Die Arbeit beschäftigt sich mit der Frage, ob die Verneinung vom Schicksal bei Alexander von Aphrodisias ein Fall von Inkommensurabilität sei.
In der wissenschaftsphilosophischen Fachliteratur nach Kuhn und Feyerabend ist die vermeintliche Unverträglichkeit zweier Theorien auf dem ein und -selben Gebiet wissenschaftlicher Forschung zu einer Intuition geworden, derer man sich gerne teils aus guten Gründen und teils aus Trägheit bedient. Wo immer zwei Theorien in einem sachbezogenen Anwendungszusammenhang auftreten, ist der Verweis auf deren gegenseitiges Ausschließen bereits in die Tinte getaucht. Das Stichwort lautet hier: Inkommensurabilität. Was diese bedeuten soll, ist bis heute nicht restlos geklärt, zumal einer der Autoren, Thomas Kuhn, kurz vor seinem Tod Teile dieser Theorie aufgegeben hat. Ungeachtet dessen bilden die Überlegungen Kuhns zur Inkommensurabilität wissenschaftlicher Theorien in seinem im Original 1962 erschienenen Struktur der Wissenschaftlichen Revolution den Ausgang dieser Arbeit, in denen das erste Charakteristikum dieses Begriffs, den man die historische Inkommensurabilität nennen könnte, besonders gut ausgearbeitet ist. Wenn die Rede hier von historischer Inkommensurabilität ist, dann ist lediglich die Systematisierung des Inkommensurabilitätsbegriffs auf einer generisch höheren Stufe gemeint, auf der der Wandel eines wissenschaftlichen Bereichs in seiner Struktur diachronisch erfasst wird. Diesen Wandel beschreibt Kuhn als Paradigmawechsel, dessen Entstehen ich zwecks der Nachvollziehbarkeit periodisch durch vor-, paradigmatischen und revolutionären Phasen wissenschaftlicher Entwicklung darstellen werde. Da nun sowohl die Befolgung verschiedener Paradigmata in der paradigmatischen Phase, wie auch deren Verschiebung nach einer wissenschaftlichen Revolution, als Grund für die Inkommensurabilität wissenschaftlicher Theorien angesehen wird, erscheint es mir sinnvoll diesen Begriff in systematischer Weise zu analysieren, um am Ende eine für mein Vorhaben brauchbare Methode abzuleiten, die ich auf das Hauptanliegen dieser Arbeit, nämlich die Polemik Alexander von Aphrodisias‘ gegen den stoischen Schicksalsbegriff in seinem De fato anwenden kann.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Inkommensurabilität
2.1. Die wissenschaftshistorische Inkommensurabilität
2.1.1. Die wissenschaftliche Revolution
2.1.2 Die vorparadigmatische Phase
2.1.3. Die paradigmatische Phase
2.2. Die semantische Inkommensurabilität
3. Liegt eine Inkommensurabilität in „De fato“ vor?
3.1. Historische Inkommensurabilität
3.2. Semantische Inkommensurabilität
4. Fazit
5. Literaturverzeichnis
Zielsetzung & Forschungsthemen
Die Arbeit untersucht die philosophische Polemik von Alexander von Aphrodisias gegen den stoischen Schicksalsbegriff unter Anwendung des Konzepts der Inkommensurabilität, um zu klären, ob ein systematischer Bedeutungswandel der Begriffe vorliegt oder das stoische Konzept in diesem Kontext ad absurdum geführt wird.
- Analyse des wissenschaftshistorischen Inkommensurabilitätsbegriffs nach Thomas Kuhn
- Untersuchung der semantischen Inkommensurabilität nach Paul Feyerabend
- Gegenüberstellung der stoischen Kosmologie und Dynamik mit aristotelischen Systemen
- Kritische Prüfung der Kompatibilität stoischer Begriffe im Werk "De fato"
Auszug aus dem Buch
2. Die semantische Inkommensurabilität
Zunächst stellt Feyerabend (s. 295 ff.) aus denselben Gründen fest, dass die Wahl einer Theorie bereits eine Vorstufe der Inkommensurabilität ist. Denn die Entscheidung zugunsten einer bestimmten Theorie richte sich nicht gegen die metaphysischen Annahmen wie etwa die Wahrheit der alternativen Theorien, sondern gegen die bloße Tatsache, dass es überhaupt alternative Theorien gäbe. Die Anwendung solcher evaluativ determinierenden Theorien verhindere zudem in der wissenschaftlichen Praxis das Entstehen neuer alternativen Theorien (ebd. 301ff.). Das sind aber im Grunde genommen Markenzeichen vieler großer philosophischen Theorien, die aus der Widerlegung oder wie bei Platon und Aristoteles mit den Sophisten verfahren wird, aus dem ad-absurdum-führen von anderen konkurrierenden Theorien hervorgegangen sind. Nun ist das aber für ihn keineswegs eine harmlose Attitüde theoretischer Überzeugungsarbeit, wie sie vielleicht auf dem ersten Blick scheint, sondern bereits ein erster Grund für die Inkommensurabilität verschiedener Sprachen.
„Ich habe viel für die von Whorf klar und elegant formulierte (und von Bacon vorweggenommene) Auffassung übrig, dass Sprachen und die ihnen verbundenen Verhaltenmuster nicht bloß Mittel zur Beschreibung von Ereignissen (Tatsachen, Sachverhalte) sind, sondern auch Ereignisse (Tatsachen, Sachverhalte) konstruieren, dass ihre „Grammatik“ eine Kosmologie enthält, umfassende Geschichten von der Welt, der Gesellschaft, der Situation des Menschen, welche das Denken, das Verhalten und die Wahrnehmung beeinflussen“ (s. 295).
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Einführung in die Thematik der wissenschaftshistorischen und semantischen Inkommensurabilität und deren Relevanz für die Analyse stoischer Begriffe bei Alexander von Aphrodisias.
2. Inkommensurabilität: Theoretische Auseinandersetzung mit Thomas Kuhns Konzept der wissenschaftlichen Paradigmata und Paul Feyerabends Fokus auf die semantische Gebundenheit sprachlicher Konstruktionen.
3. Liegt eine Inkommensurabilität in „De fato“ vor?: Anwendung der erarbeiteten Theorie auf das Werk „De fato“, um zu prüfen, ob Alexander von Aphrodisias eine echte inkommensurable Systemdifferenz aufdeckt oder lediglich die Polemik gegen die Stoa vorantreibt.
4. Fazit: Zusammenfassende Bewertung, dass Alexander von Aphrodisias keinen eigenständigen logischen Raum öffnet, sondern die stoische Lehre anhand der vier aristotelischen Ursachen misst, was eine semantische Inkommensurabilität in diesem spezifischen philosophischen Kontext fragwürdig macht.
Schlüsselwörter
Inkommensurabilität, Paradigmenwechsel, Semantik, Stoa, Alexander von Aphrodisias, De fato, Aristotelische Ursachenlehre, Willensfreiheit, Wissenschaftstheorie, Schicksal, Bedeutungswandel, Ontologie, logische Struktur, Polemik, metaphysische Annahmen.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht die philosophische Auseinandersetzung von Alexander von Aphrodisias mit dem stoischen Schicksalsbegriff unter der Linse der Inkommensurabilitätstheorien von Kuhn und Feyerabend.
Welche Themenfelder stehen im Zentrum?
Zentral sind die Begriffsgeschichte, wissenschaftstheoretische Konzepte der Inkommensurabilität sowie die metaphysischen Unterschiede zwischen stoischer und aristotelischer Philosophie.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Ziel ist es zu klären, ob der Vorwurf des Bedeutungswandels oder der Inkohärenz bei Alexander von Aphrodisias als eine Form von semantischer Inkommensurabilität gedeutet werden kann.
Welche methodische Vorgehensweise wird gewählt?
Es wird eine kategoriale Analyse vorgenommen, bei der die logischen und metaphysischen Grundannahmen der Stoa mit denen der aristotelischen Tradition konfrontiert werden.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine theoretische Einführung der Inkommensurabilitätsbegriffe und deren Anwendung auf Alexanders Kritik im Werk "De fato".
Welche Schlüsselbegriffe definieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind Inkommensurabilität, Paradigmen, semantische Gebundenheit der Sprache, sowie die vier aristotelischen Ursachen im Vergleich zur stoischen Dynamik.
Inwiefern spielt das Konzept der "vier Ursachen" für Alexander eine Rolle?
Für Alexander dienen die vier aristotelischen Ursachen als Maßstab, um das stoische System als inkohärent gegenüber einer exakten ontologischen Referenz darzustellen.
Was schließt die Arbeit über den Schicksalsbegriff bei den Stoikern?
Sie kommt zu dem Schluss, dass Alexander zwar die stoische Position dekonstruiert, dabei aber selbst innerhalb eines aristotelischen Rahmens verbleibt und keinen Raum für eine neutrale Bewertung der stoischen Logik lässt.
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- Rahmet Yelken (Autor), 2019, Die Diskussion um das Schicksal in Alexander von Aphrodisias "De fato", Múnich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1400720