Diese Verschriftlichung meines Beitrags zu einem Gruppenreferat bietet eine Darstellung der gesellschaftlichen Umstände im Kurhessen des 19. Jahrhunderts und einen Überblick über die Motive für Kindsmorde und soziale Hintergründe der Täterinnen sowie die Prozesse gegen sie.
Inhaltsverzeichnis
1. Das Kurfürstentum Hessen 19. Jahrhundert
2. Rechtsgeschichte der Strafen für Kindsmord in Kurhessen
3. Zur Aktenlage
4. Persönliche Hintergründe der der Kindsmörderinnen
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die sozioökonomischen und rechtlichen Rahmenbedingungen, die im 19. Jahrhundert in Kurhessen, insbesondere in Marburg, zu einer Häufung von Kindsmorden durch ledige Dienstmägde führten.
- Wirtschaftliche Notlage und Armut im Kurfürstentum Hessen
- Auswirkungen der restriktiven Heirats- und Verehelichungsbeschränkungen
- Rechtsgeschichtliche Entwicklung der Strafverfolgung von Kindsmord
- Psychologische Aspekte der Verdrängung einer Schwangerschaft
- Die prekäre soziale Lebenswelt lediger Dienstmägde
Auszug aus dem Buch
Persönliche Hintergründe der der Kindsmörderinnen
Aufzuzeigen ist, dass die Täterinnen allesamt ledig und als Dienstmägde tätig waren und ebenso wie die Kindsväter fast ausschließlich aus der sozialen Unterschicht stammten und daher auch vermögens- und mittellos waren. Elementarbildung war zu einem großen Teile nicht gegeben. Viele konnten bei der Unterzeichnung ihres Gerichtsurteils nicht einmal ihren Namen schreiben und unterzeichneten damit mit 3 Kreuzen. In einigen Akten wurde deutlich, daß die Täterinnen, das in mit juristischen Fachbegriffen bestücktem Hochdeutsch vorgetragene Urteil nicht verstanden. So fragte eine Angeklagte nach Verkündigung ihres Todesurteils, welches sie vollkommen gleichgültig angehört hatte, ob das Urteil denn nun bald gesprochen werde, damit sie zu ihrem ersten noch lebenden Kind heim könne.
Die Frauen ließen sich zum Beischlaf meist eher überreden, hatten die Hoffnung, daß sie den zukünftigen Kindsvater heiraten würden oder, was in dieser Zeit an der Tagesordnung war, nach Amerika auswandern würden, wo die Gesetzgebung lockerer war, oder sie wurden teilweise sogar zum Beischlaf gezwungen!
Zusammenfassung der Kapitel
1. Das Kurfürstentum Hessen 19. Jahrhundert: Dieses Kapitel skizziert die ökonomische und soziale Notlage in Hessen, das als "Armenhaus Deutschlands" galt, und deren Auswirkungen auf die Bevölkerung.
2. Rechtsgeschichte der Strafen für Kindsmord in Kurhessen: Hier wird der Wandel der Bestrafung von Kindsmord von der drakonischen Todesstrafe hin zu Zuchthausaufenthalten im 19. Jahrhundert nachgezeichnet.
3. Zur Aktenlage: Dieser Abschnitt beschreibt die Quellenbasis im Staatsarchiv Marburg und die Problematik der "geglätteten" Kanzleisprache in den Prozessakten.
4. Persönliche Hintergründe der der Kindsmörderinnen: Das Kapitel analysiert die prekäre soziale Situation der Täterinnen, ihre Isolation, die Rolle der Kindsväter und die psychologische Dynamik der Verdrängung der Schwangerschaft.
Schlüsselwörter
Kindsmord, Kurhessen, 19. Jahrhundert, Marburg, Dienstmägde, soziale Unterschicht, uneheliche Schwangerschaft, Verelendung, Verehelichungsbeschränkungen, Rechtsgeschichte, Kriminalität, Armut, Verdrängung, soziale Ausgrenzung, Frauenleben.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert die sozioökonomischen Bedingungen und die rechtliche Situation, die im 19. Jahrhundert in Kurhessen zu zahlreichen Fällen von Kindsmord durch ledige Dienstmägde führten.
Welche zentralen Themenfelder werden behandelt?
Die Schwerpunkte liegen auf der Armut im Kurfürstentum Hessen, der sozialen Ausgrenzung lediger Mütter, der staatlichen Repression und der Entwicklung des Strafrechts bezüglich Kindsmord.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Ziel ist es, die Beweggründe der betroffenen Frauen sowie die gesellschaftlichen Zwänge aufzuzeigen, die Kindsmord in dieser historischen Epoche für einige Frauen als letzten Ausweg erscheinen ließen.
Welche Methode wird verwendet?
Die Untersuchung basiert auf einer historischen Analyse, die primär Aktenbestände aus dem Staatsarchiv Marburg sowie zeitgenössische historische Sekundärliteratur auswertet.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Darstellung der wirtschaftlichen Verhältnisse, die rechtsgeschichtliche Entwicklung der Kindsmord-Strafen und eine detaillierte Auswertung der persönlichen Hintergründe der Täterinnen.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wesentliche Begriffe sind Kindsmord, Kurhessen, soziale Unterschicht, Dienstmägde, Verelendung, Rechtsgeschichte, Armut und soziale Ausgrenzung.
Warum leugneten die Frauen ihre Schwangerschaft oft so beharrlich?
Die Leugnung war eine psychologische Verdrängungsstrategie, um der extremen sozialen Stigmatisierung, dem Verlust der Arbeitsstelle und der damit verbundenen Existenzvernichtung zu entgehen.
Welche Rolle spielte das "Armenhaus Deutschlands" bei der Tatmotivation?
Die wirtschaftliche Notlage in Kurhessen ließ ein Kind als zusätzlichen "Esser" und existentielle Bedrohung erscheinen, da soziale Sicherungssysteme für bedürftige Mütter praktisch nicht existierten.
- Citation du texte
- Steffen Gansmann (Auteur), 2009, Kindsmörderinnen in Marburg im 19. Jahrhundert, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/139757