Die Idee für die folgende Arbeit entstand während meines Praktikums in der Bertelsmann Stiftung im Sommer 2008. Ich war im Projekt zum Carl Bertelsmann-Preis beschäftigt, mit dem die Stiftung jährlich innovative Konzepte und nachahmenswerte Lösungsansätze für aktuelle gesellschaftliche Probleme auszeichnet. Das Thema des Preises 2008 lautete Integration braucht faire Bildungschancen, Schwerpunkt war die Integration von Kindern und Jugendlichen mit Migrationshintergrund im Bildungssystem. Gewinner des mit 150.000 Euro dotierten Preises wurde der Toronto District School Board (TDSB), die lokale Schulbehörde Torontos. Der TDSB wurde damit für seine vorbildlichen Integrationsleistungen geehrt. Nicht nur Schülerinnen und Schüler mit Migrationshintergrund, sondern alle Kinder finden dort Chancengleichheit und Teilhabegerechtigkeit vor, denn diese sind bereits im Leitbild der Behörde festgeschrieben. Hinzu kommt, dass Kinder von Einwanderern in Kanada nahezu gleich gute Leistungen wie ihre einheimischen Gleichaltrigen erbringen.
Ein Vergleich der Realisierung von Integration durch Bildung in Deutschland und Kanada ist Thema der vorliegenden Arbeit. Die zentrale Fragestellung ist dabei, inwiefern die Bundesrepublik im Hinblick auf bessere Integrationschancen von Migranten im Bildungssystem von den kanadischen Erfahrungen und Lösungsansätzen profitieren könnte. Der Fokus der Arbeit bleibt dabei durchgehend auf Deutschland, die Verhältnisse in Kanada sollen lediglich als Vergleichswerte dienen.
Inhaltsverzeichnis
EINLEITUNG
1. DIE BEDEUTUNG VON INTEGRATION, MIGRATION UND BILDUNG
2. MIGRATIONSGESCHEHEN UND –POLITIK
2.1. DEUTSCHLAND
2.2. KANADA
3. DARSTELLUNG DER SCHULSYSTEME
3.1. DEUTSCHLAND
3.2. KANADA
4. MIGRANTENKINDER UND -JUGENDLICHE IM DEUTSCHEN UND KANADISCHEN BILDUNGSSYSTEM
4.1. DEUTSCHLAND
4.1.1. Zahlen
4.1.2. Bildungsstand und Bildungsbeteiligung
4.1.3. Schülerleistungen
4.1.4. Erklärungsansätze für das schlechte Abschneiden von Migrantenkindern im deutschen Bildungssystem
4.1.4.1. Fehlendes kulturelles Kapital
4.1.4.2. Institutionelle Diskriminierung
4.1.5. Einschätzungen aus dem In- und Ausland
4.1.6. Fördermaßnahmen für Migrantenkinder und -jugendliche
4.1.7. Positivbeispiele
4.2. KANADA
4.2.1. Zahlen
4.2.2. Bildungsstand und Bildungsbeteiligung
4.2.3. Schülerleistungen
4.2.4. Erklärungsansätze für das hohe Bildungsniveau der Einwandererkinder
4.2.5. Fördermaßnahmen für Migrantenkinder und -jugendliche
4.2.6. Die Integrationsleistungen des Toronto District School Board
5. LÄNDERVERGLEICH
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die Integration von Kindern mit Migrationshintergrund im Bildungssystem, wobei der Fokus auf einem Vergleich zwischen Deutschland und Kanada liegt. Das primäre Ziel ist es, zu analysieren, inwiefern die Bundesrepublik von kanadischen Erfahrungen und Lösungsansätzen profitieren kann, um die Integrationschancen von Migranten in deutschen Schulen zu verbessern.
- Analyse der Migrationsgeschichte und -politik in Deutschland und Kanada.
- Gegenüberstellung und Strukturvergleich der jeweiligen Schulsysteme.
- Untersuchung der Situation von Migrantenkindern und -jugendlichen anhand von Leistungsdaten.
- Erörterung von Erklärungsansätzen für Bildungsungleichheiten (u.a. kulturelles Kapital, institutionelle Diskriminierung).
- Vorstellung von Best-Practice-Modellen der Integrationsförderung.
Auszug aus dem Buch
4.1.4.2. Institutionelle Diskriminierung
Der Ansatz der institutionellen Diskriminierung wird vor allem von Gomolla und Radtke vertreten. Sie gehen davon aus, dass die Bedingungen in den Organisationen der modernen Gesellschaft zahlreiche Möglichkeiten zur Diskriminierung bieten. Dies sei eine ungewollte Nachwirkung des an sich normalen wirtschaftlichen Handelns zum eigenen Nutzen von Institutionen z. B. im Bildungsbereich, im Beschäftigungssystem, auf dem Wohnungsmarkt u.ä. (Gomolla und Radtke 2002: 14f.)
Gomolla betrachtet Rassismus oder Sexismus als Resultat „sozialer Prozesse“ (Gomolla 2006: 2, Hervorhebung i. O.), d.h. der Beteiligung mehrerer Akteure in einem Netzwerk gesellschaftlicher Institutionen. Mit Joe R. Feagin und Clairece Booher Feagin (1986) unterscheidet sie zwischen direkter und indirekter institutioneller Diskriminierung. Feagin und Feagin definieren direkte institutionelle Diskriminierung als „regelmäßige, intentionale Handlungen in Organisationen - sowohl hochformalisierte, gesetzlich-administrative Regelungen, als auch informelle Praktiken, die in der Organisationskultur als Routine abgesichert sind“ (zitiert nach Gomolla 2006: 2) und eine negative Wirkung für einige Gruppen haben. Ein Beispiel in Deutschland ist die gesetzmäßige Bevorzugung deutscher vor ausländischen Arbeitnehmern. (Gomolla und Radtke 2002: 44)
Unter indirekter institutioneller Diskriminierung werden Maßnahmen von Institutionen verstanden, die negative Auswirkungen auf ethnische Minderheiten oder auch Frauen haben, obwohl sie ohne echte diskriminierende Absicht durchgeführt wurden (ebd.: 44). Denkbare Beispiele hierfür sind die Benachteiligung von Frauen bei der Beförderung im Betrieb oder auch die Voraussetzung perfekter Deutschkenntnisse als Zugangskriterium zum Gymnasium. (siehe auch Gomolla 2006: 2, Fußnote 4)
Gomolla und Radtke legen in ihren Untersuchungen das Hauptaugenmerk auf die indirekte institutionelle Diskriminierung im Bildungssystem, speziell in der Grundschule. Sie wenden sich gegen die These, dass die Gründe für mangelnden Erfolg von Migrantenkindern primär bei diesen selbst sowie bei ihren Familien gesucht werden. Vielmehr sollte verstärkt auch auf die Schulen selbst geschaut werden. (Gomolla und Radtke 2002: 16)
Zusammenfassung der Kapitel
EINLEITUNG: Die Einleitung erläutert den Entstehungskontext der Arbeit, formuliert die zentrale Fragestellung des Vergleichs zwischen Deutschland und Kanada und gibt einen Überblick über den inhaltlichen Aufbau.
1. DIE BEDEUTUNG VON INTEGRATION, MIGRATION UND BILDUNG: Dieses Kapitel definiert den Integrationsbegriff sowie den engen Zusammenhang zwischen Bildungserfolg und gesellschaftlicher Teilhabe.
2. MIGRATIONSGESCHEHEN UND –POLITIK: Es wird die unterschiedliche historische Entwicklung der beiden Staaten als Einwanderungsländer sowie die jeweilige Ausrichtung der Migrationspolitik skizziert.
3. DARSTELLUNG DER SCHULSYSTEME: Dieses Kapitel vergleicht die föderalen Bildungsstrukturen Deutschlands und Kanadas und arbeitet Unterschiede in der Selektivität heraus.
4. MIGRANTENKINDER UND -JUGENDLICHE IM DEUTSCHEN UND KANADISCHEN BILDUNGSSYSTEM: Das Kernkapitel analysiert empirische Leistungsdaten und diskutiert theoretische Ansätze zur Erklärung von Bildungsungleichheiten sowie erfolgreiche Förderansätze.
5. LÄNDERVERGLEICH: Hier werden die Ergebnisse der vorangegangenen Kapitel zusammengeführt, um die Unterschiede in der Integrationsleistung und Akzeptanz von Multikulturalität kritisch zu bewerten.
Schlüsselwörter
Integration, Bildungssystem, Migrationshintergrund, Deutschland, Kanada, Chancengleichheit, Bildungsbenachteiligung, institutionelle Diskriminierung, Schulerfolg, Sprachförderung, Toronto District School Board, Multikulturalismus, soziale Herkunft, Individuelle Förderung, Bildungsbeteiligung.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit befasst sich mit der Frage, wie Kinder mit Migrationshintergrund im Bildungssystem integriert werden, wobei ein Vergleich zwischen den Ansätzen und Resultaten in Deutschland und Kanada gezogen wird.
Was sind die zentralen Themenfelder der Analyse?
Zentrale Themen sind die Migrationspolitik, die Struktur der Schulsysteme, die Analyse von Schülerleistungen durch internationale Studien und die Bedeutung von Diskriminierungsmechanismen im Bildungswesen.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es, aus den kanadischen Erfahrungen – insbesondere denen des Toronto District School Board – Lösungsansätze abzuleiten, von denen das deutsche Bildungssystem profitieren könnte, um die Chancen für Migranten zu verbessern.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit basiert auf einer Literatur- und Dokumentenanalyse sowie dem Vergleich bestehender internationaler Bildungsstatistiken und Evaluationsstudien.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Darstellung der Migrationsgeschichte, den Vergleich der Schulsysteme sowie eine tiefgehende Analyse der Situation von Migrantenkindern mit Fokus auf Erklärungsmodelle für deren Bildungsabschlüsse.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit am besten?
Die Arbeit wird durch Begriffe wie Integration, Bildungssystem, Chancengleichheit, institutionelle Diskriminierung und das kanadische Vorbild der individuellen Förderung definiert.
Warum schneiden Migrantenkinder in Deutschland im Vergleich zu Kanada schlechter ab?
Die Arbeit führt dies unter anderem auf das hochgradig selektive deutsche Schulsystem und die institutionelle Diskriminierung zurück, während Kanada ein inklusiveres System mit längeren gemeinsamen Lernzeiten bietet.
Was macht den "Toronto District School Board" (TDSB) so vorbildlich?
Der TDSB zeichnet sich durch ein Leitbild aus, das Vielfalt als Stärke begreift, und setzt auf gezielte individuelle Unterstützung wie Sprachförderprogramme und die Einbeziehung der Eltern, um soziale Nachteile aktiv auszugleichen.
Welche Rolle spielt der "Learning Opportunities Index" in der kanadischen Bildungspolitik?
Es handelt sich um ein Instrument, mit dem Schulen mit besonderen Herausforderungen identifiziert werden, um dort gezielt finanzielle Ressourcen und zusätzliche Fördermaßnahmen bereitzustellen.
- Quote paper
- Denise Roellig (Author), 2009, Die Integration von Kindern mit Migrationshintergrund im Bildungssystem, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/139892