Unter dem Thema „Gender Mainstreaming im Kindergarten – eine kritische Analyse“, wird im Folgenden Gender Mainstreaming als administrative Strategie kritisch beleuchtet. Insbesondere wird die Frage nach Möglichkeiten und Grenzen in der Umsetzung von Gender Mainstreaming im Kindergarten und in Kindertagesstätten diskutiert.
Gender Mainstreaming als politisches Instrument zur Gleichstellung der Geschlechter kann als Ergebnis der politischen und theoretischen Auseinandersetzung um das Geschlechterverhältnis gesehen werden. Mit dem Konzept des Gender Mainstreaming wurde die Frauenförderung zu einer umfassenden Geschlechterpolitik transformiert.
Politisches Handeln und Konzepte auf allen Ebenen sollen unter dem Aspekt Gleichstellung analysiert und gegebenenfalls revidiert werden. Eine Veränderung des Geschlechterverhältnisses soll über den Umbau institutioneller Strukturen erfolgen. Ziel ist es für beide Geschlechter gleiche Chancen und bessere Lebensbedingungen zu schaffen (vgl. Cordes 2004, S. 717). Derzeit wird Gender Mainstreaming vorwiegend in Unternehmen und Organisationen umgesetzt. Die Implementierung von Gender Mainstreaming in sozialen Institutionen, insbesondere im Kindergarten oder in Kindertagesstätten steht noch am Anfang.
Die Geschlechterstrukturen in der Institution des Kindergartens und der Kindertagestätten zu untersuchen, erscheint aber aus Folgenden Gründen von besonderer Bedeutung. Zum einen erlernen Jungen und Mädchen im frühen Kindesalter sich in dem in westlichen Kulturen vorherrschenden System der Zweigeschlechtlichkeit zu Recht zu finden: Da Kinder bereits im Kindergartenalter erlernen, sich in dem Erwachsenendiskurs und in den Strukturen des Geschlechterverhältnisses zu verorten, tragen sie als jüngste Mitglieder im Generationenverhältnis über das Verinnerlichen von Diskursen zu der Aufrechterhaltung von stereotypen Annahmen über Männlichkeit und Weiblichkeit des traditionellen Geschlechterverhältnisses bei.
Wesentlicher erscheint aber die Tatsache, dass die Interaktionen im Kindergarten die Identitätsausbildung von Jungen und Mädchen beeinflussen. Über eine Förderung im Sinne geschlechtsbezogener stereotyper Annahmen von Mädchen und Jungen blieben den Kindern vielfältige Erfahrungen verwehrt, bestimmte Interessen, Vorlieben und Fähigkeiten unentdeckt.
Inhaltsverzeichnis
1 Gender Mainstreaming
1.1 Definition, Herkunft und Entwicklung von Gender Mainstreaming
1.2 Zielsetzungen von Gender Mainstreaming
1.3 Zur Bedeutung und Begründung von Gender Mainstreaming
2 Umsetzung des Gender Mainstreamings
2.1 Umsetzung aus EU-Perspektive
2.1.1 Gender Mainstreaming in Deutschland
2.2 Gender Mainstreaming und Managing Diversity
2.3 Instrumente des Gender Mainstreamings
2.3.1 Genderanalysen
2.3.2 Die 6-Schritte-Methode nach Tondorf
2.3.3 Gender Impact Assessment (GIA)
2.3.4 Gender Budgeting
2.3.5 Genderkompetenz und Gendertrainings
3 Theorien der Geschlechterforschung
3.1 Feministische Theorien
3.1.1 Das Gleichheitsparadigma
3.1.2 Das Differenzparadigma
3.1.3 (De) Konstruktivistische Ansätze
3.1.4 Doing Gender – Konstruktion und Reproduktion von Geschlecht
3.2 Theorien der Männerforschung
3.2.1 Anfänge der Männerbewegungen
3.2.2 Kritische Männerforschung
4 Kritische Betrachtung von Gender Mainstreaming
4.1 Gender Mainstreaming als Gefahr für die traditionelle Frauenförderung?
4.2 Der Gender Begriff im „Gender Mainstreaming“
4.3 Top-Down / Bottom-Up
4.4 Weitere Risiken und Grenzen
5 Gender im Kindergarten / Kindertagesstätten
5.1 Von der Institutionengeschichte des Kindergartens und der Kategorie Gender
5.2 Die Erzieherin
5.2.1 Berufsbild im historischen Kontext
5.2.2 Gender und Profession
5.2.3 Interaktive Konstruktion von Geschlecht / Akteurinnen des Doing Gender
5.3 Aneignung der Ordnungskategorie Geschlecht
5.3.1 Sozialisation
5.3.2 Der Erwerb von Geschlechtskategorien im Kindesalter – Doing Gender
6 Gender Mainstreaming im Kindergarten
6.1 Gender Mainstreaming als Vorgabe für Institutionen der Kinder- und Jugendhilfe
7 Ein Modellversuch in Sindelfingen
7.1 Begründungen für Gender Mainstreaming in der Kita
7.2 Verständnis von Geschlecht und Zielsetzungen
7.3 Genderwissen und Genderkompetenz, Gendertraining
7.4 Umsetzungsprozesse
7.4.1 Ist- Analyse und gleichstellungspolitisches Ziel:
7.4.2 Analyse der Probleme der Betroffenen:
7.4.3 Entwicklung von Optionen:
7.4.4 Analyse der Optionen:
7.4.5 Umsetzung:
7.5 Top-Down / Bottom-Up
7.6 Reflexionen der Mitarbeiter / Innen
7.7 Resümee des Modellprojekts „Gender Mainstreaming – ein Thema für die Kindertagesstätte?!“ der Stadt Sindelfingen
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit zielt darauf ab, Gender Mainstreaming als administrative Strategie kritisch zu untersuchen. Im Fokus steht insbesondere die Frage nach den Möglichkeiten und Grenzen der Implementierung dieses Konzepts in der Institution des Kindergartens und in Kindertagesstätten, wobei eine kritische Analyse des Regiebetriebs der Kindertagesstätten in Sindelfingen als Modellversuch dient.
- Grundlagen und theoretischer Kontext von Gender Mainstreaming.
- Umsetzungsinstrumente und deren Implementierungsprozesse.
- Theoretische Verankerung in der Geschlechterforschung (Feminismus und Männerforschung).
- Kritische Analyse von Genderthematiken in frühkindlichen Bildungsinstitutionen.
- Evaluation von Modellprojekten im Kontext von Bildungseinrichtungen.
Auszug aus dem Buch
3.1.4 Doing Gender – Konstruktion und Reproduktion von Geschlecht
Das Konzept des Doing Gender ist dem Konstruktivismus zu zuordnen. Konzepte der sozialen Konstruktion von Geschlecht grenzen sich von dem Alltagsverständnis, es gebe nur zwei Geschlechter, jeder Mensch gehöre dem einem oder anderem an und dieses sei unveränderlich, angeboren und zweifelsfrei an den Genitalien ablesbar, ab.
Theorien der Geschlechterkonstruktion zufolge wird Geschlecht als Ergebnis historischer Entwicklungen betrachtet, welches in sozialen Interaktionen stetig reproduziert wird. Über die fortlaufende Reproduktion in sozialen Situationen wird die Alltagstheorie der Zweigeschlechtlichkeit bestätigt und aufrechterhalten (vgl. Wetterer 2008, S. 122).
Das Konzept des Doing Gender basiert auf der Annahme, Geschlecht sei keine Eigenschaft oder ein Merkmal von Individuen, sondern es würde in sozialen Interaktionen konstruiert. Das Konzept entstammt der interaktionistischen Soziologie und wurde 1987 von Candance West und Don Zimmermann entwickelt. Demnach wird Geschlechtszugehörigkeit und Geschlechtsidentität als interaktiver Herstellungsprozess betrachtet:
„Wir betrachten Geschlecht weniger als Eigenschaft von Individuen sondern vielmehr als ein Element, das in sozialen Situationen entsteht: Es ist sowohl das Ergebnis wie auch die Rechtfertigung verschiedener sozialer Arrangements sowie ein Mittel, eine der grundlegenden Teilungen der Gesellschaft zu legitimieren“ (West/Zimmermann 1987 S.14, Übersetzung in Gildemeister 2008, S. 132).
Zusammenfassung der Kapitel
1 Gender Mainstreaming: Dieses Kapitel erläutert die Definition, den historischen Kontext sowie die verschiedenen Zielsetzungen der Strategie Gender Mainstreaming.
2 Umsetzung des Gender Mainstreamings: Hier wird die Implementierung der Strategie aus EU-Perspektive sowie die Anwendung verschiedener Instrumente (z.B. 6-Schritte-Methode) in Organisationen beschrieben.
3 Theorien der Geschlechterforschung: Dieses Kapitel bietet einen Überblick über feministische Theorien und Ansätze der Männerforschung, um das theoretische Verständnis von Geschlecht zu vertiefen.
4 Kritische Betrachtung von Gender Mainstreaming: Hier werden Risiken und inhaltliche Defizite der Strategie, insbesondere im Hinblick auf die traditionelle Frauenförderung, kritisch diskutiert.
5 Gender im Kindergarten / Kindertagesstätten: Das Kapitel analysiert die Rolle der Kategorie Geschlecht im Kindergarten, inklusive der Erzieherausbildung und der Bedeutung von Sozialisationsprozessen.
6 Gender Mainstreaming im Kindergarten: Dieser Abschnitt behandelt die gesetzliche Vorgabe und die theoretische Diskussion zur Anwendung von Gender Mainstreaming in der Kinder- und Jugendhilfe.
7 Ein Modellversuch in Sindelfingen: Hier wird das spezifische Modellprojekt der Stadt Sindelfingen analysiert, inklusive der Umsetzungsprozesse und der Reflexionen durch die beteiligten Mitarbeiterinnen.
Schlüsselwörter
Gender Mainstreaming, Geschlechterforschung, Kindertagesstätte, Kindergarten, Doing Gender, Gleichstellungspolitik, Frauenförderung, Konstruktivismus, Sozialisation, Erzieherinnen, Modellprojekt Sindelfingen, Geschlechtergerechtigkeit, Managing Diversity, Geschlechterrollen, Diskurs.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert Gender Mainstreaming als administrative Strategie und untersucht kritisch deren Anwendbarkeit und Implementierung im Kontext von Kindertagesstätten.
Was sind die zentralen Themenfelder der Arbeit?
Die Schwerpunkte liegen auf den theoretischen Grundlagen von Gender Mainstreaming, den verschiedenen Umsetzungsinstrumenten, feministischen sowie männertheoretischen Ansätzen der Geschlechterforschung und deren Relevanz für vorschulische Institutionen.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es, aufzuzeigen, wie Gender Mainstreaming als politische Strategie zur Chancengleichheit in der Kita-Praxis umgesetzt werden kann und welche Herausforderungen dabei bestehen.
Welche wissenschaftliche Methode wird primär verwendet?
Es handelt sich primär um eine theoretische Auseinandersetzung mit der Fachliteratur sowie eine begleitende Analyse und Evaluation eines Modellprojekts in der Stadt Sindelfingen.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Im Hauptteil werden neben der Theorie die institutionelle Geschichte des Kindergartens, die Rolle der Erzieherinnen, Ansätze der Sozialisation im Kindesalter sowie die konkrete Analyse des Modellversuchs in Sindelfingen dargelegt.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit ist zentral durch Begriffe wie Gender Mainstreaming, Doing Gender, Geschlechtergerechtigkeit, frühkindliche Bildung, Sozialisation und Gleichstellungspolitik geprägt.
Welche Rolle spielt das Konzept „Doing Gender“ in der Arbeit?
„Doing Gender“ dient als zentrales theoretisches Konzept, um zu erklären, wie Geschlecht im sozialen Alltag des Kindergartens durch Interaktionen zwischen Erzieherinnen und Kindern ständig konstruiert und reproduziert wird.
Wie bewertet die Autorin das Modellprojekt in Sindelfingen?
Die Autorin hebt hervor, dass das Projekt Pionierarbeit leistet, weist jedoch darauf hin, dass die Dokumentation teils von einer positiven Selbstdarstellung geprägt ist und eine tiefgreifende systemische Analyse der Institutionen fehlt.
Warum wird das „Top-Down-Prinzip“ bei der Umsetzung kritisiert?
Das Top-Down-Prinzip wird kritisiert, da Kindertagesstätten heterogene Organisationen sind und eine erfolgreiche Implementierung ohne tiefgreifende Beteiligung der Basis (Bottom-Up) sowie ohne ausreichende Ressourcen und fachliche Kompetenz der Akteure oft an der praktischen Realität scheitert.
- Citar trabajo
- Annette Pruschko (Autor), 2009, Gender Mainstreaming in der Kindertagesstätte, Múnich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/140029