Ein analytischer Vergleich von Würzburgs Herzmaere mit Boccaccios erster und
neunter Kurzgeschichte aus Dekameron zeigt, dass sich das Motiv des gegessenen
Herzens zentral mit dem Minnekult befasst und nicht das klassische Rachemotiv
verkörpert. Die wahrhaftige, hohe Minne kann nicht im diesseitigen Leben, sondern
erst durch den Bund mit dem Tod erreicht und „gelebt“ werden. Die hohe Minne des
Herzmaere-Motivs verkörpert generell allerdings weniger eine Polit- oder
Kirchenkritik, als eine Normkritik an der damaligen Feudalgesellschaft.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Analyse zentraler Prinzipien & Motive
3. Fürst Tancredi (1. Geschichte) – Herzmaere
4. Rossiglione & Guardastagno (9. Geschichte) – Herzmaere
5. Zusammenfassung und abschliessende Bemerkungen
Zielsetzung & Themen
Diese Arbeit analysiert das literarische Motiv des gegessenen Herzens durch einen Vergleich von Konrad von Würzburgs Herzmaere mit zwei Erzählungen aus Giovanni di Boccaccios Dekameron. Ziel ist es, die unterschiedlichen Konzeptionen von Minne, Schuld, Treue und Tod sowie deren Bedeutung im Spannungsverhältnis zwischen individuellen Bedürfnissen und gesellschaftlichen Normen aufzuzeigen.
- Vergleichende Untersuchung der Motivik des gegessenen Herzens
- Analyse des Wandels und der Idealkonzeption des Minnebegriffs
- Untersuchung von Treue und Schuldzuschreibungen in den Dreierkonstellationen
- Reflexion über die Rolle des Todes als Erlösungsmotiv
- Kontrastierung von auktorialer Poetik und anonymen Erzählstrukturen
Auszug aus dem Buch
3. Fürst Tancredi (1. Geschichte) – Herzmaere
Boccaccios erste Geschichte des vierten Tages handelt vom Fürsten Tancredi von Salerno, seiner Tochter Ghismonda und deren Geliebten Guiscardo, des Fürsten Diener. Fürst Tancredi, der seine Tochter, die nach kurzer Ehe als Witwe zu ihm zurückkehrte, so zärtlich liebte „wie nur je ein Vater seine Tochter geliebt hat (S. 350)“, war nur sehr wenig daran gelegen, seine Tochter wieder zu vermählen.
Ausserstande den Kräften der Jugend und Weiblichkeit zu widerstehen, entbrannte Ghismonda aber in aller Stille für Guiscardo, „ein Mann von gar niedriger Geburt, aber durch Trefflichkeit und Betragen edler als jeder andere (S. 351)“. In einer vergessenen Höhle trafen sich die beiden häufig und verbrachten ihre Zweisamkeit „in eitel Lust und Wonne (S. 352)“. Aber das Geschick missgönnte den beiden Liebenden ihr Glück und so geschah es, dass Tancredi unverhofft Zeuge der heimlichen Liebe wurde. Daraufhin wurde Guiscardo ergriffen, erdrosselt und sein Herz in einer goldenen Schale Ghismonda überbracht. In ihrem hohen Sinn die drohende Schwäche überwindend und mit wunderbarer Kraft die Ruhe ihres Antlitzes bewahrend, goss Ghismonda ein Krüglein mit Gift in die Schale, „wo das Herz gebadet lag in der Flut ihrer Tränen, setzte die Schale furchtlos an den Mund und trank sie leer (S. 361)“. „Tancredi liess sie nach vielen Klagen und in später Reue über seine Grausamkeit unter der allgemeinen Trauer von ganz Salerno beide in ein und demselben Grabe ehrenvoll begraben (S. 361)“.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Dieses Kapitel führt in den historischen Kontext des Autors Konrad von Würzburg ein und legt die methodische Vorgehensweise des Vergleichs mit Boccaccios Texten dar.
2. Analyse zentraler Prinzipien & Motive: Es werden die theoretischen Grundlagen zu den zentralen Motiven Herz, Minne, Treue, Schuld und Tod erarbeitet, die als Analyseinstrumente für die untersuchten Werke dienen.
3. Fürst Tancredi (1. Geschichte) – Herzmaere: Das Kapitel untersucht Boccaccios Fürst Tancredi im Vergleich zur Herzmaere, wobei insbesondere die Unterschiede in der Vater-Tochter-Konstellation und der Bedeutung der Herzübergabe herausgearbeitet werden.
4. Rossiglione & Guardastagno (9. Geschichte) – Herzmaere: Hier liegt der Fokus auf der Männerfreundschaft und der kritischen Auseinandersetzung mit den ritterlichen Idealen, kontrastiert mit den Mustern der Herzmaere.
5. Zusammenfassung und abschliessende Bemerkungen: Die Arbeit schließt mit einer Synthese der Ergebnisse, wobei die unterschiedlichen Rollen von Minne, Schuld und Tod in den Werken gegenübergestellt werden.
Schlüsselwörter
Herzmaere, Konrad von Würzburg, Giovanni di Boccaccio, Minne, Herz-Motiv, Treue, Schuld, Tod, Dekameron, Feudalgesellschaft, Literaturvergleich, Mittelalterliche Literatur, Liebeskonzeption, Normenkritik, Idealkonzeption.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit befasst sich mit dem literarischen Motiv des gegessenen Herzens und vergleicht dessen Darstellung in Konrad von Würzburgs Herzmaere mit zwei Erzählungen aus Boccaccios Dekameron.
Was sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Die zentralen Themen sind die literarische Gestaltung von Minne, Treue, Schuld und Tod sowie deren Funktion im Kontext ritterlicher Normen und gesellschaftlicher Werte.
Was ist das primäre Ziel der Forschungsarbeit?
Ziel ist die Identifikation der Unterschiede und Gemeinsamkeiten bei der Verwendung dieser Motive und die Analyse, wie die Autoren damit individuelle oder gesellschaftliche Normkonflikte thematisieren.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Autoren nutzen eine analytische vergleichende Methode, basierend auf einer vorangehenden Definition der zentralen Begriffe und Motive im theoretischen Rahmen.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine theoretische Motiv-Analyse sowie zwei spezifische Textvergleiche: Fürst Tancredi und Rossiglione & Guardastagno im Abgleich mit der Herzmaere.
Welche Schlüsselbegriffe charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind Minnekult, Rachemotiv, Auktorialität, Selbstreflexion, Ehebruch und die metaphysische Bedeutung des Herzens als Lebenszentrum.
Wie unterscheidet sich die Darstellung des Todes in den Werken?
Während der Tod bei Konrad von Würzburg oft als Erlösung und Märtyrertod inszeniert wird, tritt er bei Boccaccio häufiger als direkte Folge von Mord oder klassischem Selbstmord auf.
Welche Rolle spielt das Motiv des "gegessenen Herzens" für die Autoren?
Das Motiv dient als inhaltlicher Ankerpunkt, der den Minnekult ins Zentrum rückt, wobei die Autoren dieses "Themenmonopol" durch jeweils eigene, unterschiedliche Liebeskonzepte variieren.
Wie bewerten die Autoren die moralische Schuld der Figuren?
Die Arbeit differenziert zwischen juristischer und moralischer Schuld und untersucht dabei insbesondere Prozesse der Selbstreflexion und die Frage nach dem Verrat an bestehenden Gesellschaftsnormen.
- Citation du texte
- Michael Eugster (Auteur), Roberto Vitale (Auteur), 2006, Konrad von Würzburgs "Herzmaere" oder "Der Mythos vom vergessenen Herzen", Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/139693