William Hogarths Kupferstiche. Die Problematisierung des Alkoholkonsums


Hausarbeit, 2001
27 Seiten, Note: gut

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

1. England in Bild und Schrift: Hogarth und Lichtenberg

2. Alkoholkonsum im England des 18. Jahrhunderts
2. 1. Beer Street und Gin Lane

Fazit

Literaturverzeichnis

Einleitung

Die vorliegende Arbeit befasst sich mit ausgewählten Kupferstichen von William Hogarth (1697-1764) im Zusammenhang mit den Kommentaren von Georg Christoph Lichtenberg (1742-1799)[1], die den englischen Künstler auch in Deutschland bekannt machten. Weiterhin steht die Auswahl der Stiche in Verbindung mit der Zunahme des Alkohol-, speziell des Ginkonsums unter der englischen Bevölkerung.

Zunächst gibt das erste Kapitel einen Einblick ins 18. Jahrhundert, indem es auf die Besonderheiten des englischen Staates sowie deren Beurteilung eingeht. Es spricht den durch verschiedene Faktoren geleiteten Wandel in der Kunst an und geht über auf das Leben des in London wohnenden Künstlers Hogarth. Im Mittelpunkt stehen Eigenheiten und erzieherische Absichten des Künstlers, die sich in seinen Bildern wiederspiegeln und zu Hogarths Erfolg führten.

Abschließend berichtet das erste Kapitel über die Stadt London, die von Besuchern unterschiedlicher Jahrhunderte – unter ihnen Lichtenberg – immer wieder ähnlich wahrgenommen wurde und das den Maler Hogarth prägende Lebensumfeld bildete.

Thematik des zweiten Kapitels ist das übermäßige Alkoholtrinken verschiedener Bevölkerungsschichten Englands. Es setzt sich auseinander sowohl mit dem Kupferstich A Midnight Modern Conversation, einer Darstellung von Charles Williams um 1800 und mit den beiden Bildern Beer Street und Gin Lane, die von Hogarth im Rahmen einer Anti-Gin-Kampagne geschaffen wurden.[2]

Hierbei werden Lichtenbergs Kommentare zu den Kupferstichen berücksichtigt, da diese eine Wesensverwandschaft mit dem Künstler offenbaren. Die Genauigkeit, der Witz, die Erzählweise Lichtenbergs gleicht der Darstellungsweise Hogarths.

1. England in Bild und Schrift: Hogarth und Lichtenberg

„Als William Hogarth 1697 geboren wurde, lag einer der entscheidenden Einschnitte in der Geschichte der Neuzeit erst wenige Jahre zurück.“[3] Durch die glorreiche Revolution von 1688 kam es in England zur Vertreibung des katholischen Herrscherhauses. Aus der Revolution hervor gingen einerseits die parlamentarische Mitbestimmung des Landadels – die die königliche Willkür einschränkte - und die Redefreiheit (festgelegt in den Declaration of Rights 1689); andererseits wurde England der Weg zum Aufstieg zur ersten Handels- und Kapitalmacht der Welt eröffnet.

Kennzeichen des 18. Jahrhunderts waren die Hinwendung zu Individualität, ein neues Verhältnis zur Natur, eine ästhetische Neuorientierung; die Vernunft des Menschen wurde obenangestellt. Meinungs- und Pressefreiheit gehörten seit dem Ende des 17. Jahrhunderts zu den erlangten Rechten in England und wurden „eigentlich nur durch die Unverletzlichkeit der Würde des Königs und der guten Sitten eingeschränkt.“[4] Georg Christoph Lichtenberg – Kommentator der Hogarthschen Kupferstiche – war während seiner ersten Englandreise erstaunt über das Blatt The Wisperer, das kritische Ansichten gegen Regierung und König veröffentlichte und an denen man aber kaum Anstoß nehme.[5]

Der englische Parlamentarismus des 18. Jahrhunderts wirkte anziehend, vorbildhaft und äußerst fortschrittlich auf Staaten wie Deutschland und wurde oft überschätzt. Es entstand ein zu sehr idealisiertes Bild vom England des 18. Jahrhunderts, in dem der Mensch die Freiheit seiner Gedanken und seines Handelns besitze: „So ist England mit seinem Parlament das Land bürgerlicher Träume von Freiheit dank einer für die kontinentalen Verhältnisse fabelhaften Pressefreiheit, mit gesellschaftlicher Selbstorganisation, mit Sozialreformen, die man gerne in Deutschland sähe, mit Geschworenengerichten, in denen das Ideal der Gerechtigkeit viel eher realisiert werden könne als in Deutschland. Allerdings verblaßt dieses euphorische Bild bereits im frühen 19. Jahrhundert.“[6] Im „Diskussionsbericht: London“ von Reiner Marx heißt es, dass es sich um ein fixiertes positives Vorurteil handele, wenn Lichtenberg meinte, der Mensch würde nirgends so gewürdigt wie in England; dies widerspreche nämlich der realiter stark eingeschränkten Repräsentanz der Bevölkerung und der Freiheitsrechte des Einzelnen und ebenso der Rechtsprechung, die zum Teil unmenschliche Züge aufwies.[7] Erklären lässt sich die Überschätzung des englischen Parlamentarismus aus dem entstandenen Kontrast zum herrschenden Despotismus in Deutschland und anderen europäschen Ländern.

Individualismus und ein neues Verhältnis zur Natur gaben auch der Kunst einen anderen des Ausdruck. Besonders deutlich zeigte sich der Wandel in der Gartenkunst: Die strenge Regelhaftigkeit der Gärten wich Formen, die an der freien unberührten Natur Anklang fanden. Der formvollendete Garten mit seinen strengen Linien und kegel-, kugel- und pyramidenförmig geschnittenen Pflanzen ging über in den Landschaftsgarten, in dem sich Natur und Kunst vereinten. Regelmäßigkeit und Symmetrie wurden immer mehr verdrängt und im Jahre 1745 hatte Hogarth eine undulierende Linie auf die Farbpalette seines Selbstbildnisses gezeichnet, die er mit The Line of Beauty überschrieb. Diese Schlangenlinie zeige die reichste Abwechslung, da sie in keinem Punkt gleich ist.[8] Drei Jahrzehnte später gab Georg Christoph Lichtenberg, der Hogarths Kupferstiche kommentierte, in Londons Landschaftsgarten Kew einen Einblick. Er schrieb, der von William Chambers im Jahr 1761 erbaute Tempel der Sonne befinde sich auf einem mit Loorbeer und Taxus wild und verloren besetzten Platz.[9] Natur und Kunst ergänzten sich. In die Landschaft dieses Gartens wurden eine Reihe von griechischen Tempeln, eine römische Ruine und eine Moschee eingefügt, die der Langeweile entgegenwirken und zum Spazierengehen einladen sollten. Nichts sollte einander gleichen, die Idee der Schlangenlinie von Hogarth, Ausdruck der Abwechslung und Schönheit, findet sich hier wieder.

Die Vernunftmoral – ebenfalls ein Zeichen der Zeit – setzte Hogarth in seinen Bildern um; sie gab ihm sogar offensichtlich vielmals Anlass zur Darstellung überhaupt. „Von entscheidendem Einfluß auf das Hogarthsche Selbstverständnis waren die Schriften der sogenannten Augustäer, allen voran Addison und Steele, die in ihren Zeitschriften `Tatler` und `Spectator` so etwas wie lebenspraktische Kulturerziehung betrieben. Die Vernunftmoral der Augustäer ging von der gänzlichen Formbarkeit des Menschen durch richtige Erziehung aus, wie sie der englische Philosoph John Locke verstanden hatte.“[10]

Im Verlauf des 18. Jahrhunderts erst begann England seinen eigenen Künstlern Anerkennung zu schenken und Malerei nicht nur als eine Kunst des Auslandes zu betrachten. Für einen Künstler wie William Hogarth waren einerseits dieser Wandel der Zeit – Hinwendung zur Individualität, Besinnung auf im Inland lebende Künstler, größere bürgerliche Entfaltungsfreiheit – und andererseits sein Ehrgeiz und Geschäftssinn die Grundlage seines Erfolgs.

1697 wurde William Hogarth am nördlichen Rand von London geboren. Sein Vater Richard lehrte alte Sprachen und verfasste Schulbücher. Hogarths Vater eröffnete 1703 ein Kaffee-Haus, ging aber einige Jahre später Konkurs.

Sechs Jahre lang wurde William Hogarth bei einem Silberschmied zum Graveur ausgebildet und „lernt auf dieser niedrigsten Stufe des Graphikers Schönschrift und sorgfältiges, geduldiges Arbeiten auf der Platte.“[11] Hogarth betätigte sich nach seiner Ausbildung als Graphikhändler, Buchillustrator und wandte sich immer mehr eigenständigen Ideen und der Malerei zu. Er hatte einen ausgeprägten Geschäftssinn, den er selbst hervorhob. Sein Erfindungsreichtum äußerte sich unter anderem in der Werbung für eigene Kunstwerke durch „öffentliche Ankündigungen und bildliche Subskriptionsbilletts.“[12] Darüber hinaus war Hogarth auf eine Lücke in den Stilrichtungen aufmerksam geworden und es war sein Wunsch, sie zu füllen: die Zwischenstufe vom Erhabenen zum Grotesken. Hierbei wehrte sich Hogarth jedoch entschieden dagegen, seine Werke als Karikaturen zu bezeichnen. Dies lässt sich durch den zu dieser Zeit noch enger gefassten Begriff begründen. „Er zielte auf Zeichnungen, in denen Menschen mit sparsamsten Mitteln, kraß verformt und ähnlich zugleich, wiedergegeben waren: übertrieben in bestimmten Eigenheiten ihrer Körper- und Gesichtsbildung – und deshalb identifizierbar.“[13] Eine gewisse Ähnlichkeit mit realen Persönlichkeiten wiesen einige der Figuren auf Hogarths Kupferstich A Midnight Modern Conversation auf, doch Hogarth dementierte dies. Gerade deshalb nahm Lichtenberg an, die Personen müssten Portraitierte sein: „Man behauptet allgemein, die meisten Köpfe auf diesem Blatte seien Portraite , und ich glaube es, weil Hogarth ausdrücklich sagt, es sei nicht wahr.“[14]

In Hogarths Bildern zeigen sich äußerst genaue Beobachtungen, die sich in einer Sozialdifferenzierung niederschlagen und bis zu diesem Zeitpunkt einzigartig in der Kunst waren. Soziale Unterscheidungen werden erkennbar durch Detailtreue, „einer Demokratisierung im Gegenständlichen.“[15] Inhalt und Stil der Kunst hatten sich geändert: „Denn nun kam es in neuer Weise auf den Bezug zur eigenen Lebenswelt, auf Realismus, an. Die Lebenswirklichkeit Englands im 18. Jahrhundert wurde in solchen Bildern geschildert, kritisiert, satirisch behandelt.“[16] Die Situationen, die Hogarth in den Bildern darstellte, sind oft sehr zugespitzt wiedergegeben oder aber sie wirken übertrieben, da sie einen Gegenpart besitzen. Offenkundig wird diese Art der Gegensätze in den Kupferstichen Beer Street (die Bevölkerung ist fröhlich und wohlgenährt durch Biertrinken) und Gin Lane (der starke Alkoholkonsum richtet alle Menschen zugrunde) oder in Industry and Idleness (eine zwölfteilige Bilderfolge, in der Fleiß zu Erfolg führt, Faulheit zum Untergang).[17] Hogarths Bilder und Bilderfolgen sind Darstellungen von Sozial- und Alltagsgeschichte, in denen das Bild statt der Sprache die Aufgabe des Erzählens übernimmt. Dem Stadtbewohner Hogarth ging es um die realistische Lebenswelt, die Lebensumstände der Menschen in England, speziell London. Mit allen ihren Einzelheiten stellte er diese Verhältnisse der zumeist am sozialen Rande lebenden Bevölkerung dar. Hogarth Bilderfolgen offenbaren aber nicht nur das Elend der Menschen, sie boten auch Ansätze, die Not zu verhindern. Durch Gegenüberstellungen, z. B. in Industry and Idleness sowie Beer Street und Gin Lane werden positive und negative Lebensweisen vorgeführt.

Neben detailgetreuer Wiedergabe arbeitete Hogarth mit Symbolik. Unter den Symbolen, die nicht nur in Hogarths Bildern zu sehen sind, befand sich beispielsweise ein riesiger Rinderbraten, der die englische Freiheit verkörperte und des Engländers beliebtes Getränk, das Bier. Im Kupferstich England findet man beides auf einem Tisch vor einem Wirtshaus.[18]

[...]


[1] Georg Christoph Lichtenberg reiste zweimal nach England und hielt sich zumeist in London auf. Seine erste Reise begann Ende März 1770 und endete Ende Mai desselben Jahres. Sein zweiter Aufenthalt währte von September 1774 bis April 1775.

[2] Die Kupferstiche wurden folgendem Buch entnommen: Herwig Guratzsch (Hg.), William Hogarth. Der Kupferstich als moralische Schaubühne, Stuttgart 1987.

[3] Werner Busch (Hg.), Funkkolleg Kunst. Eine Geschichte der Kunst im Wandel ihrer Funktionen, München 1987, S. 711.

[4] Hans Ludwig Gumbert (Hg.), Georg Christoph Lichtenberg. London-Tagebuch. September 1774 bis April 1775, Hildesheim 1979, S. 14.

[5] Vgl. ebd.

[6] Gerhard Sauder, 4. Tag: LONDON. Einführendes Referat, in: Conrad Wiedemann, Rom-Paris-London. Erfahrung und Selbsterfahrung deutscher Schriftsteller und Künstler in den fremden Metropolen, Stuttgart 1988, S. 555f.

[7] Vgl. Reiner Marx, Diskussionsbericht: London, in: Wiedemann, Rom-Paris-London, S. 679.

[8] Vgl. zur Gartengestaltung: Marie Luise Gothein, Geschichte der Gartenkunst. Zweiter Band, Nachdruck 4. Aufl. 1997, S. 367ff.

[9] Vgl. Franz H. Mautner (Hg.), Lichtenberg. Schriften und Briefe. Vierter Band, Frankfurt am Main 1992, S. 177f.

[10] Busch, Funkkolleg Kunst, S. 712.

[11] Vgl. Herwig Guratzsch, William Hogarth, S. 237.

[12] Vgl. ebd., S. 12.

[13] Ebd., S. 16f.

[14] Karl Kottenkamp (Hg.), William Hogarths Zeichnungen. Nach den Originalen in Stahl gestochen. Mit der vollständigen Erklärung derselben von G. C. Lichtenberg, Stuttgart 1857, S. 109f. Über A Midnight Modern Conversation siehe Kapitel 2 dieser Arbeit.

[15] Vgl. Busch, Funkkolleg Kunst, S. 728.

[16] Michael Maurer, Geschichte Englands, Stuttgart 2000, S. 207f.

[17] Siehe Kapitel 2.

[18] In der Szene sind Soldaten und Frauen vor einem Wirtshaus dargestellt, die sich über den französischen König belustigen und ein Bild von ihm an die Wand des Wirtshauses gezeichnet haben. Lichtenberg schrieb zu diesem Kupferstich unter anderem: „Des Soldaten Degen ruht auf dem Rinderbraten, wie die Pistole des Matrosen auf dem Porterkruge, eine Andeutung, John Bull werde seine Lieblingsnahrung gegen Froschesser zu verteidigen wissen.“ Karl Kottenkamp, William Hogarths Zeichnungen, S. 419.

Ende der Leseprobe aus 27 Seiten

Details

Titel
William Hogarths Kupferstiche. Die Problematisierung des Alkoholkonsums
Hochschule
Justus-Liebig-Universität Gießen  (Historisches Institut Neuere Geschichte II)
Note
gut
Autor
Jahr
2001
Seiten
27
Katalognummer
V13953
ISBN (eBook)
9783638194723
ISBN (Buch)
9783656579847
Dateigröße
4951 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
William, Hogarths, Kupferstiche, Problematisierung, Alkoholkonsums
Arbeit zitieren
MA Angela Exel (Autor), 2001, William Hogarths Kupferstiche. Die Problematisierung des Alkoholkonsums, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/13953

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