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Zur identitätsstiftenden Funktion von Dingen in der neuesten deutschen Gegenwartsliteratur

Eine literaturwissenschaftliche Analyse anhand Peter Bieris "Nachtzug nach Lissabon" und Eleonore Freys "Siebzehn Dinge"

Titre: Zur identitätsstiftenden Funktion von Dingen in der neuesten deutschen Gegenwartsliteratur

Mémoire de Maîtrise , 2007 , 114 Pages , Note: 1.0

Autor:in: M.A. Melanie Seidenglanz (Auteur)

Philologie Allemande - Littérature Allemande Moderne
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Résumé Extrait Résumé des informations

Die Dinge waren schon immer in der Kunst präsent. In der Malerei erfolgte seit etwa Mitte des 16. Jahrhunderts eine Hinwendung zu den Dingen, die in den bekannten Stillleben des 17. Jahrhunderts ihren Höhepunkt fand. In der Literatur ist diese Entwicklung erst viel später zu verzeichnen.
Im 19. Jahrhundert versuchten Realismus und Naturalismus Wirklichkeitsnähe zu vermitteln, dennoch waren Dinge zumeist nur Staffage. In der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts finden sich laut Christoph Eykman „beschreibungsintensive Romane, in
welchen Dinge [… ] in hohem Maße bedeutungsstiftend sind.“
Das 21. Jahrhundert scheint das Jahrhundert der Dinge zu werden. Während die Dingwelt der nordamerikanischen Navaho-Indianer nur 2632 Gegenstände umfasste, zählen westliche Gesellschaften heute mehr als 100 000 Objekte. Bernd Guggenbauer
beschreibt daher Zivilisation als „Zuvielisation“. Die Innovationsrate, welche die Zahl der Neuerungen pro Zeiteinheit dokumentiert, belegt die höchste Dingproduktion in den
letzten vier Jahrzehnten. Je mehr Dinge eine Epoche verzeichnet, desto höher erscheint das literarische Bedürfnis
diese adäquat darzustellen. Das Dingarchiv ist scheinbar ins Unendliche gewachsen und schon lange kann man keinen vollständigen ‚Thesaurus der Dinge’ mehr erstellen.
Schon aufgrund dieser Quantität ist es keineswegs erstaunlich, dass Dinge einen erheblichen Einfluss auf die menschliche Identität ausüben. Doch neben der Quantität
ist auch eine dingliche Qualität zu verzeichnen, denn Dinge prägen und strukturieren menschliches Sein, sowohl in der Realität als auch in der Literatur.

Extrait


Inhaltsverzeichnis

I. Einleitung

1. Im Bann der Dinge

2. Zielsetzung

3. Einordnung in den Forschungsstand

4. Methodisches Vorgehen

II. Theoretischer Rahmen

1. Dingablehnung versus Dingfeier

2. Dinggeschichte: „Die Geschichte ist ein Zauberspiegel“

3. Martin Heidegger: Das Sein, die Dinge und unzuhandenes Zeug

4. Georg Lukács: Verdinglichung – ein menschliches Fehlverhalten

5. Walter Benjamin: Entzifferbare Dingwelt

6. Zur problematischen Subjekt-Objekt-Dichotomie

7. Zum Einfluss der Dinge auf die menschliche Identität

III. Erzeugte Identität am Beispiel

1. Das Verhältnis von Dingen & Literatur

1.1. Narrative Dingbeschreibung

1.2. Formale Unterschiede der Dingeinbettung

2. Ein Nachtzug nach Lissabon voller Dinge

2.1. Annäherung an einen vermeintlich bekannten Text

2.1.1. Zum Autor Peter Bieri

2.1.2. Alles Einsteigen! Der Nachtzug nach Lissabon fährt ab!

2.2. Prados Buch – ein prägendes Ding

2.2.1. Das Dingverhältnis als Spiegel des Charakters

2.2.2. Ein Buch als Ticket ins Innere

2.3. Kleider machen Leute

2.3.1. Kleidung als Ausdruck der Identität

2.3.2. Gregorius’ Kleidung an der Schwelle von Innen und Außen

2.4. Eine Brille bestimmt das Sein

2.4.1. Verzerrende Brillen

2.4.2. Die Unzuhandenheit der Brille

2.4.3. Die Brille im Spannungsfeld von Sicherheit und Irritation

2.4.4. Die neue Sicht der Dinge

2.4.5. Dinge definieren menschliche Beziehungen

2.5. Zwischenergebnisse 1: Zum Stand der Dinge

2.6. Der Spiegel – Gedanken zu einem verknüpfenden Ding

3. Siebzehn Dinge dokumentieren ein Leben

3.1. Annäherung an einen unbekannten Text

3.1.1. Zur Autorin Eleonore Frey

3.1.2. Das Sammeln – ein menschlicher Wesenszug

3.1.3. Nina packt ihre Siebzehn Dinge

3.2. Der Walkman – das krönende 17. Ding

3.2.1. Der Walkman – mehr als nur ein Abspielgerät

3.2.2. Stillstand & Fortschritt: Sinnbild für Ninas Lebensweg

3.2.3. Zum Zusammenhang von Walkman und Körperlichkeit

3.2.4. Der Walkman – Schlüssel in eine andere Welt

3.2.5. Über die Wassermotive: Das Rauschen des Walkmans

3.2.6. Der Sound der Gefühle

3.3. Vier Dinge stellen Nina vor

3.3.1. Der grüne Elefant – ein transitorisches Objekt

3.3.2. Nummer 39 – der Druck der Nummerierung

3.3.3. Nonos Mundharmonika – ein Aufmerksamkeitsinstrument

3.3.4. Das Notizbuch – ein Sammelsurium der Gedanken

3.4. Vier Dinge führen zu Ninas Seelenleben

3.4.1. Ein Schneckenhaus – ein Wunderding

3.4.2. Ninas Blechschachtel – ein androgynes Ding

3.4.3. Die stillstehende Armbanduhr – Vermittlung von Zeit

3.4.4. Ein Tuch zum Brillenputzen – ein universeller Joker

3.5. Vier Dinge spitzen Ninas Lage zu

3.5.1. Der rote Lippenstift – ein Symptom

3.5.2. Der Sturzhelm – Speed & das Risiko

3.5.3. Das Foto der Anna Fo – eine erfolgreiche Projektrealisierung

3.5.4. Ninas Portemonnaie – Sinnbild des Chaos

3.6. Vier Dinge ermöglichen einen Neuanfang

3.6.1. Der Kiesel – ein Talisman

3.6.2. Ninas Wasserflasche – ein Lebensquell

3.6.3. Die seltsame Jerichorose – eine Metamorphose

3.6.4. Eine Postkarte – viele Erinnerungen

3.7. Zwischenergebnisse 2: Der Lauf der Dinge

IV. Schlussgedanken: Dinge zu Ende denken

V. Literatur

Zielsetzung & Themen

Die vorliegende Arbeit untersucht die identitätsstiftende Funktion von Dingen in der neuesten deutschen Gegenwartsliteratur, insbesondere anhand der Texte „Nachtzug nach Lissabon“ von Peter Bieri und „Siebzehn Dinge“ von Eleonore Frey. Ziel ist es, das meist vernachlässigte Subjekt-Objekt-Verhältnis in den Fokus zu rücken und zu zeigen, wie materielle Objekte nicht nur den Alltag strukturieren, sondern maßgeblich die Identitätsbildung und Krisenbewältigung ihrer Besitzer beeinflussen.

  • Die identitätsstiftende Rolle von Alltagsgegenständen in der Literatur.
  • Das Verhältnis von Mensch und Ding jenseits einer rein anthropologischen Betrachtung.
  • Literarische Umsetzung und narrative Einbettung von Dingen bei Peter Bieri und Eleonore Frey.
  • Die Bedeutung der Dingwelt in Identitätskrisen und Umbruchsituationen.
  • Die psychologische und symbolische Aufladung materieller Objekte.

Auszug aus dem Buch

2.4.2. Die Unzuhandenheit der Brille

Dinge markieren Meilensteine auf dem Strukturplan des Lebens. „Oft erscheinen Dinge für unser Sein und Bewusstsein als Garanten der Kontinuität“, analysiert Gert Selle. Daher ist es nicht verwunderlich, dass durch das plötzliche Wegfallen eines notwendigen Stabilisators Gregorius völlig aus der Bahn geworfen wird:

Der Schlag traf ihn unvorbereitet, denn er hatte den Rollschuhfahrer nicht kommen hören. Er war ein Hüne, der Gregorius beim Überholen mit dem Ellbogen an der Schläfe traf und ihm die Brille herunterriss. Benommen und plötzlich ohne Sicht stolperte Gregorius ein paar Schritte und spürte zu seinem Entsetzen, wie er auf die Brille trat, die unter seinem Fuß knirschend zerbrach. Eine Welle von Panik überspülte ihn. Vergessen sie die Ersatzbrille nicht, hörte er Doxiades am Telefon sagen. Minuten vergingen, bis sich sein Atem beruhigte. (N 77) [Hv. im Original]

Gregorius gerät in Panik und sein Atem geht schneller. Eine Pointe stellt die Tatsache dar, dass die Brille zwar durch den Rollschuhfahrer zu Boden gerissen, jedoch von Gregorius ‚eigenfüßig’ zertreten wird. „Die Schwere eines Verlusts eines persönlichen Objekts legt es nahe, von einer starken emotionalen Bindung an persönliche Objekte zu sprechen“, hebt Tilman Habermas den besonderen Status intensiver Dingbeziehungen hervor. Gregorius trifft dieser Verlust schwer, daher handelt es sich bei der Brille eindeutig um ein ‚persönliches Objekt’ im Sinne Tilman Habermas’. Die mahnenden Worte seines Augenarztes im Ohr, der solch eine Situation erahnte, macht sich Gregorius auf den Weg in sein Hotelzimmer und findet die heiß ersehnte Ersatzbrille:

Er spürte Tränen der Erleichterung, als seine Hand das kühle Metalletui der Ersatzbrille zu fassen bekam. Er setzte die Brille auf, wusch das Blut ab und klebte das Pflaster, das ihm der Portier mitgegeben hatte, auf den Hautriss an der Schläfe. Es war halb drei. Am Flughafen nahm niemand das Telefon ab. Gegen vier schlief er ein. (N 77)

Zusammenfassung der Kapitel

I. Einleitung: Diese Einleitung führt in die Dingproblematik ein, umreißt die Zielsetzung der Arbeit und ordnet das Thema in den literaturwissenschaftlichen Forschungsstand ein.

II. Theoretischer Rahmen: Das Kapitel bietet einen philosophischen Unterbau durch die Analyse von Ding-Theorien (Heidegger, Lukács, Benjamin) und hinterfragt kritisch die klassische Subjekt-Objekt-Dichotomie.

III. Erzeugte Identität am Beispiel: Im Hauptteil werden die Romane von Bieri und Frey detailliert analysiert, wobei narrative Dingbeschreibungen, die Bedeutung spezifischer Objekte (Brille, Buch, Walkman, Kleidung) und deren Einfluss auf die Identitätsbildung der Protagonisten im Zentrum stehen.

IV. Schlussgedanken: Dinge zu Ende denken: Hier werden die Ergebnisse zusammengeführt und die Bedeutung der Dinge als Stabilisatoren oder Krisenauslöser im biographischen Prozess final bewertet.

V. Literatur: Das Verzeichnis listet sämtliche verwendete Primär- und Forschungsliteratur sowie Lexika und Nachschlagewerke auf.

Schlüsselwörter

Identität, Ding, Subjekt-Objekt-Beziehung, Literaturwissenschaft, Identitätskrise, Dinggeschichte, Verdinglichung, Symbolik, Alltagsgegenstände, Narratologie, Peter Bieri, Eleonore Frey, Nachtzug nach Lissabon, Siebzehn Dinge, Stabilisator.

Häufig gestellte Fragen

Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?

Die Arbeit analysiert die Rolle von Dingen als aktive Akteure in der Identitätsbildung literarischer Figuren in der deutschen Gegenwartsliteratur.

Welche zentralen Themenfelder werden behandelt?

Im Zentrum stehen das Subjekt-Objekt-Verhältnis, Identitätskrisen, die narrative Bedeutung von Gegenständen und die philosophische Auseinandersetzung mit der Dingwelt.

Was ist die primäre Forschungsfrage?

Die Forschungsfrage zielt darauf ab, wie sich der Dingumgang gestaltet und nach welchem Muster spezifische Objekte die Identität und psychische Verfassung ihrer Nutzer beeinflussen.

Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?

Es handelt sich um eine literaturwissenschaftliche Analyse, die philosophische und kulturwissenschaftliche Theorien als Werkzeugkasten zur Interpretation der Primärtexte nutzt.

Was wird im Hauptteil behandelt?

Der Hauptteil gliedert sich in die Untersuchung von „Nachtzug nach Lissabon“ und „Siebzehn Dinge“, wobei spezifische Objekte wie Brillen, Kleidung, Bücher und ein Walkman als identitätskonstituierende Faktoren detailliert dekonstruiert werden.

Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?

Identität, Verdinglichung, Dinggeschichte, Subjekt-Objekt-Beziehung, Identitätskrise und narrative Dingbeschreibung.

Wie beeinflusst die Brille Gregorius in „Nachtzug nach Lissabon“?

Die Brille dient als Medium, das eine „unwirkliche Wirklichkeit“ erzeugt; ihr Verlust oder Austausch führt zu Schwindelgefühlen und markiert zentrale Wendepunkte in der psychischen Stabilität des Protagonisten.

Warum ist der Walkman in „Siebzehn Dinge“ so zentral für die Figur Nina?

Der Walkman fungiert für Nina als privater Rückzugsort, als „Schlüssel in eine andere Welt“ und als Instrument, das ihr hilft, durch Musik eine biographische Kontinuität und emotionale Stabilität zu finden.

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Résumé des informations

Titre
Zur identitätsstiftenden Funktion von Dingen in der neuesten deutschen Gegenwartsliteratur
Sous-titre
Eine literaturwissenschaftliche Analyse anhand Peter Bieris "Nachtzug nach Lissabon" und Eleonore Freys "Siebzehn Dinge"
Université
University of Mannheim
Note
1.0
Auteur
M.A. Melanie Seidenglanz (Auteur)
Année de publication
2007
Pages
114
N° de catalogue
V140180
ISBN (ebook)
9783640497232
ISBN (Livre)
9783640496983
Langue
allemand
mots-clé
Funktion Dingen Gegenwartsliteratur Eine Analyse Peter Bieris Nachtzug Lissabon Eleonore Freys Siebzehn Dinge
Sécurité des produits
GRIN Publishing GmbH
Citation du texte
M.A. Melanie Seidenglanz (Auteur), 2007, Zur identitätsstiftenden Funktion von Dingen in der neuesten deutschen Gegenwartsliteratur, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/140180
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Extrait de  114  pages
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