Im Jahre 363 tanzten die Bürger der Stadt Antiocheia auf den Straßen. So jedenfalls berichtet es der Gelehrte Libanios. Der Anlass war derweil kein Steuererlass oder Kriegserfolg, es war eigentlich ein trauriger. Ein Mensch war gestorben.
Dieser Mensch, der sich Alleinherrscher über das römische Imperium nennen durfte, spaltete das römische Volk wie vor ihm nur wenige. Während seine Gegner feierten, gab es eine ebenfalls große Zahl von trauernden Anhängern. Flavius Claudius Julianus war nur knapp zwei Jahre allein an der Macht. Trotzdem sollen sich die Untersuchungen hier nicht auf die Zeit zwischen 361 und 363 beschränken. Anhand der Leitfrage, die behandeln soll, wie es dazu kam, dass ein Kaiser eine völlig andere Religionsauffassung als seine unmittelbaren Vorgänger auslebte und wie sich dies auf seine Politik auswirkte, wird klar, dass der Untersuchungszeitraum den Beginn und die Mitte des 4. Jh. nach Christi Geburt einschließt.
Es soll hier also in erster Linie um die Religionspolitik, aber auch den generellen Stellenwert des Götterglaubens zur Zeit des Kaisers Julian gehen, dessen posthum verliehener Beiname „Apostata“, also „der Abtrünnige“ bereits neugierig macht.
Die Quellenlage ist in diesem Fall ausnahmsweise als gut einzuschätzen, da Schriften, zahlreiche Briefe des Kaisers und auszuwertende Materialien seiner Mitmenschen vorliegen.
Um Julian zu charakterisieren werde ich auch seine Satire „Misopógon“ untersuchen.
Im Bereich der Forschung sind vor allem die Namen Klaus Bringmann und Marion Giebel zu nennen. Letztere hat in ihrer Publikation „Kaiser Julian Apostata - Die Wiederkehr der alten Götter“ sehr genau die Kindheit des Herrschers beleuchtet und bedient sich dabei einer sehr menschlichen Vorgehensweise, welche gut nachzuvollziehen ist. Ein anderer Autor ist Benoist-Méchin. Er verfasste eine sehr umfassende romanartige Biographie des Kaisers.
Wie bereits erwähnt, werde ich im Gliederungspunkt I kurz auf die Kaiser des 4. Jh. eingehen und Julians Entwicklung darstellen. Darauffolgend möchte ich im Teil II Julians politisches Vorgehen bewerten und abschließend in Punkt III einen kleinen Modellversuch wagen, indem ich spekulieren will, wie es hätte kommen können, wenn Julian nicht von einem Reiterspeer aus dem Leben gerissen worden wäre.
Inhaltsverzeichnis
Einleitung
I. Das 4. Jh. vor Julians Alleinherrschaft
I.1 Von der Tetrarchie Diokletians zur Alleinherrschaft Konstantin I.
I.2 Die entscheidende Sommernacht? – Eine erste Prägung
I.3 Ein Skyte namens Mardonios – Ein entscheidender Einfluss
I.4 Julian – Freude an der Weisheit
I.5 Julians neues Leben
II. Julians Politik im Zeichen des polytheistischen Come-backs
II.1 Der Weg zur Macht
II.2 Politik im Zeichen der Religion
III. Julian – Realität und Fiktion
III.1 Julians Ende – Aber was wäre, wenn … ?
III.2 Ein Fazit
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die religiöse und politische Entwicklung von Kaiser Julian im 4. Jahrhundert n. Chr. und analysiert, wie seine prägenden Kindheitserfahrungen sowie sein neuplatonisches Weltbild seine Versuche beeinflussten, den polytheistischen Götterkult wieder zu etablieren.
- Analyse der historischen Rahmenbedingungen des 4. Jahrhunderts.
- Untersuchung der biographischen Prägung Julians und seines Weges zur Philosophie.
- Evaluation der religionspolitischen Maßnahmen unter Julian.
- Kritische Auseinandersetzung mit der Rolle des Christentums zur damaligen Zeit.
- Modellversuch zur hypothetischen Fortführung von Julians Politik.
Auszug aus dem Buch
I.3 Ein Skyte namens Mardonios – Ein entscheidender Einfluss
Nach dem Familiendrama wurden die beiden überlebenden Brüder getrennt. Während Gallus nach Ephesus gebracht wurde, verschlug es Julian nach Nikomedien, die Hauptstadt der Provinz Bithynien. Konstantius II. wollte wohl absolut sicher gehen, dass die beiden nichts über die wahren Gründe des Todes ihrer Familie erfahren. Hier machte er jedoch einen Fehler. Er unterstellte Julian Eusebius, dem Bischof von Nikomedien. Dieser sollte sich um die christliche Erziehung des Jungen kümmern, hatte jedoch wenig Zeit dafür. Der skytische Sklave Mardonios, welcher bereits der Lehrer der bei Julians Geburt verstorbenen Mutter Basilina gewesen war, kümmerte sich deshalb um ihn.
In einem späteren Brief an den Rhetor Euagrios beschreibt der spätere Kaiser seinen früheren Aufenthaltsort. „Das Anwesen ist nicht weiter als 20 Stadien vom Meer entfernt, kein Händler, kein schwatzhafter, aufdringlicher Schiffer belästigt dich da. […] auf Smilax tritt dein Fuß, auf Thymian und duftende Gräser. Tiefe Stille herrscht um den Ort, wenn du dich niederlässt, um ein Buch zu sehen. […] nie blieb unser Zusammensein ohne Begegnung mit der Literatur“. Wir sehen hier nochmals die Bestätigung für das Bemühen Konstantius`, Julian möglichst von der Umwelt abzukapseln. Weiterhin erfahren wir aber auch, dass er durchaus die Ruhe suchte. Er spürte wohl, dass die meisten Sklaven zu einer Art Geheimpolizei gehörten, welche Konstantius genau über das Verhalten des Konkurrenten informieren sollten. Er konnte sich so auch, in einem an die Kulisse eines römischen Romans des 2. Jh. erinnernden Umfeld, nicht wohlfühlen.
Zusammenfassung der Kapitel
Einleitung: Die Einleitung skizziert den Tod Julians im Jahr 363 und begründet den Fokus der Untersuchung auf seine Entwicklung und Religionspolitik im 4. Jahrhundert.
I. Das 4. Jh. vor Julians Alleinherrschaft: Dieses Kapitel beschreibt die politische Entwicklung von der Tetrarchie unter Diokletian bis hin zur Alleinherrschaft von Konstantins Söhnen und die damit einhergehende Etablierung des Christentums.
I.1 Von der Tetrarchie Diokletians zur Alleinherrschaft Konstantin I.: Zusammenfassung der administrativen Reformen Diokletians sowie der politischen und religiösen Weichenstellungen durch Konstantin den Großen.
I.2 Die entscheidende Sommernacht? – Eine erste Prägung: Analyse der traumatischen Ermordung von Julians Vater und Verwandten im Jahr 337 und deren Auswirkungen auf das Weltbild des jungen Julian.
I.3 Ein Skyte namens Mardonios – Ein entscheidender Einfluss: Beschreibung der Ausbildung Julians durch den Sklaven Mardonios in Nikomedien, die ihn tiefgreifend mit der antiken Literatur und Kultur vertraut machte.
I.4 Julian – Freude an der Weisheit: Erörterung von Julians Hinwendung zum Neuplatonismus und seiner Auseinandersetzung mit philosophischen Texten im Exil.
I.5 Julians neues Leben: Darstellung der Rückberufung aus dem Exil nach Konstantinopel und Julians wachsender Distanz zur christlichen Staatsführung.
II. Julians Politik im Zeichen des polytheistischen Come-backs: Dieses Kapitel widmet sich den innenpolitischen Maßnahmen Julians nach seinem Machtantritt.
II.1 Der Weg zur Macht: Nachzeichnung des politisch schwierigen Aufstiegs Julians zum Augustus trotz familiärer und dynastischer Widerstände.
II.2 Politik im Zeichen der Religion: Untersuchung der konkreten religionspolitischen Dekrete Julians und seines Versuchs, den alten Götterkult wieder in den Mittelpunkt zu rücken.
III. Julian – Realität und Fiktion: Dieses Kapitel analysiert Julians letzte Lebensphase und die Auswirkungen seines Todes.
III.1 Julians Ende – Aber was wäre, wenn … ?: Spekulativer Modellversuch über die Erfolgschancen von Julians Religionspolitik bei einem längeren Leben.
III.2 Ein Fazit: Abschließende Bewertung der 20-monatigen Regierungszeit Julians hinsichtlich ihrer kulturellen und gesellschaftlichen Bedeutung.
Schlüsselwörter
Julian Apostata, römische Geschichte, 4. Jahrhundert, Tetrarchie, Konstantins Dynastie, Religionspolitik, Neuplatonismus, Götterkult, Mardonios, Antiocheia, Misopógon, Hellenismus, Restitutor Romanae Religionis, Kaiser, Polytheismus.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit beleuchtet das Leben und Wirken von Kaiser Julian, der als letzter pagane Herrscher versuchte, den traditionellen polytheistischen Glauben im römischen Reich wieder zu etablieren.
Was sind die zentralen Themenfelder der Publikation?
Die Schwerpunkte liegen auf Julians Kindheitserfahrungen, seiner philosophischen Prägung, seiner Konfrontation mit dem aufstrebenden Christentum sowie seiner konkreten Religionspolitik als Kaiser.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das primäre Ziel ist es, die Beweggründe für Julians ablehnende Haltung gegenüber dem Christentum zu verstehen und den Erfolg oder Misserfolg seiner kulturellen und religiösen Reformen kritisch zu hinterfragen.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit nutzt eine historische Analyse von Primär- und Sekundärquellen, wobei auch literarische Zeugnisse des Kaisers, wie die Satire "Misopógon", zur Charakterisierung herangezogen werden.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die politische Ausgangslage des 4. Jahrhunderts, die biographische Entwicklung Julians und eine detaillierte Analyse seiner Bemühungen zur Wiederherstellung des hellenistischen Götterkults.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren diese Arbeit?
Die zentralen Schlagworte sind Julian Apostata, Religionspolitik, Neuplatonismus, Konstantinische Dynastie und hellenistische Kultur.
Welche Bedeutung kommt der "entscheidenden Sommernacht" zu?
Dieses Ereignis, bei dem Julians Vater ermordet wurde, markiert den Beginn seines Traumas unter christlicher Herrschaft und fungiert in der Arbeit als psychologischer Schlüsselmoment für seine spätere Abkehr vom christlichen Glauben.
Wie bewertet der Autor die Erfolgschancen von Julians Politik?
Der Autor kommt im Modellversuch zu dem Schluss, dass es Julian langfristig wohl kaum gelungen wäre, den Polytheismus gegen das bereits etablierte Christentum in der Breite der Bevölkerung dauerhaft durchzusetzen.
- Quote paper
- Martin Gerasch (Author), 2008, Kaiser Julian und seine Entwicklung zum "Restitutor Romanae Religionis", Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/139825