachtung des Terrorismus
2.1. Möglichkeiten systemtheoretischer Definition und Einordnung von „Terrorismus“
2.2 Terror als Funktionssystem?
2.2.1 Funktionale Differenzierung: „Modernisierung“, politisches System und Religion
2.2.2 Operation, Code und Medium des Terrors
2.2.3 Terror und Massenmedien: Strukturelle Kopplung
2.2.4 Terror und das Religionssystem: Mehr als nur „Isomorphie“?
2.2.5 Terror als „Parasit“: Politisches System und Gesellschaft
2.3 Organisationen des Terrorsystems
3. Hisbollah - Die Partei Gottes?
3.1 Entstehung und Entwicklung der Hisbollah
3.2 Organisationsstruktur und Ideologie
3.3 Die Rolle der Hisbollah im Kontext des transnationalen Terrorismus
4. Die Partei Gottes - systemtheoretisch beobachtet
4.1 Hisbollah mit Waldmann
4.2 Möglichkeiten systemtheoretischer Einordnung der Hisbollah
5. Fazit und Ausblick
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht den Mehrwert systemtheoretischer Ansätze zur Analyse des transnationalen Terrorismus im Vergleich zu klassischen politikwissenschaftlichen Erklärungsmodellen. Anhand des exemplarischen Ansatzes von Peter Waldmann wird dessen Repräsentativität für die aktuelle Forschung kritisch geprüft und der systemtheoretischen Perspektive gegenübergestellt, um den Terrorismus als ein auf der funktionalen Differenzierung der Gesellschaft basierendes Phänomen zu begreifen.
- Kritische Auseinandersetzung mit politikwissenschaftlichen Terrorismusdefinitionen (insb. Waldmann)
- Einführung in die systemtheoretische Beobachtung von Terrorismus als Funktionssystem
- Analyse der strukturellen Kopplungen zwischen Terrorismus, Medien, Politik und Religion
- Empirische Fallstudie der Hisbollah als Organisation zwischen Protestbewegung, Terrornetzwerk und Partei
Auszug aus dem Buch
2.2.2 Operation, Code und Medium des Terrors
Diese sozialstrukturellen Vorbedingungen beachtend, möchte ich mich nun der These des „System Terror“ widmen. Geht man wie Fuchs davon aus, dass Terror sich als System (und zwar als Funktionssystem) beobachten lässt, dann müssen einige Bedingungen der Eigenschaften erfüllt werden, die Funktionssysteme erst zu eben solchen machen. Wie wir im Rahmen der Erläuterungen zur funktionalen Differenzierung erkannt haben, besitzt jedes Funktionssystem eine sich vom funktionsfestlegenden Code ableitende Operationsform. Wolfgang Ludwig Schneider schlägt für den Terrorismus die naheliegende Elementaroperation „Anschlag“ vor, die dann auf den Funktionscode „erfolgreicher Schlag/Fehlschlag“ in Abgrenzung zum Code des (konventionellen) Krieges „Sieg/Niederlage“ mit der Elementaroperation „Gefecht“ schließen lassen würde (vgl. Schneider 2007: 129ff.). Die System/Umwelt-Differenz „Soldaten/Zivilisten“, die (zumindest idealtypisch) die Außengrenzen des System Krieg markieren soll, fällt bei der Betrachtung des Terrorismus vollkommen weg, denn die asymmetrischen Machtverhältnisse und die damit verbundene Einbeziehung von Zivilisten als ständige potentielle Opfer terroristischer Gewalt charakterisieren diese ja gerade. Der terroristische Schlag würde deshalb eben nicht „siegreich“, sondern „erfolgreich“ (und dies möglicherweise durchaus im Sinne des Waldmannschen „terroristischen Kalküls“ und der damit verbundenen Einbeziehung des eigentlichen „dritten“ Adressaten), nicht zuletzt deshalb, da ein „Sieg“ im klassischen Sinne der Unterwerfung oder Vernichtung des Gegners erstens unrealistisch scheint und dem Terror zweitens die Existenzgrundlage entziehen würde.
Zusammenfassung der Kapitel
Einleitung: Die Einleitung legt den theoretischen Rahmen fest, indem sie den Bedarf für systemtheoretische Ansätze in der Terrorismusforschung begründet und die Zielsetzung der Analyse der libanesischen Hisbollah umreißt.
1. Terrorismus mit Waldmann – exemplarisch?: Dieses Kapitel stellt Peter Waldmanns Terrorismuskonzept als repräsentativen "Mainstream"-Ansatz vor und analysiert kritisch Begriffe wie "terroristisches Kalkül" und die Organisationsstruktur von Terrorgruppen.
2. Systemtheoretische Ansätze zur Beobachtung des Terrorismus: Hier werden die Grundlagen der Systemtheorie eingeführt und der Terrorismus als mögliches Funktionssystem analysiert, das durch seine Kopplung mit Medien, Religion und Politik operiert.
3. Hisbollah - Die Partei Gottes?: Das Kapitel bietet eine historische und strukturelle empirische Analyse der Hisbollah als komplexe Organisation im libanesischen Kontext.
4. Die Partei Gottes - systemtheoretisch beobachtet: Die theoretischen Erkenntnisse aus den vorangegangenen Kapiteln werden auf die Hisbollah angewendet, um deren Entwicklung systemtheoretisch neu zu bewerten.
5. Fazit und Ausblick: Das Fazit resümiert, dass eine systemtheoretische Betrachtungsweise einen Perspektivwechsel ermöglicht, der den Terrorismus über einfache Kausalmodelle hinaus als Phänomen der funktionalen Differenzierung begreifbar macht.
Schlüsselwörter
Terrorismusforschung, Systemtheorie, Hisbollah, Peter Waldmann, Peter Fuchs, Funktionale Differenzierung, Terror, Kommunikation, Asymmetrische Kriegführung, Radikalisierung, Politische Gewalt, Organisation, Gesellschaft, Globalisierung, Massenmedien
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Bachelor-Thesis grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht die Eignung systemtheoretischer Ansätze zur Beobachtung und Analyse des transnationalen Terrorismus, insbesondere im Vergleich zu konventionellen politikwissenschaftlichen Modellen.
Welche zentralen Themenfelder behandelt die Arbeit?
Die zentralen Felder sind die Definition und Einordnung von Terrorismus, die Struktur von Terrororganisationen, die Wechselwirkung mit Funktionssystemen wie Religion und Medien sowie die empirische Analyse der Hisbollah.
Was ist die primäre Forschungsfrage?
Die Arbeit fragt, ob sich aus einer systemtheoretischen Analyse elementare Beobachtungsvorteile ergeben und wie diese zu einer präziseren Problemkonstruktion des Terrorismus beitragen können.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es wird eine theoretische Auseinandersetzung geführt, die den systemtheoretischen Ansatz (insb. nach Luhmann und Fuchs) als Analyseraster nutzt, um diesen anschließend am empirischen Beispiel der Hisbollah zu prüfen.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine kritische Auseinandersetzung mit Peter Waldmanns Konzept, die theoretische Fundierung des "System Terror" und eine anschließende empirische Fallstudie zur Organisation der Hisbollah.
Welche Schlüsselbegriffe charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind Funktionale Differenzierung, Terrorisierens-Operation, strukturelle Kopplung, das "terroristische Kalkül", der "parasitäre" Status des Terrorsystems und die Beobachtung zweiter Ordnung.
Warum dient die Hisbollah als spezielles Fallbeispiel?
Die Hisbollah ist aufgrund ihrer komplexen Hybrid-Struktur – oszillierend zwischen transnationaler Terrororganisation, nationaler Protestbewegung und politischer Partei – theoretisch schwer erfassbar und bietet daher ein ideales Testfeld für die Leistungsfähigkeit systemtheoretischer Ansätze.
Zu welcher Schlussfolgerung kommt der Autor in Bezug auf die Hisbollah?
Der Autor schlägt vor, die Hisbollah als "multiparasitäre Organisation" zu betrachten, die im Laufe ihrer Entwicklung geschickt mit den Folgeproblemen funktionaler Differenzierung innerhalb der peripheren Moderne umgeht.
- Citation du texte
- Dennis Walkenhorst (Auteur), 2009, Die „Partei Gottes“? - Möglichkeiten systemtheoretischer Beobachtung des transnationalen Terrorismus , Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/139523