In den vergangenen Jahrhunderten, insbesondere seit dem 18. Jahrhundert wird immer wieder darüber diskutiert, warum der Mensch religiös ist. Woher kommt diese Suche nach Religiosität? Werden wir von außen dazu angeleitet, oder kommt es von ganz allein aus unserer Natur heraus? Schon in dem Seminar "Fragen religionspädagogischer Anthropologie" beschäftigten wir uns mit diesen Fragen. Nun möchte ich mich an dieser Stelle vertiefend damit auseinandersetzen, welche Ansichten wichtige Theologen und Philosophen zu diesem Thema hatten. In diesem Essay beschränke ich mich ausschließlich auf Tertullian, J.-J. Rousseau, G. E. Lessing, F. Schleiermacher und Karl Barth. Zum Schluss werde ich jene Ansichten etwas vergleichen und in Zusammenhang mit der heutigen Zeit bringen. Außerdem werde ich stellenweise einen Bezug zum Religionsunterricht herstellen.
Inhaltsverzeichnis
1. Tertullian - Die Seele ist von Natur aus christlich
2. Rousseau - Die natürliche Religion
3. Lessing (1729-1781)
4. Schleiermacher - Die religiöse Anlage
5. Barth - Religiosität als Gottes Geschenk
Zielsetzung und Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die anthropologische Frage nach der natürlichen Religiosität des Menschen und analysiert dazu verschiedene philosophische und theologische Positionen. Ziel des Essays ist es, die unterschiedlichen Ansätze zur Entstehung von Religiösität zu beleuchten, diese kritisch miteinander in Beziehung zu setzen und ihren Bezug zur pädagogischen Praxis, insbesondere dem Religionsunterricht, herzustellen.
- Anthropologische Grundlagen der menschlichen Religiosität
- Vergleichende Analyse theologischer und philosophischer Perspektiven
- Kritische Auseinandersetzung mit den Konzepten der natürlichen und positiven Religion
- Religionspädagogische Implikationen der verschiedenen Menschenbilder
- Synthese der Ansätze von Tertullian, Rousseau, Lessing, Schleiermacher und Barth
Auszug aus dem Buch
2. Rousseau - Die natürliche Religion
Im 18. Jahrhundert befasst sich der Genfer Schriftsteller, Philosoph und Pädagoge Rousseau u.A. mit der Entwicklung von Kindern und Jugendlichen (Emilé, 1762). Er ist der Ansicht, man solle sie sich selbst und der Natur überlassen, sie weitestgehend von der Gesellschaft fernhalten. Rousseau gilt als wichtiger Wegbereiter der französischen Revolution und er hatte starken Einfluss auf die Entwicklung der Pädagogik und Politik des 19. und 20. Jahrhunderts.
Rousseau (1712-1778) unterscheidet zwischen der natürlichen (wahren) Religion und der positiven Religion. Nach ihm wird durch reine Vernunft eine natürliche Religion entwickelt. Der Mensch muss auf seine innere Stimme hören und die Natur beachten. So kann er Gott erkennen. Er lernt das Gute zu wollen, was Gott will. Und er lernt Pflichten zu erfüllen, um Gott zu gefallen (S.352).
Rousseau ist überzeugt: Wenn ein Mensch einsam auf einer Insel aufwachsen würde, er würde durch seine Vernunft erkennen, was richtig und gut ist. Er würde so zu Gott gelangen, ohne ihn selber zu kennen oder erkennen.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Tertullian - Die Seele ist von Natur aus christlich: Tertullian postuliert die Existenz einer von Natur aus christlichen Seele, die Gott bereits in sich trägt und als Anknüpfungspunkt für religiöse Traditionen dient.
2. Rousseau - Die natürliche Religion: Rousseau unterscheidet zwischen einer durch reine Vernunft erkennbaren natürlichen Religion und institutionalisierten positiven Religionen, wobei er Letztere als sekundär und überflüssig betrachtet.
3. Lessing (1729-1781): Lessing geht von einer angeborenen religiösen Anlage aus, die durch Erziehung und religiöse Traditionen als Katalysator gefördert werden kann.
4. Schleiermacher - Die religiöse Anlage: Schleiermacher betont den angeborenen Sinn für Religion, der in individueller Form durch das Anschauen des Universums zum Ausdruck kommt und nicht durch äußere Zwänge unterdrückt werden sollte.
5. Barth - Religiosität als Gottes Geschenk: Barth lehnt das Konzept einer natürlichen religiösen Anlage ab und definiert Religiosität ausschließlich als unvorhersehbares und unverdientes Geschenk Gottes.
Schlüsselwörter
Religiosität, natürliche Religion, religiöse Anlage, Anthropologie, Religionspädagogik, Offenbarung, Vernunft, Sozialisation, Tertullian, Rousseau, Lessing, Schleiermacher, Karl Barth, Erziehung, Glaube
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht, ob der Mensch von Natur aus religiös ist oder ob Religiosität erst durch äußere Einflüsse und Erziehung entsteht.
Was sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Im Zentrum stehen die Konzepte der religiösen Anlage, das Verhältnis von Vernunft und Offenbarung sowie die Bedeutung von Tradition und Sozialisation für die religiöse Entwicklung.
Was ist das primäre Ziel des Essays?
Das Ziel ist ein vertiefter Vergleich der Positionen bedeutender Theologen und Philosophen sowie deren Relevanz für den zeitgenössischen Religionsunterricht.
Welche wissenschaftliche Methode verwendet der Autor?
Der Autor nutzt die Literaturanalyse, um die Ansichten von fünf Denkern – Tertullian, Rousseau, Lessing, Schleiermacher und Barth – zusammenzustellen und vergleichend auszuwerten.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Darstellung der individuellen Menschenbilder und religiösen Konzepte der genannten fünf Denker.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wesentliche Begriffe sind Religiosität, natürliche Religion, religiöse Anlage, Anthropologie, Religionspädagogik und Sozialisation.
Warum lehnt Rousseau die Offenbarung Gottes ab?
Rousseau betrachtet die Offenbarung als unbeweisbar und zweifelhaft; er argumentiert, dass Gott nicht eine Form wählen würde, die nicht allen Menschen gleichermaßen zugänglich ist.
Wie unterscheidet sich Barths Position von der Schleiermachers?
Während Schleiermacher von einer angeborenen religiösen Anlage ausgeht, verneint Barth diese vollständig und sieht Religiosität als reines, von Gott initiiertes Geschenk.
Welche Bedeutung misst der Autor der pädagogischen Freiheit bei?
Im Fazit betont der Autor die Bedeutung der individuellen Freiheit, da jeder Mensch gemäß seinem eigenen Verständnis und Empfinden leben sollte, um mit sich und seiner Umwelt im Einklang zu stehen.
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- Yvonne Finken (Author), 2009, Religiöse Anlage, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/139660