Das Ärzteportrait bei Quevedo

Der diskursanalytische Zugang kritisch betrachtet


Hausarbeit (Hauptseminar), 2009

19 Seiten, Note: 2


Leseprobe

Inhalt:

1. Einleitung
1.1 Satire
1.2 Der "Sue ñ o de la muerte"

2. Die Diskursanalyse Michel Foucaults - Perspektiven und Potential

3. Die diskursanalytischen Ansätze Joachim Küppers und Ursula Link-Heers

4. Fazit

5. Literatur

1. Einleitung

Francisco Gómez de Quevedo y Santibáñez Villegas - so lautet der volle Name des Autors der mit seiner Spitzfindigkeit im Spanien des 16. und 17. Jahrhunderts die Satire prägte. Während die ersten drei seiner Sue ñ os relativ früh veröffentlicht werden sollten, aber dann an der Zensur scheiterten, gilt der „Sueño de la Muerte“ als ein Nachzügler, den er während einer erzwungenen Pause 1621 verfasste1. Auch dieser Sue ñ o wurde vorerst nur handschriftlich weitergegeben, eine Drucklegung erfolgte erst einige Jahre später in unterschiedlichen Versionen, die Quevedo selbst nie anerkannte.

Die Sue ñ os sind lose voneinander entstanden und sind unterschiedlich angelegt, obwohl sie oft auch als Teile eines zusammenhängenden Zyklus aufgefasst werden2. Obwohl sich Quevedo schon in seinen früheren Sue ñ os immer wieder verschiedener Typensatiren bedient und diese wahllos nutzt, gewinnt der „Sueño de la muerte“ eine deutlich düstere Bedeutung, vergleicht man die dort genutzten Beschreibungen mit denen des jüngeren Quevedos3.

Die vorliegende Arbeit beschäftigt sich mit zwei verschiedenen Herangehensweisen an das Ärzteportrait Quevedos innerhalb des „Sueños de la muerte“. Beide Analysen nutzen diskursanalytische Überlegungen um neue Erkenntnisse zu gewinnen. So beschäftigt sich Joachim Küpper mit erkenntnistheoretischen Aspekten dieser Zeit in seinem Aufsatz „’La Prose de l’enfer’. Bemerkungen zum Ärzteportrait von Quevedos Sue ñode la muerte4 und versucht so neue Erkenntnisse zu erzielen.

Ursula Link-Heer fokussiert auf den wissenstheoretischen Hintergrund Francisco de Quevedos und versucht dessen satirisches Portrait des Ärztestandes in ihrem Aufsatz „Zwischen Galen und Paracelsus. Medizinisches Wissen und satirische indignatio bei Quevedo“ auf diesen Fundamenten weiter auszudifferenzieren5

Diese Arbeit gliedert sich dementsprechend in drei Teile. Bevor die Analysen Küppers und Link-Heers betrachtet werden, soll ein kurzer Überblick über die Diskursanalyse Michel Foucaults in die Thematik einführen. Anschließend an den Vergleich der beiden Arbeiten Küppers und Link-Heers sollen eigene Anmerkungen und Ergänzungen zur Diskursanalyse allgemein und zu den beiden vorliegenden Herangehensweisen die Arbeit abrunden.

1.1 Satire

Satire als eine literarische Gattung zu definieren ist allein schon hinsichtlich ihrer vielfältigen Ausprägungen und Erscheinungsformen zu kurz gegriffen. Eine rein chronische Einordnung verschiedener Werke, die sich als „satirisch“ im engeren Sinne beschreiben lassen ist ebenfalls ein Versuch der zum Scheitern verurteilt ist. Dennoch lassen sich verschiedene Strömungen und Denkmuster der Satire zuordnen - ihnen gemeinsam ist der Versuch die Ingeniösität der konzeptuellen Überhöhung zu nutzen um vermeintliche oder tatsächliche Missstände anzuprangern und ihnen einen Standard gegenüberzustellen, gegen den sie abgegrenzt werden6. Gleichfalls kann sie nicht als Genre an sich beschrieben werden, da ihr keine thematische Gemeinsamkeit zugrunde liegt, sie wird vielmehr durch ihre Form anwendbar auf nahezu jeden beliebigen Themenbereich. Wird Satire also - auch im Hinblick auf diese Arbeit - als ein Modus7 begriffen das sich durch literarische Strömungen aller Epochen hinzieht, so bleibt die Frage offen, wieso dann der überwiegende Teil des Wirkens eines Autors Modus soll innerhalb dieser Arbeit verstanden werden als ein loses Bündel gemeinsamer formaler Merkmale, die dem Bereich des Satirischen zugeordnet werden können. So zum Beispiel die Oppositionsfunktion zu bestehenden Zuständen und die konzeptuelle Überhöhung mit dem Ziel beim Leser durch neue witzige Denkanstöße eine Reflektion über Stand der Dinge anzuregen.

wie beispielsweise bei Quevedo als prototypisch für satirisches Schaffen betrachtet

werden kann8. Ein möglicher Argumentationspunkt wäre der Verweis auf die sozialen Umstände dieser Zeit, die großflächig - auch im Zusammenhang mit der vorherrschenden Zensur - die Produktion dieser Art von Texten ermöglicht hat9. Festzuhalten bleibt, dass Quevedos Wirken und seine Opposition zu sozialen Phänomenen vor allem im hier vorliegenden „Sueño de la muerte“ den satirischen Mustern folgt. Der Verweis, dass der wit10 Quevedos allein durch das Streben nach Ruhm und Anerkennung forciert sei11 tut dieser Feststellung keinen Abbruch.

1.2 Der „ Sue ñ o de la muerte “

Grundlage dieser Arbeit ist die Ausgabe der Sueños wie sie in der Fassung von Ignacio Arellano, Catedra Letras Hispánicas von 1991 zu finden ist sowie verschiedene Primär- und Sekundärwerke zum Gedankengebäude Michel Foucaults wie an entsprechender Stelle annotiert.

Nach relativ kurz gehaltenen Präliminarien, fällt das erzählende Ich während der Reflexion über das Sterben im christlichen Kontext in einen Traum. Er findet sich schließlich als Zuschauer wieder und beschreibt einen Zug verschiedener Gestalten, die an ihm vorüberziehen. An prominentester Stelle - der ersten - stehen die Ärzte, gefolgt von Apothekern, Wundärzten, Zahnbrechern und Barbieren. Bevor ihnen Vertreter verschiedener Art folgen, schließen sich einige abstrakte Personen an, wie zum Beispiel der Tod oder der Lügner und weitere Personen die Sprichwörter symbolisieren12. Viele nutzen die Chance von dem unverhofft anwesenden lyrischen

Ich Informationen zu erbitten oder ihn um einen Gefallen in der realen Welt anzuflehen. Als er dann während einer Auseinandersetzung mit dem Geh ö rnten Ehemann in seinem Bett - immer noch erzürnt - aufwacht, kommt es ihm vor, als sei der Traum kein Traum sondern blanke Wahrheit gewesen.

Im Fokus der vorliegenden Analysen Küppers und Link-Heers steht das Ärzteportrait Quevedos13. Zur besseren Übersichtlichkeit soll diese Stelle hier nochmals notiert werden:

Fueron entrando unos médicos a caballo en unas mulas que con gualdrapas negras parecían tumbas con orejas. El paso era divertido, torpe y desigual, de manera que los dueños iban encima en mareta y algunos vaivenes de serradores. La vista asquerosa de puro pasear los ojos por orinales y servicios; las bocas emboscadas en barbas, que apenas se las hallara un braco; sayos con resabios de vaqueros; guantes en enfusión, doblados como los que curan; sortijón en el pulgar, con piedra tan grande que cuando toma el pulso pronostica al enfermo la losa.“

Im nächsten Kapitel soll der Ansatz der Diskursanalyse Michel Foucaults etwas genauer untersucht werden, bevor die unterschiedliche Herangehensweise auf Basis dieser Gedanken von Joachim Küpper und Ursula Link-Heer vorgestellt werden. Im abschließenden Teil dieser Arbeit sollen schließlich eigene Beobachtungen und Abwägungen hinzugefügt werden.

2. Die Diskursanalyse Michel Foucaults - Perspektiven und Potential

Um die anschließenden Gedankengänge nachvollziehen zu können, ist eine tiefergehende Beschäftigung mit dem Ideengebäude der Diskursanalyse Michel Foucaults notwendig. Nach Philipp Sarasin ist der Begriff der Diskursanalyse zurzeit in vielen verschiedenen Formen in Gebrauch. Unterschiedliche

Wissenschaftsbereiche nutzen Foucaults Anregungen und versuchen sie in irgendeiner Weise handhabbar zu machen, was bisher nicht - zumindest nicht kohärent - gelungen ist14.

Foucaults Arbeit während seiner Hoch-Zeit in den 70er Jahren des vergangenen Jahrhunderts ist nicht nur ein absolut neuer Ansatz und eine Hinterfragung unseres bisherigen Denkens und Ordnens sondern gleichzeitig auch von nicht weniger großer Komplexität gekennzeichnet. In verschiedenen Vorlesungen und Büchern gelingt es ihm ausgehend von strukturalistisch anmutenden Beobachtungen15 im medizinischen/psychoanalytischen Bereich seine Beobachtungen über das Denken und Denkstrukturen anzustellen und eine neue Form der Herangehensweise an Texte (die er auch als konstituierendes Faktum der Machtverteilung ansah) zu etablieren. Um den Umfang dieser Arbeit nicht allzu sehr zu belasten werde ich mich hier hauptsächlich auf seine beiden Abhandlungen beziehen, die für die Diskursanalyse am wichtigsten sind und auf die anderen Konzepte und Ideen nur soweit eingehen, insofern es für das Verständnis unabdingbar ist. Während er in „Die Ordnung der Dinge“ und „Die Ordnung des Diskurses“ die konzeptuelle Herangehensweise beschreibt, verfasst er in „Archäologie des Wissens“ eine grundlegende Definition der Begrifflichkeiten und Methoden der Anwendung der Diskursanalyse16.

Der Diskurs

Fillingham fasst den von Foucault geprägten Diskursbegriff wie folgt zusammen: „In its broadest sense it means anything written or said or communicated using signs [...]“17 Diese Begriffsbestimmung ist zwar sicherlich hilfreich bei einer ersten Einschätzung, wie aber Kammler aufzeigt ist die Wortwahl hier keineswegs eindeutig, besonders dann, wenn Begrifflichkeiten leicht gegeneinander ausgetauscht werden können18. So könnte man „Diskurs“ auch als strukturalistisches Element verstehen, mit der Aufgabe zu Bezeichnen im Gegensatz zum Interpretieren dem aber durch Foucault in der „Archäologie des Wissens“ widersprochen wird19. Zusammengefasst kann man sagen, dass Diskurs im Sinne Foucaults also die Menge der Äußerungen die zu einem bestimmten Zeitpunkt in einem bestimmten Kontext stattfinden ist. Der Diskurs wird dabei von Regeln organisiert und kanalisiert die in letzter Konsequenz zur Errichtung und Aufrechterhaltung von Machtstrukturen dienen20. Dabei unterscheidet Foucault verschiedene Vorgehensweisen, die die Macht des Diskurses bändigen. Ausschließungssysteme wie Verbote, Tabuisierung, und der Wille zur Wahrheit sind Mechanismen, die von außen auf den Diskurs einwirken während innere Prozeduren den Diskurs durch eine Art der „Selbstkontrolle“ bestimmen. Zu ihnen zählt Foucault Prozeduren, die „als Klassifikations-, Anordnungs-, Verteilungsprinzipien wirken.“21 Ein drittes Beschneidungsmerkmal des Diskurses ist die „Verknappung“ des Diskurses, wobei nicht die Reduktion des Diskurses im Sinne einer (Selbst-)Beschränkung gemeint ist, sondern die Offenheit des Diskurses gegenüber verschiedenen Personengruppen22. So bleiben wissenschaftliche oder technische Diskurse nicht allen Teilnehmern offen. Foucault spricht in diesem Zusammenhang von „Regionen des Diskurses“.

Grundlegend ist, und das ist sicherlich eine Besonderheit, dass die Diskursanalyse Foucaults nicht auf einen hermeneutischen Verstehensprozess ausgelegt ist, sondern sich an der Frage orientiert, was einen historischen Text zu einem bestimmten Zeitpunkt hat funktionieren lassen, also vereinfacht ausgedrückt: Wie gelang es innerhalb eines Textes zu einem bestimmten Zeitpunkt eine Aussage zu machen, die als „wahr“ empfunden wurde und welche Regeln, Ordnungsmuster und Kategorien lagen ihm zugrunde23 ?

Absolutes Wissen

Einer der wesentlichen Punkte der Diskursanalyse des Michel Foucaults ist die Tatsache, dass er absolutes Wissen innerhalb eines Diskurses verneint24. Er fragt sich, wie und warum manche Menschen aus der Gesellschaft ausgegrenzt werden und welcher Zweck damit verfolgt wird. Schnell kommt er zu dem Schluss, dass es sich dabei um die Etablierung von Machtstrukturen handelt, deren vehiculum der Diskurs ist. Grenzt man Teile der Gesellschaft als „anormal“ aus, so entsteht die Definition der „normalen“ Gesellschaft auf diesem Ausgrenzungsgedanken 25 . Dabei sei aber keineswegs sichergestellt, dass nicht gerade das Ausgegrenzte wahr ist. In Bezug auf die Verneinung eines absoluten Wissens handelt es sich hier also um die Etablierung von Machtstrukturen durch die Definition von Wahrheit in Abgrenzung zum scheinbar Unwahren innerhalb eines Diskurses.

[...]


1 vgl. Nolting-Hauff: Vision, Satire und Pointe in Quevedos „Sueños“: 9

2 vgl. ebd.: 14

3 vgl. ebd.: 19ff

4 vgl. Küpper: 83ff

5 vgl. Link-Heer 1993: 129ff

6 vgl. Quintero: 3

7 Modus soll innerhalb dieser Arbeit verstanden werden als ein loses Bündel gemeinsamer formaler Merkmale, die dem Bereich des Satirischen zugeordnet werden können. So zum Beispiel die Oppositionsfunktion zu bestehenden Zuständen und die konzeptuelle Überhöhung mit dem Ziel beim Leser durch neue witzige Denkanstöße eine Reflektion über Stand der Dinge anzuregen.

8 Vergleicht man hier die Ära der „Metaphysical Poetry“, ebenfalls im 17. Jahrhundert mit ihren wichtigsten Vertretern John Donne, George Herbert und Andrew Marvell ergibt sich in dieser Zeit zumindest ein Schwerpunkt satirischen Schaffens nicht nur innerhalb des spanischen Sprachraums.

9 In wieweit hier von einem satirischen Diskurs gesprochen werden kann wäre auch ein Punkt der weiterer Überlegungen und Gedankengänge würdig wäre.

10 So die Bezeichnung für den intellektuellen Einfallsreichtum satirischer Formulierungen innerhalb der Strömung der metaphysischen Dichtung im England des 17. Jahrhunderts.

11 vgl. Nolting-Hauff: 75

12 wie zum Beispiel Juan de Encima der sich über eine längere Passage hinweg über den Missbrauch seines Namens beschwert

13 Quevedo: 312ff

14 Sarasin 2008: 12

15 vgl. Sarasin 2008: 13f

16 vgl. Ruffing: 22

17 Fillingham: 100

18 vgl. Kammler 13ff; Sarasin 2005: 11

19 vgl. Kammler: 28

20 vgl. Ruffing: 28

21 Foucault 1979: 16

22 vgl. ebd.: 26

23 ebd: 15f, 37

24 vgl. Fillingham: 6

25 vgl. Foucault 1979: 7ff

Ende der Leseprobe aus 19 Seiten

Details

Titel
Das Ärzteportrait bei Quevedo
Untertitel
Der diskursanalytische Zugang kritisch betrachtet
Hochschule
Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg
Note
2
Autor
Jahr
2009
Seiten
19
Katalognummer
V139997
ISBN (eBook)
9783640469888
ISBN (Buch)
9783640470204
Dateigröße
450 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Spanisch, Literaturwissenschaft, Siglo de Oro, Quevedo
Arbeit zitieren
Florian Schirmer (Autor), 2009, Das Ärzteportrait bei Quevedo, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/139997

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