Giovanni Sartori untersucht in seiner Studie „Comparative Constitutional Engineering“ verschiedene Formen demokratischer Regierungssysteme unter vergleichenden Gesichtspunkten und analysiert diese kritisch im Bezug auf ihre Stabilität und politische Partizipation. Das Buch ist fernerhin in drei Teile gegliedert – der erste Teil („Electoral Systems“) erörtert die verschiedenen Wahlsysteme, der zweite Teil („Presidentialism and Parlamentarism“) konzentriert sich auf die Unterschiede zwischen Präsidentialismus und Parlamentarismus und der dritte Teil („Issues and Proposals“) legt Sartoris eigenes Konzept insbesondere eines „alternating, or intermittent presidentialism“ (p. 153) dar. Das, dem Essay zugrundeliegende, dritte Kapitel des Buches, steht im Kontext des ersten Teils der Untersuchung Sartoris, welcher Mehrheits- und Verhältniswahlsysteme analysiert und beschreibt, unter welchen Bedingungen die Stimmen der Wählerschaft am gerechtesten auf die staatliche Repräsentation übertragen werden. Im Kapitel 3 setzt er sich dann explizit mit der Frage nach dem Einfluss des Wahlsystems („The Importance of Electoral Systems“) und den kausalen Zusammenhängen zwischen Wahlsystem und Parteiensystem auseinander. Zunächst werden dabei der politische Diskurs und die reichhaltige theoretische wie auch empirische Literatur über die Auswirkungen von Wahlsystemen in den Fokus gestellt. Anschließend geht er konkret auf den Einfluss und die Effekte ein, die das Wahlsystem auf das Parteiensystem hat und schließt seine Ausführungen mit der (Neu)formulierung gesetzmäßiger Bestimmungen, die die Relationen zwischen Wahlsystem und Parteiensystem beschreiben beziehungsweise die Konzessionen widerspiegeln, die zu einem Zwei- oder ein Mehrparteiensystem führen.
Gliederung
1. Einleitung
2. Politikwissenschaftlicher Diskurs über den Einfluss des Wahlsystems
2.1. Bedeutung des Wahlsystems im politischem System
2.2. Beurteilung der „soziologischen Gesetze“ Duvergers
3. Gesetzmäßige Auswirkungen des Wahlsystems auf das Parteiensystem
3.1. Zahl der relevanten Parteien
3.2. Constraining and reductive effects
3.3. Structured and unstructured party systems
3.4. “Laws”
4. Schlussbemerkung
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht Giovanni Sartoris theoretische Herleitung der Wirkungszusammenhänge zwischen Wahlsystemen und Parteiensystemen. Dabei liegt der Fokus auf Sartoris Kritik an klassischen Ansätzen wie denen von Maurice Duverger sowie auf seiner Neuformulierung von Gesetzmäßigkeiten, die den Einfluss von Wahlsystemen auf die Parteienlandschaft präziser erfassen sollen.
- Politikwissenschaftliche Debatte über die Unabhängigkeit von Wahlsystemen
- Kritische Analyse von Duvergers „soziologischen Gesetzen“
- Methodische Bestimmung der „relevanten Parteien“ (coalition/blackmail potential)
- Typologie der Effekte: Constraining vs. Reductive effects
- Klassifizierung von Parteiensystemen in strukturierte und unstrukturierte Systeme
Auszug aus dem Buch
3.2. Constraining and reductive effects
Nach Sartori besitzen Wahlsysteme einen doppelten Effekt. Der erste Effekt des Wahlsystems zielt auf den Wähler ab und besitzt eine manipulative Wirkung auf dessen Wahlentscheidung. Sartori betitelt ihn deswegen als „constraining effect“ (Bei Duverger wird die Beeinflussung des Wählers bei seiner Stimmabgabe als psychologischen Effekt bezeichnet). Sartori führt weiterhin aus, dass dieser psychologische oder constraining Effekt bei Mehrheitswahlsystem sehr stark und bei Verhältniswahlsystemen schwächer, oder sogar unbedeutend bei reinen Verhältniswahlsystemen, ist. (Das reine PR ist folglich ein no-effect system)
Der zweite Effekt wird von Sartori als „reductive effect“ bezeichnet. Dieser mechanische Effekt wirkt sich vor allem auf die Anzahl der Parteien aus. Das Wahlsystem, als institutioneller Mechanismus, beeinflusst nämlich die Transformation der Stimmen in Mandate insoweit, dass die politischen Stärkeverhältnisse nicht genau in der Weise auf Parlamentsebene repräsentiert werden, wie sie auf der Ebene der Wählerstimmen bestehen. Bei Mehrheitswahlsystemen tritt der Parteien reduzierende Effekt im Allgemeinen stärker auf und bei Verhältniswahl findet die Übertragung von Stimmen in Mandate ‘wahrheitsgetreuer’ statt. Des Weiteren schlägt Satori vor, Wahlsysteme in „starke“ und „schwache“ Systeme zu gliedern. „Starke“ Systeme sind demnach Mehrheitswahlsysteme, weil sie einen starken reduzierenden Effekt auf die Anzahl der Parteien ausüben und das Wählerverhalten zu stärkeren strategischen Überlegung anregen. Verhältniswahlsysteme sind dagegen um so schwächer in ihrer Wirkung auf Parteien und Wähler, desto reiner sie werden.
Der Vorteil an dieser Typologisierung liegt darin, dass alle empirischen Wahlsysteme, also auch kombinierte Wahlsysteme, aufgrund ihrer Effektwirkung auf diesem Kontinuum angeordnet werden können und sie nicht auf einer strengen Dichotomie von „Repräsentationsprinzipien“ besteht.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Vorstellung von Sartoris Studie „Comparative Constitutional Engineering“ und Einordnung des Essays in die Untersuchung der Kausalzusammenhänge zwischen Wahl- und Parteiensystem.
2. Politikwissenschaftlicher Diskurs über den Einfluss des Wahlsystems: Auseinandersetzung mit der Debatte über die Unabhängigkeit von Wahlsystemen und eine kritische Auseinandersetzung mit den „soziologischen Gesetzen“ von Maurice Duverger.
3. Gesetzmäßige Auswirkungen des Wahlsystems auf das Parteiensystem: Detaillierte Darstellung von Sartoris Kriterien zur Parteienrelevanz, den Wirkungsmechanismen von Wahlsystemen und der Kategorisierung von Parteiensystemen.
4. Schlussbemerkung: Resümee über Sartoris Ansatz, die komplexen Wechselwirkungen durch die Typologisierung in „starke“ und „schwache“ Effekte voraussagbar zu machen.
Schlüsselwörter
Wahlsysteme, Parteiensysteme, Giovanni Sartori, Duvergers Gesetze, Mehrheitswahl, Verhältniswahl, constraining effect, reductive effect, relevante Parteien, Fragmentierung, politische Repräsentation, Koalitionspotential, Erpressungspotential, Comparative Constitutional Engineering
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert kritisch Giovanni Sartoris theoretischen Ansatz zur Wirkung von Wahlsystemen auf Parteiensysteme, wie er ihn in seinem Werk „Comparative Constitutional Engineering“ darlegt.
Was sind die zentralen Themenfelder der Arbeit?
Die zentralen Themen sind die theoretische und empirische Debatte über den Einfluss von Wahlsystemen, die methodische Bestimmung relevanter Parteien sowie die Typologisierung von Wahlsystem-Effekten.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Ziel ist es, Sartoris Neuformulierung der Gesetzmäßigkeiten zwischen Wahlsystemen und Parteiensystemen verständlich aufzuarbeiten und die analytische Stärke seiner Typologie herauszustellen.
Welche wissenschaftliche Methode verwendet der Autor der Arbeit?
Die Arbeit nutzt eine politikwissenschaftliche Literaturanalyse und vergleichende Theoriebetrachtung, um Sartoris Argumentationsstruktur kritisch nachzuvollziehen.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil befasst sich mit Sartoris Relevanzkriterien für Parteien, den „constraining“ und „reductive“ Effekten, der Unterscheidung in strukturierte bzw. unstrukturierte Parteiensysteme und der matrixbasierten Zusammenfassung seiner Gesetze.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind Wahlsystem, Parteiensystem, Fragmentierung, „coalition potential“, „blackmail potential“ sowie die von Sartori definierten „starken“ und „schwachen“ Effekte.
Wie unterscheidet Sartori zwischen „coalition potential“ und „blackmail potential“?
Das „coalition potential“ beschreibt Parteien, die für die Regierungsbildung relevant sind, während das „blackmail potential“ Parteien bezeichnet, die zwar nicht regieren, aber durch ihren Einfluss das politische System polarisieren können.
Warum bezweifelt Sartori laut dem Essay sein viertes Gesetz?
Das vierte Gesetz wird angezweifelt, da es lediglich die Definition einer reinen Verhältniswahl wiedergibt, statt eine tatsächliche Gesetzmäßigkeit über die Auswirkungen auf das Parteiensystem zu formulieren.
- Quote paper
- Helen-Marie Hecker (Author), 2008, The importance of electoral system, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/140213