In Ihrem Werk „Vita activa“ befasst sich Hannah Arendt mit der Fragestellung, was wir tun, wenn wir tätig sind und fasst dieses „tätig sein“ in die drei menschlichen Grundtätigkeiten zusammen: Arbeiten, Herstellen und Handeln. Mit der Tätigkeit des Arbeitens befriedigt der Mensch die Lebensnotwendigkeiten im Prozess des Stoffwechsels mit der Natur, indem er sich von Naturdingen nährt, die zum Erhalt seines lebendigen Organismus notwendig sind. Auch das Herstellen, die Produktion einer künstlichen Welt von Dingen, ist überlebensnotwendig, um dem Menschen, der von Natur aus heimatlos ist, ein zu Hause zu geben, in dem er dauerhaft überleben kann. Während das Ergebnis des Arbeitens einem ständigen kurzlebigen Kreislauf unterworfen ist, können Dinge, die hergestellt wurden, menschliches Leben überdauern. Menschen leben nicht nur mit den Fähigkeiten, die sie mit der Geburt in sich angelegt mitbekommen haben, sondern immer auch unter Bedingungen, die sie selbst erschaffen haben, und die wir künftig als die Bedingtheit des Lebens bezeichnen. Beide Tätigkeiten können vom Prinzip her noch alleine getätigt werden.
Die dritte Aktivität, das Handeln, ist die einzige Tätigkeit, die sich ohne die Notwendigkeit von Materie direkt zwischen Menschen abspielt. Die Voraussetzung für Handeln ist die Tatsache, dass es viele Menschen gibt, eine Pluralität, in der Menschen zwar einer Gattung angehören, aber niemals einer dem anderen vollständig gleicht. Jeder Geburt, jeder Natalität, wohnt ein Neubeginn inne, in dem sich der Neuankömmling über das Element des Handelns in die Welt einbringt. Im Handeln schafft das Individuum seine Einzigartigkeit, agieren Menschen untereinander, geben sich Regeln, schaffen politische Entitäten und gewährleisten damit eine generationenübergreifende Kontinuität. Erst Handeln ermöglicht Erinnerung und Geschichte eines ansonsten flüchtigen Wesens, und stellt damit den Fortbestand des Menschen in dieser Welt sicher .
Die Entstehung der Gesellschaft, wie Hannah Arendt sie definiert, begann zu Beginn der Neuzeit, als das Private den Haushalt verließ und in die Öffentlichkeit trat. Dies hat nicht nur die verschiedenen Arten der menschlichen Aktivitäten gravierend verändert, sondern es auch dem Einzelnen erschwert, frei „zu handeln“, worunter sie versteht, dass der Einzelne Prozesse veranlasst, anstatt nur Ausführender zu sein .
Inhaltsverzeichnis
1 EINLEITUNG
2 ÜBER DEN BEGRIFF DER GESELLSCHAFT
2.1 DER ENTSTEHUNG DER GESELLSCHAFT BEI HANNAH ARENDT
2.2 DER BEGRIFF DER GESELLSCHAFT BEI ARISTOTELES
2.3 DER ÖFFENTLICHE RAUM IN DER ANTIKE
2.4 DIE FREIHEITEN DES LEBENS BEI ARISTOTELES – PHILOSOPHIE ODER POLITIK
2.5 ENTWICKLUNG UND MERKMALE EINER MODERNEN GESELLSCHAFT BEI HANNAH ARENDT
3 ZUSAMMENFASSUNG
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die historische und theoretische Entwicklung des Gesellschaftsbegriffs im Werk von Hannah Arendt, insbesondere unter Rückgriff auf die politische Philosophie von Aristoteles, um die Transformation vom antiken öffentlichen Handeln zur modernen, ökonomisch geprägten Gesellschaft kritisch zu beleuchten.
- Hannah Arendts Analyse der „Vita activa“
- Die aristotelische Unterscheidung von Haushalt und Polis
- Historischer Wandel der Begrifflichkeiten von „Privat“ und „Öffentlich“
- Die Auswirkungen ökonomischer Rationalität auf die menschliche Freiheit
- Kritik an der modernen Konsum- und Verschwendungswirtschaft
Auszug aus dem Buch
1 Einleitung
In Ihrem Werk „Vita activa“ befasst sich Hannah Arendt mit der Fragestellung, was wir tun, wenn wir tätig sind und fasst dieses „tätig sein“ in die drei menschlichen Grundtätigkeiten zusammen: Arbeiten, Herstellen und Handeln. Mit der Tätigkeit des Arbeitens befriedigt der Mensch die Lebensnotwendigkeiten im Prozess des Stoffwechsels mit der Natur, indem er sich von Naturdingen nährt, die zum Erhalt seines lebendigen Organismus notwendig sind. Auch das Herstellen, die Produktion einer künstlichen Welt von Dingen, ist überlebensnotwendig, um dem Menschen, der von Natur aus heimatlos ist, ein zu Hause zu geben, in dem er dauerhaft überleben kann. Während das Ergebnis des Arbeitens einem ständigen kurzlebigen Kreislauf unterworfen ist, können Dinge, die hergestellt wurden, menschliches Leben überdauern. Menschen leben nicht nur mit den Fähigkeiten, die sie mit der Geburt in sich angelegt mitbekommen haben, sondern immer auch unter Bedingungen, die sie selbst erschaffen haben, und die wir künftig als die Bedingtheit des Lebens bezeichnen. Beide Tätigkeiten können vom Prinzip her noch alleine getätigt werden.
Die dritte Aktivität, das Handeln, ist die einzige Tätigkeit, die sich ohne die Notwendigkeit von Materie direkt zwischen Menschen abspielt. Die Voraussetzung für Handeln ist die Tatsache, dass es viele Menschen gibt, eine Pluralität, in der Menschen zwar einer Gattung angehören, aber niemals einer dem anderen vollständig gleicht. Jeder Geburt, jeder Natalität, wohnt ein Neubeginn inne, in dem sich der Neuankömmling über das Element des Handelns in die Welt einbringt. Im Handeln schafft das Individuum seine Einzigartigkeit, agieren Menschen untereinander, geben sich Regeln, schaffen politische Entitäten und gewährleisten damit eine generationenübergreifende Kontinuität. Erst Handeln ermöglicht Erinnerung und Geschichte eines ansonsten flüchtigen Wesens, und stellt damit den Fortbestand des Menschen in dieser Welt sicher.
Zusammenfassung der Kapitel
1 EINLEITUNG: Einführung in Hannah Arendts Werk „Vita activa“ und die Definition der drei menschlichen Grundtätigkeiten Arbeiten, Herstellen und Handeln.
2 ÜBER DEN BEGRIFF DER GESELLSCHAFT: Theoretische Einordnung des Gesellschaftsbegriffs mittels verschiedener philosophischer und soziologischer Ansätze.
2.1 DER ENTSTEHUNG DER GESELLSCHAFT BEI HANNAH ARENDT: Untersuchung der historischen Verlagerung privater Angelegenheiten in den öffentlichen Bereich bei Arendt.
2.2 DER BEGRIFF DER GESELLSCHAFT BEI ARISTOTELES: Analyse der Struktur von Familie und Staat sowie der antiken Ökonomie im Werk „Politik“.
2.3 DER ÖFFENTLICHE RAUM IN DER ANTIKE: Hinterfragung der Ausgrenzung ökonomischer Prozesse aus dem öffentlichen Raum in der griechischen Antike.
2.4 DIE FREIHEITEN DES LEBENS BEI ARISTOTELES – PHILOSOPHIE ODER POLITIK: Gegenüberstellung der philosophischen und politischen Lebensweise als Ausdruck menschlicher Möglichkeiten.
2.5 ENTWICKLUNG UND MERKMALE EINER MODERNEN GESELLSCHAFT BEI HANNAH ARENDT: Darstellung der negativen Folgen der modernen Kapitalisierung und der Vereinsamung des Individuums.
3 ZUSAMMENFASSUNG: Schlussbetrachtung über die Bedeutung des Denkerischen als Gegengewicht zur totalen Funktionalisierung des Menschen.
Schlüsselwörter
Hannah Arendt, Vita activa, Aristoteles, Gesellschaftsbegriff, Handeln, Arbeit, Herstellen, Politik, Öffentlicher Raum, Ökonomie, Freiheit, Pluralität, Konformismus, Industrialisierung, Individualität.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert die Veränderung des menschlichen Gesellschaftsbegriffs von der Antike bis zur Moderne, basierend auf Hannah Arendts „Vita activa“.
Welche zentralen Themenfelder werden behandelt?
Die Schwerpunkte liegen auf der Entwicklung menschlicher Tätigkeiten, dem Wandel von Privatheit und Öffentlichkeit sowie der Kritik an ökonomischen Wachstumsdogmen.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es, die Entstehung der modernen Gesellschaft unter Rückgriff auf Aristoteles zu beleuchten und Arendts Prognosen bezüglich der „Vita activa“ zu explizieren.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es wird eine literaturkritische Analyse von Arendts Hauptwerk in Korrelation mit Aristoteles’ „Politik“ vorgenommen.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Detailliert werden die historischen Umbrüche im Verständnis von Eigentum, Arbeit und öffentlichem Raum sowie die Verlagerung des Politischen in den Bereich der Gesellschaft diskutiert.
Welche Schlüsselbegriffe charakterisieren die Arbeit?
Begriffe wie Pluralität, Natalität, Bedingtheit, Ökonomisierung, Entdinglichung und Vernunftfähigkeit sind für das Verständnis zentral.
Inwiefern unterscheidet sich der antike Politikbegriff vom modernen Verständnis?
In der Antike war Politik von der notwendigen Sorge um das Überleben (Haushalt) getrennt, während heute ökonomische Belange den politischen Raum dominieren.
Welche Rolle spielt das „Denken“ für das Fazit der Autorin?
Das Denken wird als letzte Instanz angesehen, die sich der totalen Unterwerfung unter reines Funktionieren und Konsum entziehen kann.
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- Wolfgang Seifert (Author), 2019, Die Entwicklung des Gesellschaftsbegriffes bei Hannah Arendt in "Vita Activa", Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1399192