In der folgenden Arbeit soll der Frage nachgegangen werden, ob der von den Faschisten unternommene Versuch, das Vorrecht auf Auslegung des geistigen Erbes Nietzsches zu besitzen, gerechtfertigt ist. Diese Frage erhält ihre besondere Relevanz dadurch, dass die aus der faschistischen bzw. nationalsozialistischen Bewegung heraus erfolgten Verbrechen gegen die Menschlichkeit auch auf die geistigen Urheber dieser Ideologien zurückfallen. Es gilt also zu untersuchen, inwieweit sich Gemeinsamkeiten in den philosophischen Werken Nietzsches und dem politischen System im Deutschland des Dritten Reichs feststellen lassen. Zwar steht ob der zeitlichen Reihenfolge der Ereignisse von vornherein fest, dass der Versuch, eine ideologische Verbindung zwischen den zwei Parteien, also der philosophischen Sphäre des Friedrich Nietzsche und dem politischen Bereich der diktatorischen Regime des beginnenden 20. Jahrhunderts in Italien und Deutschland zu ziehen nur von letzteren ausgegangen sein kann. Trotzdem würde bei dem ungeheueren Ausmaß der von diesen Bewegungen zu verantwortenden Verbrechen selbst der Vorwurf der geistigen Urheberschaft schwer wiegen.
Inhaltsverzeichnis
1 NIETZSCHES FASCHISTISCHE BEWUNDERER
2 LITERATURBERICHT
3 DIE NATIONALSOZIALISTISCHE IDEOLOGIE
3.1 DAS MENSCHENBILD DER NATIONALSOZIALISTEN
3.2 DER NS-STAAT
4 NIETZSCHES POLITISCHE THESEN
4.1 GRUNDPRINZIPIEN
4.2 DER ÜBERMENSCH
4.3 DER ZUCHT- UND RASSENGEDANKE
4.4 NIETZSCHE UND DAS JUDENTUM
4.5 DER KASTENSTAAT
5 NIETZSCHE UND NATIONALSOZIALISMUS – VERGLEICH ZWEIER GESELLSCHAFTSSYSTEME
5.1 ÜBEREINSTIMMUNG ODER DIFFERENZ
5.2 MENSCHENBILDER IM VERGLEICH
5.3 DER NS-STAAT UND DAS KASTENWESEN
5.4 NIETZSCHES VERHÄLTNIS ZU DEN VORLÄUFERN DER NS- IDEOLOGIE
6 POLITISCHE RADIKALITÄT ALS FOLGE NIETZSCHES HASSES AUF DAS CHRISTENTUM
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht kritisch den von faschistischen Ideologen unternommenen Versuch, Friedrich Nietzsche als geistigen Urheber ihrer Ideologie und Verbrechen zu instrumentalisieren. Dabei wird die Forschungsfrage verfolgt, ob eine solche ideologische Verbindung wissenschaftlich legitimierbar ist, indem die philosophischen Thesen Nietzsches den realpolitischen Grundgerüsten des Nationalsozialismus gegenübergestellt werden.
- Analyse der nationalsozialistischen Ideologie und deren Menschenbild
- Untersuchung der politischen Thesen Nietzsches (Übermensch, Kastenstaat)
- Vergleichende Gegenüberstellung beider Gesellschaftssysteme
- Bewertung des Einflusses von Nietzsches Kirchenkritik auf seine Radikalität
- Reflexion über die Möglichkeiten der Missbrauchspotentiale philosophischer Schriften
Auszug aus dem Buch
3.1 Das Menschenbild der Nationalsozialisten
Betrachtet man das hinter dem nationalsozialistischen deutschen Staat der späten 1920er bis zur Mitte der 1930er Jahre stehende ideologische Grundgerüst, so fallen einem die vielen und zum Teil widersprüchlichen Konzepte auf. Um trotzdem ein charakteristisches und repräsentatives Bild dieser politisch radikalen Bewegung zu erhalten, sollen in dieser Arbeit die Aspekte des Systems akzentuiert werden, welche sich auf eine möglichst breite Basis berufen können.
Während die Positionen der nationalsozialistischen Chefideologen besonders in den Fragen der Wirtschaftspolitik sehr stark differierten, herrschte bei den das Menschenbild betreffenden Vorstellungen weitgehende Einigkeit. Zu nennen wäre hier vor allem der ausgeprägte Antisemitismus, welcher Teil eines größeren Programms zur aktiven Umgestaltung der Gesellschaft unter dem Gesichtspunkt rassentheoretischer Überlegungen war. Ziel dieses Programms war es, „[…] einen neuen Typus Mensch zu erschaffen […].“
Das offizielle Parteiprogramm der NSDAP vom 24. Februar 1920 kann hierbei als eher zurückhaltend bezeichnet werden. So lautet Programmpunkt 4: „Staatsbürger kann nur sein, wer Volksgenosse ist. Volksgenosse kann nur sein, wer deutschen Blutes ist, ohne Rücksichtnahme auf Konfession. Kein Jude kann daher Volksgenosse sein.“
Die zwei Fragen, die sich in der Folge stellen sind, wie dieser Idealtyp von „Volksgenosse“ aussehen sollte, bzw. wie man sich dessen Realisierung vorstellte. Nach Konrad Studentkowski wurde dazu bei der Kindererziehung vor allem auf die Anerziehung der drei Ideale Kulturwille, Staatswille und Wehrwille gedrängt. Das Ziel lag dabei in der Formung der zukünftigen politischen Führer Deutschlands zu körperlicher Stärke und Gehorsamkeit. Das Mittel wähnte man in militärischem Drill gefunden zu haben, bei dem ein Hinterfragen oder gar Kritik unerwünscht war.
Zusammenfassung der Kapitel
1 NIETZSCHES FASCHISTISCHE BEWUNDERER: Einleitung in die Rezeption Nietzsches durch den Faschismus und Fragestellung der Arbeit bezüglich der geistigen Urheberschaft.
2 LITERATURBERICHT: Darstellung der verwendeten Primär- und Sekundärliteratur, die der Analyse des Verhältnisses von Nietzsche zum Nationalsozialismus zugrunde liegt.
3 DIE NATIONALSOZIALISTISCHE IDEOLOGIE: Untersuchung des ideologischen Grundgerüsts der Nazis, insbesondere des Rassebegriffs und der Staatskonzeption.
4 NIETZSCHES POLITISCHE THESEN: Analyse zentraler Nietzsche-Konzepte wie dem Übermenschen, dem Rassengedanken und der Idee eines Kastenstaates.
5 NIETZSCHE UND NATIONALSOZIALISMUS – VERGLEICH ZWEIER GESELLSCHAFTSSYSTEME: Direkter Vergleich der Konzeptionen, wobei Gemeinsamkeiten und fundamentale Unterschiede kritisch beleuchtet werden.
6 POLITISCHE RADIKALITÄT ALS FOLGE NIETZSCHES HASSES AUF DAS CHRISTENTUM: Erörterung der Ursprünge von Nietzsches Radikalität in seinem Bruch mit dem Christentum und dem daraus resultierenden Missbrauchspotential.
Schlüsselwörter
Friedrich Nietzsche, Nationalsozialismus, Faschismus, Ideologie, Übermensch, Kastenstaat, Antisemitismus, Rassenlehre, Sozialdarwinismus, Politische Philosophie, Ideengeschichte, Instrumentalisierung, Dritter Reich, Christentumskritik
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit beschäftigt sich mit der kritischen Prüfung, ob Friedrich Nietzsche als geistiger Vorläufer oder Urheber des Nationalsozialismus betrachtet werden kann.
Welche zentralen Themenfelder werden bearbeitet?
Im Zentrum stehen die Ideologie des Nationalsozialismus, die politischen Konzepte Nietzsches und deren Vergleich hinsichtlich Gesellschaftsstruktur und Menschenbild.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist die Klärung, inwieweit die Instrumentalisierung Nietzsches durch das NS-Regime wissenschaftlich haltbar ist oder auf einer bewussten Fehlinterpretation beruht.
Welche wissenschaftliche Methode kommt zum Einsatz?
Es wird eine komparative Analyse durchgeführt, bei der die Schriften Nietzsches den ideologischen Programmatiken des Nationalsozialismus gegenübergestellt werden.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine detaillierte Analyse der NS-Ideologie, der nietzscheanischen Konzepte sowie einen abschließenden Vergleich beider Ansätze.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Untersuchung?
Wichtige Begriffe sind insbesondere der Übermensch, der Kastenstaat, Rassenideologie, Instrumentalisierung und Nietzsches Verhältnis zum Christentum.
Wie unterscheidet sich Nietzsches Kastenstaat vom totalitären NS-Staat?
Während Nietzsche einen experimentellen Charakter betont und eine starre, natürliche Hierarchie propagiert, verfolgten die Nationalsozialisten eine konkrete, gesetzlich institutionalisierte Parteidiktatur mit totaler Instrumentalisierung.
Warum lehnt der Autor die geistige Verantwortung Nietzsches für den Nationalsozialismus ab?
Der Autor argumentiert, dass Nietzsche sich ausdrücklich von den frühen Formen des Antisemitismus distanzierte und seine Schriften erst durch selektive und unvollständige Wiedergabe für NS-Zwecke missbraucht werden konnten.
- Citation du texte
- Johannes Stockerl (Auteur), 2009, Nietzsche und der Nationalsozialismus, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/139676