Die Verknüpfung der verschiedenen Lernbereiche des Deutschunterrichts im Sinne eines integrativen Deutschunterrichts verlangt, dass auch der Bereich ‚Reflexion über Sprache’ und damit der Grammatikunterricht mit den Feldern ‚Sprechen und Zuhören’, ‚Schreiben’ und ‚Lesen – Umgang mit Texten und Medien’ in gegenseitig erhellender Weise unterrichtet wird. In dieser Arbeit soll die Integration der Lernbereiche ‚Reflexion über Sprache’ und ‚Umgang mit Texten’ im Vordergrund stehen. Die Fragen, inwiefern grammatikalische Kompetenz das Textverständnis unterstützen kann und wie dieser Verstehensprozess im Unterricht angeleitet werden kann, sind dabei von besonderem Interesse.
Grammatik und Textverstehen – dieser Zusammenhang soll in dieser Arbeit an der lyrischen Textgattung nachvollzogen werden. Warum eignen sich lyrische Texte besonders gut für die wechselseitige Erarbeitung von Textinterpretation und grammatikalischen Phänomenen? Dieser Frage soll in Kapitel vier nachgegangen werden.
Als grammatikalisches Phänomen, um die Integration von Grammatik und Textverständnis an einem Beispiel deutlich zu machen, fiel die Wahl auf das Feld der Wortbildung. Die Wortbildungslehre des Deutschen ist ein sehr komplexes Thema und kann nur in ihren Grundzügen und unterrichtsrelevanten Merkmalen dargestellt werden.
Im Anschluss an die Ausführungen zur Wortbildung des Deutschen folgt eine Reihe von Gedichtbeispielen der modernen Poesie, die im Hinblick auf ihren speziellen Umgang mit der Wortbildung hin ausgewählt wurden. Hinsichtlich einer exemplarischen Unterrichtsplanung wurden vier Gedichte ausgesucht, die einer gemeinsamen ‚Epoche’ zugeordnet werden können, um eine deutliche Kohärenz in der Unterrichtssequenz herzustellen. Die Gedichte Tischrede von Martin Auer, Der Rand der Wörter von Peter Handke, Fall ins Wort von Erich Fried und Geschnürter Wind von Franz Mon werden vorgestellt und auf ihren spezifischen Wortbildungscharakter hin analysiert.
Anschließend wird versucht, einen integrativen Unterrichtsentwurf mit dem Titel „Wortbildung und moderne Poesie“ für eine fiktive 10. Klasse zu umreißen, wobei besonders die Lernziele und die methodische Ausgestaltung von Interesse sind.
Insgesamt gilt es dabei aufzuzeigen, dass die Rezeption der Gedichttexte zur grammatikalischen Reflexion über Wortbildungsphänomene anregen kann, ebenso wie die gewonnenen Kenntnisse über die Wortbildung zur Interpretation der Gedichte dienen können.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Die Idee des integrativen Deutschunterrichts
3. Integrativer Grammatikunterricht /Grammatik und Textverstehen
4. Grammatik und Lyrikunterricht
5. Zur Wortbildung im Deutschen
5.1 ‚Was ist Wortbildung?’
5.2 Wortbildungseinheiten
5.3 Wortbildungsverfahren
5.4 Wortbildungsbedeutung
5.5 Wortbildung und Textlinguistik
6. Wortbildung in der Lyrik – Beispiele
6.1 Martin Auer – Tischrede
6.2 Peter Handke – Der Rand der Wörter
6.3 Erich Fried – Fall ins Wort
6.4 Franz Mon – Geschnürter Wind
7. Integrativer Unterrichtsentwurf „Wortbildung und moderne Poesie“ für eine 10. Klasse
7.1 Lernziele
7.2 Sequenzplanung
7.3 Methodische Vorschläge und Erläuterungen
8. Fazit
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit verfolgt das Ziel, das Potenzial eines integrativen Grammatikunterrichts aufzuzeigen, indem sie die Lernbereiche "Reflexion über Sprache" und "Umgang mit Texten" an lyrischen Beispielen verknüpft. Im Zentrum steht die Untersuchung, wie grammatikalische Kompetenz das Textverständnis, insbesondere im Bereich der Wortbildung, unterstützen und durch unterrichtspraktische Konzepte gefördert werden kann.
- Grundlagen des integrativen Deutschunterrichts und des Grammatikunterrichts
- Theoretische Einführung in die Wortbildungslehre des Deutschen
- Analyse moderner Lyrik hinsichtlich spezifischer Wortbildungsphänomene
- Entwicklung eines integrativen Unterrichtsentwurfs für die Sekundarstufe I
- Methodische Gestaltung eines handlungs- und produktionsorientierten Literaturunterrichts
Auszug aus dem Buch
6.1 Martin Auer – Tischrede
Martin Auers Gedicht Tischrede, veröffentlicht 1986, beschäftigt sich auf ganz offensichtliche Weise mit den Phänomenen der Wortbildung und Wortbedeutung. Es macht das Wort ‚Tisch’ zu seinem Gegenstand, zu seinem Dreh- und Angelpunkt. Appellativ wird der Leser gefragt „Hast du schon einmal über einen TISCH nachgedacht? Zum Beispiel, was den TISCH denn zum TISCH gerade macht?“ und wird damit zu eben dieser Überlegung angehalten. Eine Reflexion darüber, was den Tisch zum Tisch macht, woher die Dinge also ihren Namen haben oder anders gefragt, was eigentlich hinter einem Wort steckt, wird angeregt.
In zweiter Hinsicht wird die Tischrede instrumentell für eine Einführung in die Möglichkeiten der deutschen Wortbildung. „TISCHIG, [...] TISCHARTIG, TISCHHAFT“ – Adjektive, gebildet aus dem Lexem ‚Tisch’ und verschiedenen Wortbildungssuffixen, die den grammatischen Regeln der Wortbildung nicht widersprechen und doch völlig unsinnig wirken, weil sie in den gängigen Wortschatz des Deutschen nicht gehören. Ebenso verhält es sich mit den Verb-Neubildungen ‚VERTISCHT’ und ‚GETISCHT’ oder den Substantiven ‚TISCHHEIT’ und ‚TISCHKRAFT’. Exemplarisch werden hier die Komposition eines Substantivs sowie verschiedene Derivations-Produkte vorgestellt, die allesamt bedeutungsleer sind. Auer spielt mit den Möglichkeiten der wortbildungsfreudigen deutschen Sprache. Ein ironischer Seitenhieb auf allzu gewagte Wortneubildungen bleibt dabei nicht verborgen.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Arbeit führt in den integrativen Grammatikunterricht ein und stellt die Verknüpfung von Wortbildung und Lyrikverständnis als zentrales Forschungsthema dar.
2. Die Idee des integrativen Deutschunterrichts: Dieses Kapitel erläutert die didaktische Notwendigkeit, verschiedene Lernbereiche des Deutschunterrichts wie Sprachreflexion und Textarbeit miteinander zu verzahnen.
3. Integrativer Grammatikunterricht /Grammatik und Textverstehen: Es wird die Abkehr vom traditionellen, isolierten Grammatikunterricht hin zu funktionalen Konzepten begründet, die Sprache im kommunikativen Kontext betrachtet.
4. Grammatik und Lyrikunterricht: Dieses Kapitel argumentiert, warum lyrische Texte aufgrund ihrer Prägnanz und Sprachspielereien besonders gut für sprachreflektorische Anlässe geeignet sind.
5. Zur Wortbildung im Deutschen: Es erfolgt eine theoretische Darstellung der Wortbildungslehre, inklusive Definitionen von Einheiten und Verfahren wie Komposition, Derivation und Konversion.
6. Wortbildung in der Lyrik – Beispiele: Anhand von vier Gedichten von Auer, Handke, Fried und Mon werden theoretische Wortbildungsaspekte praktisch exemplifiziert und interpretiert.
7. Integrativer Unterrichtsentwurf „Wortbildung und moderne Poesie“ für eine 10. Klasse: Dieses Kapitel bietet eine konkrete Unterrichtsplanung inklusive Lernzielen und methodischen Anleitungen für die praktische Umsetzung.
8. Fazit: Die Ergebnisse werden zusammengefasst und die Bedeutung der Integration von Grammatik und Lyrik als notwendiger Baustein für das Textverständnis bestätigt.
Schlüsselwörter
Integrativer Deutschunterricht, Grammatikunterricht, Wortbildung, Lyrik, Sprachreflexion, Textverstehen, Komposition, Derivation, Konversion, Martin Auer, Peter Handke, Erich Fried, Franz Mon, Unterrichtsentwurf, Wortbildungsbedeutung
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht das Konzept des integrativen Deutschunterrichts und zeigt auf, wie durch die Verknüpfung von Grammatikunterricht und Lyrik das Textverständnis der Schülerinnen und Schüler vertieft werden kann.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Im Zentrum stehen die theoretischen Grundlagen der Wortbildung, die Analyse lyrischer Texte unter grammatikalischen Aspekten und deren methodische Umsetzung im Unterricht.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Das Ziel ist es, nachzuweisen, dass eine gezielte Beschäftigung mit Wortbildungsphänomenen in modernen Gedichten die Rezeption und Interpretation dieser Texte erleichtert und Schüler für Sprache als Material sensibilisiert.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Autorin kombiniert eine theoretische Aufarbeitung didaktischer Konzepte mit der Analyse ausgewählter lyrischer Beispiele und der Entwicklung einer exemplarischen Unterrichtssequenz.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Neben einer ausführlichen Darstellung der Wortbildungslehre des Deutschen bietet der Hauptteil konkrete Interpretationen von Gedichten von Martin Auer, Peter Handke, Erich Fried und Franz Mon.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Schlüsselbegriffe sind Integrativer Deutschunterricht, Wortbildung, Lyrik, Sprachreflexion und Textverstehen.
Wie trägt die Wortbildung zum Verständnis von Lyrik bei?
Indem Lyrik die Regeln der Wortbildung spielerisch nutzt oder bricht, zwingt sie den Leser, die Sprachform bewusst zu reflektieren, was wiederum das tiefere Textverständnis fördert.
Warum spielt die methodische Gestaltung im Entwurf eine so große Rolle?
Da Grammatik- und Lyrikunterricht bei Schülern oft als trocken wahrgenommen werden, setzt die Arbeit auf handlungs- und produktionsorientierte Methoden, um die Motivation zu steigern.
- Citation du texte
- Master of Education Jenny Camen (Auteur), 2009, Grammatik und Lyrikverstehen, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/139737