Der vorliegende Text beschäftigt sich mit der Hirntoddebatte.
Im Zuge der fortschreitenden Entwicklung der Transplantationsmedizin erfolgte eine Infragestellung der klassischen Definition des Todes als Herz-Kreislauf- und Atemstillstand. Die Abkehr vom damals gültigen Todeskonzept wurde schließlich 1969 mit der Etablierung des Coma dépassé, gleichbedeutend mit Hirntod, als neues Kriterium für die Diagnose des bereits eingetretenen Todes des Menschen durch eine Ad-hoc-Kommission der amerikanischen Harvard Medical School vollzogen. Patienten im irreversiblen Koma wurden aufgrund dieser Gleichsetzung von Gehirnversagen und Tod schon vor der Beendigung aller intensivmedizinischen Behandlungsmaßnahmen für tot erklärt. „Warum [aber] soll denn eigentlich der komatöse Patient, dessen Herz- und Atmungstätigkeit künstlich unterstützt werden, kein Leben mehr haben, also tot sein?“ ist die entscheidende Frage, mit der sich die vorliegende Arbeit beschäftigt. Die „Unanschaulichkeit des Hirntodes“ und der Zusammenhang zur Transplantationsmedizin lassen prinzipielle Zweifel an der Gültigkeit des Hirntodkonzeptes aufkommen. So wird in dieser Arbeit von der These ausgegangen, dass der Tod des Organs Gehirn nicht gleichbedeutend mit dem Tod des Menschen als ganzheitliches Individuum ist und der Hirntod ein Übergangsstadium innerhalb des sich irreversibel fortsetzenden Sterbeprozesses darstellt, nicht aber schon dessen endgültiges Ende.
Inhaltsverzeichnis
1 EINLEITUNG
2 DAS HIRNTODKONZEPT
2.1 TODESBEGRIFF(E)
2.2 DEFINITION HIRNTOD
2.2.1 Diagnose Hirntod
2.2.2 Vom Teilhirntod zum Ganzhirntod
2.3 EBENEN DES (HIRN)TODES
3 KRITIK AM HIRNTODKONZEPT
3.1 DIE HIRNTODDEFINITION ALS UTILITARISTISCHES KALKÜL
3.2 ZWEIFEL AM HIRNTOD ALS ENDGÜLTIGEM TOD
3.3 DIE DOPPELTE BEGRÜNDUNG DER HIRNTODKONZEPTION
3.3.1 Der Hirntod als endgültiger Bewusstseinsverlust und Ende der Person
3.3.2 Der Hirntod als Desintegration der Einheit des Organismus
4 ZUSAMMENFASSUNG
5 ANHANG
5.1 SEKUNDÄRLITERATUR
5.2 INTERNETADRESSEN
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die kritische Auseinandersetzung mit der Hirntodproblematik und hinterfragt, ob der Hirntod mit dem Tod des Menschen als ganzheitliches Individuum gleichgesetzt werden kann, oder ob er lediglich ein Übergangsstadium innerhalb des Sterbeprozesses darstellt.
- Medizinische und philosophische Grundlagen des Hirntodkonzepts
- Kritik an der pragmatischen Motivation der Hirntoddefinition durch die Transplantationsmedizin
- Analyse der Argumentationslinien zur Ganzhirntodtheorie
- Diskussion über die Identität des Menschen und die biologische Einheit des Organismus
Auszug aus dem Buch
3.1 Die Hirntoddefinition als utilitaristisches Kalkül
Kurz nach Publikation des Berichts A Definition of Irreversible Coma der Ad-hoc-Kommission der Harvard Medical School im Jahre 1968 polemisierte der Philosoph Hans Jonas gegen die Etablierung des irreversiblen Komas als neues Todeskriterium. Bei der Einführung des Hirntodkriteriums handle es sich lediglich darum, dass „‚irreversible Koma’ als neue Definition des Todes anzuerkennen“, die vorrangig aus einer pragmatischen Motivation heraus gewählt wurde. Auch der Theologe und Philosoph Johannes Hoff und der Internist Jürgen in der Schmitten sind davon überzeugt, dass die Forderung nach Einführung des Hirntodkriteriums „das Resultat einer pragmatischen Entscheidung im Dienste des medizinischen Fortschritts war“ und sie deuten sie „als Versuch, ethischen Konflikten durch die pragmatische Umbenennung von Sachverhalten aus dem Wege zu gehen“.
Sie kritisieren die fehlende inhaltliche Begründung des dem Hirntodkriterium zugrunde liegenden neuen Todesverständnisses, denn der Harvard-Bericht rechtfertige nur den Bedarf nach einer neuen Todesdefinition, nicht aber warum der Hirntod ein geeignetes Kriterium für den Tod des Menschen sein soll. Tatsächlich werden vom Harvard-Bericht gar keine Gründe für die Einführung des Hirntodes als neues Todeskriterium genannt, vielmehr wird das Hirntodkriterium als Rechtfertigung für die mit seiner Erhebung einhergehenden pragmatischen Ziele genutzt.
Die Gleichsetzung des Hirntods mit dem Tod des Menschen ist laut dem Harvard-Bericht aus zwei Gründen gegeben: zum einen geht es darum „‚Patienten, Angehörige und medizinische Ressourcen [durch den Abbruch aller Erhaltungsmaßnahmen] von den Lasten eines indefinit hinausgezogenen Komas zu befreien’“ und zum anderen darum „‚Kontroversen über die Erlangung von Organen für Transplan[tat]e zu vermeiden’“.
Zusammenfassung der Kapitel
1 EINLEITUNG: Die Einleitung beleuchtet den historischen Wandel des Todesverständnisses von Herz-Kreislauf-Kriterien hin zur Etablierung des Hirntodes durch die Transplantationsmedizin und führt in die zentrale Problemstellung der Arbeit ein.
2 DAS HIRNTODKONZEPT: Dieses Kapitel erläutert die medizinischen Aspekte, die Definition und Diagnose des Hirntodes sowie die verschiedenen Ebenen und theoretischen Ansätze (Teilhirntod vs. Ganzhirntod).
3 KRITIK AM HIRNTODKONZEPT: Der Hauptteil analysiert kritisch die pragmatische Motivation der Definition, zweifelt die Gleichsetzung von Hirntod und endgültigem Tod an und hinterfragt die zirkuläre doppelte Begründung der Hirntodkonzeption.
4 ZUSAMMENFASSUNG: Die Zusammenfassung resümiert, dass der Hirntod nicht mit dem endgültigen Tod des Menschen gleichzusetzen ist, sondern ein Sterbestadium markiert, und betont das ethische Konfliktpotential durch die Interessen der Transplantationsmedizin.
5 ANHANG: Der Anhang bietet eine Auflistung der verwendeten Sekundärliteratur sowie Internetquellen.
Schlüsselwörter
Hirntod, Transplantationsmedizin, Ganzhirntod, Teilhirntod, Todesdefinition, Organentnahme, Sterbeprozess, medizinische Ethik, biologischer Organismus, Bewusstseinsverlust, Hans Jonas, Harvard-Bericht, Identität, Hirnstamm, Organspende
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit setzt sich kritisch mit der Hirntodproblematik auseinander und hinterfragt die Gültigkeit des Hirntodkriteriums als Definition für den Tod des Menschen.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die Schwerpunkte liegen auf der medizinischen Definition des Hirntodes, den ethischen Kontroversen bezüglich der Organtransplantation und der philosophischen Identitätsfrage des Menschen.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Das Ziel ist es, zu prüfen, ob der Hirntod berechtigterweise mit dem Tod des Menschen als ganzheitliches Individuum gleichgesetzt werden kann oder ob dies eine pragmatisch motivierte Manipulation darstellt.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit nutzt eine medizinisch-philosophische Analyse, bei der vorliegende Theorien und Kontroversen in der Literatur kritisch gegeneinander abgewogen werden.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil befasst sich mit der utilitaristischen Motivation des Hirntodkonzepts, Zweifeln am Hirntod als endgültigem Tod sowie der zirkulären Argumentation der Hirntodkonzeption.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind unter anderem Hirntod, Organtransplantation, Ganzhirntod, Todesdefinition, Ethik und Identität.
Wie unterscheidet die Arbeit zwischen Hirntod und dem biologischen Tod?
Sie betont, dass der Hirntod lediglich das irreversiblen Erlöschen der Hirnfunktionen bezeichnet, während der biologische Tod den vollständigen Zusammenbruch des Gesamtorganismus umfasst.
Warum wird die Organtransplantation im Kontext des Hirntodes kritisiert?
Kritiker argumentieren, dass die Definition des Hirntodes als Tod des Menschen primär etabliert wurde, um unter ethisch fragwürdigen Bedingungen Zugang zu lebensfrischen Organen für die Transplantation zu erhalten.
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- Melanie Fischer (Author), 2008, Der Hirntod als der Tod des Menschen, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/140160